Die Tage in Chiplun bekommen wir ganz gut rum. Wir fahren mit dem Motorrad auf einen Hügel in der Nähe, machen eine kleine Wanderung und schauen uns von dort den Sonnenuntergang an. Einmal fahren wir zu einem Fluss, der teils unterirdisch verläuft. Auf dem Weg fahren wir lange Strecken durch Wälder, links und rechts nichts weiter als Bäume und Sträucher. Wir fahren um eine Kurve und Chichi fragt, ob ich den Unterschied sehe. Nee. Sie haben hier einen großen Baum gefällt. An dem sind wir letztes Jahr schon ein paarmal vorbei gefahren. Ob ich mich nicht an den erinnern könne. Nee, kann ich nicht. Ich habe zwar einen guten Orientierungssinn und kann mich leicht an Orte erinnern – aber so krass, dass mir ein fehlender Baum in einem Wald auffällt, den ich zuletzt vor einem Jahr durchfahren habe, bin ich auch nicht 😀
Angekommen stellenn wir fest, dass man nicht wirklich viel sieht. Es öffnet sich eine kleine Höhle, aus dem der Fluss rauskommt und oben drüber ist ein ausgetrocknetes Flussbett, das vermutlich nur zur Regenzeit mit Wasser gefüllt ist. Wir laufen ds Flussbett etwas hoch und tatsächlich ist der Weg ganz schön. Es sind interessante Steinformationen.
Einen Tag kommen ein Onkel sowie eine Tante zu Besuch. Sie kenne ich bereits von den letzten beiden malen. Sie sind nett, der Onkel gehört allerdings zur Sorte „ich bin ein erfahrener Mann und sage euch jungen Leuten, was ihr wie zu tun habt“ und da werde ich mit eingeschlossen. Schön, dass ich irgendwie dazu gehöre, aber in dem Bereich könnte ich auch gerne drauf verzichten. Einmal fragt er mich, ob er mir eine persönliche Frage stellen darf und da war ich ja schon neugierig, was da jetzt kommt.
„When are you getting married?“ (Wann heiratest du?) Natürlich. Die Frage aller Fragen. Meine Antwort darauf war, dass ich das nicht weiß, da ich bisher niemanden kennen gelernt habe, mit dem ich das in Betracht ziehen würde. Dann meinte er, er hätte eine Bitte an mich: ich soll bitte schnell heiraten. Meine Frage, warum verwirrt ihn kurzzeitig. Ob das daran liegt, dass er nicht gewohnt ist, dass seine wertvollen Ratschläge hinterfragt werden, oder weil ich als jüngere Frau nicht generell nur ja sage, oder ob es einfach an der sehr großen Sprachbarriere liegt – keine Ahnung. Er antwortet, dass ich dann gesettelt bin. Ab dem Punkt klingt sich Chichi mit in die Konversation ein und wirft ein, dass der Onkel damit sagt, ich hätte jetzt ein unruhiges/nicht zufriedenstellendes Leben aber ab hier ist die sprachliche Barriere zu groß und das Thema verläuft im Sande. Dann bringen wir die beiden zum Busbahnhof, klappern vorher allerdings noch einige kleine Baumärkte ab. Das finde ich ganz interessant. Es gibt zum Beispiel Dachdeckung aus Plastik (ähnlich Wellblech), das die Form und Farbe einer Fläche Ziegel hat. Wir fahren unverrichteter Dinge weiter und verabschieden die beiden nicht, ohne ihnen zu versprechen, sie die nächsten Tage im Dorf besuchen zu kommen. Es ist das Haus, in dem wir letztes Jahr Prasen und seine Oma besucht haben, nur dass Prasen kurz vor Prüfungen steht, daher in Mumbai ist und da die Eltern ihn nicht alleine lassen wollten, ist die Oma jetzt bei ihm.
Am Samstag fahren wir ans Meer. Auf halbem Weg machen wir Zwischenstopp auf einem Hügel und snacken ein Vada Pav, ein Kartoffelbratling mit Gewürzen im Burgerbrötchen.
Mit dem Essen tu ich mir gerade noch etwas schwer. Wir frühstücken gegen 11 (weil ich auch bis 10 schlafe), um 1 gibt’s dann Mittagessen, dann sind wir unterwegs und Abendessen ist dann zwischen 23 und 1 Uhr irgendwann. Gegen 5 gibts „evening tea“ mit Snacks, die verpassen wir aber immer. Wir holen dann oft unterwegs Snacks, aber die sind größtenteils fettig und wenig gesund. Ich verstehe die Essenszeiten nicht. Die waren die letzten 2 Jahre auch schon so komisch, da muss ich mich erst wieder dran gewöhnen.
Gestern Abend vorm späten Abendessen haben sie mir dann gewürzte, scharfe Bananenchips gegeben, ich liebe diese Teile. Das war ein Fehler, weil ich ziemlich Hunger hatte und das Abendessen kaum abwarten konnte. Nachdem ich viel zu viele Chips gegessen hatte, hatte ich zur großen Überraschung von Tambdi mum keinen Hunger mehr und habe nur eine kleine Portion gegessen. Was in dem Fall auch nicht so tragisch war, weil ich fast nur Knoblauch geschmeckt habe. Naja, jedenfalls habe ich mir wegen der vielen frittierten Snacks und Mahlzeiten vorgenommen, „nur noch“ maximal einmal täglich was frittiertes zu essen. Meine Freunde und sämtliche Leute, die sonst mitbekommen, was ich zu mir nehme, finden es fragwürdig, warum ich bei so manchen Snacks nicht zugreife. Chichis Bruder meinte zu mir „don’t think, just eat“ (denk nicht drüber nach, iss einfach), als ich ihm erklärt habe, warum ich nicht endlos viele Chips auf einmal essen möchte und anschließend beim Abendessen bei den frittierten Linsenwaffeln nicht auch noch zugegriffen habe.
Samstag Abend sind wir dann bei der Tante und dem Onkel zu Besuch und übernachten, damit wir nicht so lange durch die Kälte Motorrad fahren müssen. Besonders jetzt kommt uns der Zwischenstopp ganz gelegen, da das Motorradlicht spinnt und erst garnicht funktioniert hat und nach etwas Wackeln an so manchen Kabeln nur leicht. Die Straßen sind nicht beleuchtet und gleichen auf dieser Strecke einer kleinen Kraterlanschaft. Keine gute Voraussetzung, ohne funktionstüchtigem Scheinwerfer unterwegs zu sein. Kurz bevor wir ankommen, fahren wir einen kleinen Erdweg zum Grundstück. Vor uns laufen 2 Kühe, die nach kurzer Zeit mit uns im Rücken losrennen. Chichi fährt ihnen lange ziemlich dicht hinterher und ich habe den Eindruck, das stresst die Tiere. Deshalb schlage ich vor, wir sollten entweder einen größeren Abstand halten oder sie überholen. Chichi ist nicht überzeugt, er hat Angst, dass uns die Kühe angreifen könnten. Er macht es dann aber doch und tadaa, eine der beiden Kühe fängt an, uns garnicht mal so langsam hinterher zu rennen. Gut, meine Expertise im Bereich Kühe auf einem engen Weg mit dem Motorrad überholen, nachdem man ihnen schon ein gutes Stück ziemlich nah hinterhergefahren ist nun nicht mehr 0, sondern hat um eine Erfahrung zugenommen. Wir können ihr tatsächlich nur ziemlich knapp entkommen und ich hatte tatsächlich schiss – immerhin saß ich ja auch noch hinten und wäre zuerst getroffen worden. Chichi hatte also recht. Als die Kuh kurz vorm Haus einen anderen Weg weiter rennt, steigen wir beide leicht geschockt ab und gehen lachend aufs Haus zu. Es ist 21 Uhr und ich hoffe, es gibt bald essen.
Neben dem Haus gibt es ein Klohaus mit 3 Kabinen. Dabei ist eine indische Toilette, auf der man auf dem Boden hockt und eine westliche Toilette. Allerdings hat die Oma den Schlüssel fürs Vorhängeschloss zur westlichen Toilette nicht gefunden, weshalb ich das indische Klo verwendet habe. Dieses Jahr verkündet mir die Tante lächelnd, dass ich auf das erste Klo gehen soll, weil das gut für mich sei. Ein Teil der westlichen Kloschüssel ist noch in der originalen Plastiktüte eingehüllt und ich frage mich, ob ich die Toilette heute einweihe. Außerdem ist die Klobrille an den Stellen, wo beim Hocken die Füße wären so verbreitet, dass man tatsächlich darauf hocken kann. Solche Toiletten habe ich schonmal gesehen, aber ich verstehe den Sinn nicht ganz. Wenn man eh hockt, finde ich es deutlich angenehmer, dafür nicht erst auf eine Kloschüssel steigen zu müssen.
Die Tante kocht mir dann einen großen Topf Wasser und füllt ihn in einen Eimer in der Dusche um, damit ich mit warmem Wasser duschen kann. Dann steht sie mit einem Handtuch bereit und bringt mir eine riesige, neue Seife. Ich sage ihr, dass ich Seife und Handtuch dabei habe und,es nicht benötige. Ein Nachthemd wäre aber super, da ich keins dabei habe. Das sind so kleine Situationen, in denen ich immernoch unsicher bin, wie ich mich richtig verhalte. Um das für die Zukunft zu klären, frage ich später aber nochmal nach. Ich erkläre ihnen, dass ich in Deutschland als Gast alles mitbringen muss, das ich an Kleidung, Duschkram etc benötige und dass ich deshalb alles mitgenommen habe. Und dass ich unsicher war, ob es unfreundlich von mir war, beides aufzuschlagen. Wir reden eine Weile darüber und tatsächlich ist egal, ob ich die Sachen annehme oder nicht, nur müssen sie sie mir als Gastgeber anbieten. Denn hier gilt: der Gast ist Gott. Das Sprichwort finde ich besonders aus dem Mund von Buddhisten witzig, weil sie keinen Gott haben und es ablehnen, eine oder mehrere Götter zu verehren. Zumindest hat Tambdi dad mir das letztes Jahr mal in einem sehr ausführlichen Gespräch erzählt.
Abendessen gibt’s dann um 11.