Schlafen gegangen bin ich kurz nach dem Abendessen. Abends brauche ich immer etwas Zeit, um das erlebte zu verarbeiten. Das ganze dabei schriftlich festzuhalten, tut mir gut. So ist dieser Blog überhaupt erst entstanden.
Ich darf als einzige Göttin im Haushalt im Zimmer mit Bett schlafen. Was mich letztes Jahr noch etwas gestört hat, finde ich jetzt gut. Zum einen hoffe ich, dass ein Innenraum etwas wärmer bleibt als die umliegenden Räume und außerdem gehe ich deutlich früher schlafen als der Rest. So liege ich nicht im Weg und vor allem auch nicht mittem im lautstarken Gequatsche. Gegen halb 9 am nächsten Morgen wache ich auf und kann nicht mehr schlafen, weil mir doch kalt ist. Wie „kalt“ genau, weiß ich nicht. Aber ich schätze es werden so an die 18°C sein. Gegen 10 stehen die andere auf und da schließe ich mich an. Die 3 haben im Wohnraum geschlafen, auf Matten auf dem Boden. Die Mutter fängt an zu kochen.
Heute ist ein ganz besonderer Tag, denn meine beste Freundin bringt heute den kleinen Leo zur Welt. Ich brauche also dringend Internet. Ich mache mich dafür mit Chichis und meinem Handy (ich habe keine lokale Simkarte) auf den Weg ins Gebüsch, wo man scheinbar Empfang hat. Ich finde die Stelle und wir können ein paar Nachrichten austauschen. Dann gehe ich zurück und es gibt Frühstück: Chapati mit gekochten Kartoffeln (in Gewürzsauce). Es folgt eine sehr lange Konversation zwischen Onkel, Tante und mir mit einem überraschend motivierten Übersetzer Chichi. Gut, vielleicht hat zu seiner Motivation beigetragen, dass ich ihn vor 2 Tagen ziemlich klar gesagt habe, wie blöd es sich anfühlt, wenn die anderen versuchen, mir was zu sagen oder über mich reden und er sich weigert, zu übersetzen. Er beteuerte zwar, dass das keinesfalls gegen mich und viel mehr gegen besagte Personen gerichtet ist, aber das ändert verschwindend wenig an meinem Empfinden. Wir reden nun über ihren Sohn in der 10. Klasse und ihre Erwartungen an ihn. Und weil sie erzählen, dass sie sich für Prasen wünschen, dass er mal im Ausland arbeitet und sich dort niederlässt, sprechen wir auch übers Studium, Werdegänge, Möglichkeiten für Ausländer im fremden Land und schließlich sehr viel über kulturelle Unterschiede zwischen Indien und Deutschland. Das finde ich wichtig. Zum einen ist es für mich natürlich ganz angenehm, weitere Aspekte und Perspektiven kennenzulernen – zum anderen freut es mich auch, Menschen ein wenig Einblick ins Fremde geben zu können, die wenig Möglichkeiten haben, direkt mit anderen Kulturen in Berührung zu kommen.
Schließlich brechen wir auf. Auf geht es mit dem Motorrad den schmalen Erdweg entlang zurück zur Hauptstraße. Und wir werden schon erwartet. Auf etwa halbem Weg steht DIE KUH. Daran, wie sie zu uns aufschaut und losrennt, als wir umdrehen, um zurück zum Haus zu fahren, merken wir, dass es tatsächlich die gleiche sein muss. Und auch heute ist sie uns nicht wohl gesonnen. Wobei wir wirklich sofort umgedreht haben, als wir sie entdeckt haben. Das war auch gerade noch rechtzeitig, denn wieder entkommen wir ihr nur knapp. Wären wir auf einer asphaltierten Straße, hätte die Kuh sicherlich keine Chance, aber sie scheint sich ihrem Vorteil der buckeligen Erdpiste bewusst zu sein. Diesmal haben wir das halbe Dorf als Zeugen. Ein Nachbar winkt uns kurz darauf zu, dass wir jetzt schnell fahren sollen. Und das tun wir auch. Lachend aber auch mit einem kleinen Schock.
Ein anderer Erdweg und andere Kühe 🙂
In Indien gibt es 3 Jahreszeiten: Winter, Sommer und Monsun. Im Januar ist Winter und die Temperaturen schwanken zwischen ca. 16°C nachts und 30°C tagsüber. Da keine Regenzeit ist, strahlt die Sonne am blauem Himmel. Der Fahrtwind ist sehr angenehm. Wir fahren an einer Farm vorbei, an der wir schon häufiger vorbei gekommen sind. Und mehrmals haben wir auch schon gesagt, dass wir mal dort halten wollen. Der Zeitpunkt ist jetzt gekommen. Wir halten vor dem Tor und gehen auf das Grundstück. Es ist ein riesiger Garten voll mit Obstbäumen und -strächern. Und 2 Melonenfeldern, die mich optisch an Spargelfelder erinnern. Wir treffen auf einen Mann, er ist der Besitzer des ganzen und führt uns gerne rum und zeigt uns seine Pflanzen. Seine Frau und er legen den Garten in Permakulturweise an, lediglich die beiden Melonenfelder werden künstlich bewässert und werden für Wirtschaftszwecke angebaut. Den Rest bezeichnen sie als Hobby, eigentlich arbeiten die beiden nämlich als Autoren und Editoren. Auf ihrem Grundstück haben sie 14 indische und 7 nicht heimische Mangoarten, Papayas, Chikus, Rosenäpfel, Mandarinen, Jackfruits, Orangen, mehrere Beeren, blaue und gelbe Bananen, Kokosnüsse und Pflanzen, aus deren Samen man Lebensmittelfarbe herstellen kann. Das sind gerade alle, an die ich mich erinnere, es waren noch einige weitere dabei, die ich garnicht kannte. Ihr Sohn lebe in Mannheim, erzählen sie mir, als aufkommt, dass ich Deutsche bin. Und sie hätten Mitleid mit ihm und den ganzen anderen Deutschen, die auf den Genuss ihrer Früchte verzichten. Die beiden sind mir sehr sympathisch. Ihr Konzept lautet, jeder kann kommen und selber ernten. Wie schade, dass ich zur falschen Jahreszeit gekommen bin. Die meisten Früchte werden im Sommer (ab Mai rum) Saison haben. Trotzdem geben sie uns aber eine kleine Tüte mit noch nicht reifen Chikus, Bananen und Zitronen aus Malta mit. Da freue ich mich schon sehr drauf!
Und dann ist es schon wieder Nachmittag und nach einem weiteren Zwischenstopp auf einem Feld im Schatten eines Mangobaums fahren wir in Mamas Dorf. Mama (gesprochen Maamaa) heißt Onkel mütterlicherseits und es ist der Onkel, dessen Nachbar mir mal einige Kilo Mangos geschenkt hatte. Mangos gehören leider auch zu den Früchten, die jetzt Blüte haben und erst im Mai reif sind. Wir bekommen Chapatis und Bohnen zum Abend und fahren zum Sonnenuntergang wieder an einen See. Er ist ungewöhnlich voll, sodass wir garnicht zu unserem Baum kommen. Aber auch von der Seite aus haben wir eine schöne Aussicht und können ab und an ein paar Affen beobachten.
Unser Gefährt des Vertrauens am See:
Nach dem Abendessen fragt mich der Sohn von Mama, ob ich mit ihm Federball spielen möchte. Ich bin bereits geduscht und trage ein Nachthemd, aber bin dabei. Draußen ist es schon etwas frisch, sodass ich mit meinen Wanderschuhen, Nachthemd und Pulli drüber in der Beleuchtung der Veranda Federball spiele. Das ist ein guter Abend. Als wir fertig sind, sagt er noch etwa 5x good night zu mir und ringt mir das Versprechen ab, morgen wieder zu spielen. Leider stehe ich aber zu spät auf und er muss schon los zur Schule. Am Vorabend wurde mir empfohlen, besser im Haus der einen Familie zu duschen, da der Raum hier etwas höher ist und es für mich daher angenehmer ist. Mir wurde in einem großen Topf Wasser erwärmt, das in einen Eimer mit Schöpfer umgefüllt wurde. Bis ich am nächsten Morgen aufstehe, ist es schon sehr warm. Außerdem war die Nacht auch recht warm und so beschließe ich, dass ich auch mit normalem Wasser duschen kann. Als ich aus dem Bad rauskomme, fragt Chichi direkt, wo ich denn gesteckt hätte – sie hätten mich gesucht. Als ich ihm sage, dass ich geduscht habe, fragt er mich direkt, wer mir denn Wasser aufgewärmt hätte? Berechtigte Frage, da ich hier mit praktisch niemandem kommunizieren kann. Dass ich kalt geduscht habe, hält er für völlig absurd.
Das Abendessen:
Dafür kommt ein anderer Nachbarsjunge vorbei und begrüßt mich direkt mit „hello Julia didi“ (hallo Schwester Julia). Dabei grinst er breit. Ich bin beeindruckt, dass er meinen Namen kennt. Letztes Jahr war ich zur Generalprobe der örtlichen Grundschule für ihre Tänze eingeladen worden und habe dabei sehr viele Kinder getroffen. An sein Gesicht erinner ich mich nicht mehr. Auch abseits des Jungen kommen immer wieder Nachbarn vorbei, die von meiner Anwesenheit erfahren haben. Sie gesellen sich dann etwas zu uns, unterhalten sich aufgrund der Sprachbarriere ausschließlich mit den anderen und winken zum Abschied.
Am Mittag brechen wir mit dem Mangoonkel (eigentlich Nachbar) auf, er will uns eine Höhle zeigen. Während er mit Flipflops und einer Machete losläuft und uns im Gebüsch immer wieder einen Weg freischlägt, fühle ich mich in meinen Wanderschuhen leicht overdressed. Aber ich habe auf dieser Reise ausschließlich die Wanderschuhe und ein Paar Flipflops dabei und da sind mir für so einen Ausflug die festen Schuhe dann doch lieber. Zwischendurch (als wir mitten im Wald sind und viel Schatten haben) deuten sie mir an, ich soll mein Tuch lieber wieder als Kopftuch tragen und möglichst viel Gesicht bedecken. Chichi erklärt, dass hier scheinbar Pflanzen wachsen, die bzw deren Blüten einen Juckreiz auf der Haut hervorrufen. Nach ca. 45 min sind wir an der Höhle angekommen. Sie ist klein aber sehr kühl. Wir bleiben einen Moment hier und machen uns dann wieder auf den Rückweg.
Mit einer Cousine vor der Höhle:
Am späten Nachmittag fahren wir wieder heim. Wir machen am gleichen Straßenstand Zwischenstopp, bei dem wir auch schon auf dem Hinweg gehalten hatten: hier gibt es frische Wassermelone, Pomelos und die obligatorische Auswahl an frittierten Snacks. Der Stand liegt an einem See mit Seerosen. Und Krokodilen, die wir aus der Ferne schwimmen sehen. Wir kommen noch an bevor es dunkel und damit kühl ist, was mir sehr recht ist. Die Muter erwartet uns schon und fragt mich als erstes, warum ich denn in der Früh kalt geduscht hätte? Zum einen bin ich ja sehr glücklich, dass ich die Frage auf marathi verstehe (zumindest die Wörter kay = warum / angol = Dusche / tandi = kalt / pani= Wasser). Und zum Anderen wundere ich mich, warum sie a. davon weiß und b. warum das von Relevanz ist. Ich sorge offensichtlich wieder für Gesprächsthemen.
Den Abend lasse ich mit einem Gespräch mit den Eltern ausklingen. Und auch hier verstehe ich wieder ein bisschen was auf marathi. Einmal versucht der Vater, mir was zu erzählen, er sucht dabei verzweifelt nach einem Wort auf englisch-bis ich ihm das marathi Wort anbiete und sie freuen sich mindestens so sehr wie ich, dass wir wieder ein bisschen besser kommunizieren können.

























