Im Himmel auf Erden

Es ist Mittag und aus einem mir etwas unbegreiflichen Grund beschließt Chichi immer dann, dass es ein guter Zeitpunkt zum Aufbrechen ist. Wir fahren in ein nicht weit entferntes Stück Wald, in dem er eine Hütte bauen möchte. Prasen und ich werden zusammen mit einem Nachbarsjungen auf einer Bastmatte geparkt und wir sollen hier warten. Ich schlafe erstmal ein wenig und irgendwann kommt die Sonne so stark durch, dass ich beschließe, nicht weiter warten zu wollen. Prasen und ich brechen daher auf und finden Chichi, der nicht ganz nachvollziehen kann, warum wir nicht einfach weiter warten wollten. Da aber auch ihm heiß ist (es hat um die 40°), beschließen wir, wieder zurück zu fahren.

Wieder haben wir Mittag und somit ist Zeit zum Aufbruch. Chichi, Prasen und ich fahren zu Prasens Oma. Prasen ist glücklicherweise von schlanker Statur, sodass wir gut zu dritt auf ein Motorrad passen, dennoch ist die einstündige Fahrt dann etwas eng. Wir halten kurz an, um uns die Beine zu vertreten und schon winkt Chichi ein Motorrad ran und bittet den Fahrer, Prasen bis zum nächsten Markt (20 min) mitzunehmen. Gesagt, getan. Kurz nachdem Prasen wieder bei uns aufsteigt, halten wir an einem Limonadenstand und trinken Lemon Soda. Das ist Sprudelwasser mit Zitronensaft, etwas Zucker, Salz und einer Menge Gewürze. Dann kommen wir auch schon im Dorf bei der Oma an. Prasen zeigt mir die Gegend, es ist schön. Viel Wald. Wir laufen an einem Cashewbaum vorbei und finden zwei Früchte. Die sehen aus, wie gelbe Paprikas in etwas kleiner und wenn man reinbeißt, sind sie ganz süß und saftig. Bis eben wusste ich nicht einmal, dass es auch Cashew Früchte gibt. Dann laufen wir noch an Jackfruitbäumen (leider noch nicht ganz reif), Guavabäumen (keine Saison), Bananenstauden und Kokosnusspalmen vorbei. Der Obsthimmel auf Erden.

Zurück bei der Oma gibt es Mittagessen. Sie hat Cashewcurry gemacht, dazu gibt es Reis mit Dal. Die Cashewkerne sind so weich, dass man sie mit der Zunge am Gaumen zerdrücken kann. Es schmeckt wirklich himmlisch und ich schätze, ich muss wiederkommen. Die Oma erzählt den anderen beiden, dass sie nach der 4. Klasse die Schule abgebrochen habe, da sie ab der 5. Klasse hätte englisch lernen müssen und da hatte sie keine Lust drauf. Jetzt bereue sie es, weil sonst hätte sie sich mit mir unterhalten können. Wie süß. Ich gehe Hände waschen, sie zeigt mir, wo die Seife ist, ich wasche, nicke ihr zu und will wieder gehen. Aber nein, offensichtlich habe ich mir die Hände nicht gut genug gewaschen, denn sie zeigt nein, gibt mir nochmal Seife und so wasche ich nochmal. Jetzt sieht sie zufrieden aus.

Nach einem Mittagsschlaf fahren Chichi und ich noch ans Meer, wie gewohnt mit viel Musik. Bisher habe ich hier noch niemanden in Indien kennengelernt, der/die so viel westliche Musik kennt und hört. Sehr angenehm, denn nur deshalb haben wir eine größere Schnittmenge. Ich habe Chichi zum Geburtstag einen Bluetoothlautsprecher geschenkt, denn die Handylautsprecher, die wir letztes Jahr genutzt haben, sind auf dem Motorrad nicht sonderlich gut hörbar. Und so singen wir lauthals abwechselnd Queen, Adele, John Legend, Bishop Briggs, Imagine Dragons, Jacob Banks und Paris Paloma. Leider verpassen wir den Sonnenuntergang, trotzdem ist es idyllisch. Auf dieser Seite der Küste liegen einige Fischerboote aus Holz und es stehen Hütten aus Bambus und Palmblättern am Strand. Am anderen Ende der Bucht ist eine riesige Fabrik (?) und am Abend ist es beleuchtet, wie eine moderne Stadt. Was für ein grotesker Gegensatz.

Es ist Abend und da ich mein Nachthemd vergessen habe, bekomme ich eins von der Oma. Natürlich ist es pink. Als hätten sich alle Leute in Indien, von denen ich je Klamotten leihe oder geschenkt bekomme, heimlich abgesprochen. Die Oma wohnt im Sommer alleine hier und das Haus ist verhältnismäßig groß, es hat 4 Zimmer. Darin stehen (mindestens) 2 Betten und ich werde gefragt, wo ich am liebsten schlafen möchte. Das ist mir wirklich völlig egal und das sage ich auch, angehängt mit da, wo es am wenigsten stört/Arbeit macht. Die Oma entscheidet, dass ich im Bett schlafen soll und da sie glauben, dass das im Wohnzimmer zu kurz für mich ist, bin ich in einem der anderen Zimmer. Dann sehe ich, wie sie für die 3 im Wohnzimmer auf dem Boden eine Decke ausbreitet. Das sind Momente, in denen ich zwar weiß, dass es Gastfreundschaft ist, aber es sich trotzdem irgendwie blöd anfühlt. Als ich mich ins Bett lege, deckt mich die Oma zu, zeigt auf sich und sagt „grandmother“, lacht und geht schlafen. Und schon ist das komische Gefühl weg.

Am nächsten Morgen frühstücken wir, die Oma hat noch einmal Cashews gemacht. Diesmal aber in einer anderen Sauce – himmlisch. Dann deutet sie mir mitzukommen, sie möchte mich den Nachbarn vorstellen. Wir gehen 2 Häuser weiter und setzen uns auf die Terrasse des Hauses. Sie haben eine Jackfruit und geben mir direkt etwas. Sie ist zwar noch nicht ganz reif, schmeckt aber trotzdem gut. Ich habe einen riesigen Teller bekommen und bitte Prasen und Chichi, mir beim Essen zu helfen, was Chichi dazu veranlasst, der Nachbarin zu sagen, dass ich gerne noch mehr Jackfruit hätte. Idiot. Natürlich bekomme ich jetzt noch mehr, denn meine Abwehr könnte ja auch Höflichkeit/Schüchternheit sein. Dann verabschieden wir uns und gehen zu den nächsten Nachbarn, nicht ohne noch ein Stück Jackfruit für den Abend mitzubekommen.

Am Nachmittag gehen wir auf einen kleinen Hügel und finden einen schattigen Platz hinter einem Cashewbaum, da lege ich mich erstmal schlafen. Nachts etwas weniger schlafen und dafür in der Nachmittagshitze wieder halte ich für garkein schlechtes Konzept. Als ich aufwache, ist Prasen heim gegangen und Chichi kommt gerade von einem Spaziergang zurück. Wir hören noch etwas Musik und unterhalten uns über den unterschiedlichen Alltag seines Lebens hier uns meines in Deutschland. Ich bin etwas neidisch auf ihn, denn er kann sich hier frei bewegen und tun und lassen, was er will. Bin ich bei meiner Adoptivfamilie, kann ich nicht alleine raus, da sie Angst haben, mir könnte etwas passieren. Das ist zwar lieb gemeint, stört mich aber auch. Dann kommt Prasen wieder und fordert uns auf, zurück zu kommen, denn die Dämmerung hat eingesetzt und damit sind auch mehr gefährliche Tiere unterwegs. Die Oma mache sich Sorgen und auch die Nachbarn, da sie gesehen haben, dass wir aufgebrochen sind, aber nicht zurückgekehrt. Hier gebe es Wildschweine, Leoparden, Tiger und vor allem Schlangen und Skorpione. Ich bin es absolut nicht gewohnt, in der Natur Angst vor gefährlichen Tieren zu haben und vielleicht ist es garnicht so schlecht, dass sie hier so gut auf mich aufpassen.

Auf dem Rückweg ruft einer der Nachbarn uns (mich) zu sich und wir machen einen Abstecher zu ihm. Er zeigt auf die Feuerstelle mit den Kochtöpfen darüber und sagt etwas mit Cashew. Ich bin begeistert. Aber die Oma kocht bestimmt auch und so viel, wie man hier immer an Essen serviert bekommt, werde ich sicher keine 2 Abendessen zu mir nehmen können. Dann sagt Chichi mitten im Gespräch, ich soll schon vorgehen und er komme gleich nach. Finde ich unhöflich, aber ok. Zurück bei der Oma frage ich ihn, ob uns der Nachbar zum Essen eingeladen habe und Chichi verneint. Etwa 2 min darauf erklärt mir Prasen, dass uns der Nachbar zum Abendessen eingeladen habe. Aha. Ich frage Chichi, was es mit der Diskrepanz dieser 2 Aussagen auf sich hat und er sagt, dass der Nachbar betrunken sei und er deshalb nicht will, dass wir/ich hingehen. Ich fühle mich umsorgt. Etwa eine halbe Stunde später steht besagter Nachbar vor dem offenen Fenster und fragt, ob wir jetzt kommen. Ich verstehe nicht, was sie reden. Ich sehe aber, dass die Oma auch nicht begeistert wirkt. Chichi dreht sich zu mir um und fragt „oder Julia, du machst doch eine Diät, bei der du nur eine Mahlzeit am Tag isst?“ Ich bestätige auf hindi „ja, nur eine“ und so zieht er wieder ab. Das wurde vorerstauf morgen verschoben. Die Oma wirkt zufrieden.

Dann essen wir Abend und wie immer muss ich stark für meine essenstechnischen Grenzen einstehen. Als ich dennoch etwas mehr gegessen habe, als ich Hunger gehabt hätte, bin ich froh, als der Teller endlich leer ist und direkt räumt ihn die Oma ab. Dann kommt sie 2 min später lächelnd mit einer Schale Jackfruit (die von den Nachbarn) aus der Küche und stellt sie vor mich. Ein klassischer Oma-move. Wie konnte ich mich nur täuschen und glauben, fertig gegessen zu haben? Tatsächlich ist die Jackfruit so weit nachgereift, dass das Fruchtfleisch nun ganz weich und süß ist. Ziemlich gut.

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