Tempelhopping auf dem Land

Es ist Montag Abend, ich sitze jetzt im Zug auf der Rückfahrt von meinem kleinen Ausflug mit Meena und Aditya in ihr Dorf.
Es ist echt interessant, wie unterschiedlich die Kultur innerhalb eines Staates sein kann. Gerade, weil ich noch vor ein paar Tagen in Bangalore, der modernen Großstadt war, war es jetzt ein umso größerer Kontrast zu sehen, was mir Meena in ihrem Dorf gezeigt hat. Zuerst sind wir 4St mit dem Zug nach Malipur gefahren. Das erste, was dabei jetzt erst bewusst geworden ist, ist dass sämtliche Züge auch in Käffern halten. Sowas, wie eine Einteilung in Nah- und Fernverkehr gibt es bei den Zügen nicht, nur halten die Züge nicht alle in allen Käffern, sondern in unterschiedlichen. Manche in mehreren, manche in weniger.
Als wir angekommen sind, hat uns Meenas Mann vom Bahnhof abgeholt und allein der 100m lange Weg zum Haus hat mich in diesem Ort zum absoluten Hit gemacht. Ich bin die erste Ausländerin, die den Ort betreten hat und falls es sowas, wie ein Buch für Ehrengäste gegeben hätte, stünde ich da jetzt mit ziemlicher Sicherheit auf Platz 1 (hier verirrt sich garantiert kein Bollywoodstar oder der Premierminister hin, und cooler als ich wird sonst kaum ein Inder sein) ^^
Allerdings hat Meena auch von verheiratete aber relativ freie Frau in den Modus ‚Schwiegertochter‘ gewechselt, da dies hier ihre Rolle ist. Und dazu gehört als erstes, den Kopf incl Gesicht weitesgehend mit dem Saree zu bedecken, sobald andere, als der Ehemann und weibliche Verwandschaft incl eng befreundete Freundinnen, anwesend sind. Also immer, wenn man nicht gerade daheim ist und kein Gast/männliches Familienmitglied da ist. Zu dieser Rolle gehört auch, sich den Schwiegereltern und Männern der Familie Untertan zu machen, oder wie man hier so nett dazu sagt „respektieren“. Dieser Respekt ist so eine Sache. Einseitig und auslegbar auf jeden Wunsch/Befehl.
Wenn die Schwiegermutter sagt, dass sich Meena nur in ihrem Zimmer, ihrem Bad und natürlich der kleinen Abstellkammer=Küche ohne Licht aufzuhalten hat, dann tut sie das. Und zwar die vollen 12 Jahre lang, in denen sie dort gelebt hat.
Als sie mir mit einer Riksha das Dorf gezeigt hat (eine Straße 1km lang runterfahren), meinte sie, das sei das 2. mal, dass sie die Straße betritt. Ihre Schwiegermutter hat es ihr verboten, nur musste sie einmal ins Krankenhaus. Und jetzt ist die ja in einer anderen Stadt und da ich ja ihre Freundin bin, wurde es ihr wohl doch gestattet. Erst hatte sie mich aber gefragt, ob es OK ist, wenn ihr Mann mitkommt. Ich hab zwar ja gesagt, wäre aber nicht umbedingt begeistert gewesen, weil ich ihn da seit 5min kannte und er so gut wie kein englisch spricht.

Und wie wir auf der Riksha saßen, war endlich mal sie die coole im Dorf. Alle schauten zu uns auf, Kinder liefen hinter der Riksha her, alle zeigten mit dem Finger auf mich, wer nicht im Shop oder auf der Straße war, stand oben am Rand des Hausdaches und winkte von da. Sie hat dann nach ein paar Metern den Saree soweit runtergleiten lassen, dass nur ein Teil ihrer Haare bedeckt war und hat staunend wahrgenommen, wie plötzlich sie ganz klar im Mittelpunkt steht. Weil sie vermutlich die einzige ist, die sich richtig mit mir unterhalten kann und weil ich IHRE Freundin bin.
Ein Junge kam auf dem Fahrrad vorbeigefahren, schaute ständig zur anderen Seite. Beinahe hatte ich den Drang, ihn aufzuhalten. Ich mein Junge, du verpasst gerade die Sensation des Jahres, wenn du dich nicht endlich umdrehst. Wer weiß, vielleicht hatte er schlechtes Karma gesammelt, er ist vermutlich der einzige des Dorfes, der alles verpasst hat.

Das Haus hat ca 45qm, aufgeteilt in 4 Zimmer und 2 Badezimmer. In jedem Zimmer steht ein 1,40m Bett (heißt hier ja Platte auf 4 Beinen mit einer dünnen Decke, um das Schlaferlebnis  irgendwie zu einem zu machen), einem Schrank und einem Spiegel. Es ist das Haus der Familie von Meenas Mann, jedoch wohnen die Eltern nur ein paar Monate vom Jahr hier, hauptsächlich halten sich also der Schwager mit Frau und Kind auf. Und die 2 Kühe, die aus einem mir nicht ganz begreiflichen Grund in einem Unterstand zur draußen sich (unter einem Dach) befindlichen Küche und Aufenthaltsraum hin untergebracht sind. Im so entstehenden Innenhof spielt sich das Leben ab. Zusammen mit 1000 Fliegen und dem zehnfachen an Mücken. Und Kröten, Mäusen. Hier wurden nachts die Betten aufgestellt und Mückennetze drübergespannt, damit man bei Stromausfall wenigstens theoretisch die Möglichkeit hat, etwas Wind abzubekommen.

Ich sitze also im Zug, denke über Meenas Leben nach, darüber, wie viel Glück ich mit meiner Familie, meinem Land und meiner Kultur habe. Wie ungerecht mal wieder alles ist.
Und dann schaue ich raus, sehe Reisfelder, Palmen, Hirten mit Ziegen oder Büffeln, Schwärme von Vögeln, Häuser aus Ästen mit Plastikplanen oder Ziegeln, Zuckerrohrplantagen, Bauern, die auf ihren Feldern arbeiten. Ab und zu habe ich Glück, der Zug fährt sehr langsam und es wird friedlich. Ruhig nicht, solange Inder im Zug sind, aber friedlich. Und das entspannt 🙂

 

Nach einer Übernachtung sind wir dann um 5 geweckt worden, damit wir um kurz nach 6 mit dem Taxi zu irgendeinem berühmten Tempel fahren können. Der Plan für denTag war lange und der Tempel ist nur um diese Uhrzeit nicht überfüllt. Wobei Tempel eine nette Beschreibung ist. Es ist ein riesiger Baum, um den quasi rundum eine Terasse gefliest ist. Und darauf geht man dann Runden um den Baum, hängt Glocken auf, wenn man einen besonderen Wunsch an die Götter hat, der erfüllt werden soll (es hängt ein Menge Glocken an dem Baum) und schüttet Milch mit Blütenblätter auf den Baum und die kleinen Götterstatuen, die dabei stehen.

Danach sind wir zurück, die Frauen haben gekocht und dann ging es mit dem Zug nach Ayodhya, dem jetzigen Wohnort der Schwiegereltern und des Mannes mit Shrea. Da haben wir Tempelhopping gemacht. Den ganzen Mittag und Nachmittag. Tempel find ich zwar in Ordnung, aber sooo toll jetzt auch wieder nicht. Die meisten finde ich hässlich und dreckig. Aber Meena ist es sehr wichtig, deshalb hab ich brav mitgespielt. Bei fast allen Tempeln kam ein „Julia, you can take a picture if you want“ was hieß ‚Julia, mach ein Foto‘, also hab ich Fotos gemacht. Ich glaube, dass sie sich in die Religion flüchtet, weil ihre eigene und auch die Schwiegerfamilie sie nicht gut behandeln und sie es auch sonst nicht umbedingt leicht hat. Es ist ja generell so, dass sich Leute besonders dann an Gott/die Religion wenden, wenn es ihnen schlecht geht und ich würde mal behaupten, dass es die Hoffnung in Karma und die Wiedergeburt ist, was vielen Leuten hier im täglichen Dasein ein großer Trost ist. Was ihnen den Antrieb gibt, weiterzumachen.

Das Tempelhopping ging dann sogar soweit, dass Meena meinte, dass wir den Zug nach Varanasi nicht mehr bekommen und wahrscheinlich erst am nächsten Morgen los können. Fand ich garnicht geil, weil ich die Familie nicht leiden kann (zu mir sind sie aber natürlich durchaus nett) und vor allem, weil ich bestialisch von Mücken attackiert werde. Den Viechern ist auch egal, ob ich Repellent benutze, ich bin komplett verstochen. Und in einem Land, in dem Malaria und Denguefieber gerade nach der Regenzeit verbreitet sind, finde ich das nicht so toll… In Varanasi ist es aber nicht halb so schlimm. Einen Tempel später hat der Mann im Internet gelesen, dass der Zug eine knappe Stunde Verspätung hat und wir ihn evtl doch bekommen. Und wir fahren in den nächsten Tempel. Und in den übernächsten (der schönste:)

Und dann muss ich ja umbedingt noch den Fluss sehen, bis wir endlich zurück fahren. Sie haben das gemacht, weil sie wollen, dass ich sehe, was ihnen wichtig ist. Weil sie davon ausgehen, dass ich all die Tempel umbedingt sehen muss.

Zurück im Haus hatte die Schwiegermutter dann die Schwägerin angerufen und gefragt, ob ich alles essen würde, und ob es etwas gebe, das ich besonders gern mag. Die hat zwar keine Ahnung, machte aber auch keine Anstalten, Meena zu fragen. Wenn ihr mich fragt, alles Idioten in der Familie. Der Mann scheint zwar OK, aber der könnte sich ja wohl auch mal für seine Frau einsetzen. Tut er aber nicht. Die Schwiegermutter macht dann einen Snack mit Ghee, hat schon alles in den Topf geworfen (als letztes das Ghee), da hab ich Meena dann gesagt, dass ich das nicht essen werde, weil Ghee nicht vegan ist. Sie hat mich zwar gefragt, ob ich nicht ein bisschen nehme, ist ja schließlich nur wenig Ghee drin. Ist mir aber egal, hätte die mal Meena gefragt. So hat sie das ganze halt nochmal mit Öl zubereitet und danach nicht mehr gelächelt. Gibt schlimmeres ^^ dabei müssten die es doch sehr wohl verstehen, immerhin sind sie vegetarisch und essen kein Ei, und wenn ich ihnen was mit Ei drin gegeben hätte, hätten sie das auch niemals gegessen.

Shrea, Meenas Tochter, wollte mich zwar umbedingt treffen, aber Meena hat die Hälfte ihrer Geschenke vergessen und mein Handy hat sie auch fast nie bekommen. Sollen die Kinder die Handys ihrer Eltern zerstören. Dafür, dass meins kaputt geht, kann ich sehr gut selbst sorgen ^^ sie war also doch nicht allzu begeistert von mir.

Letztendlich waren wir rechtzeitig am Bahnhof, weil wir aber so spät dran waren und Meena ihr Portemonnaie nicht gefunden hat, hat sie nur ein Ticket für mich besorgt, als sie zu uns kam und Geld holen wollte, kam aber der Zug und nur ich hatte ein Ticket.
Also hat sie ihrem Schwager Bescheid gegeben, dass er ihr 2 Tickets geben soll und zum Bahnhof bringt (der glücklicherweise der übernächste Halt auf unserer Strecke war). Hat er auch gemacht, außerdem hat ihr Mann der Schwägerin gesagt, sie solle uns bitte was kochen. Als wir am besagten Bahnhof ankamen, hat der Schwager Meena eine Tüte Essen gegeben. Ihr war nämlich auch so richtig unangenehm gewesen, dass wir für die Fahrt kein Essen hatten. Dabei war mir das vollkommen egal. Sie kam zurück zu uns, setzt sich erleichtert hin, der Zug fährt los, ich frage, ob sie auch die Tickets bekommen hat und… nein. Am Bahnsteig steht eine Frau, die verzweifelt „Mera chota batcha“ (mein kleiner Sohn) ruft, ihr Junge ist im Zug, sie aber nicht. Der Zug hält ein Stück weiter wieder an und irgendwie findet sie ihren Sohn noch. Das ganze war wohl der Grund dafür, dass der Schwager die Tickets vergessen und nur Essen gebracht hat. Man muss eben Prioritäten setzen 😀
Wir wurden auf der gesamten Fahrt nicht kontrolliert, also ist alles gut gegangen. 500m vor Varanasi hat der Zug dann gehalten und stand erstmal. Und da es gut sein kann, dass der sich erstmal 45min nicht von der Stelle bewegt, bis er endlich in den Bahnhof einfährt, beschließen wir auszusteigen und mit meiner Taschenlampe an den Gleisen entlang zum Bahnhofzu laufen. Das ist kein Problem, weil die Türen sowieso immer offen sind. 100m bevor wir das Ziel erreicht haben, ist der Zug dann in den Bahnhof eingefahren. Joa, des hatte sich also nicht zu sehr gelohnt, machen wir auch nicht mehr.

Das war’s zum Kurztrip aufs Land 🙂

Letztens, als ich in der Nähe der Schule in einer Gasse war, ist mir eine Frau entgegengekommen und fing direkt an, sich zu beschweren, dass ihr Sohn keine Schuluniform hat. Ich hab die Frau noch nie vorher gesehen, vermute aber mal, dass ihr Sohn in unseren Kindergarten geht. Die Schuluniformen wurden erst diese Woche geliefert, die Kindergartenkinder bekommen zuletzt welche, da viele nur zur Schule kommen, um die gratis Uniform, Schulbücher und Stifte zu holen und dann nie wieder erscheinen. Um das zu vermeiden, bekommen sie sie erst spät, wenn man einen ersten Eindruck davon hat, wie regelmäßig sie zum Unterricht kommen.
Die Frau hat natürlich auf hindi auf mich eingeredet, ich hab also nicht mehr verstanden, als dass sie eine Uniform für ihren Sohn will und hab sie auf Purnima, die stellvertretende Leiterinverwiesen.
Und dann gibt es in der Gasse noch ein Mädel (etwa mein Alter), die mich am 2. Schultag mit „Hello Julia“ begrüßt hat, und jedes mal, wenn ich sie sehe, ruft sie mir zu und holt ihre Schwester, damit die mir auch hallo sagen kann. Ich hab keine Ahnung, woher sie weiß, wer ich bin und dann auch noch meinen Namen kennt. Aber in Stille Post wäre der Durchschnittsinder wohl Weltmeister. Bestimmt kennt ein Nachbar von ihr nen Freund, dessen Schwägerin nen Sohn in der Schule hat oder so. Die wissen immer über alles Bescheid. Aber gut, wenn man den Tag nichts macht, als den Haushalt, braucht man ja auch Ablenkung.
Im Moment ist ein Amerikanischer Lehrer im Kindergarten dabei und am Tag, als er im Gasthaus ankam und ich gerade zur Schule bin, hat er mich angesprochen und gefragt, ob ich nicht Julia, ein ehemaliger Volunteer in der Schule sei. Jo. Bin ich 😀
Mein Berühmtheitsgrad hat sich also nicht verringert ^^

LG Julia

 

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