Hallo zusammen,

ich bin seit Donnerstag wieder in Augsburg. Die letzten Tage war noch viel los und in Delhi, passend zum Rückflug, bin ich wieder krank geworden… deshalb gab es keinen Bericht mehr 🙂

Ich bin gespannt, wann ich wieder nach Varanasi kommen kann und werde dann weiterberichten!

LG Julia

Festival

In der Nachbarschaft ist seit ein paar Tagen der Brunnen im Teich an und sie gehen besonders oft in den Tempel. Die Gassen drum rum haben lauter Stände mit Götterstatuen, Opfergaben wie Kokosnüsse, Bananen und Blüten und es herrscht eine nette Atmosphäre 🙂

Chips, Bonbons und Shampoo Day

Noch knappe 3 Tage, die mir im wundervollen Varanasi bleiben. Und und dann geht’s wieder zurück in das Leben, in dem mein größtes Problem ist, mit der Unfähigkeit meiner FH klarzukommen.

Milis Schwester Taniya (17) geht es momentan gesundheitlich leider garnicht gut, weshalb ich mit Mili heute Abend raus bin, damit Taniya mal ihre Ruhe bekommt. Sonst sind wir immer alle bei ihnen zuhause: eine Wohnung im Erdgeschoss mit rechteckigem Grundriss, die in 3 Räume aufgeteilt ist. Den Tempel mit Götterstatuen (dient auch als Stauraum und Wäschekammer), den Wohnraum und die Küche. Der Wohnraum ist etwa 10qm groß, es stehen 2 Betten (ein Einzel- und ein großes Einzelbett) drin, außerdem ein Schrank, ein Regal, in dem der Fernseher steht und ein Gartenstuhl für den Vater (wegen motorischer Probleme, nicht weil er wichtiger ist oder so). Außen ist noch ein kleines Bad angebaut. Das gesamte Leben der 5-köpfigen Familie + Oma, die seit einem Jahr ein Bett in der kleinen Küche stehen hat, weil sie krank ist und sich kein anderer um sie kümmert, spielt sich im Wohnraum ab, es ist also etwas eng.
Und Mili (18) ist hibbelig und für ihre Schwestern nervig, wie ein Kleinkind. Sie hat vorgeschlagen, etwas zu laufen. Wenn Inder vorschlagen, etwas zu gehen, sollten Alarm läuten. Inder hassen jegliche Art der Bewegung, wenn es sich nicht um Cricket handelt. Ich bin mit ihr also 250m gelaufen, bis sie eine Riksha angehalten hat, die uns wenige Kilometer weiter nach Assighat gebracht hat. Und es ist nicht zu fassen, selbst sie, deren Familie jeden Monat zu kämpfen hat, die 38€ Miete und Riyas (22) Studiengebühren zahlen zu können, hat es jedes mal woeder geschafft, Riksha und Chips und Getränke für uns zu zahlen. Sie meinte „Julia, heute wirst du nichts bezahlen, weil sonst immer du diejenige bist, die zahlt“ was schlichtweg komplett falsch ist. Meena hat in ihrem Dorf alles für mich gezahlt, selbst Riksha und Zugfahrkarten. Außerdem hab ich immer was von ihren leckeren Essen bekommen und dafür Saft oder Snacks mitgebracht. Bei Nitin darf ich rein garnichts zahlen, weil ich seine kleine Schwester bin und da der große Bruder IMMER zahlt. Nur arbeitet  die kleine Schwester halt und hat deutlich mehr Geld. Ich glaub, das glaubt er mir aber einfach nicht, weil er jedes mal, wenn es zum Beispiel darum geht, das Geld für Riyas Studiengebühren zusammenzubekommen, sagt, ich soll nichts dazugeben und lieber für den nächsten Infienflug sparen. Was ich echt süß finde, weil vermutlich jeder mit normalem Verstand Geld von einem deutlich reicheren nehmen würde, wenn der es anbietet und man es braucht. Aber nicht Nitin. Wobei ich mich gefreut habe, weil ich zu Riyas Gebühren 20€ dazugeben darf. Sonst sind selbst 25ct für Lemon Tea zu viel. Ich zahle also nur, wenn ich irgendwo alleine bin.

Aber darauf wollte ich eigentlich garnicht hinaus. Als wir uns dann mit einer kleinen Tüte Chips an den Ganges gesetzt haben-an eine für mich normale Stelle, wo aber eigentlich nur Jungs sitzen (wir Rebellen)- haben wir über den Unterschied von Partnerschaften und Ehen und der Rolle der Familie dabei gesprochen. Diese Gespräche finde ich immer am interessantesten, weil ich vor allem sie alles direkt fragen kann und über alles rede. Mit den meisten anderen Inderinnen bleibe ich relativ oberflächlich bzw traue mich nicht, genauer nachzuhaken, weil dies sehr schnell verletzend werden kann (einmal hat eine Lehrerin begeistert erzählt, dass sie wundervolle Neuigkeiten hat und weil sie direkt davor vom Sohn ihres Mannes sprach und ich nicht nachgedacht hab, meinte ich „oh, du bist schwanger?“ Das hat sie ziemlich verletzt, da sie nicht verheiratet und demnach Jungfrau war. Ich hab ihr dann erklärt, dass es in Deutschland eben auch oft vorkommt, dass unverheiratete Paare Kinder bekommen und ich damit auf keinen Fall meinte, dass sie eine schlechte Frau ist, weil sie vor der Ehe Sex hatte. Sie hat das dann zum Glück als Entschuldigung angenommen.)
In den offenen Gesprächen erfahre ich viel mehr über die Kultur und bin mit Mili natürlich auch enger befreundet.

Dann jedoch kam ein Mädchen, 5 Jahre alt, zu uns um Spielzeug und Luftballons zu verkaufen. Mili hat mir dann gesagt, dass sie vermutlich die Tochter einer Prostituierten ist und gezwungen wird, so Geld für den Zuhälter einzutreiben. Geld ist also das letzte, was wir geben wollten, dafür haben wir ihr aber Chips angeboten und als wir gesehen haben, wie gierig sie sie verschlingt, haben wir ihr die Tüte in die Hand gedrückt. Ich hatte noch ein paar Bonbons und Kaugummis dabei, die wir ihr alle miteinpackten und leider war in der Nähe kein Laden für ordentliches Essen, sonst hätte ich ihr gerne was richtiges besorgt. Ein paar Chips und Bonbons sind ja nicht umbedingt ein nahrhaftes Abendessen… sie hat kaum gesprochen, Mili hat sie ein bisschen geneckt, aber dieses Mädchen ist alles andere als ein normales Kind. Sie hat schließlich geantwortet, dass sie keine Eltern hat, sondern bei der Großmutter lebt. Ich hoffe für sie, dass es stimmt. Auf die Kaugummis war sie ganz besonders wild, hat im Eifer sogar eines der Plastikspielzeuge bei uns vergessen. Als wir ihr hinterherriefen, kam sie nochmal mit einem leichten Lächeln zurück und ist dann weitergezogen.

Ich weiß kaum, was ich sagen soll. Es ist unglaublich. Jedes mal, wenn ich hier bin fühle ich mich, als wäre mein Leben in Europa sinnlos. Ich habe keine Geldprobleme, obdachlos bin ich schon garnicht, wenn ich krank bin, wird für mich gesorgt/gezahlt.
Ich habe eine Familie und Freunde, die hinter mir stehen und auf die ich mich verlassen kann. In meinem Zimmer ist immer genug Essen und falls nicht, muss ich trotzdem nie Angst haben, zu hungern.
Ich verbringe meine Zeit mit studieren, um später einen Job als Bauingenieur zu finden, womit ich vermutlich einfach nur Geld verdiene, deutlich mehr, als ich zum Überleben benötige. Und in meiner Freizeit mache ich nur Dinge, die mir Spaß machen, jedoch nichts, womit ich jemandem helfe. Ich lebe also für mein eigenes Wohl. Und dabei ist Wohl deutlich untertrieben. Gerade weiß ich nicht, wie ich nächste Woche so weitermachen kann.

Und weil ich euch nicht nur deprimieren will, sondern auch die skurril witzigen Ding nicht vorenthalten werde, kommen wir jetzt zum ersten dieser Dinge.
Gestern im Gasthaus meinte einer vom Personal zu mir, ich würde ja so groß und laut lachen. Gut, das hab ich schon öfter gehört. Aber ein anderer Deutscher würde auch so lachen, es wäre also einfach eine deutsche Lache.
Seid also darauf vorbereitet, in Varanasi nur groß und laut zu lachen, wenn ihr authentisch deutsch wirken wollt.

Micha, der das alles hier aufgebaut hat, hat mich gebeten, die Massage seines Gasthauses zu testen, was ich heute gemacht habe. Keine besonders gute Idee, wenn man bedenkt, dass auch auch jeglicher Mückenstich massiert wurde. Sie waren not amused. Aufgrund dieser Tatsache konnte ich mich nicht wirklich entspannen. Und deshalb, weil mir im Kopf selbige Formulierung rumschwirrte, was mich zum Grinsen gebracht hat. Die Frage, ob ich eine harte Massage möge, habe ich leider vollkommen falsch verstanden und schön ja gesagt. In der nächsten Sekunde hat meine Wirbelsäule geknachst, als wäre das ein neuer Trend, den sie nicht verpassen wollte. Seltsamerweise tut mir jetzt aber nichts weh, sondern ich fühl mich eigentlich ganz gut. War also garnicht so schlecht 🙂

Und noch eine erfreuliche Nachricht: ich habe 210 Packungen Läuseshampoo gekauft und am Freitag, dem von mir selbst ernannten Shampoo Day alle über 100 Kinder einshampooniert und ausgekämmt.
Ein Großteil der Kids war richtig begeistert, dass ich Shampoo für alle besorgt habe und konnte es garnicht erwarten, im Garten des Kindergarten die Haare zu waschen. Und dann gab es noch den anderen, kleinen Teil der Truppe, die mich begeistert gefragt haben, ob wir jetzt in den Wasserpark fahren. Sie hatten gestern gesagt, dass sie nicht kommen würden, weil sie sich nicht ihre Haare waschen wollen, deshalb hat Sarika ihnen einfach geantwortet „gut, wenn ihr nicht mit in den Wasserpark wollt, müsst ihr nicht mit, wir haben auch ohne euch unseren Spaß“ 😀
Raffinierte Aktion, das muss ich ihr lassen. Ich habe jene Kids enttäuschen müssen, letztendlich wurden sie aber doch noch von der Euphorie angesteckt und es hat relativ gut geklappt. Wobei mich manche Lehrer die meisten Nerven gekostet haben, weil sie die Kinder nicht kämmen wollten, aus Angst selbst Läuse zu bekommen. Es hat lange gedauert, bis sie endlich ich mitgeholfen haben, weil ich mit den Härtefällen zu kämpfen hatte, in denen die Haare nur so voll mit Krabbelviechern und deren Eiern waren.
Weil ich vor 2 Jahren selbst von den Kindern welche abbekommen hatte, bin ich schon relativ erfahren gewesen. Jeden Tag hatte ich mich einshampooniert und ausgekämmt, damit auch wirklich keine Laus mehr übrig bleibt. Hat ja letztendlich auch gewirkt. Nach dem gestrigen Tag würde ich behaupten, dass ich Expertin bin. Und auch wenn es das bis jetzt nicht hat, juckt es mich gerade doch 😅🙈 aber das kommt vermutlich von den Mückenstichen im Nacken. Bestimmt.
Am Ende des Tage hatte ich sogar einen Sonnenbrand, den ersten in Indien. Dabei hatten wir echt Glück mit dem Wetter, es war die ganze Zeit über bewölkt und nicht übertrieben heiß. Trotzdem hab ich nen Sonnenbrand. Die Wolken sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.

Meena geht es übrigens besser, ich bin gestern mit Aditya los, um ihr die neu verschriebenen Medikamente zu besorgen. Haben ne Weile gebraucht, bis wir eine Apotheke gefunden hatten, die es vorrätig hatte. Ein neuer Arzt hat ihr gesagt, sie muss nicht operiert werden, es reiche aus, die Tabletten zu nehmen. Ich hoffe, er hat recht. Aber immerhin geht es ihr heute schon deutlich besser.
Als ich so bei ihr war, ist ihr Sohn und Neffe mit einem auf einen Stock aufgespießten
Trillerpfeife rumgelaufen. Irgendwann hab ich nachgefragt: es war eine Selfiekamera, mit der er sich fotografiert hat.
Das spielen Kinder heutzutage also. Interessant 😀

Ich habe nur noch 3 Tage und die sind vollgestopft. Weil ich die Zeit mit allen Freunden verbringen möchte und erst jetzt mehr Aufgaben von Micha bekommen habe.

Hier noch ein Bild

Der ist heilig und wenn er bock hat, in dem Laden zu chillen, dann chillt er da. Einen Bullen zu vertreiben, traut sich keiner.

Also bis bald 🙂
LG Julia

Badi Asha School

Hier hat der Kindergarten Unterricht. Das Gitter dient zum Schutz vor den Affen. Auf dem Bild haben sie gerade Klamotten bekommen 🙂 und nicht wundern, hier finden Jungs pink und Prinzessinensachen fast cooler, als Mädchen. Die rosa T-Shirts waren heiß begehrt 😀

Kein Firstworldproblem in Varanasi

Natürlich gibt es Neuigkeiten. In meinem Zimmer gabs nen großen Kabelbrand, alles an Elektrizität ist durchgeschmort und hat die Farbe und Plastikumhüllung der Kabel mitgerissen. Ich komme also heute Abend (Montag, Internet geht nicht) von Meena heim, es hatte geschüttet und ich war froh, heim zu kommen und duschen zu können. Da sagt Shiva (viele nennen Ihre Kinder nach Göttern und sonstigen positiven Dingen, wie Sonne, Gebet, Wasserfall, Mond,…), dass es in meinen Zimmer gebrannt habe, ich soll mir aber keine Sorgen machen, all meine Sachen sind heile, nur mussten sie deshalb in mein Zimmer. Shiva kenne ich seit meinem ersten Tag in Varanasi, da er in dem Restaurant, in dem ich anfangs häufig gegessen habe, arbeitete und wir uns aus Mangel an Kunden und aus Langeweile unterhalten haben. Er ist echt nett und gibt gerne Tipps, wie man an was gut und günstig rankommt. Hat mir aus dem Restaurant auch für 9 Monate Besteck ausgeliehen, damit ich mal Salat oder so machen kann. Und er war es, der mir die Neuigkeit überbracht hat. Auch wenn viele Inder keine Ironie verstehen, macht es ihnen Spaß, Ausländer zu verarschen (find ich ein cooles Hobby), weshalb ich mir nicht so sicher war, wie ernst ich das jetzt nehmen soll. Will ja als Indienerfahrene nicht auf die ollen Ausländerverarschen reinfallen.
Joa. War keine, mach die Tür zu meinem Zimmer auf und alles bis zum Bett ist voll mit abgebröckelter Farbe, Plastikstücken und verkohlten Kabelresten. Also noch chaotischer, als vorher.
Meine erste Reaktion war wieder, zu lachen, weil es einfach so typisch ist. Weil es geschüttet hatte und der Boden dann ein reines Dreckschlaraffenland ist, hat der Elektriker auch den gesamten Boden mit Dreck vollgeschmiert. Ist also nicht umbedingt der Ort, an dem man dann ruhig schlafen geht. Obwohl schon wieder neue Kabel verlegt waren, da waren sie echt schnell. Keine Ahnung, wie sie das so schnell geregelt haben ^^ der Elektriker meinte auch zu mir, dass Ventilator und eine Lampe funktionieren, morgen früh würde er auch beide Steckdosen, das Nachtlicht und die Notstromlampe richten. Freundlicherweise wurde mir ein neues Zimmer angeboten, hab ich auch angenommen. Voll gut, hier hab ich mein eigenes Bad und muss nicht einen Stock tiefer in die Gemeinschaftsdusche. Was hauptsächlich deshalb blöd ist, weil ich immer irgendwas vergessen habe.
Ich hab jetzt also ein noch größeres Bett und ein eigenes Bad.

Meena, die Freundin, mit der ich im Dorf war, hat sich das Handgelenk gebrochen und trägt jetzt einen Gips. Weil es die rechte Hand ist, kann sie weder in ihrem Laden Henna malen, noch kochen oder sonst irgendwas tun. Sie wohnt ja mit ihrem Sohn, ihrer Schwester und deren Kinder bei ihrem Vater, man sollte also meinen, dass es kein Problem ist, weil es ja noch genügend andere Familienmitglieder gibt, die kochen und waschen können. Falsch gedacht, ich hab ja schonmal erwähnt, dass ihre Familie blöd ist. Ihre kleine Schwester erlaubt ihr seit über einem Jahr nicht, die Küche zu benutzen, weshalb sie sich eine kleine Kochstelle im Aufenthaltsraum eingerichtet hat. Sie hat zwar den Vater drauf angesprochen, der meint aber, sie soll auf ihre Schwester hören. Wtf?! Außerdem darf auch ihr Sohn seitdem nicht mehr überall in der gemeinsamen Wohnung spielen…
Naja, jedenfalls kann Meena nicht mehr kochen, am ersten Tag hat eine gute Freundin ihr und ihrem Sohn gekocht und Essennvorbwigebracht. Weil Anshika, ihre Schwester (Lehrerin an unserer Schule) nur für sich, ihre Kinder und den Vater kocht. Am nächsten Tag ist besagte Freundin dann zum Vater und hat ihn gebeten, doch bitte für seine Tochter und Enkel zu kochen, da Meena ja gehandicapt ist und gnädigerweise hat er ja gesagt. Wow. Eine Ehrenmedallie an diesen Vater. Gestern zum Beispiel aber war er bis Nachmittags unterwegs und hat Anshika gebeten, für Meena und Aditya mitzukochen. Was sie natürlich erst nachmittags gemacht hat, als ich da war und der Vater kam. Und in Indien ist es den Leuten mega wichtig, jede Mahlzeit einzunehmen und das mehr oder weniger zur selben Zeit.
Als ich wegen meiner Verdauung mal mit Megs in Bangalore zum Arzt bin, hat er mich als erstes gefragt, ob ich regelmäßig und genug esse. Hier ist es also ein riesen Ding, wenn man bis nachmittags nichts isst. Und da Meena leider keinen Geldscheißer hat, kann sie es sich nicht leisten, im Restaurant zu essen. Sie kann ihrem Sohn nichtmal Pausenessen mitgeben, sondern 5Rs, was 7ct entspricht und davon kann man sich gerade mal ein Samosa (frittierte Teigtasche mit Kartoffelfüllung) kaufen. Nicht umbedingt ein Frühstück oder Mittagessen.
Sie ist halt jemand, der nicht streitet und deshalb ihre Schwester walten lässt.
Dann hat sie ihren Mann gefragt, ob er nicht herkommen kann.
Ihr Arm muss nämlich eigentlich operiert werden, jedoch weigert sich Meena, weil sie ihren Arm dann 3 Monate nicht belasten darf. Und dabei geht es 1. darum, dass der Vater niemals so oft kochen wird und sie ihren Laden nicht betreiben kann, also keinerlei Einnahmen hat und nichtmal Essen kaufen kann. Außerdem hat sie das Geld für die OP nicht. Krankenversicherung gibt’s jedenfalls in der Kaste nicht. Die Reichen haben sowas bestimmt.
Sie hat also ihren Mann gebeten, mit ihrer Tochter herzukommen und sie zu unterstützen. Macht er aber nicht. Er war seit 3 Jahren nicht in Varanasi, da solange der Streit herrscht und er dann nicht kommen will. Meena soll mit Aditya in sein Dorf kommen. Er soll also nicht mehr zur Schule gehen und dadurch mindestens ein Jahr verlieren, außerdem ist es dann nicht leicht, wieder einen Platz in der Schule zu bekommen. Und das alles, nur weil er sich nicht wohl fühlt bei der angespannten Situation in Varanasi.
So ein scheiß Weichei. Sie sagt es zwar, ich glaube es aber nicht, dass sie ihn liebt. Es war eine klassische „arranged marriage“. Es gibt zwar durchaus Ehen, die daraus tatsächlich entstehen, wie bei Megs Bruder und seiner Frau. Sie wurden auch verheiratet, ohne sich zu kennen und jetzt sind sie ein echt tolles Paar. Aber das passiert vermutlich bei gerade mal 0,3% der Fälle. Bei Meena ist es nicht so. Ich hab ja schon erzählt, wie bescheuert, ihre Schwiegerfamilie ist, und der Mann schert sich nen Dreck um sie. Dabei hat sie als Frau die Looserkarte gezogenen. Sie musste zu ihrer Schwiegerfamilie ziehen (wegen der Schulbildung der Kinder und damit der Vater nicht allein ist, kann sie zum Glück in Varanasi leben), sich von ihm schwängern lassen (sie liebt Kinder und ihre ganz besonders, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass sie ohne aufgeklärt worden zu sein mit 20 in ihrer Hochzeitsnacht von einem Mann, den sie bis Dato 3x gesehen hat, ohne zu reden, entjungfert werden wollte.) und ohne jegliche Hilfe die beiden Kinder großziehen. Ehepaare, wie sie es sind, sind in meinen Augen, wie ich es erlebe, fremde Leute, die sich über die Jahre zwar kennen lernen und evtl sogar etwas Zuneigung empfinden und intim werden, weil es zur Kultur gehört, früh viele Kinder zu bekommen. Die Frau hat eindeutig das schlechte Los gezogen und Meenas Mann hat nichtmal genug Wille, ihr, SEINER verdammten Familie zu helfen, wenn sie es mal braucht. Den kann sie in die Tonne kloppen.

Was ich nicht vergessen werde ist, dass mir Meena auf dem Weg mit der Riksha vom Bahnhof nach Hause nach dem Kurztrip gesagt hat, dass ihr Mann ein guter Mann ist, weil er für mich eine Riksha organisiert hat, um mich die Straße runterzufahren (wäre zwar lieber gelaufen, aber das verstehen Inder nicht. Sie leben ganz nach dem Motto ‚Sport ist Mord‘) und in Ayodhya hat er ja ein Taxi gebucht, das uns zu den ganzen Tempeln gebracht hat (ihr wisst, wie begeistert ichdavon war). Da hat sie mir auch gesagt, dass sie zum ersten mal die Tempel gesehen hat. Sie wollte zwar schon oft hin, aber es sei dann immer was dazwischen gekommen. Seit 12 Jahren. Wenn ihr Mann sie auch nur etwas kennt, weiß er, wie wichtig ihr die Religion und damit auch die Tempel sind. Und er bringt es erst auf die Reihe, wenn ich da bin. Und auch nur, um es mir zu zeigen. Meena war ja nur dabei, weil ich zufällig ihre Freundin bin.
Was finde ich diese Familie scheiße.

Seit mir bewusst geworden ist, dass es für sie das erste mal in den tempeln war, fühle ich mich schlecht, sie gegen Ende hin gedrängt zu haben, nicht den Zug verpassen zu wollen. Wir waren immerhin bei Tempeln, die für Hindus ungemein wichtig sind, zum Beispiel einer an einer Badestelle, an der der Gott Rama sein Bad genommen haben soll. In dem Moment dachte ich, sie ist ständig dort, weil sie sehr oft in dem Dorf ist. Aber dass sie zum ersten mal in diesen heiligen und ihr so wichtigen Tempeln ist, war mir nicht bewusst.
Ich finde es halt besonders traurig, dass Sanjay nicht etwa seiner Frau die Tempel zeigt, sondern dass sie sie quasi zufällig, weil ich Shrea treffen will und deshalb im Dorf sein kann, da bin und sie mir gezeigt werden.

Jetzt hat Meena also ihren Gips und jedes mal, wenn der Arzt sagt, dass sie operiert werden muss, sagt sie, dass es nicht geht, weil sie 2 kleine Kinder hat und es in der Familie niemanden gibt, der sie unterstützt. Das tut mir echt weh. Es wäre vermutlich kein Problem für mich, ihr die OP zu zahlen, da ich kaum glaube, dass die über 200€ kostet. Die HüftOP ihres vaters vor 3 Jahren hat knapp 300€ gekostet. Aber was bringt es, wenn sie operiert wird und am Ende mit ihrem Sohn hungert? Ich wünschte, das wäre passiert, als ich Zeit hatte. Dann hätte ich sie unterstützen können und es hätte funktioniert. Aber so ist sie ziemlich verzweifelt, weil sie auch ganz schön Schmerzen hat und weiß, dass eine OP besser wäre.

Übrigens wurden wir im Zug doch kontrolliert, als Meena kein Ticket hatte. Auf dem Weg zur Toilette ist sie dem Schaffner begegnet und hat erklärt, dass sie ihr Ticket verloren hat. Sie hat ihm 100Rs (statt 70Rs fürs Ticket) gegeben, damit er sie nicht offiziell die Strafe zahlen lässt. Sie hat dann erwähnt, dass die Touristin (also ich) zu ihr gehört, dass ich aber ein Ticket habe. Irgendein Typ aus dem Zug hat dann bezeugt, dass auch er gesehen habe, dass ich ein Ticket habe.
Keine Ahnung, warum die da so ein Drama draus gemacht haben, immerhin hätte ich es ihnen auch einfach zeigen können. So sind sie 2x im Wagon vorbei und haben vermutlich 10 Minuten über mich gesprochen. Ich hab davon nichts mitbekommen, hab wahrscheinlich gerade den Blogbeitrag geschrieben.

Das war also eine lange Story über Meena und ihr Leben.
Was ich noch loswerden möchte: falls irgendwann jemals nach Varanasi kommen und meine Freunde kennen lernen sollte. Es ist viel zu intim, was ich aus ihren Leben berichte, außerdem extrem beleidigend (zum Beispiel meine Meinung zu Meenas Mann. Das könnte ich ihr nie sagen), also nie darüber sprechen, was ich erzähle. Außer sowas, wie die Tempelbesuche (aber auch dazu nur die Tatsache ohne Wertung) könnt ihr gerne erwähnen, das wird sie stolz machen. Dass ich mich so für ihre Kultur interessiere und sie sie mir zeigen konnten.

LG Julia

PS: beinah hätte ich es vergessen: Sophie kam mich wieder besuchen, sie hatte sich wohl wieder beruhigt. Ich hoffe nur, dass ihr bei dem kleinen Unfall nichts passiert ist… aber sie ist schlau und flink, bestimmt hat sie sich in Sicherheit gebracht 🙂

PPS: mittlerweile ist ja Dienstag abend und ich habe 2 ehemalige Schüler, Ity und Abishek auf der Straße getroffen. Hat mich riesig gefreut, sie zu sehen. Die Geschwister waren das Grauen eines jeden Lehrers, sind aber natürlich trotzdem liebenswert. Wo ich ihnen nichts mehr beibringen muss 😀

Tempelhopping auf dem Land

Es ist Montag Abend, ich sitze jetzt im Zug auf der Rückfahrt von meinem kleinen Ausflug mit Meena und Aditya in ihr Dorf.
Es ist echt interessant, wie unterschiedlich die Kultur innerhalb eines Staates sein kann. Gerade, weil ich noch vor ein paar Tagen in Bangalore, der modernen Großstadt war, war es jetzt ein umso größerer Kontrast zu sehen, was mir Meena in ihrem Dorf gezeigt hat. Zuerst sind wir 4St mit dem Zug nach Malipur gefahren. Das erste, was dabei jetzt erst bewusst geworden ist, ist dass sämtliche Züge auch in Käffern halten. Sowas, wie eine Einteilung in Nah- und Fernverkehr gibt es bei den Zügen nicht, nur halten die Züge nicht alle in allen Käffern, sondern in unterschiedlichen. Manche in mehreren, manche in weniger.
Als wir angekommen sind, hat uns Meenas Mann vom Bahnhof abgeholt und allein der 100m lange Weg zum Haus hat mich in diesem Ort zum absoluten Hit gemacht. Ich bin die erste Ausländerin, die den Ort betreten hat und falls es sowas, wie ein Buch für Ehrengäste gegeben hätte, stünde ich da jetzt mit ziemlicher Sicherheit auf Platz 1 (hier verirrt sich garantiert kein Bollywoodstar oder der Premierminister hin, und cooler als ich wird sonst kaum ein Inder sein) ^^
Allerdings hat Meena auch von verheiratete aber relativ freie Frau in den Modus ‚Schwiegertochter‘ gewechselt, da dies hier ihre Rolle ist. Und dazu gehört als erstes, den Kopf incl Gesicht weitesgehend mit dem Saree zu bedecken, sobald andere, als der Ehemann und weibliche Verwandschaft incl eng befreundete Freundinnen, anwesend sind. Also immer, wenn man nicht gerade daheim ist und kein Gast/männliches Familienmitglied da ist. Zu dieser Rolle gehört auch, sich den Schwiegereltern und Männern der Familie Untertan zu machen, oder wie man hier so nett dazu sagt „respektieren“. Dieser Respekt ist so eine Sache. Einseitig und auslegbar auf jeden Wunsch/Befehl.
Wenn die Schwiegermutter sagt, dass sich Meena nur in ihrem Zimmer, ihrem Bad und natürlich der kleinen Abstellkammer=Küche ohne Licht aufzuhalten hat, dann tut sie das. Und zwar die vollen 12 Jahre lang, in denen sie dort gelebt hat.
Als sie mir mit einer Riksha das Dorf gezeigt hat (eine Straße 1km lang runterfahren), meinte sie, das sei das 2. mal, dass sie die Straße betritt. Ihre Schwiegermutter hat es ihr verboten, nur musste sie einmal ins Krankenhaus. Und jetzt ist die ja in einer anderen Stadt und da ich ja ihre Freundin bin, wurde es ihr wohl doch gestattet. Erst hatte sie mich aber gefragt, ob es OK ist, wenn ihr Mann mitkommt. Ich hab zwar ja gesagt, wäre aber nicht umbedingt begeistert gewesen, weil ich ihn da seit 5min kannte und er so gut wie kein englisch spricht.

Und wie wir auf der Riksha saßen, war endlich mal sie die coole im Dorf. Alle schauten zu uns auf, Kinder liefen hinter der Riksha her, alle zeigten mit dem Finger auf mich, wer nicht im Shop oder auf der Straße war, stand oben am Rand des Hausdaches und winkte von da. Sie hat dann nach ein paar Metern den Saree soweit runtergleiten lassen, dass nur ein Teil ihrer Haare bedeckt war und hat staunend wahrgenommen, wie plötzlich sie ganz klar im Mittelpunkt steht. Weil sie vermutlich die einzige ist, die sich richtig mit mir unterhalten kann und weil ich IHRE Freundin bin.
Ein Junge kam auf dem Fahrrad vorbeigefahren, schaute ständig zur anderen Seite. Beinahe hatte ich den Drang, ihn aufzuhalten. Ich mein Junge, du verpasst gerade die Sensation des Jahres, wenn du dich nicht endlich umdrehst. Wer weiß, vielleicht hatte er schlechtes Karma gesammelt, er ist vermutlich der einzige des Dorfes, der alles verpasst hat.

Das Haus hat ca 45qm, aufgeteilt in 4 Zimmer und 2 Badezimmer. In jedem Zimmer steht ein 1,40m Bett (heißt hier ja Platte auf 4 Beinen mit einer dünnen Decke, um das Schlaferlebnis  irgendwie zu einem zu machen), einem Schrank und einem Spiegel. Es ist das Haus der Familie von Meenas Mann, jedoch wohnen die Eltern nur ein paar Monate vom Jahr hier, hauptsächlich halten sich also der Schwager mit Frau und Kind auf. Und die 2 Kühe, die aus einem mir nicht ganz begreiflichen Grund in einem Unterstand zur draußen sich (unter einem Dach) befindlichen Küche und Aufenthaltsraum hin untergebracht sind. Im so entstehenden Innenhof spielt sich das Leben ab. Zusammen mit 1000 Fliegen und dem zehnfachen an Mücken. Und Kröten, Mäusen. Hier wurden nachts die Betten aufgestellt und Mückennetze drübergespannt, damit man bei Stromausfall wenigstens theoretisch die Möglichkeit hat, etwas Wind abzubekommen.

Ich sitze also im Zug, denke über Meenas Leben nach, darüber, wie viel Glück ich mit meiner Familie, meinem Land und meiner Kultur habe. Wie ungerecht mal wieder alles ist.
Und dann schaue ich raus, sehe Reisfelder, Palmen, Hirten mit Ziegen oder Büffeln, Schwärme von Vögeln, Häuser aus Ästen mit Plastikplanen oder Ziegeln, Zuckerrohrplantagen, Bauern, die auf ihren Feldern arbeiten. Ab und zu habe ich Glück, der Zug fährt sehr langsam und es wird friedlich. Ruhig nicht, solange Inder im Zug sind, aber friedlich. Und das entspannt 🙂

 

Nach einer Übernachtung sind wir dann um 5 geweckt worden, damit wir um kurz nach 6 mit dem Taxi zu irgendeinem berühmten Tempel fahren können. Der Plan für denTag war lange und der Tempel ist nur um diese Uhrzeit nicht überfüllt. Wobei Tempel eine nette Beschreibung ist. Es ist ein riesiger Baum, um den quasi rundum eine Terasse gefliest ist. Und darauf geht man dann Runden um den Baum, hängt Glocken auf, wenn man einen besonderen Wunsch an die Götter hat, der erfüllt werden soll (es hängt ein Menge Glocken an dem Baum) und schüttet Milch mit Blütenblätter auf den Baum und die kleinen Götterstatuen, die dabei stehen.

Danach sind wir zurück, die Frauen haben gekocht und dann ging es mit dem Zug nach Ayodhya, dem jetzigen Wohnort der Schwiegereltern und des Mannes mit Shrea. Da haben wir Tempelhopping gemacht. Den ganzen Mittag und Nachmittag. Tempel find ich zwar in Ordnung, aber sooo toll jetzt auch wieder nicht. Die meisten finde ich hässlich und dreckig. Aber Meena ist es sehr wichtig, deshalb hab ich brav mitgespielt. Bei fast allen Tempeln kam ein „Julia, you can take a picture if you want“ was hieß ‚Julia, mach ein Foto‘, also hab ich Fotos gemacht. Ich glaube, dass sie sich in die Religion flüchtet, weil ihre eigene und auch die Schwiegerfamilie sie nicht gut behandeln und sie es auch sonst nicht umbedingt leicht hat. Es ist ja generell so, dass sich Leute besonders dann an Gott/die Religion wenden, wenn es ihnen schlecht geht und ich würde mal behaupten, dass es die Hoffnung in Karma und die Wiedergeburt ist, was vielen Leuten hier im täglichen Dasein ein großer Trost ist. Was ihnen den Antrieb gibt, weiterzumachen.

Das Tempelhopping ging dann sogar soweit, dass Meena meinte, dass wir den Zug nach Varanasi nicht mehr bekommen und wahrscheinlich erst am nächsten Morgen los können. Fand ich garnicht geil, weil ich die Familie nicht leiden kann (zu mir sind sie aber natürlich durchaus nett) und vor allem, weil ich bestialisch von Mücken attackiert werde. Den Viechern ist auch egal, ob ich Repellent benutze, ich bin komplett verstochen. Und in einem Land, in dem Malaria und Denguefieber gerade nach der Regenzeit verbreitet sind, finde ich das nicht so toll… In Varanasi ist es aber nicht halb so schlimm. Einen Tempel später hat der Mann im Internet gelesen, dass der Zug eine knappe Stunde Verspätung hat und wir ihn evtl doch bekommen. Und wir fahren in den nächsten Tempel. Und in den übernächsten (der schönste:)

Und dann muss ich ja umbedingt noch den Fluss sehen, bis wir endlich zurück fahren. Sie haben das gemacht, weil sie wollen, dass ich sehe, was ihnen wichtig ist. Weil sie davon ausgehen, dass ich all die Tempel umbedingt sehen muss.

Zurück im Haus hatte die Schwiegermutter dann die Schwägerin angerufen und gefragt, ob ich alles essen würde, und ob es etwas gebe, das ich besonders gern mag. Die hat zwar keine Ahnung, machte aber auch keine Anstalten, Meena zu fragen. Wenn ihr mich fragt, alles Idioten in der Familie. Der Mann scheint zwar OK, aber der könnte sich ja wohl auch mal für seine Frau einsetzen. Tut er aber nicht. Die Schwiegermutter macht dann einen Snack mit Ghee, hat schon alles in den Topf geworfen (als letztes das Ghee), da hab ich Meena dann gesagt, dass ich das nicht essen werde, weil Ghee nicht vegan ist. Sie hat mich zwar gefragt, ob ich nicht ein bisschen nehme, ist ja schließlich nur wenig Ghee drin. Ist mir aber egal, hätte die mal Meena gefragt. So hat sie das ganze halt nochmal mit Öl zubereitet und danach nicht mehr gelächelt. Gibt schlimmeres ^^ dabei müssten die es doch sehr wohl verstehen, immerhin sind sie vegetarisch und essen kein Ei, und wenn ich ihnen was mit Ei drin gegeben hätte, hätten sie das auch niemals gegessen.

Shrea, Meenas Tochter, wollte mich zwar umbedingt treffen, aber Meena hat die Hälfte ihrer Geschenke vergessen und mein Handy hat sie auch fast nie bekommen. Sollen die Kinder die Handys ihrer Eltern zerstören. Dafür, dass meins kaputt geht, kann ich sehr gut selbst sorgen ^^ sie war also doch nicht allzu begeistert von mir.

Letztendlich waren wir rechtzeitig am Bahnhof, weil wir aber so spät dran waren und Meena ihr Portemonnaie nicht gefunden hat, hat sie nur ein Ticket für mich besorgt, als sie zu uns kam und Geld holen wollte, kam aber der Zug und nur ich hatte ein Ticket.
Also hat sie ihrem Schwager Bescheid gegeben, dass er ihr 2 Tickets geben soll und zum Bahnhof bringt (der glücklicherweise der übernächste Halt auf unserer Strecke war). Hat er auch gemacht, außerdem hat ihr Mann der Schwägerin gesagt, sie solle uns bitte was kochen. Als wir am besagten Bahnhof ankamen, hat der Schwager Meena eine Tüte Essen gegeben. Ihr war nämlich auch so richtig unangenehm gewesen, dass wir für die Fahrt kein Essen hatten. Dabei war mir das vollkommen egal. Sie kam zurück zu uns, setzt sich erleichtert hin, der Zug fährt los, ich frage, ob sie auch die Tickets bekommen hat und… nein. Am Bahnsteig steht eine Frau, die verzweifelt „Mera chota batcha“ (mein kleiner Sohn) ruft, ihr Junge ist im Zug, sie aber nicht. Der Zug hält ein Stück weiter wieder an und irgendwie findet sie ihren Sohn noch. Das ganze war wohl der Grund dafür, dass der Schwager die Tickets vergessen und nur Essen gebracht hat. Man muss eben Prioritäten setzen 😀
Wir wurden auf der gesamten Fahrt nicht kontrolliert, also ist alles gut gegangen. 500m vor Varanasi hat der Zug dann gehalten und stand erstmal. Und da es gut sein kann, dass der sich erstmal 45min nicht von der Stelle bewegt, bis er endlich in den Bahnhof einfährt, beschließen wir auszusteigen und mit meiner Taschenlampe an den Gleisen entlang zum Bahnhofzu laufen. Das ist kein Problem, weil die Türen sowieso immer offen sind. 100m bevor wir das Ziel erreicht haben, ist der Zug dann in den Bahnhof eingefahren. Joa, des hatte sich also nicht zu sehr gelohnt, machen wir auch nicht mehr.

Das war’s zum Kurztrip aufs Land 🙂

Letztens, als ich in der Nähe der Schule in einer Gasse war, ist mir eine Frau entgegengekommen und fing direkt an, sich zu beschweren, dass ihr Sohn keine Schuluniform hat. Ich hab die Frau noch nie vorher gesehen, vermute aber mal, dass ihr Sohn in unseren Kindergarten geht. Die Schuluniformen wurden erst diese Woche geliefert, die Kindergartenkinder bekommen zuletzt welche, da viele nur zur Schule kommen, um die gratis Uniform, Schulbücher und Stifte zu holen und dann nie wieder erscheinen. Um das zu vermeiden, bekommen sie sie erst spät, wenn man einen ersten Eindruck davon hat, wie regelmäßig sie zum Unterricht kommen.
Die Frau hat natürlich auf hindi auf mich eingeredet, ich hab also nicht mehr verstanden, als dass sie eine Uniform für ihren Sohn will und hab sie auf Purnima, die stellvertretende Leiterinverwiesen.
Und dann gibt es in der Gasse noch ein Mädel (etwa mein Alter), die mich am 2. Schultag mit „Hello Julia“ begrüßt hat, und jedes mal, wenn ich sie sehe, ruft sie mir zu und holt ihre Schwester, damit die mir auch hallo sagen kann. Ich hab keine Ahnung, woher sie weiß, wer ich bin und dann auch noch meinen Namen kennt. Aber in Stille Post wäre der Durchschnittsinder wohl Weltmeister. Bestimmt kennt ein Nachbar von ihr nen Freund, dessen Schwägerin nen Sohn in der Schule hat oder so. Die wissen immer über alles Bescheid. Aber gut, wenn man den Tag nichts macht, als den Haushalt, braucht man ja auch Ablenkung.
Im Moment ist ein Amerikanischer Lehrer im Kindergarten dabei und am Tag, als er im Gasthaus ankam und ich gerade zur Schule bin, hat er mich angesprochen und gefragt, ob ich nicht Julia, ein ehemaliger Volunteer in der Schule sei. Jo. Bin ich 😀
Mein Berühmtheitsgrad hat sich also nicht verringert ^^

LG Julia

 

Eine Gangsterkuh und Gesundheit

Es gibt gute und schlechte Nachrichten, zuerst die schlechten: Sophie, meine kleine Maus besucht mich nicht mehr, seit ich in Bangalore war. Wahrscheinlich ist sie beleidigt, weil ich plötzlich weg war und sie mich insgeheim doch gern hatte. Dafür hab ich jetzt ab und zu ne Mücke hier rumschwirren. Ich schätze, ich werd mir morgen ein Moskitonetz zulegen, weil diese Viecher mich lieben. Da fällt mir ein, es gibt noch eine Gemeinsamkeit zwischen Indien und Deutschland. Hier sagen sie auch, dass man süßes Blut hat, wenn man ein Mückenmagnet ist. (Zur Erinnerung die erste und bis jetzt einzige Gemeinsamkeit war, dass Inder bei Schluckauf auch sagen, dass jemand an denjenigen denkt^^) Ich habe also schon 2 Nenner dieser wunderbaren Kulturen gefunden!

Und wo ich eben noch bei Tieren war-gestern stand ich vor Nitins Shop (dieser 1qm-Laden, in dem man gerade so im Schneidersitz Platz hat), als eines dieser Millionen hupenden Motorräder angefahren kam. Im gleichen Moment lief eine junge Kuh vorbei, scheinbar unerfahren weil -und jetzt kommts- die geht doch tatsächlich zur Seite und lässt dieses nervige Motorrad vorbei, bis sie ihren Weg fortsetzt. Unglaublich. Eine Kuh, die wohl noch nicht gelernt hat, was ihre Rolle in dieser abstrusen Gesellschaft ist. Dass sie heilig ist und sich im Normalfall einen Dreck drum scheren sollte, ob irgendwer vorbei will. Aber ich hatte etwas Zeit, drüber nachzudenken und habe nun eine zweite These aufgestellt: sie ist eine Gangsterkuh, findet Menschen prinzipiell ätzend (Recht hat sie) und will einfach nur ihre Ruhe (dann allerdings ist die gute leider im vollkommen falschen Land zur Welt gekommen), deshalb lässt sie alle vorbei, damit sie nicht weiter von ihnen belästigt wird. Damit keine verrückten Südinder auf die Idee kommen, sie zu tätscheln und womöglich noch ihre Hände unter dem Pissestrahl zu „waschen“. Gibt’s ja alles. Manche trinken das. Es gibt nichts, was es nicht gibt, solange das indische Volk auf diesem Planeten lebt.

Ich glaube, ich hab’s schon erwähnt, die Kühe sind viel friedlicher. Aber vielleicht liegt es auchdaran, dass sie gerade von weniger Südindern belästigt werden. Ich würds verstehen. Aber was ich noch nicht ganz begreifen kann ist, wie die so abgehärtet sein können, sich mitten auf die Hauptstraße zu legen und da zu chillen. Ich mein, klar, sie können ja quasi alles überall machen, aber warum zur Hölle suchen sie sich denn nicht einen schöneren Fleck? Muss ja nicht gleich am Stadtrand sein, aber zumindest ne Seitenstraße, wo nicht 100000000 Fahrzeuge mit 1mm Entfernung vorbeifahren.

Und dann zu den guten Neuigkeiten: ich fahre von Sonntag auf Montag mit Meena und ihrem Sohn zu ihrer Schwiegerfamilie aufs Land. Ihre 9-jährige Tochter wohnt da gerade bei ihrem Vater und wir besuchen sie. Außerdem will mir Meena ihre Verwandschaft und das Dorf vorstellen, zudem irgendwelche besonderen Tempel zeigen 🙂 am Ende hat sie erzählt, dass es dort zur Zeit ihrer Hochzeit keinen Strom gab und keine Lampen, sondern dass sie abends (ab halb 7 ist es dunkel) immer Kerzen brennen hatten. Das habe sich aber gebessert, mittlerweile gebe es Licht. Ich bin also gespannt, was mich erwartet 😀 Und ihre Tochter freut sich riesig, dass ich komme, weil sie vermutet, jede Menge Geschenke zu bekommen. Wenn es nicht so wäre, wäre ich vermutlich nicht halb so interessant, aber hey-ich war genauso. Nur die Erwachsenen, die Geschenke mitbringen, sind die coolen. Und weil es sich nicht gerade um verwöhnte Schnösel handelt, ist es relativ einfach. DAS Geschenk schlechthin für Aditya (Meenas Sohn) ist der Riesenbleistift. Shrea bekommt auch einen, außerdem einen neuen Schulrucksack, Stifte, einen Plüschhasen, ein Kindermaniküreset, eine Sonnenbrille und die Klamotten. Ich werde auf der Beliebtheitsskala also vermutlich ein deutliches Stück nach oben rücken ^^

Und dann hab ich noch eine komische Situation gehabt. Und zwar war ich mit 2 Freunden Tee trinken und Snacks essen, als einer anfängt zu erzählen, wie er mal 2 Europäer kennen gelernt hat, die viele Lebensmittel mitgebracht hatten, welche er auch probierte. Bis er auf einer Verpackung gelesen hat, dass da Schweinefleisch drin ist. Das fand er so widerlich, dass er es heimlich ausgespuckt hat und keinen Bissen mehr von deren Essen genommen hat, aus Angst nochmal Schweinefleisch zu sich zu nehmen. Und Priyanka hat sich beim Erzählen vor Ekel geschüttelt, allein die vorstellung fand sie grausam. Die beiden sind weder Vegetarier, noch Muslime, theoretisch sollten sie also nichts dagegen haben. Aber ich schätze, für sie kommt der Verzehr von Schweinefleisch dem unseren von Insekten gleich. Einfach ekelig.

Seit ich hier bin, stellen alle mit Schrecken fest, dass ich ’so ungesund‘ bin. Dass ich schlecht ausschaue und müde und krank sei. Ich würde mal sagen, dass wir Europäer da einfach eine andere Auffassung von der Bedeutung des Wortes ‚gesund‘ haben. Sie meinen mit ihrer Feststellung einfach, dass ich abgenommen habe. Und da sie meine Sommersprossen für eine Krankheit halten, geht es mir jetzt also noch schlechter. Bei der Hitze habe ich einfach weniger Hunger, aber ich würde auch bei der tiefsten Kälte nicht so viel Reis wie sie auf einmal essen können. Und das widerlegt ihre These nicht umbedingt. Jedenfalls hab ich ihnen gesagt, dass ich beim ersten mal in Indien auch schlank war und dass ich da einfach zugenommen hatte. Woraufhin sie meinten, dass mir Europa nicht gut tut. Ich soll besser in Indien bleiben, dann verhunger ich nicht, sondern werde wieder ‚gesund‘. Ist ja irgendwo süß, dass sie aufmerksam sind und ihnen mein Zustand nicht vollkommen gleichgültig ist, aber sie übertreiben maßlos. Im Prinzip muss man es wahrscheinlich einfach als Kompliment sehen 😀
Priyanka hat seit letztem Jahr ziemlich zugenommen, was Nitin mir in ihrer Anwesenheit auch nochmal gesagt hat. Fängt er plötzlich an „Julia, Priyanka ist ganz schön aufgegangen, oder?“ Fragt außerdem, wie viel genau sie denn zugenommen hätte, und die „3-4kg“ hat er ihr nicht abgenommen. „Nein, das sind bestimmt 8kg“. Dass das allerdings nicht mehr gesund, sondern einfach nur Fett sei, hat sie von sich aus zugegeben.
Direkt? Können sie.

Das wars mal wieder,
LG Julia

Bangalore

Bangalore ist so eine Zwischenwelt. Weder richtig traditionell indisch, noch richtig westlich modern. Ich habe Megs Familie besucht, meine coolen Pandas 😀 der Name kommt daher, dass Megs und ich mal ein Selfie machen wollten und man anstatt ihrer Augen nur 2 schwarze Löcher im Kopf gesehen hat ^^
Die Gastfreundschaft ist riesig, egal wie lange ich bleibe, ich darf rein garnichts helfen. Ich würde ja gerne mitkochen, aber da es nicht geht, dass der Gast hilft, darf ich immerhin zuschauen.
Ich übernachte in Megs Zimmer und darf nicht nur, sondern soll sogar ausschlafen, weil sie selbst keine Frühaufsteher sind. Eine Tatsache, die mir seeehr entgegen kommt 🙂
Wir haben viele Freunde getroffen, sind in veganen Restaurants essen gegangen *-* und das wars auch eigentlich schon. Einmal sind wir in eine Schule gefahren, für die die Firma des Vaters den Auftrag, für alle 10000(!) Schüler Tüten mit Essen zusammen zu packen, um zu sehen, wiedie Arbeit voran geht. Und wie dievoranging. Nämlich garnicht. An dem Tag waren nur 5 Leute zum Packen da, und als wir kamen, haben 2 gemütlich gepackt, während die anderen 3 daneben standen und zugeschaut haben. Das ist dann wieder so ein Moment; in dem einem bewusst wird, warum wir in Deutschland etwas weiter sind. Effizienz ist irgendwie nicht so deren Ding. Auch, sich den Arbeitsplatz so zu gestalten, dass die Arbeit leichter fällt. Von alleine kommt man da nicht drauf ^^
Wir haben 1,5 St mitgeholfen, Fahnen, die zusätzlich bestellt wurden, zusammenzubasteln. Das heißt, wir haben geschneiderte Flaggen auf Holzstiehle gesteckt und mit dem Tacker fixiert. Wobei sich Karan und Jharu (Bruder und Schwägerin) darüber lustig gemacht haben, dass ich schnell war und zu Karan, der uns mit dem Tackern eh hinterherhinkte, gesagt hat, dass er jetzt keine Pause braucht, wo wir eh nur noch 50 Fahnen fertig machen müssen. Da meinten sie nur „oh, die Deutsche muss immer schnell und ordentlich arbeiten“ ^^ was auch witzig war ist, dass das Pakistanflaggen sind (Pakistan und Indien stehen ja bis heute miteinander auf Kriegsfuß) und als ich gefragt, wozu die denn Pakistanflaggen brauchen, kam als Antwort „ich weiß nicht, vielleicht weil die besser zu der Farbe der Gebäude passt“ 😀 ist das nicht eine geile Antwort? Hey, die Indienflagge passt leider farblich nicht so ins Konzept, also lass uns mal eine mit blau und weiß nehmen. Oh, die von Pakistan passt doch, lass uns doch die nehmen“ ^^ Eine Logik. Und wiedermal stelle ich fest, dass die reine Anwesenheit in diesem Land so ist, als wäre man Zuschauer eines Comedyabends 😀

Dazu passt auch, dass wir auf einer großen Straße gefahren sind, deren Fahrbahnen durch ca. 30cm hohe, schmale Betonklötze geteilt war. Und irgendwo steht dann ein Auto quer dadrauf. Hat es wohl irgendwie geschafft, mit den Vorderrädern drüber zu kommen (vlt ein U-turn mit Schwung?) und dann hingen die plötzlich in der Luft. Etwa 9 Männer standen um das Auto rum und versuchten, es zurückzuheben.

Apropos Auto. Ein befreundeter Arzt hat einen Jeep und uns damit abgeholt. Hinten hatte der unter den Fenstern 2 Sitzbänke zum runterklappen und da haben wir es uns gemütlich gemacht. Gefühlt sind wir damit eine Rallye gefahren, zudem viel schneller, als man sonst in der Stadt voran kommt. Ein Blick auf den Tacho hat aber doch nur 50kmh gezeigt. Wir haben andere Freunde abgeholt und sind schließlich zum Dessert essen gefahren. Das ist hier auch so ein Ding. Um 11Uhr abends fährt man noch wohin, um zusammen Desserts zu essen. Wir sind erst zu einem veganen Restaurant, haben da Schokocremekuchen geholt und dann zu einem Waffelladen, wo die anderen verschiedene Waffelkreationen probiert haben.  An einem anderen Abend sind wir zu ner Eisdiele gefahren, die eigentlich Biereis hätten haben sollen, was aber nicht da war. Dafür gab es Sorbet und andere leckere Sorten und die Eisdiele hatte eine große Schaukel! Das war eigentlich das Highlight des Abends. Um Mitternacht mit nem Eis in der Hand schaukeln. Juhu!
Die Freunde haben auch alle festgestellt, dass ich irgendwie im falschen Land geboren wurde

(trinkt kein Bier, hasst Fußball, ist keine Würstchen und auch sonst fast nichts aus der deutschen Küche..), und als der Jeepfahrer mir auf dem Rückweg dann erzählt hat, dass er mal ein Monat Austausch von der Uni in Deutschland gemacht hat, in Dresden, hab ich das Deutsch sein komplett vermasselt. Ich habe nicht verstanden, von welcher Stadt er spricht (er hat Bräsbm gesagt), bis er es gegoogelt und mir gezeigt hat. Und als ich auch von den anderen Städten, die er kennt, keine auf Anhieb kannte (er hat sie wirklich komisch ausgesprochen), hab ich meine Glaubwürdigkeit als Deutsche vollkommen verloren ^^

Was ich etwas komisch finde ist, dass in der Religion Frauen, die ihre Tage haben, nichts in der Küche un dem Wohnbereich berühren dürfen (außer dem Geschirr natürlich, auf dem das Essen serviert wird). Daran halten sich nur sehr gläubige, wie Megs Mutter. Sie fasst nichts von dem an, was eine Frau in der Zeit berührt. Das heißt, man kocht in der Zeit nicht, isst in seinem Zimmer und hält sich nicht im Wohnbereich auf. Was ich als komisch und irgendwo auch diskriminierend empfinde, sieht Jharu aber zum Beispiel als gut an, weil sich die Herren des Hauses immer von den Frauen bedienen lassen und sie von der Last, sowie davon, kochen und putzen zu müssen, wenigstens ein paar Tage im Monat befreit sind. Und wenn man es so sieht, klingt das auch garnichtmal so schlecht.
Wobei das natürlich nur die Familien umsetzen können, die noch mindestens eine andere Frau im Haushalt haben, die in der Zeit den Haushalt alleine führen und in deren Haus es genug Platz zum Ausweichen gibt.

Noch so eine typisch indische Sache ist, seine Freunde anderen Freunden als wahre Helden zu präsentieren und stolz deren Lebensgeschichte erzählen, als wäre es die eigene. Sämtliche Cousins/Cousinen, Freunde und Tanten haben also erfahren, dass ich mit nur 21 Jahren  Knochenmark gespendet iund das auch noch, ohne begleitet zu werden, schon ein knappes Jahr alleine in Indien gelebt habe und dort so viel gereist bin, dass ich mehr von Indien gesehen habe, als sie selbst (zwingendermaße folgt von mir eine Aufzählung sämtlicher Orte, die ich besucht hane, gefolgt von der Anekdote, dass sie letztes Jahr mit mir nach Hampi sind, und ich sie am Ende rumgeführt habe, weil ich schonmal da war und sie nicht), dass ich Bauingenieurwesen studiere, alleine in einer fremden Stadt lebe und meine Eltern nur etwa 5x im Jahr sehe. Das wurde jedes mal in ziemlich genau in dieser Reihenfolge runtergerattert und am erstaunlichsten ist die Knochenmarkspende und die Tatsache, dass ich meine Eltern so selten sehe. Die Freunde in Bangalore sind zwar schon ziemlich modern, aber so unabhängig vom Elternhaus konnte sich keiner von ihnen das eigene Leben vorstellen. Die Familienstruktur ist die gleiche, auch wenn viele eine Beziehung führen und sich später ihren Partner zur Hochzeit selbst aussuchen dürfen.

Insgesamt war es ein ziemlich witziger Kurztrip und ich bereue, nicht länger geblieben zu sein. Heute Mittag bin ich wieder zurück nach Varanasi geflogen (alle meine Taschen hab ich auf Anhieb erhalten) 🙂 und jetzt mach ich mir hier noch ein paar entspannte Tage, bis es Anfang September wieder nach Augsburg geht.

LG Julia

Grundregeln des Verkehrs und orangene Adidashosen

Es ist soweit. Genau 10 Tage habe ich es geschafft, in nichts ekliges reinzutreten, das ist nicht schlecht, aber hätten auch mehr sein können. Diesmal war es aber kein Kuhmist auf der Straße, sondern ich war im Musikladen im 1. Stock vom Freund von Nitin, wollte was holen und zack lag auf dem Fußabtreter ein Haufen, den ich auch im Dunkeln problemlos orten konnte. Mit dem Fuß. Da es in dem Haus keine Hunde gibt, schätze ich, ein Affe hat sich durchs Fenster oder ein Hund die Treppe hoch geschlichen. Nichtmal heilige Kuhkacke war es. Im Ranking der Scheißehaufen würde ich also sagen, habe ich einen der schlechtesten erwischt.

Vorhin bin ich in der Schule gewesen und habe eine große Ladung Klamotten für die Kindergartenkids mitgebracht. Die Lehrer waren neidisch, sie wollten auch welche haben. So klein sind sie dann aber doch nicht, dass sie da reinpassen würden ^^
Zusammen haben wir geschaut, wer was am ehesten braucht und ob die Größen passen. Bis zu dem Moment, als es hieß „lelo“ (=nimm es), waren sie toternst, bis sie dann verstanden haben, dass es jetzt ihnen gehört 🙂 dann sind sie mit einem Lächeln und „thank you, mam“ auf ihren Platz im Sitzkreis zurückgegangen 🙂
Bei denen, die keine Klamotten mehr abbekommen haben, war die Enttäuschung natürlich riesig, aber ich habe schon angekündigt, dass ja vielleicht nächste Woche bei der nächsten Ladung was für sie dabei ist.

Heute Nachmittag hab ich mich dann auf den Weg zum Flughafen gemacht, mit einem Tuktuk. Dabei habe ich ein paar Theorien zu existierenden Regeln im Straßenverkehr aufgestellt:
1. Wer nicht hupt, existiert nicht
Die Fahrzeuge scheinen eigenständig über Hupen und Klingeln zu kommunizieren. Bsp: Hup-Huuuuuuup =aus dem Weg (für von hinten angerast kommende)
Huuuuuuuuuuuup =verpiss dich, ich will vorbei
Antwort: Hup =krieg dich mal wieder ein, sobald ich kann, fahr ich zur Seite (meist begleitet von einem genervten Rückblick des Fahrers)

2. Fahr so, als würde hinter dir niemand mehr kommen
Auf Verkehr vor UND hinter dem eigenen Fahrzeug achten? Da haben die Inder eine effizientere Methode. Wenn jeder nur darauf achtet, was vor ihm passiert, ist schließlich auch alles mit Aufmerksamkeit abgedeckt.

3. Verkehr in Indien ist wie diese Spiele auf dem Handy, wo jemand rennt und man ihn lenken muss, weil ständig was den Weg behindert. Nur, dass es bei dieser Reallife-version leider keine Münzen zu sammeln gibt. Da gibt es also noch Optimierungsbedarf.

4. Rangfolge der Verkehrssignale: Polizist-ich
Ampel? Schild? Ist ja schön und gut, dass man so Arbeitsplätze schafft, aber wenn kein Polizist in der Nähe ist-wieso genau soll ich mich dann an irgendwelche Regeln halten? Die kommen ja schließlich nicht von den Göttern.
So als Info nebenbei, dafür gibt es aber für alles einen Gott. Zum Beispiel nämlich für den Verkehr 😀 einmal hab ich Megs zum Spaß gefragt, ob es denn einen Spinatgott gebe. Und ihre Antwort war nicht etwa ein lächerliches nein, sondern „weiß ich nicht, ich kenne keinen. Aber ich frag mal meine Mutter. Auf jeden Fall gibt es aber einen für Obst und Gemüse“. So viel dazu.

Egal, wo man so langläuft, man begegnet ständig seltsamen Kreaturen. Sadhus (Gläubige, die allem irdischen abschwören und vom Betteln leben), die ihre 1000 Ketten mit heiligen Perlen tragen, die Haare lang, meist als Dreadlocks in wirren Zöpfen. Orange ist die Farbe der Götter, sie tragen also nur die Farbe, und jetzt kommts: haben diese Geschöpfe einfach eine knallorangene Sporthose, mit weißen Streifen wie die von Adidas.
Jungs, die in Körben eine Schlange transportieren und von Touristen Geld wollen, wenn sie sie zeigen. Wobei ich mir ziemlich sicher bin, dass die Touris, die denen Geld geben, das nur machen, damit der Junge schnell wieder verschwindet.
Schaufesterpuppen, die aussehen, als würden sie jeden Moment Amok laufen oder sich zumindest von einer Brücke stürzen würden, wenn sie denn könnten. Wie man als Bekleidungsgeschäft so seine Klamotten an den Mann bringen will, ist mir schleierhaft. Aber mir ist eh so einiges schleierhaft hier.
Polizisten, die mit den Fingern eine

Pistole formen und damit pseudomäßig auf Leute schießen, die in ihren Augen an der falschen Stelle stehen oder sonstwas falsch machen. Autoritätsperson? Naja, vielleicht ist das Verständnis der Rolle der Polizei hier ja ein anderes. Manche sitzen an ihrem Stand der Verkehrsleitung auch einfach gelangweilt am Smartphone oder lesen Zeitung. Und dann gibts noch die, die die Bankautomaten bewachen. Das sind eh die besten. Treiben sich den ganzen Tag bei den nächstliegenden Geschäften rum oder hängen im 4qm Raum des Automaten ab. Und diese Miniräume sind jeweils mit 2!! Klimaanlagen ausgestattet, die immer auf Temperaturen unter 20º gestellt sind. Damit man auch gleich merkt, dass hier was anders ist beim Reinkommen. Das sind so Schocksekunden, dann beginnt der Körper beim Abheben des Geldes die neue Temperatur viel besser zu finden und schon muss man wieder raus und die Hitze erschlägt einen. Yeah!
Und dann gibt es noch die mutigen. Die, die ihr Gewehr wie einen Stehhocker verwenden. Mit der Öffnung in Richtung Arsch. Das sind die wahren Helden hier 😀
Mit den Affen stehe ich übrigens (noch) nicht auf Kriegsfuß (Autocorrekt schlägt vor: Unistress^^), da sie bis jetzt weder was nach mir geworfen haben, noch auf Wellblechhütten springen und mich damit wecken. Liegt aber auch nur daran, dass in unmittelbarer Nähe meines Gasthauses keine Wellblechdächer sind.
Die Kühe sind auch in Ordnung. Es sind andere, die ich nicht kenne, soweit ich das aber bis jetzt beurteilen kann, haben sie alle ein ruhiges Gemüt.
Ein Hund auf der Straße findet mich klasse und setzt sich ständig neben mich, wenn ich bei Nitins Shop bin, dafür gleicht das ein anderer aus, der bei Milis Wohnung ist. Der hasst mich und kläfft nur, wenn er mich sieht.

Ich dachte ja, ich werde garnicht viel schreiben können, weil Varanasi ja mittlerweile nicht mehr so neu für mich ist. Von wegen. Gesprächsstoff hierüber gibt’s immer ^^

Ich sitze gerade im Flieger, wenn ihr das lest, bin ich gut in Bangalore angekommen 🙂
Bis demnächst,
Julia

Geschenke und eine neue Freundin

Hallo zusammen,

Mein Gepäck ist tatsächlich gekommen! Und zwar, wie vorausgesagt am Dienstag. Dienstag Nacht um 11 um genau zu sein und natürlich fehlen ein paar Kleinigkeiten meiner Reisetasche. Das ist insoweit ärgerlich, dass es sich dabei hauptsächlich um Souvenirs aus Spanien handelt, die ich von Megs ihrer Familie in Bangalore bringen sollte.
Aber hey, ich hab mein Gepäck wieder! Jedenfalls den Großteil 😀

Die Tage bin ich in die Schule gegangen, um meiner verrückten Bande Kids Hallo zu sagen und Geschenke vorbeizubringen. Obwohl sie die Geschenke noch nicht erhalten haben, haben sie sich auch ziemlich gefreut, mich zu sehen 🙂
Und es hat sich was verändert. Sie sind nicht mehr pausenlos am Kämpfen und sie bedanken sich mittlerweile, wenn man ihnen das Mittagessen serviert. Da haben die Lehrer also ein kleines Wunder vollbracht! Es sind einige neue Lehrer da, die mir recht kompetent erscheinen und denen daran liegt, ihren Schülern was beizubringen.

Im Gasthaus habe ich übrigens eine kleine Mitbewohnerin. Mich kommt regelmäßig eine kleine Maus besuchen, die sich gern in meinem Rucksack versteckt. Letzte Nacht ist sie mir im Schlaf über den Kopf gelaufen, hab sie noch wegrennen sehen. Ich schätze also, ich bin ein mehr oder weniger geduldeter Zeitgenosse in ihrem Reich 😀 die Türen sind so verzogen, dass es für sie ein Leichtes ist, unten durch zu krabbeln und ich habe 2 nichtverschließbare Fenster, durch die sie auch immer gerne mal hereinspaziert. Ich habe sie Sophie getauft, sie ist jetzt meine Freundin.
Weil mein Gepäck so arg verspätet ankam, habe ich laut Internetseite der Airline Anspruch auf Geld, um mir Klamotten zu kaufen. Da ich aber nicht wirklich welche brauche, hatte ja eine Hose und 2 Oberteile, die ich immer nachts gewaschen und trockenen lassen habe, bin ich mit Mili für sie und ihre 2 Schwestern Klamotten shoppen gegangen 🙂 sie haben sich gefreut und mich macht das glücklich.
Außerdem habe ich Meena und ihren Kindern gestern Geschenke vorbei gebracht und sie und ihr Sohn haben sich riesig gefreut. Ihr Sohn hat sich hauptsächlich über einen dicken, 50cm langen Bleistift mit Autos drauf gefreut, nachdem Meena seine Geschenke erst versteckt und ihm ihre neue Tasche präsentiert hat. Zu ihm (8) meinte sie dann, dass ich dieses Jahr leider nichts habe, woraufhin seine Welt zerstört war, bis sie ihn ausgelacht und seine Geschenke gegeben hat.
Dann meinte sie, er soll mir dafür einen Kuss geben und er gibt seinem Bleistift nen Kuss ^^ er nennt mich übrigens Maasli, so nennt man enge Freundinnen/Schwester der Mutter, die wie eine weitere Mutter sind. Das Wort erinnert stark an Matshli (=Fisch), deshalb find ich den Namen jetzt nicht soo genial ^^
Mit den beiden war ich auch einkaufen, wir sind zum Big Bazaar gefahren, ein großer Laden mit Kleidung, Technik, allem was man so im Alltag benötigen könnte und Lebensmitteln. Das ist so ein inmovatives Teil, wo man nicht vor dem Laden an ner Theke steht und bedient wird, sondern mit Einkaufswagen durch die Gänge läift. Meena war zum ersten mal in so einem Laden und begeistert. Überall gab es kleine Rabatte und sie hat gefühlt den halben Laden kaufen wollen, obwohl es die meisten Sachen auch in den lokalen Shops gibt und nur Rabatte im Centbereich gab.

Immer, wenn ich die Gassen entlang laufe, fragen mich die Shopbesitzer, wie lange ich bleibe und wo denn meine Familie sei. Ich sag dann, dass ich bis September bleibe und dass meine Familie arbeiten muss und nicht kommen kann. Was die Leute immer wundert. Da fällt mir ein. Als ich Meena und Aditya einkaufen war, hat sie die Riksha bezahlt, weil ich ihr davor die Geschenke gegeben hab und als wir nach langer Suche endlich wen gefunden haben, der uns zum normalen (anstatt bis zu 10x teurerem) Preis mitgenommen hat, kackt der Meena am Ende auch noch an, was das soll, dass sie bezahlt, wo ich reiche Ausländerin dabei bin. Sie hätte zu nem teureren Preis fahren sollen und einfach mich zahlen lassen. Was genau sie geantwortet hat, hab ich nicht verstanden.

Aber das ist schon süß hier. Indien hält mich für ne reiche Prinzessin, die Geld scheißt und alle wollen, dass ich ihnen Sachen schenke/sie einlade und meine Freunde, die es echt nicht leicht haben, über die Runden zu kommen, laden mich immer ein und lassen mich nicht bezahlen. Meena kauft dann Saft und kocht, Milis Familie genauso und Nitin lädt mich pausenlos auf einen Tee und zum Essen ein. Und das, wo er gerade genug verdient, seine Eltern und sich zu versorgen und einen weiteren Job angenommen hat, um Milis Schwestern Tanzunterricht zu bezahlen. Er hat ein riesiges Herz und da ich seine kleine Schwester bin, lädt er auch mich ein. Und weil er den Leuten immer sagt, dass sie von mir kein Geld nehmen dürfen oder schon selbst gezahlt hat, hab ich garkeine Chance. Am Anfang hab ich mich schlecht gefühlt, aber ich lad dann halt die Mädels ein (wobei sie sich auch nicht gern von mir einladen lassen, weil Nitin ihnen gesagt hat, dass ich Studentin bin und kein Geld habe. Dabei ist für mich immernoch fast alles ziemlich günstig hier). So schließt sich der Kreis wieder.

Es ist momentan verdammt schwül, zwar nur 30º, aber eine Luftfeuchtigkeit von 88%. Unter dem Ventilator geht’s, aber in den Gassen geht so gut wie kein Wind und man muss sich auch noch bewegen, um da rauszukommen…^^

Ich geh dann mal essen, bis dann!
Julia