Kein Firstworldproblem in Varanasi

Natürlich gibt es Neuigkeiten. In meinem Zimmer gabs nen großen Kabelbrand, alles an Elektrizität ist durchgeschmort und hat die Farbe und Plastikumhüllung der Kabel mitgerissen. Ich komme also heute Abend (Montag, Internet geht nicht) von Meena heim, es hatte geschüttet und ich war froh, heim zu kommen und duschen zu können. Da sagt Shiva (viele nennen Ihre Kinder nach Göttern und sonstigen positiven Dingen, wie Sonne, Gebet, Wasserfall, Mond,…), dass es in meinen Zimmer gebrannt habe, ich soll mir aber keine Sorgen machen, all meine Sachen sind heile, nur mussten sie deshalb in mein Zimmer. Shiva kenne ich seit meinem ersten Tag in Varanasi, da er in dem Restaurant, in dem ich anfangs häufig gegessen habe, arbeitete und wir uns aus Mangel an Kunden und aus Langeweile unterhalten haben. Er ist echt nett und gibt gerne Tipps, wie man an was gut und günstig rankommt. Hat mir aus dem Restaurant auch für 9 Monate Besteck ausgeliehen, damit ich mal Salat oder so machen kann. Und er war es, der mir die Neuigkeit überbracht hat. Auch wenn viele Inder keine Ironie verstehen, macht es ihnen Spaß, Ausländer zu verarschen (find ich ein cooles Hobby), weshalb ich mir nicht so sicher war, wie ernst ich das jetzt nehmen soll. Will ja als Indienerfahrene nicht auf die ollen Ausländerverarschen reinfallen.
Joa. War keine, mach die Tür zu meinem Zimmer auf und alles bis zum Bett ist voll mit abgebröckelter Farbe, Plastikstücken und verkohlten Kabelresten. Also noch chaotischer, als vorher.
Meine erste Reaktion war wieder, zu lachen, weil es einfach so typisch ist. Weil es geschüttet hatte und der Boden dann ein reines Dreckschlaraffenland ist, hat der Elektriker auch den gesamten Boden mit Dreck vollgeschmiert. Ist also nicht umbedingt der Ort, an dem man dann ruhig schlafen geht. Obwohl schon wieder neue Kabel verlegt waren, da waren sie echt schnell. Keine Ahnung, wie sie das so schnell geregelt haben ^^ der Elektriker meinte auch zu mir, dass Ventilator und eine Lampe funktionieren, morgen früh würde er auch beide Steckdosen, das Nachtlicht und die Notstromlampe richten. Freundlicherweise wurde mir ein neues Zimmer angeboten, hab ich auch angenommen. Voll gut, hier hab ich mein eigenes Bad und muss nicht einen Stock tiefer in die Gemeinschaftsdusche. Was hauptsächlich deshalb blöd ist, weil ich immer irgendwas vergessen habe.
Ich hab jetzt also ein noch größeres Bett und ein eigenes Bad.

Meena, die Freundin, mit der ich im Dorf war, hat sich das Handgelenk gebrochen und trägt jetzt einen Gips. Weil es die rechte Hand ist, kann sie weder in ihrem Laden Henna malen, noch kochen oder sonst irgendwas tun. Sie wohnt ja mit ihrem Sohn, ihrer Schwester und deren Kinder bei ihrem Vater, man sollte also meinen, dass es kein Problem ist, weil es ja noch genügend andere Familienmitglieder gibt, die kochen und waschen können. Falsch gedacht, ich hab ja schonmal erwähnt, dass ihre Familie blöd ist. Ihre kleine Schwester erlaubt ihr seit über einem Jahr nicht, die Küche zu benutzen, weshalb sie sich eine kleine Kochstelle im Aufenthaltsraum eingerichtet hat. Sie hat zwar den Vater drauf angesprochen, der meint aber, sie soll auf ihre Schwester hören. Wtf?! Außerdem darf auch ihr Sohn seitdem nicht mehr überall in der gemeinsamen Wohnung spielen…
Naja, jedenfalls kann Meena nicht mehr kochen, am ersten Tag hat eine gute Freundin ihr und ihrem Sohn gekocht und Essennvorbwigebracht. Weil Anshika, ihre Schwester (Lehrerin an unserer Schule) nur für sich, ihre Kinder und den Vater kocht. Am nächsten Tag ist besagte Freundin dann zum Vater und hat ihn gebeten, doch bitte für seine Tochter und Enkel zu kochen, da Meena ja gehandicapt ist und gnädigerweise hat er ja gesagt. Wow. Eine Ehrenmedallie an diesen Vater. Gestern zum Beispiel aber war er bis Nachmittags unterwegs und hat Anshika gebeten, für Meena und Aditya mitzukochen. Was sie natürlich erst nachmittags gemacht hat, als ich da war und der Vater kam. Und in Indien ist es den Leuten mega wichtig, jede Mahlzeit einzunehmen und das mehr oder weniger zur selben Zeit.
Als ich wegen meiner Verdauung mal mit Megs in Bangalore zum Arzt bin, hat er mich als erstes gefragt, ob ich regelmäßig und genug esse. Hier ist es also ein riesen Ding, wenn man bis nachmittags nichts isst. Und da Meena leider keinen Geldscheißer hat, kann sie es sich nicht leisten, im Restaurant zu essen. Sie kann ihrem Sohn nichtmal Pausenessen mitgeben, sondern 5Rs, was 7ct entspricht und davon kann man sich gerade mal ein Samosa (frittierte Teigtasche mit Kartoffelfüllung) kaufen. Nicht umbedingt ein Frühstück oder Mittagessen.
Sie ist halt jemand, der nicht streitet und deshalb ihre Schwester walten lässt.
Dann hat sie ihren Mann gefragt, ob er nicht herkommen kann.
Ihr Arm muss nämlich eigentlich operiert werden, jedoch weigert sich Meena, weil sie ihren Arm dann 3 Monate nicht belasten darf. Und dabei geht es 1. darum, dass der Vater niemals so oft kochen wird und sie ihren Laden nicht betreiben kann, also keinerlei Einnahmen hat und nichtmal Essen kaufen kann. Außerdem hat sie das Geld für die OP nicht. Krankenversicherung gibt’s jedenfalls in der Kaste nicht. Die Reichen haben sowas bestimmt.
Sie hat also ihren Mann gebeten, mit ihrer Tochter herzukommen und sie zu unterstützen. Macht er aber nicht. Er war seit 3 Jahren nicht in Varanasi, da solange der Streit herrscht und er dann nicht kommen will. Meena soll mit Aditya in sein Dorf kommen. Er soll also nicht mehr zur Schule gehen und dadurch mindestens ein Jahr verlieren, außerdem ist es dann nicht leicht, wieder einen Platz in der Schule zu bekommen. Und das alles, nur weil er sich nicht wohl fühlt bei der angespannten Situation in Varanasi.
So ein scheiß Weichei. Sie sagt es zwar, ich glaube es aber nicht, dass sie ihn liebt. Es war eine klassische „arranged marriage“. Es gibt zwar durchaus Ehen, die daraus tatsächlich entstehen, wie bei Megs Bruder und seiner Frau. Sie wurden auch verheiratet, ohne sich zu kennen und jetzt sind sie ein echt tolles Paar. Aber das passiert vermutlich bei gerade mal 0,3% der Fälle. Bei Meena ist es nicht so. Ich hab ja schon erzählt, wie bescheuert, ihre Schwiegerfamilie ist, und der Mann schert sich nen Dreck um sie. Dabei hat sie als Frau die Looserkarte gezogenen. Sie musste zu ihrer Schwiegerfamilie ziehen (wegen der Schulbildung der Kinder und damit der Vater nicht allein ist, kann sie zum Glück in Varanasi leben), sich von ihm schwängern lassen (sie liebt Kinder und ihre ganz besonders, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass sie ohne aufgeklärt worden zu sein mit 20 in ihrer Hochzeitsnacht von einem Mann, den sie bis Dato 3x gesehen hat, ohne zu reden, entjungfert werden wollte.) und ohne jegliche Hilfe die beiden Kinder großziehen. Ehepaare, wie sie es sind, sind in meinen Augen, wie ich es erlebe, fremde Leute, die sich über die Jahre zwar kennen lernen und evtl sogar etwas Zuneigung empfinden und intim werden, weil es zur Kultur gehört, früh viele Kinder zu bekommen. Die Frau hat eindeutig das schlechte Los gezogen und Meenas Mann hat nichtmal genug Wille, ihr, SEINER verdammten Familie zu helfen, wenn sie es mal braucht. Den kann sie in die Tonne kloppen.

Was ich nicht vergessen werde ist, dass mir Meena auf dem Weg mit der Riksha vom Bahnhof nach Hause nach dem Kurztrip gesagt hat, dass ihr Mann ein guter Mann ist, weil er für mich eine Riksha organisiert hat, um mich die Straße runterzufahren (wäre zwar lieber gelaufen, aber das verstehen Inder nicht. Sie leben ganz nach dem Motto ‚Sport ist Mord‘) und in Ayodhya hat er ja ein Taxi gebucht, das uns zu den ganzen Tempeln gebracht hat (ihr wisst, wie begeistert ichdavon war). Da hat sie mir auch gesagt, dass sie zum ersten mal die Tempel gesehen hat. Sie wollte zwar schon oft hin, aber es sei dann immer was dazwischen gekommen. Seit 12 Jahren. Wenn ihr Mann sie auch nur etwas kennt, weiß er, wie wichtig ihr die Religion und damit auch die Tempel sind. Und er bringt es erst auf die Reihe, wenn ich da bin. Und auch nur, um es mir zu zeigen. Meena war ja nur dabei, weil ich zufällig ihre Freundin bin.
Was finde ich diese Familie scheiße.

Seit mir bewusst geworden ist, dass es für sie das erste mal in den tempeln war, fühle ich mich schlecht, sie gegen Ende hin gedrängt zu haben, nicht den Zug verpassen zu wollen. Wir waren immerhin bei Tempeln, die für Hindus ungemein wichtig sind, zum Beispiel einer an einer Badestelle, an der der Gott Rama sein Bad genommen haben soll. In dem Moment dachte ich, sie ist ständig dort, weil sie sehr oft in dem Dorf ist. Aber dass sie zum ersten mal in diesen heiligen und ihr so wichtigen Tempeln ist, war mir nicht bewusst.
Ich finde es halt besonders traurig, dass Sanjay nicht etwa seiner Frau die Tempel zeigt, sondern dass sie sie quasi zufällig, weil ich Shrea treffen will und deshalb im Dorf sein kann, da bin und sie mir gezeigt werden.

Jetzt hat Meena also ihren Gips und jedes mal, wenn der Arzt sagt, dass sie operiert werden muss, sagt sie, dass es nicht geht, weil sie 2 kleine Kinder hat und es in der Familie niemanden gibt, der sie unterstützt. Das tut mir echt weh. Es wäre vermutlich kein Problem für mich, ihr die OP zu zahlen, da ich kaum glaube, dass die über 200€ kostet. Die HüftOP ihres vaters vor 3 Jahren hat knapp 300€ gekostet. Aber was bringt es, wenn sie operiert wird und am Ende mit ihrem Sohn hungert? Ich wünschte, das wäre passiert, als ich Zeit hatte. Dann hätte ich sie unterstützen können und es hätte funktioniert. Aber so ist sie ziemlich verzweifelt, weil sie auch ganz schön Schmerzen hat und weiß, dass eine OP besser wäre.

Übrigens wurden wir im Zug doch kontrolliert, als Meena kein Ticket hatte. Auf dem Weg zur Toilette ist sie dem Schaffner begegnet und hat erklärt, dass sie ihr Ticket verloren hat. Sie hat ihm 100Rs (statt 70Rs fürs Ticket) gegeben, damit er sie nicht offiziell die Strafe zahlen lässt. Sie hat dann erwähnt, dass die Touristin (also ich) zu ihr gehört, dass ich aber ein Ticket habe. Irgendein Typ aus dem Zug hat dann bezeugt, dass auch er gesehen habe, dass ich ein Ticket habe.
Keine Ahnung, warum die da so ein Drama draus gemacht haben, immerhin hätte ich es ihnen auch einfach zeigen können. So sind sie 2x im Wagon vorbei und haben vermutlich 10 Minuten über mich gesprochen. Ich hab davon nichts mitbekommen, hab wahrscheinlich gerade den Blogbeitrag geschrieben.

Das war also eine lange Story über Meena und ihr Leben.
Was ich noch loswerden möchte: falls irgendwann jemals nach Varanasi kommen und meine Freunde kennen lernen sollte. Es ist viel zu intim, was ich aus ihren Leben berichte, außerdem extrem beleidigend (zum Beispiel meine Meinung zu Meenas Mann. Das könnte ich ihr nie sagen), also nie darüber sprechen, was ich erzähle. Außer sowas, wie die Tempelbesuche (aber auch dazu nur die Tatsache ohne Wertung) könnt ihr gerne erwähnen, das wird sie stolz machen. Dass ich mich so für ihre Kultur interessiere und sie sie mir zeigen konnten.

LG Julia

PS: beinah hätte ich es vergessen: Sophie kam mich wieder besuchen, sie hatte sich wohl wieder beruhigt. Ich hoffe nur, dass ihr bei dem kleinen Unfall nichts passiert ist… aber sie ist schlau und flink, bestimmt hat sie sich in Sicherheit gebracht 🙂

PPS: mittlerweile ist ja Dienstag abend und ich habe 2 ehemalige Schüler, Ity und Abishek auf der Straße getroffen. Hat mich riesig gefreut, sie zu sehen. Die Geschwister waren das Grauen eines jeden Lehrers, sind aber natürlich trotzdem liebenswert. Wo ich ihnen nichts mehr beibringen muss 😀

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