Die Strasse.

Stau nervt. Seit 5,5 Stunden versucht mein Bus jetzt schon, die 51km von Manali zum Rothang Pass zurückzulegen. Wir haben noch ca. 20km vor uns. Gut, es ist in den Bergen, also hatte ich ganz großzügig mit 2-3 Stunden Busfahrt gerechnet. Habe nicht bedacht, den Zustand der Strasse miteinzuberechnen.

Grundsätzlich sind Straßen ja was praktisches. Deshalb mögen sie die meisten von uns vermutlich auch. Noch mehr mag ich die Ingenieure und Bauarbeiter, die sie in Deutschland fertig stellen. Gut gemacht, Leute, wirklich. Ihr macht einen super Job! Vielleicht haben ein paar von euch ja mal Lust, ein paar Indern zu zeigen, wie das so funktioniert? Also wie man es fertig bringt, ein Straßennetz zu bauen, das die Menge der Fahrspuren und Fahrzeuge berücksichtigt und gleichzeitig qualitativ so hochwertig ist, dass es gut befahrbar ist. Wäre echt toll, wenn sich da demnächst ein paar finden lassen.

Es gibt genau eine Strasse. Ihre Breite variiert zwischen 5m (an den wirklich genialen Stellen) und 2m (hauptsächlich da, wo der Rest abgebrochen und weggerutscht ist, aber auch sonst scheinen 2m ein sehr beliebtes Maß zu sein.) Wir sind in den Bergen, sprich wenn die Strasse aufhört, gehts da steil runter. Oder steil hoch. Es gibt Busse, Kleinbusse, Autos und Motorräder, die das Ziel verfolgen, die Strasse zu befahren. Es gibt ein Problem. OK gut, es gibt viele Probleme, aber eines scheit doch sehr wichtig zu sein. Da ist Gegenverkehr. Anscheinend wollen die Fahrzeuge, die (wie auch immer) oben angekommen sind, irgendwann wieder runterkommen. Auf derselben (einzigen) Straße. Blöd. Hätte man das nur vorher gewusst. Jedenfalls ist diese Strasse schon für Busse grenzwertig, und dann gibts auch noch Gegenverkehr. Weil wir uns irgendwo auf einer Höhe über 3000m befinden, ist die Strasse voller Schnörkel -also 180°Wenden alle 50m. Mein Bus braucht teilweise 3 Anläufe, um um die Kurve zu kommen.

Was man wissen muss. Wenn auf der Strasse Platz ist zum Vordermann, finden Inder es Platzverschwendung, den nicht zu nutzen, also wird bis etwa 5cm an die Stoßstange rangefahren. Was die anderen Fahrzeuge so machen, ist erstmal nicht wichtig, was sie demnächst machen könnten? Hach, alles vage Zukunft. Es gibt also einen Megastau, weil bei jeder Kurve ‚beide‘ Spuren zu schmal sind und nicht 2 Fahrzeuge gleichzeitig aneinander vorbeikommen. Und weil alle so dicht einander aufgefahren sind, dass kein Platz zum Rangieren bleibt. Zu Zeiten meines Fahrschulunterrichts hat mich Papa immer mit seinem „du musst vorrausschauend fahren!“ genervt. Papa, hier wartet ein Job für dich!

Immerhin ist die Aussicht toll 🙂 Berge, Wiesen, Natur pur. Theoretisch wäre es auch richtig still -aber praktisch ist eine Gruppe Inder in meinem Bus, da kann man von Stille nur träumen. Meine Beine sind am absterben. Platzmangel. Muss ja alles relativ bleiben. Aber der Busfahrer ist nicht betrunken. Sieht nur ein bisschen müde aus -oh Wunder- da hat man nämlich schon viele Stories gehört. Von Busfahrern, denen alles fehlt (vor allem Schlaf und ein Gefühl für Sicherheit), außer Alkohol und Drogen. Resultierend aus Ersterem. Also kann ich mich glücklich schätzen.

Essen wäre mal ganz schön. Warum die Einheimischen hier die Gelegenheit verpassen, als Chai-/Snack-/Getränke-/Fastfoodwallah das Geschäft ihres Lebens zu machen, verstehe ich nicht. Überall gibt’s diese Bruchbuden, nur wie immer natürlich nicht da, wo man -ich- sie gerne hätte. Und so ernähren wir uns alle von Chips, Keksen, Kuchen und anderen genau so gesunden Snacks, die wir und in der Pause (am Anfang, als wir Passagiere noch nicht ahnen konnten, wie ausdauernd der Trip wird) gekauft haben. Ich hab gestern Gemüse gekauft, was ich hier dabei habe -ich bin echt froh drum!- damit hebe ich die Gesundheitsquote krass an 😉

Der kleine Junge neben mir bekommt abwechselnd Chips, Schokokuchen, ‚Mangosaft‘ (ihr kennt ja dieses Zeug aus Wasset und Zucker, was aus irgendeinem Grund Saft genannt werden darf), Chipsähnliches Zeug, anderen Kuchen, teigummantelte Nüsse, fettige Teigfladen und so weiter.

Gerade tuckern wir weiter, anscheinend sind die vorrausschauenden Fahrer Indiens (gibt’s da doch welche?) nun im Gegenverkehr… Und NATÜRLICH fahren wir jetzt -jetzt, wo wir nicht abwechselnd stehen und 5cm ‚fahren‘- an Maiskolbenverkäufern und einer Maggiköchin vorbei. Na toll. Das Leben kann schon schwer erträglich sein. Mit nur einer Gurke, zwei Tomaten, einer Nektarine und etwas Wasser bewaffnet im Bus festzustecken. Und aufs Klo zu müssen. Großartig! Vorhin standen wir immer so lange, dass wir aus dem Bus raus sind und uns auf die Wiese gesetzt haben.

Oha! Wir fahren! So richtig! Im 3. oder höheren Gang! Und schnell! Kein Gegenverkehr! Ich muss aufs Klo :/ Wir fahren immernoch schnell. Wer weiß, vielleicht legen wir dir restlichen 20km ja in unwahrscheinlich kurzer Zeit zurück? Wow!

Gut, dann kann ich ja jetzt von den letzten Tagen berichten. Gestern bin ich tatsächlich 24km gelaufen. Ja, ich muss anfangen, das Fett zu verbrennen. 7km bergauf, 17km bergab. Ja, bergab zu laufen ist auch anstrengend. Was tut man nicht alles für die Figur? OK, nee ehrlich gesagt habe ich das nur gemacht, weil Suraj noch nie in den Bergen war und wir dann ja erstmal rumlatschen mussten. Um die Natur zu geniesen. Das mit Natur genießen war auch tatsächlich sehr schön. Über das 24km Laufen lässt sich streiten. Meine Beine tun weh :O der Platzmangel im Bus trägt nicht umbedingt positiv dazu bei. Im Ende haben wir übrigens 6 Stunden gebraucht. Nicht, dass das generell viel wäre, ich habe mich an die Zeiten gewöhnt. Und im Normalfall stört es mich auch nicht. Im Normalfall stehen wir aber auch nicht 50% der ‚Fahrt‘ im Stau, weil jede Menge Deppen meinen, Abstand zu halten würde überbewertet. Da war die 30St Zugfahrt von Mumbai nach Varanasi echt angenehmer.

Ich fasse unseren Aufenthalt am Rothang Pass zusammen: zu viele Menschen laufen in ausgeliehenen Schneeanzügen und Gummistiefeln auf einer Fußballfeld großen Fläche Schnee am Hang rum und freuen sich wie Kinder, im Schnee rumzurutschen 🙂

Anschließend haben wir eine Portion Maggi gegessen (Fertignudeln von Maggi sind DER Renner) und jetzt sind wir wieder auf dem Rückweg. Hat sich für Suraj gelohnt (zum ersten mal im Schnee!), für mich.. hmm ich bin irgendwie verrückt. Statt die Wärme zu genießen, lssse ich mich auf eine geniale Busfahrt mit 2,5St Schneebesichtigung ein. Wieder mal muss ich feststellen, was ich doch für ne gute Seele sein kann. Fotografin hab ich für den Herrn auch noch gespielt, also lege ich jetzt mal fest, dass ich aussuchen darf, was morgen auf dem Programm steht 🙂

Die Fahrt von Varanasi nach Delhi war gewohnt lange (12 geplamte +8spontan eingeschobene St), dann ging es 18 St mit dem Bus weiter nach Manali. Es gab mal nen Sleeperbus, der wurde aber abgeschafft, weil: Einheimische haben sich beschwert, dass Touristen Sex in dem Bus haben 😀 Jetzt gibts also nur noch normale (immerhin klimatisierte) Busse. Die Nacht im Bus war nicht so toll, weil die Strassen so schlecht waren, dass man hin- und hetgeworfen wurde. Als wir dann angekommen sind, ging es erstmal auf Gasthaussuche. Da ja jetzt Sommer ist, herrscht Hochsaison (ganz Indien kühlt sich hier ab), dementsprechend hoch sind die Preise. Manali besteht aus einer Hauptstrasse mit ein paar Nebenstrassen, jedenfalls sind wir die Hauptstrasse (klar. Bergauf) 3km hochgelaufen. Mit den schweren Rucksäcken. Steil. Schwer. Puh. Nach 1,5 Stunden haben wir was nettes gefunden. Und jetzt heißt es jedes mal, wenn wir in den Ort wollen, 3km laufen. Freide pur, kann ich sagen. Vor allem mit Muskelkater in den Beinen.

Joa. Ist jetzt nicht chronologisch, aber schreiben mit Struktur und Ordnung liegt mir ja nicht so. Kann euch meine ehemalige Deutschlehrerin mit Sicherheit bestätigen.

Es ist einfach so krass, dass ich schon in weniger als einem Monat wieder in Dortelweil sein werde. Nach 10 erlebnisreichen Monaten in Indien, Thailand und Nepal. Gott, was werde ich mein Leben vermissen. Varanasi mit allen und allem, was dazu gehört fehlt mir ja jetzt schon.

Deutschland. Hmm.

Das Schlimmste ist, dass ich noch nicht weiß, wann ich zurückkommen kann. Nach Varanasi 🙂 zu meinen Freunden. Meiner Schule. Meiner Stadt. Meinem Leben!

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