Noch vor meiner Ankunft in Goa hat Mili mir geschrieben, dass sie gerade Probleme mit einem Auge hat. Zum Beweis hat sie mir 2 Selfis geschickt, auf denen ich speziell am Auge ehrlich gesagt nichts erkennen konnte. Ihr Gesicht wirkte aber geschwollen, daher habe ich ihr geantwortet, dass ihr Gesicht geschwollen ausschaut.
Mit meiner Ankunft und unserem Treffen stelle ich allerdings fest, dass es nicht nur ihr Gesicht ist, sondern sie hat generell ziemlich zugenommen. Ups. Sie fragt mich auch, wie ich es schaffe, nicht zuzunehmen. Und wenn man bedenkt, dass sie ernährungstechnisch quasi mein Antagonist ist und sich ausschließlich von Fleisch, Fisch, Reis und am liebsten Frittiertem ernährt – gepaart damit, dass sie Bewegung verabscheut, hätte ich da schon eine Idee ^^ glücklicherweise gilt man in Indien mit etwas Übergewicht aber ja als „healthy“ (gesund), weshalb sie zumindest deshalb gesellschaftlich keine Diskriminierung erfahren dürfte.
Heute ist Montag, Tag 2. Mili und ich haben beide verschlafen und treffen uns statt 9:30 Uhr erst um 14 Uhr. Sie hat uns einen Roller organisiert und mit dem fahren wir zusammen in die nächst größere Stadt, wobei wir die gewohnten Rollen einnehmen: ich bin Fahrer und sie navigiert. Sie muss zum Arzt und Blut abnehmen lassen und anschließend versucht sie mich in einem Klamottengeschäft davon zu überzeugen, mir irgendwas kaufen zu dürfen. Da gefällt mir aber nichts. Und abgesehen davon geht das auch langsam zu weit. Ich übernachte kostenlos in Suraj‘ Hotel und esse auch kostenfrei in seinem Restaurant. Darauf besteht sie, da er als Mann alle Einnahmen für sich behält und sie stark kontrolliert. Mich einzuladen, ist ein Weg, zumindest ein Bruchstück des ihr zustehenden Gewinns zurück zu bekommen. Und da muss ich an unsere gemeinsame, kleine Reise vor ein paar Jahren denken. Ich war noch Studentin und im Sommer zu Besuch. Und da bei ihr gerade einiges los war, habe ich sie eingeladen, ein paar Tage mit mir zusammen zu verreisen. Und es war auch schön. Es gab jedoch ein paar Situationen, in denen ich mich etwas schlecht gefühlt habe. Und das war zum Beispiel, als sie unbedingt noch essen gehen wollte (ich hatte nicht viel Hunger, mir hätte eine Kleinigkeit gereicht) und ein recht teures Restaurant ausgesucht hat. Da haben wir dann gegessen, sie hat einen gemischten Teller mit 12 verschiedenen Gerichten bestellt und nur ca. 25% davon gegessen, weil sie dann doch schon satt war. Der Rest ging in den Müll. Das fand ich ziemlich blöd. Zum einen, weil ich es prinzipiell blöd finde, Essen wegzuwerfen. Und zum anderen, weil es für dort echt teuer war. Umgerechnet 11€ hatte ihre Mahlzeit gekostet und ich habe mich etwas ausgenutzt gefühlt (man kann auch für 3€ gut essen). Und jetzt ist es das Gegenteil. Ich bin bei ihr zu Besuch und sie zahlt alles und lässt mich nicht einmal die 14ä5 ct für Sicherheitsnadeln lässt Mili mich zahlen. Vielleicht ist das jetzt ihre Art, mir für manche Unterstützung zu danken, vielleicht ist es für sie aber auch einfach klar, dass Familie nicht zahlt, wenn sie die erforderlichen Mittel hat. Ich weiß es nicht. Ich schätze, es ist eher zweiteres und habe ein bisschen ein schlechtes Gewissen, dass ich mich mal etw ausgenutzt gefühlt hatte.
Ich stelle fest, wir sind tatsächlich ein eingespieltes Team und das mit der Navigation klappt überraschend gut! Letztes mal hat sie für jede Richtungsangabe „straight“ (geradeaus) gesagt, aber heute läuft es wie am Schnürchen. Yeah! Das Fahren macht Spaß!
Nach einem ausgiebigen Mittagessen fahren wir zu einem Tempel, an den ein großer Markt angrenzt. In den Tempel geht Mili nicht, denn sie trägt keine 100% saubere Kleidung und außerdem hat sie gerade Fisch gegessen. Soll mir recht sein, denn Tempel habe ich eh schon einige gesehen. Wir schlendern dafür über den Markt, auf dem von Plastikspielzeug über Essen, Handyhüllen, Küchenkram und Taschen fast alles angeboten wird, das man im Alltag so brauchen kann. Wir lassen uns beide eine neue Schutzfolie aufs Handy kleben und sie spielt ein Spiel, bei dem sie Tischtennisbälle in bestimmte Fächer rollen muss. Sie gewinnt ein paar Wäscheklammern und ist zufrieden. Am Abend holen wir auf dem Rückweg noch einen großen Sack Strohhalme fürs Restaurant, bevor es zurück geht. Und auf der Rückfahrt schleicht sich Milis alter Navigationsstil von vor 2 Jahren wieder ein. Erst verwechselt sie mehrmals links und rechts und schließlich sagt sie kaum mehr was und wenn straight. Na gut, vielleicht beschränkt sich unsere gute Teamarbeit auf eine bestimmte Tageszeit.
Meine Zeit in Goa ist schon wieder rum und mein Zug nach Chiplun fährt heute (7.01.) um 10:22 Uhr ab Pernem. Gestern Abend hat Mili zurückgerechnet und meinte, ich sollte am besten um 8 Uhr los. Dann komme ich früh genug an, um mich am Bahnhof zurecht zu finden und den richtigen Zug zu finden. Sangam, der Freund dessen Roller wir auch geliehen hatten, fährt mich zum Bahnhof. Um 8:40 Uhr kommen wir an und an dem Bahnhof gibt es 2 Gleise. Der Bahnhof ist sehr überschaubar. Und jetzt bin ich zwiegespalten. Einerseits weiß ich wertzuschätzen, dass wir überpünktlich sind – aber andererseits hält Mili es offensichtlich für notwendig oder zumindest angemessen, dass ich über eine Stunde habe, um herauszufinden, auf welchem der 2(!) Gleise mein Zug fährt. Ich hätte locker eine Stunde länger schlafen können.
Die Zeit am Bahnhof vergeht dann doch ganz gut. Eine Mutter mit ca. 1 Jahr altem Baby hat mich relativ schnell entdeckt und es sich zum Ziel gemacht, ihr Kind dazu zu bringen, mich verbal zu begrüßen. Das Kind ist süß, winkt mir nach einiger Zeit auch, ist aber wenig gewillt, irgendwas zu mir zu sagen. Die Mutter hat aber eine ordentliche Ausdauer und so verbringen wir recht viel Zeit damit, auf das Kind einzuwirken. Wie sich herausstellt, fahren alle Züge von Gleis und Gleis 2 wird für die Züge ohne Halt verwendet. Ein Polizist bringt für mich in Erfahrung, auf welchem Gleisabschnitt mein Wagon ankommt und gibt mir sogar extra Bescheid, wann ich loslaufen soll. Wir sind etwa eine Stunde verspätet und da irgendwas mit der Angabe des Polizisten nicht passt, steige ich 5 Wagons von meinem entfernt ein. Und muss dann einmal durch den Küchenwagon und laufe somit samt Gepäck einmal durch die fahrende Küche. Als ich meinen Platz finde, er ist in einem klimatisierten Wagon mit Liegeplätzen, bin ich von einer netten Gruppe Männer umgeben, die beruflich Pyrotechniker sind und für eine große Hochzeit in Goa die Feuerwerke gemacht haben. Nach einem kurzen Gespräch lege ich mich erstmal etwas schlafen. Wie erwartet friere ich, denn die Klimaanlage kühlt die 29°C draußen scheinbar nicht nur auf 25°C runter sondern auch mit Wollsocken und Pulli finde ich es nicht angenehm, den kalten Zug auf den Beinen zu spüren. Also setze ich mich irgendwann unten wieder dazu. Die Männer haben Essen bestellt (aus besagtem Küchenwagen) und das wird gerade gebracht. Essen an Bahnhöfen und in Zügen meide ich lieber. Nicht, dass ich schlechte Erfahrungen damit gemacht habe, aber ich kann mir schwer vorstellen, dass das qualitativ und geschmacklich hochwertig ist. Die Männer bestehen allerdings darauf, dass ich mitesse, denn sie hätten eh zu viel. Ich bin mir unsicher, ob sie das wirklich übrig haben, aber da ich schon mehrfach abgelehnt habe und tatsächlich hungrig bin, nehme ich etwas an. Es ist essbar, wird aber vermutlich keinen Michelinstern erhalten. Meine Mitfahrer amüsieren sich darüber, dass die einzige Ausländerin hier vegetarisch isst, während sie Huhn gewählt haben. Zum Abschied schenke ich ihnen eine kleine Packung Spekulatius, die ich als Gastgeschenk aus Deutschland mitgebracht hatte und sie freuen sich sehr darüber.
Nachdem Chichi am Bahnhof in Chiplun erst die andere Ausländerin für mich gehalten hat (die hat braune Haare?!), ist ihm irgendwann doch aufgefallen, dass er der falschen hinterher läuft und findet mich am Ausgang. Und während ich dort auf ihn warte, hält mich ein Fahrer genauso für die andere Ausländerin und versucht mich davon zu überzeugen, dass er mich zu irgendwelchen Leuten/Orten bringt, die mir nichts sagen. Als er mir schließlich ein Telefon in die Hand drückt, an dem mich wer fragt, ob ich denn Mia sei und ich nein sage, glaubt mir auch der Fahrer und läuft kurz später mit der richtigen lächelnd an mir vorbei.
Nach nur 10 min Autofahrt sind wir bei Chichis Familie und ich komme in der idyllischen Ruhe an. Bis vier 6 Monate alte Welpen auf mich zurasen. Für sie verzichte ich aber gerne auf die Ruhe!


