Ab in die Wildnis

Jetzt, wo ich wieder so richtig fit bin, kommt auch Tambdi Dad in Fahrt. Gestern Abend habe ich zum ersten mal meine Flöte ausgepackt und ein wenig vorgespielt. Er stellt fest, dass ich ganz andere Musik darauf spiele, als er gewohnt ist – aber es gefällt ihm. Immerhin, denn beim Weihnachtsabendessen, das ich für alle zubereitet hatte, sagte mir Tambdi dad im Nachhinein auf die Frage, ob es ihm geschmeckt hätte lachend „no like“. Das ist mal eine klare Antwort. Wir sitzen mittags gemeinsam im Wohnzimmer, Tambdi Mum, Tambdi Dad, eine Schwester von Tambdi mum und ich. Und mangels Internet und damit verbundenen Übersetzungshilfen unterhalten wir uns zu 50% mit Wörtern auf marathi, hindi und englisch und 50% Gestiken. Wir unterhalten uns über den Unterschied der Mentalitäten von Deutschen und Indern und meiner Zeit in Varanasi. Irgendwann kommt Tambdi Dad eine Idee. Ein paar hundert Meter weiter ist eine Schule und er ist überzeugt, dass die „armen Kinder“ dort noch nie eine Ausländerin zu Gesicht bekommen haben. Und da ich ja schonmal Lehrerin war, könnte ich ja an die Schule gehen und mich einen Vormittag vorstellen und ein wenig Fragen beantworten. Er denkt, dass es von meiner Seite aus schon reichen würde, wenn ich die Kinder nach ihren Namen fragen würde. Das würde sie sicher freuen. Ich sage, dass ich das gerne tun kann (warum auch nicht? Ich glaubeeh nicht, dass das was wird) und dann führt er noch weiter aus. Ich habe ja die Flöte hier und singen kann ich auch. Und beides ist etwas, das sich von der regionalen wie auch nationalen Musik arg unterscheidet. Am Ende findet er, es sollte reichen, wenn ich was vorsinge. Ich habe das Gefühl, nur glatt einem „Mrs Julia Mam festival“ der Schule entkommen zu sein. Tambdi Dad ruft direkt irgendwen an und erzählt von der Idee. Leider hat er keine Telefonnummer der zuständigen Person (wer auch immer das sein mag), aber er weiß schon, von wem er sie bekommt. Er ist zuversichtlich, morgen werde ich mich dort vorstellen.

Hier mit Tambdi Eltern an Weihnachten vor unserem geschmückten Mangobaum:

Ich bin gespannt. Zum einen möchte ich unter keinen Umständen als weißer Übermensch präsentiert werden, zum anderen bin ich aber für einige Leute die erste Ausländerin, Weiße, Westlerin, die ihnen persönlich begegnet. Und ein paar Fragen zu beantworten sowie ein wenig von einer anderen Kultur zu zeigen, kann ja eigentlich nicht schaden.
Mal ganz davon abgesehen planen Chichi und ich aber, morgen gemeinsam ans Meer zu fahren und die Verwandschaft mit den Mangonachbarn zu besuchen (leider ist keine Mangosaison. Das ist äußerst schwer verkraftbar). Da Pläne hier aber doch sehr flexibel sind, warte ich mal ab, ob und wann eine der beiden Ideen zur Umsetzung kommt.

Mal wieder liege ich. Dabei lässt es sich auch einfach am gemütlichsten schreiben, finde ich. Ich liege auf einer Matte auf dem Boden des Wohnzimmers von Verwandten von Tambdi Mum. Gestern Abend sind wir spontan aufgebrochen, um Silvester zu feiern. Eigentlich wollten wir schon vor 3 Tagen her fahren, aber wir sind ja alle flexibel. Wir sind hier in dem Ort, wo ich im Mai die ganzen Mangos herbekommen hatte. Bin also minimal voreingenommen und liebs.
Gestern Abend, am 31.12.24 (ein Tag nachdem ich hätte in die Schule gehen sollen. Überraschung, hat nicht geklappt da gerade Prüfungen anstehen) war noch nicht viel geplant. Chichi hat das etwas gestört, er wollte Silvester doch lieber feiern und nicht nur gemütlichen mit den Eltern im Wohnzimmer sitzen. Also haben wir um 9 beschlossen, zur Verwandschaft zu fahren. Darauf folgt ein längeres Telefonat, um die glücklichen über unsere Ankunft zu informieren. Dann gehen wir noch duschen, packen unsere Sachen, warten auf irgendwas, warten auf das Abendessen (das gibt’s meistens gegen 12 Uhr nachts) und dann brechen wir schon um halb 11 auf. Einen kleinen Abstecher machen wir noch zu einem Freund, um dessen Motorrad auszuleihen. Es ist eine Kasasaki, mehr weiß ich nicht-aber scheinbar recht fancy. Damit brechen wir dann endgültig auf. In der Nacht kühlt es zwar nicht arg runter, es hat kaum unter 17°. Aber dazu kommt Nebel und mit dem Fahrtwind ist es dann doch etwas frisch. Genau deswegen habe ich eine dünne Softshelljacke dabei, die ich über mein T-Shirt und die Bluse abziehe. Außerdem binde ich mir ein Koftuch, um den Kopf zu schützen und ziehe die Kaputze auf. Chichi lacht mich aus und fragt wieder mal, wie ich in Deutschland eigentlich klarkomme, wenn mir ja jetzt schon kalt sei. Er hat sich eine Strickjacke übers T-Shirt gezogen, trägt eine Mütze (Helme hat man hier ja keine auf. Nicht einmal der Fahrer) und Stoffmaske, um die staubige Luft ein wenig zu filtern.

Die Straßen sind fast leer, die Shops alle zu und man sieht niemanden. Ein sehr ungewohnter Anblick. Laut Chichi sind die Leute alle drinnen und feiern dort. Wir fahren über Land, kommen immer wieder durch kleine Ortschaften und dafür, dass heute Silvester ist und 0 Uhr kurz bevor steht, sehe ich keine Anzeichen.
Als wir bei der Verwandschaft ankommen, sind sie bereits alle im Bett und es ist 0:11 Uhr. Ich habe Silvester verpasst. Ich glaube, ich habe noch nie nicht mitbekommen, wann genau 0 Uhr ist. Das finde ich etwas traurig. Chichis Vorstellung von Silvester feiern trifft das wahrscheinlich auch nicht, aber da wir beide müde sind, gehen wir auch direkt schlafen.

Gegen 8 Uhr morgens werde ich durch die Geräusche der Frauen im Haushalt wach und stehe auf. Es ist noch etwas frisch und auch hier auf dem Land hört man außer Tieren nicht viel. Zwei Hähne krähen unregelmäßig, ab und an bellt mal ein Hund und sonst höre ich nur Geräusche aus der Küche.
Eine Weile sitze ich hier vor dem Haus und schaue einfach ins nichts. Das ist schön. Nachdem mich die zweite Frau fragt, ob ich mich nicht frisch machen mag, gehe ich duschen. Ich werde hier überdurchschnittlich oft gefragt, ob ich duschen gehen will. Vermutlich möchten sie einfach sehr zuvorkommend sein, manchmal fühlt es sich aber auch komisch an, des öfteren gefragt zu werden. Aber ok. Normal dusche ich morgens nach dem Aufstehen (weil ich hier erste gegen 10 aufstehe und es bis dahin schon heiß ist, hat man bis dahin bereits geschwitzt) und abends, wenn es etwas abgekühlt hat und man das Haus nicht mehr verlässt oder es kühl genugist, dass man nicht mehr schwitzt. Im Gegensatz zu Chichis Haus gibt es hier keinen Boiler, sondern man kocht Wasser über einem offenen Feuer in einem der Räume des kleinen Hauses. Den Blecheimer nimmt man dann mit ins Badezimmer und da mir das Wasser viel zu heiß ist, mische ich es mit kaltem Wasser. Was mich noch immer irritiert ist, warum in vielen Badezimmern nur Wasserhähne auf Kniehöhe sind, aber keine Duschköpfe. Der Wasserdruck wäre ausreichend und ich finde es deutlich angenehmer, im stehen zu duschen. Aber das ist wahrscheinlich auch einfach nur Gewöhnungssache.

Der Blick von unserer Terasse auf eine Schule:

Ich gehe eine Runde durch das Dorf spazieren und dann frühstücken wir vor dem Haus. Nach und nach gesellen sich einige Nachbarn zu uns, manche von ihnen erzählen direkt, wo sie mich heute schon gesehen haben. Es entsteht quasi ein Bewegungsprofil von mir und das, obwohl ich hier garkeinen Empfang habe. Manchmal braucht man garnicht so viel Technik. Da außer meinem persönlichen Übersetzer niemand englisch kann und mein Übersetzer leichte Motivationsprobleme aufweist, findet nicht viel weitere Konversation statt. Aber das ist ok. Dann kommt mein Lieblingsnachbar vorbei, er grinst schon von weitem. Er hatte mir die meisten Mangos von seinem Baum gepflückt. Absolut sympathisch. Und nachdem er gefragt hat, seit wann ich wieder hier bin, möchte er wissen, ob ich zur nächste Mangosaison wieder komme. Ich könne wieder jede Menge Mangos mitnehmen. Hui, und schon ist er ganz weit vorne mit dabei auf der Liste meiner Lieblingsmenschen in Asien. Eigentlich hatte ich nicht vor, schon wieder im Mai herzukommen, aber bei dem Angebot muss ich mir das auf jeden Fall nochmal überlegen! Ich zeige ihm Fotos von meinem Mangofest und er freut sich, dass seine Mangos so viele Leute so weit weg gefreut haben.

Zusammen mit 2 Cousinen machen wir uns dann auf den Weg. Wir wollen etwas durch die Gegend laufen und sind mit Snacks, einem Lautsprecher und viel Wasser ausgerüstet. Wir laufen ziemlich lange und kommen des öfteren an Abzweigungen von Trampelpfaden, wo wir schauen müssen, wie es weiter geht. Offenbar haben wir ein genaueres Ziel. Eine Cousine ist recht schnell schlapp, wegen ihr hätten wir wohl auch einfach vor dem Haus sitzen bleiben können. Sie fragt ab und an, wie weit es noch ist. Irgendwann finden wir die Straße: sie ist ein unbefestigter Feldweg mit Reifenspuren. Kurz später taucht ein riesiges Privatgrundstück vor uns auf, das eine Kokosnuss- und Bethelnussplantage ist. Wir gehen durch das Tor und gleich fühlt es sich etwas verzaubert an. Zum einen ist alles um uns herum grün und nicht staubig rot. Zum anderen herrscht überall Schatten, was bei 35° doch recht angenehm ist. Auf dem Grundstück befindet sich eine kleine Gebetsstätte für Hindus. Keiner von uns ist Hindu, aber der Ort hat trotzdem etwas und so bleiben wir eine Weile dort. Aus Respekt ziehen wir hier, mitten im Wald die Schuhe aus. Das finde ich zum einen eine schöne Geste, manchmal aber auch etwas übertrieben. Wie hier zum Beispiel. Der Wald ist offensichtlich nicht stubenrein und doch ziehen wir die Schuhe aus, um nichts zu beschmutzen. Temperaturtechnisch ist es so aber eh angenehmer. Wir gehen noch ein Stück durch den Garten/Wald und an einigen der Palmen wächst die Kletterpflaze Pfeffer! Da man den wohl auch frisch essen kann, probiere ich gleich ein paar Kügelchen. Schmeckt wie Pfeffer in saftig.

Der Ort zum Beten:

Und ein Blick wie im Jungle:

Schließlich machen wir uns wieder auf den Weg. Wir wollen uns den Sonnenuntergang überm Meer anschauen und anschließend zurück nach Tambdi fahren. Als wir an dem Ort ankommen, den Chichi sich überlegt hatte, sind uns da schon zu viele Leute und wir fahren weiter zu einer alten Burg. Hier ist nichts los, was deutlich angenehmer ist. Das mag eventuell auch daran liegen, dass wir von hier zwar eine tolle Sicht aufs Meer haben, jedoch nicht die Sonne sehen können. Wäre aber auch sehr inkonsequent von uns, jetzt tatsächlich den Sonnenuntergang zu sehen. Wo wir weder den Sonnenuntergang in den Bergen gesehen haben (zu spät dran), noch den Sonnenaufgang überm See (zu spät dran), wo wir auch etwa eine halbeStundezu spät waren. Auch so ist die Stimmung sehr schön und wir lauschen dem Meeresrauschen. Als es dunkel ist, fahren wir zurück. Die Fahrt ist interessant. Zum einen beschließt ein Motorradfahrer der anderen Fahrtrichtung spontan, rechts abzubiegen (im Linksverkehr) und so fahren wir ihm fast quer rein. Wir kommen beim Ausweichen ganz schön ins Schlingern, aber es passiert nichts. Dann sieht Chichi an 2 Stellen zu spät, wie viele Schlaglöcher sich in der größtenteils guten Straße plötzlich auftun und wir fahren viel zu schnell drüber. Auf dem kleinen Motorrad kann ich mich kaum mit den Beinen abstützen und so fährt es voll in den Rücken. Ich fühle mich alt. Auf halber Strecke wird mir dann mitgeteilt, dass wir noch einen kurzen Abstecher bei einer Cousinen machen. Eine andere Cousine hätte ihn angerufen und gesagt, dass Rupa mich gerne kennenlernen würde. Er hat kaum Kontakt, beschließt aber, dass wir trotzdem kurz vorbeischauen könnten. Er stellt sich ins Dunkel, während ich an der Haustür klopfe. Auf die Frage, wer es ist, sage ich nur meinen Namen. Ihr Sohn, ca. 18 Jahre öffnet und fragt, was ich will. Ich frage, ob Rupa da ist und er bejaht. Fragt dann, ob ich mit Prachit da wäre und fragt, wo der sei. Ich zeige auf ihn und er kommt vor. Das findet alles auf marathi statt und ich freue mich, dass ich mich zumindest ein ganz wenig verständigen kann.
Wir kommen rein und offensichtlich freuen sie sich über unseren Besuch. Wir bekommen direkt Süßigkeiten und Getränke angeboten. Und dann reden sie alle ewig miteinander, ohne mich weiter zu beachten. Da ich nicht das Bedürfnis habe, ständig im Zentrum des Geschehens zu sein, finde ich das durchaus ok. Aber wunder mich schon ein kleines bisschen, wie sie mich so kennenlernen wollen. Irgendwann zeigt der Sohn Chichi was auf dem Handy und der nickt ihm zu. Dann zeigt er mir wortlos den Bildschirm, auf dem steht „is Prachit your boyfriend?“. Gut, das ist mal eine direkte Frage. Ich antworte lachend nein und frage Prachit, wieso der ganz normal genickt hat, als ihm das Handy mit den englischen Wörtern gezeigt wurde. Er meint, ihm würde eh nicht geglaubt. Es stellt sich raus, dass die 4 garkein englisch können und der Sohn hält mir noch ein paarmal das Handy mit Fragen hin. Ich antworte ihm mit dem Google translator bzw. zeige ihm auf maps, wo ich genau herkomme. Irgendwann schauen wir alle ein Foto von ihm und seiner Freundin an und plötzlich hält Rupas Mann sein Handy in die Mitte. Er zeigt uns ein Bild von mir. Ah ja. Ein Bild von meinen Tambdi Eltern und mir, welches er rangezoomt hat. Wir sind bei Verwandten meiner indischen Familie und es sollte mich eigentlich nicht weiter überraschen, dass sie ein Foto von mir haben, bevor ich sie persönlich treffe. Trotzdem muss ich erstmal lachen. Ich muss noch ziemlich dafür kämpfen, sie davon zu überzeugen, dass ich nichts weiter essen möchte und wir fahren weiter. Der Rest der Fahrt ist dann noch ganz angenehm.

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