Chips, Bonbons und Shampoo Day

Noch knappe 3 Tage, die mir im wundervollen Varanasi bleiben. Und und dann geht’s wieder zurück in das Leben, in dem mein größtes Problem ist, mit der Unfähigkeit meiner FH klarzukommen.

Milis Schwester Taniya (17) geht es momentan gesundheitlich leider garnicht gut, weshalb ich mit Mili heute Abend raus bin, damit Taniya mal ihre Ruhe bekommt. Sonst sind wir immer alle bei ihnen zuhause: eine Wohnung im Erdgeschoss mit rechteckigem Grundriss, die in 3 Räume aufgeteilt ist. Den Tempel mit Götterstatuen (dient auch als Stauraum und Wäschekammer), den Wohnraum und die Küche. Der Wohnraum ist etwa 10qm groß, es stehen 2 Betten (ein Einzel- und ein großes Einzelbett) drin, außerdem ein Schrank, ein Regal, in dem der Fernseher steht und ein Gartenstuhl für den Vater (wegen motorischer Probleme, nicht weil er wichtiger ist oder so). Außen ist noch ein kleines Bad angebaut. Das gesamte Leben der 5-köpfigen Familie + Oma, die seit einem Jahr ein Bett in der kleinen Küche stehen hat, weil sie krank ist und sich kein anderer um sie kümmert, spielt sich im Wohnraum ab, es ist also etwas eng.
Und Mili (18) ist hibbelig und für ihre Schwestern nervig, wie ein Kleinkind. Sie hat vorgeschlagen, etwas zu laufen. Wenn Inder vorschlagen, etwas zu gehen, sollten Alarm läuten. Inder hassen jegliche Art der Bewegung, wenn es sich nicht um Cricket handelt. Ich bin mit ihr also 250m gelaufen, bis sie eine Riksha angehalten hat, die uns wenige Kilometer weiter nach Assighat gebracht hat. Und es ist nicht zu fassen, selbst sie, deren Familie jeden Monat zu kämpfen hat, die 38€ Miete und Riyas (22) Studiengebühren zahlen zu können, hat es jedes mal woeder geschafft, Riksha und Chips und Getränke für uns zu zahlen. Sie meinte „Julia, heute wirst du nichts bezahlen, weil sonst immer du diejenige bist, die zahlt“ was schlichtweg komplett falsch ist. Meena hat in ihrem Dorf alles für mich gezahlt, selbst Riksha und Zugfahrkarten. Außerdem hab ich immer was von ihren leckeren Essen bekommen und dafür Saft oder Snacks mitgebracht. Bei Nitin darf ich rein garnichts zahlen, weil ich seine kleine Schwester bin und da der große Bruder IMMER zahlt. Nur arbeitet  die kleine Schwester halt und hat deutlich mehr Geld. Ich glaub, das glaubt er mir aber einfach nicht, weil er jedes mal, wenn es zum Beispiel darum geht, das Geld für Riyas Studiengebühren zusammenzubekommen, sagt, ich soll nichts dazugeben und lieber für den nächsten Infienflug sparen. Was ich echt süß finde, weil vermutlich jeder mit normalem Verstand Geld von einem deutlich reicheren nehmen würde, wenn der es anbietet und man es braucht. Aber nicht Nitin. Wobei ich mich gefreut habe, weil ich zu Riyas Gebühren 20€ dazugeben darf. Sonst sind selbst 25ct für Lemon Tea zu viel. Ich zahle also nur, wenn ich irgendwo alleine bin.

Aber darauf wollte ich eigentlich garnicht hinaus. Als wir uns dann mit einer kleinen Tüte Chips an den Ganges gesetzt haben-an eine für mich normale Stelle, wo aber eigentlich nur Jungs sitzen (wir Rebellen)- haben wir über den Unterschied von Partnerschaften und Ehen und der Rolle der Familie dabei gesprochen. Diese Gespräche finde ich immer am interessantesten, weil ich vor allem sie alles direkt fragen kann und über alles rede. Mit den meisten anderen Inderinnen bleibe ich relativ oberflächlich bzw traue mich nicht, genauer nachzuhaken, weil dies sehr schnell verletzend werden kann (einmal hat eine Lehrerin begeistert erzählt, dass sie wundervolle Neuigkeiten hat und weil sie direkt davor vom Sohn ihres Mannes sprach und ich nicht nachgedacht hab, meinte ich „oh, du bist schwanger?“ Das hat sie ziemlich verletzt, da sie nicht verheiratet und demnach Jungfrau war. Ich hab ihr dann erklärt, dass es in Deutschland eben auch oft vorkommt, dass unverheiratete Paare Kinder bekommen und ich damit auf keinen Fall meinte, dass sie eine schlechte Frau ist, weil sie vor der Ehe Sex hatte. Sie hat das dann zum Glück als Entschuldigung angenommen.)
In den offenen Gesprächen erfahre ich viel mehr über die Kultur und bin mit Mili natürlich auch enger befreundet.

Dann jedoch kam ein Mädchen, 5 Jahre alt, zu uns um Spielzeug und Luftballons zu verkaufen. Mili hat mir dann gesagt, dass sie vermutlich die Tochter einer Prostituierten ist und gezwungen wird, so Geld für den Zuhälter einzutreiben. Geld ist also das letzte, was wir geben wollten, dafür haben wir ihr aber Chips angeboten und als wir gesehen haben, wie gierig sie sie verschlingt, haben wir ihr die Tüte in die Hand gedrückt. Ich hatte noch ein paar Bonbons und Kaugummis dabei, die wir ihr alle miteinpackten und leider war in der Nähe kein Laden für ordentliches Essen, sonst hätte ich ihr gerne was richtiges besorgt. Ein paar Chips und Bonbons sind ja nicht umbedingt ein nahrhaftes Abendessen… sie hat kaum gesprochen, Mili hat sie ein bisschen geneckt, aber dieses Mädchen ist alles andere als ein normales Kind. Sie hat schließlich geantwortet, dass sie keine Eltern hat, sondern bei der Großmutter lebt. Ich hoffe für sie, dass es stimmt. Auf die Kaugummis war sie ganz besonders wild, hat im Eifer sogar eines der Plastikspielzeuge bei uns vergessen. Als wir ihr hinterherriefen, kam sie nochmal mit einem leichten Lächeln zurück und ist dann weitergezogen.

Ich weiß kaum, was ich sagen soll. Es ist unglaublich. Jedes mal, wenn ich hier bin fühle ich mich, als wäre mein Leben in Europa sinnlos. Ich habe keine Geldprobleme, obdachlos bin ich schon garnicht, wenn ich krank bin, wird für mich gesorgt/gezahlt.
Ich habe eine Familie und Freunde, die hinter mir stehen und auf die ich mich verlassen kann. In meinem Zimmer ist immer genug Essen und falls nicht, muss ich trotzdem nie Angst haben, zu hungern.
Ich verbringe meine Zeit mit studieren, um später einen Job als Bauingenieur zu finden, womit ich vermutlich einfach nur Geld verdiene, deutlich mehr, als ich zum Überleben benötige. Und in meiner Freizeit mache ich nur Dinge, die mir Spaß machen, jedoch nichts, womit ich jemandem helfe. Ich lebe also für mein eigenes Wohl. Und dabei ist Wohl deutlich untertrieben. Gerade weiß ich nicht, wie ich nächste Woche so weitermachen kann.

Und weil ich euch nicht nur deprimieren will, sondern auch die skurril witzigen Ding nicht vorenthalten werde, kommen wir jetzt zum ersten dieser Dinge.
Gestern im Gasthaus meinte einer vom Personal zu mir, ich würde ja so groß und laut lachen. Gut, das hab ich schon öfter gehört. Aber ein anderer Deutscher würde auch so lachen, es wäre also einfach eine deutsche Lache.
Seid also darauf vorbereitet, in Varanasi nur groß und laut zu lachen, wenn ihr authentisch deutsch wirken wollt.

Micha, der das alles hier aufgebaut hat, hat mich gebeten, die Massage seines Gasthauses zu testen, was ich heute gemacht habe. Keine besonders gute Idee, wenn man bedenkt, dass auch auch jeglicher Mückenstich massiert wurde. Sie waren not amused. Aufgrund dieser Tatsache konnte ich mich nicht wirklich entspannen. Und deshalb, weil mir im Kopf selbige Formulierung rumschwirrte, was mich zum Grinsen gebracht hat. Die Frage, ob ich eine harte Massage möge, habe ich leider vollkommen falsch verstanden und schön ja gesagt. In der nächsten Sekunde hat meine Wirbelsäule geknachst, als wäre das ein neuer Trend, den sie nicht verpassen wollte. Seltsamerweise tut mir jetzt aber nichts weh, sondern ich fühl mich eigentlich ganz gut. War also garnicht so schlecht 🙂

Und noch eine erfreuliche Nachricht: ich habe 210 Packungen Läuseshampoo gekauft und am Freitag, dem von mir selbst ernannten Shampoo Day alle über 100 Kinder einshampooniert und ausgekämmt.
Ein Großteil der Kids war richtig begeistert, dass ich Shampoo für alle besorgt habe und konnte es garnicht erwarten, im Garten des Kindergarten die Haare zu waschen. Und dann gab es noch den anderen, kleinen Teil der Truppe, die mich begeistert gefragt haben, ob wir jetzt in den Wasserpark fahren. Sie hatten gestern gesagt, dass sie nicht kommen würden, weil sie sich nicht ihre Haare waschen wollen, deshalb hat Sarika ihnen einfach geantwortet „gut, wenn ihr nicht mit in den Wasserpark wollt, müsst ihr nicht mit, wir haben auch ohne euch unseren Spaß“ 😀
Raffinierte Aktion, das muss ich ihr lassen. Ich habe jene Kids enttäuschen müssen, letztendlich wurden sie aber doch noch von der Euphorie angesteckt und es hat relativ gut geklappt. Wobei mich manche Lehrer die meisten Nerven gekostet haben, weil sie die Kinder nicht kämmen wollten, aus Angst selbst Läuse zu bekommen. Es hat lange gedauert, bis sie endlich ich mitgeholfen haben, weil ich mit den Härtefällen zu kämpfen hatte, in denen die Haare nur so voll mit Krabbelviechern und deren Eiern waren.
Weil ich vor 2 Jahren selbst von den Kindern welche abbekommen hatte, bin ich schon relativ erfahren gewesen. Jeden Tag hatte ich mich einshampooniert und ausgekämmt, damit auch wirklich keine Laus mehr übrig bleibt. Hat ja letztendlich auch gewirkt. Nach dem gestrigen Tag würde ich behaupten, dass ich Expertin bin. Und auch wenn es das bis jetzt nicht hat, juckt es mich gerade doch 😅🙈 aber das kommt vermutlich von den Mückenstichen im Nacken. Bestimmt.
Am Ende des Tage hatte ich sogar einen Sonnenbrand, den ersten in Indien. Dabei hatten wir echt Glück mit dem Wetter, es war die ganze Zeit über bewölkt und nicht übertrieben heiß. Trotzdem hab ich nen Sonnenbrand. Die Wolken sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.

Meena geht es übrigens besser, ich bin gestern mit Aditya los, um ihr die neu verschriebenen Medikamente zu besorgen. Haben ne Weile gebraucht, bis wir eine Apotheke gefunden hatten, die es vorrätig hatte. Ein neuer Arzt hat ihr gesagt, sie muss nicht operiert werden, es reiche aus, die Tabletten zu nehmen. Ich hoffe, er hat recht. Aber immerhin geht es ihr heute schon deutlich besser.
Als ich so bei ihr war, ist ihr Sohn und Neffe mit einem auf einen Stock aufgespießten
Trillerpfeife rumgelaufen. Irgendwann hab ich nachgefragt: es war eine Selfiekamera, mit der er sich fotografiert hat.
Das spielen Kinder heutzutage also. Interessant 😀

Ich habe nur noch 3 Tage und die sind vollgestopft. Weil ich die Zeit mit allen Freunden verbringen möchte und erst jetzt mehr Aufgaben von Micha bekommen habe.

Hier noch ein Bild

Der ist heilig und wenn er bock hat, in dem Laden zu chillen, dann chillt er da. Einen Bullen zu vertreiben, traut sich keiner.

Also bis bald 🙂
LG Julia

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