Ein weiterer Kuhzwischenfall und kalte Duschen

Schlafen gegangen bin ich kurz nach dem Abendessen. Abends brauche ich immer etwas Zeit, um das erlebte zu verarbeiten. Das ganze dabei schriftlich festzuhalten, tut mir gut. So ist dieser Blog überhaupt erst entstanden.
Ich darf als einzige Göttin im Haushalt im Zimmer mit Bett schlafen. Was mich letztes Jahr noch etwas gestört hat, finde ich jetzt gut. Zum einen hoffe ich, dass ein Innenraum etwas wärmer bleibt als die umliegenden Räume und außerdem gehe ich deutlich früher schlafen als der Rest. So liege ich nicht im Weg und vor allem auch nicht mittem im lautstarken Gequatsche. Gegen halb 9 am nächsten Morgen wache ich auf und kann nicht mehr schlafen, weil mir doch kalt ist. Wie „kalt“ genau, weiß ich nicht. Aber ich schätze es werden so an die 18°C sein. Gegen 10 stehen die andere auf und da schließe ich mich an. Die 3 haben im Wohnraum geschlafen, auf Matten auf dem Boden. Die Mutter fängt an zu kochen.

Heute ist ein ganz besonderer Tag, denn meine beste Freundin bringt heute den kleinen Leo zur Welt. Ich brauche also dringend Internet. Ich mache mich dafür mit Chichis und meinem Handy (ich habe keine lokale Simkarte) auf den Weg ins Gebüsch, wo man scheinbar Empfang hat. Ich finde die Stelle und wir können ein paar Nachrichten austauschen. Dann gehe ich zurück und es gibt Frühstück: Chapati mit gekochten Kartoffeln (in Gewürzsauce). Es folgt eine sehr lange Konversation zwischen Onkel, Tante und mir mit einem überraschend motivierten Übersetzer Chichi. Gut, vielleicht hat zu seiner Motivation beigetragen, dass ich ihn vor 2 Tagen ziemlich klar gesagt habe, wie blöd es sich anfühlt, wenn die anderen versuchen, mir was zu sagen oder über mich reden und er sich weigert, zu übersetzen. Er beteuerte zwar, dass das keinesfalls gegen mich und viel mehr gegen besagte Personen gerichtet ist, aber das ändert verschwindend wenig an meinem Empfinden. Wir reden nun über ihren Sohn in der 10. Klasse und ihre Erwartungen an ihn. Und weil sie erzählen, dass sie sich für Prasen wünschen, dass er mal im Ausland arbeitet und sich dort niederlässt, sprechen wir auch übers Studium, Werdegänge, Möglichkeiten für Ausländer im fremden Land und schließlich sehr viel über kulturelle Unterschiede zwischen Indien und Deutschland. Das finde ich wichtig. Zum einen ist es für mich natürlich ganz angenehm, weitere Aspekte und Perspektiven kennenzulernen – zum anderen freut es mich auch, Menschen ein wenig Einblick ins Fremde geben zu können, die wenig Möglichkeiten haben, direkt mit anderen Kulturen in Berührung zu kommen.

Schließlich brechen wir auf. Auf geht es mit dem Motorrad den schmalen Erdweg entlang zurück zur Hauptstraße. Und wir werden schon erwartet. Auf etwa halbem Weg steht DIE KUH. Daran, wie sie zu uns aufschaut und losrennt, als wir umdrehen, um zurück zum Haus zu fahren, merken wir, dass es tatsächlich die gleiche sein muss. Und auch heute ist sie uns nicht wohl gesonnen. Wobei wir wirklich sofort umgedreht haben, als wir sie entdeckt haben.  Das war auch gerade noch rechtzeitig, denn wieder entkommen wir ihr nur knapp. Wären wir auf einer asphaltierten Straße, hätte die Kuh sicherlich keine Chance, aber sie scheint sich ihrem Vorteil der buckeligen Erdpiste bewusst zu sein. Diesmal haben wir das halbe Dorf als Zeugen. Ein Nachbar winkt uns kurz darauf zu, dass wir jetzt schnell fahren sollen. Und das tun wir auch. Lachend aber auch mit einem kleinen Schock.

Ein anderer Erdweg und andere Kühe 🙂

In Indien gibt es 3 Jahreszeiten: Winter, Sommer und Monsun. Im Januar ist Winter und die Temperaturen schwanken zwischen ca. 16°C nachts und 30°C tagsüber. Da keine Regenzeit ist, strahlt die Sonne am blauem Himmel. Der Fahrtwind ist sehr angenehm. Wir fahren an einer Farm vorbei, an der wir schon häufiger vorbei gekommen sind. Und mehrmals haben wir auch schon gesagt, dass wir mal dort halten wollen. Der Zeitpunkt ist jetzt gekommen. Wir halten vor dem Tor und gehen auf das Grundstück. Es ist ein riesiger Garten voll mit Obstbäumen und -strächern. Und 2 Melonenfeldern, die mich optisch an Spargelfelder erinnern. Wir treffen auf einen Mann, er ist der Besitzer des ganzen und führt uns gerne rum und zeigt uns seine Pflanzen. Seine Frau und er legen den Garten in Permakulturweise an, lediglich die beiden Melonenfelder werden künstlich bewässert und werden für Wirtschaftszwecke angebaut. Den Rest bezeichnen sie als Hobby, eigentlich arbeiten die beiden nämlich als Autoren und Editoren. Auf ihrem Grundstück haben sie 14 indische und 7 nicht heimische Mangoarten, Papayas, Chikus, Rosenäpfel, Mandarinen, Jackfruits, Orangen, mehrere Beeren, blaue und gelbe Bananen, Kokosnüsse und Pflanzen, aus deren Samen man Lebensmittelfarbe herstellen kann. Das sind gerade alle, an die ich mich erinnere, es waren noch einige weitere dabei, die ich garnicht kannte. Ihr Sohn lebe in Mannheim, erzählen sie mir, als aufkommt, dass ich Deutsche bin. Und sie hätten Mitleid mit ihm und den ganzen anderen Deutschen, die auf den Genuss ihrer Früchte verzichten. Die beiden sind mir sehr sympathisch. Ihr Konzept lautet, jeder kann kommen und selber ernten. Wie schade, dass ich zur falschen Jahreszeit gekommen bin. Die meisten Früchte werden im Sommer (ab Mai rum) Saison haben. Trotzdem geben sie uns aber eine kleine Tüte mit noch nicht reifen Chikus, Bananen und Zitronen aus Malta mit. Da freue ich mich schon sehr drauf!

Und dann ist es schon wieder Nachmittag und nach einem weiteren Zwischenstopp auf einem Feld im Schatten eines Mangobaums fahren wir in Mamas Dorf. Mama (gesprochen Maamaa) heißt Onkel mütterlicherseits und es ist der Onkel, dessen Nachbar mir mal einige Kilo Mangos geschenkt hatte. Mangos gehören leider auch zu den Früchten, die jetzt Blüte haben und erst im Mai reif sind. Wir bekommen Chapatis und Bohnen zum Abend und fahren zum Sonnenuntergang wieder an einen See. Er ist ungewöhnlich voll, sodass wir garnicht zu unserem Baum kommen. Aber auch von der Seite aus haben wir eine schöne Aussicht und können ab und an ein paar Affen beobachten.

Unser Gefährt des Vertrauens am See:

Nach dem Abendessen fragt mich der Sohn von Mama, ob ich mit ihm Federball spielen möchte. Ich bin bereits geduscht und trage ein Nachthemd, aber bin dabei. Draußen ist es schon etwas frisch, sodass ich mit meinen Wanderschuhen, Nachthemd und Pulli drüber in der Beleuchtung der Veranda Federball spiele. Das ist ein guter Abend. Als wir fertig sind, sagt er noch etwa 5x good night zu mir und ringt mir das Versprechen ab, morgen wieder zu spielen. Leider stehe ich aber zu spät auf und er muss schon los zur Schule. Am Vorabend wurde mir empfohlen, besser im Haus der einen Familie zu duschen, da der Raum hier etwas höher ist und es für mich daher angenehmer ist. Mir wurde in einem großen Topf Wasser erwärmt, das in einen Eimer mit Schöpfer umgefüllt wurde. Bis ich am nächsten Morgen aufstehe, ist es schon sehr warm. Außerdem war die Nacht auch recht warm und so beschließe ich, dass ich auch mit normalem Wasser duschen kann. Als ich aus dem Bad rauskomme, fragt Chichi direkt, wo ich denn gesteckt hätte – sie hätten mich gesucht. Als ich ihm sage, dass ich geduscht habe, fragt er mich direkt, wer mir denn Wasser aufgewärmt hätte? Berechtigte Frage, da ich hier mit praktisch niemandem kommunizieren kann. Dass ich kalt geduscht habe, hält er für völlig absurd.

Das Abendessen:

Dafür kommt ein anderer Nachbarsjunge vorbei und begrüßt mich direkt mit „hello Julia didi“ (hallo Schwester Julia). Dabei grinst er breit. Ich bin beeindruckt, dass er meinen Namen kennt. Letztes Jahr war ich zur Generalprobe der örtlichen Grundschule für ihre Tänze eingeladen worden und habe dabei sehr viele Kinder getroffen. An sein Gesicht erinner ich mich nicht mehr. Auch abseits des Jungen kommen immer wieder Nachbarn vorbei, die von meiner Anwesenheit erfahren haben. Sie gesellen sich dann etwas zu uns, unterhalten sich aufgrund der Sprachbarriere ausschließlich mit den anderen und winken zum Abschied.

Am Mittag brechen wir mit dem Mangoonkel (eigentlich Nachbar) auf, er will uns eine Höhle zeigen. Während er mit Flipflops und einer Machete losläuft und uns im Gebüsch immer wieder einen Weg freischlägt, fühle ich mich in meinen Wanderschuhen leicht overdressed. Aber ich habe auf dieser Reise ausschließlich die Wanderschuhe und ein Paar Flipflops dabei und da sind mir für so einen Ausflug die festen Schuhe dann doch lieber. Zwischendurch (als wir mitten im Wald sind und viel Schatten haben) deuten sie mir an, ich soll mein Tuch lieber wieder als Kopftuch tragen und möglichst viel Gesicht bedecken. Chichi erklärt, dass hier scheinbar Pflanzen wachsen, die bzw deren Blüten einen Juckreiz auf der Haut hervorrufen. Nach ca. 45 min sind wir an der Höhle angekommen. Sie ist klein aber sehr kühl. Wir bleiben einen Moment hier und machen uns dann wieder auf den Rückweg.

Mit einer Cousine vor der Höhle:

Am späten Nachmittag fahren wir wieder heim. Wir machen am gleichen Straßenstand Zwischenstopp, bei dem wir auch schon auf dem Hinweg gehalten hatten: hier gibt es frische Wassermelone, Pomelos und die obligatorische Auswahl an frittierten Snacks. Der Stand liegt an einem See mit Seerosen. Und Krokodilen, die wir aus der Ferne schwimmen sehen. Wir kommen noch an bevor es dunkel und damit kühl ist, was mir sehr recht ist. Die Muter erwartet uns schon und fragt mich als erstes, warum ich denn in der Früh kalt geduscht hätte? Zum einen bin ich ja sehr glücklich, dass ich die Frage auf marathi verstehe (zumindest die Wörter kay = warum / angol = Dusche / tandi = kalt / pani= Wasser). Und zum Anderen wundere ich mich, warum sie a. davon weiß und b. warum das von Relevanz ist. Ich sorge offensichtlich wieder für Gesprächsthemen.
Den Abend lasse ich mit einem Gespräch mit den Eltern ausklingen. Und auch hier verstehe ich wieder ein bisschen was auf marathi. Einmal versucht der Vater, mir was zu erzählen, er sucht dabei verzweifelt nach einem Wort auf englisch-bis ich ihm das marathi Wort anbiete und sie freuen sich mindestens so sehr wie ich, dass wir wieder ein bisschen besser kommunizieren können.

Hochzeit und Kuhattacke

Die Tage in Chiplun bekommen wir ganz gut rum. Wir fahren mit dem Motorrad auf einen Hügel in der Nähe, machen eine kleine Wanderung und schauen uns von dort den Sonnenuntergang an. Einmal fahren wir zu einem Fluss, der teils unterirdisch verläuft. Auf dem Weg fahren wir lange Strecken durch Wälder, links und rechts nichts weiter als Bäume und Sträucher. Wir fahren um eine Kurve und Chichi fragt, ob ich den Unterschied sehe. Nee. Sie haben hier einen großen Baum gefällt. An dem sind wir letztes Jahr schon ein paarmal vorbei gefahren. Ob ich mich nicht an den erinnern könne. Nee, kann ich nicht. Ich habe zwar einen guten Orientierungssinn und kann mich leicht an Orte erinnern – aber so krass, dass mir ein fehlender Baum in einem Wald auffällt, den ich zuletzt vor einem Jahr durchfahren habe, bin ich auch nicht 😀
Angekommen stellenn wir fest, dass man nicht wirklich viel sieht. Es öffnet sich eine kleine Höhle, aus dem der Fluss rauskommt und oben drüber ist ein ausgetrocknetes Flussbett, das vermutlich nur zur Regenzeit mit Wasser gefüllt ist. Wir laufen ds Flussbett etwas hoch und tatsächlich ist der Weg ganz schön. Es sind interessante Steinformationen.

Einen Tag kommen ein Onkel sowie eine Tante zu Besuch. Sie kenne ich bereits von den letzten beiden malen. Sie sind nett, der Onkel gehört allerdings zur Sorte „ich bin ein erfahrener Mann und sage euch jungen Leuten, was ihr wie zu tun habt“ und da werde ich mit eingeschlossen. Schön, dass ich irgendwie dazu gehöre, aber in dem Bereich könnte ich auch gerne drauf verzichten. Einmal fragt er mich, ob er mir eine persönliche Frage stellen darf und da war ich ja schon neugierig, was da jetzt kommt.
„When are you getting married?“ (Wann heiratest du?) Natürlich. Die Frage aller Fragen. Meine Antwort darauf war, dass ich das nicht weiß, da ich bisher niemanden kennen gelernt habe, mit dem ich das in Betracht ziehen würde. Dann meinte er, er hätte eine Bitte an mich: ich soll bitte schnell heiraten. Meine Frage, warum verwirrt ihn kurzzeitig. Ob das daran liegt, dass er nicht gewohnt ist, dass seine wertvollen Ratschläge hinterfragt werden, oder weil ich als jüngere Frau nicht generell nur ja sage, oder ob es einfach an der sehr großen Sprachbarriere liegt – keine Ahnung. Er antwortet, dass ich dann gesettelt bin. Ab dem Punkt klingt sich Chichi mit in die Konversation ein und wirft ein, dass der Onkel damit sagt, ich hätte jetzt ein unruhiges/nicht zufriedenstellendes Leben aber ab hier ist die sprachliche Barriere zu groß und das Thema verläuft im Sande. Dann bringen wir die beiden zum Busbahnhof, klappern vorher allerdings noch einige kleine Baumärkte ab. Das finde ich ganz interessant. Es gibt zum Beispiel Dachdeckung aus Plastik (ähnlich Wellblech), das die Form und Farbe einer Fläche Ziegel hat. Wir fahren unverrichteter Dinge weiter und verabschieden die beiden nicht, ohne ihnen zu versprechen, sie die nächsten Tage im Dorf besuchen zu kommen. Es ist das Haus, in dem wir letztes Jahr Prasen und seine Oma besucht haben, nur dass Prasen kurz vor Prüfungen steht, daher in Mumbai ist und da die Eltern ihn nicht alleine lassen wollten, ist die Oma jetzt bei ihm.

Am Samstag fahren wir ans Meer. Auf halbem Weg machen wir Zwischenstopp auf einem Hügel und snacken ein Vada Pav, ein Kartoffelbratling mit Gewürzen im Burgerbrötchen.
Mit dem Essen tu ich mir gerade noch etwas schwer. Wir frühstücken gegen 11 (weil ich auch bis 10 schlafe), um 1 gibt’s dann Mittagessen, dann sind wir unterwegs und Abendessen ist dann zwischen 23 und 1 Uhr irgendwann. Gegen 5 gibts „evening tea“ mit Snacks, die verpassen wir aber immer. Wir holen dann oft unterwegs Snacks, aber die sind größtenteils fettig und wenig gesund. Ich verstehe die Essenszeiten nicht. Die waren die letzten 2 Jahre auch schon so komisch, da muss ich mich erst wieder dran gewöhnen.
Gestern Abend vorm späten Abendessen haben sie mir dann gewürzte, scharfe Bananenchips gegeben, ich liebe diese Teile. Das war ein Fehler, weil ich ziemlich Hunger hatte und das Abendessen kaum abwarten konnte. Nachdem ich viel zu viele Chips gegessen hatte, hatte ich zur großen Überraschung von Tambdi mum keinen Hunger mehr und habe nur eine kleine Portion gegessen. Was in dem Fall auch nicht so tragisch war, weil ich fast nur Knoblauch geschmeckt habe. Naja, jedenfalls habe ich mir wegen der vielen frittierten Snacks und Mahlzeiten vorgenommen, „nur noch“ maximal einmal täglich was frittiertes zu essen. Meine Freunde und sämtliche Leute, die sonst mitbekommen, was ich zu mir nehme, finden es fragwürdig, warum ich bei so manchen Snacks nicht zugreife. Chichis Bruder meinte zu mir „don’t think, just eat“ (denk nicht drüber nach, iss einfach), als ich ihm erklärt habe, warum ich nicht endlos viele Chips auf einmal essen möchte und anschließend beim Abendessen bei den frittierten Linsenwaffeln nicht auch noch zugegriffen habe.

Samstag Abend sind wir dann bei der Tante und dem Onkel zu Besuch und übernachten, damit wir nicht so lange durch die Kälte Motorrad fahren müssen. Besonders jetzt kommt uns der Zwischenstopp ganz gelegen, da das Motorradlicht spinnt und erst garnicht funktioniert hat und nach etwas Wackeln an so manchen Kabeln nur leicht. Die Straßen sind nicht beleuchtet und gleichen auf dieser Strecke einer kleinen Kraterlanschaft. Keine gute Voraussetzung, ohne funktionstüchtigem Scheinwerfer unterwegs zu sein. Kurz bevor wir ankommen, fahren wir einen kleinen Erdweg zum Grundstück. Vor uns laufen 2 Kühe, die nach kurzer Zeit mit uns im Rücken losrennen. Chichi fährt ihnen lange ziemlich dicht hinterher und ich habe den Eindruck, das stresst die Tiere. Deshalb schlage ich vor, wir sollten entweder einen größeren Abstand halten oder sie überholen. Chichi ist nicht überzeugt, er hat Angst, dass uns die Kühe angreifen könnten. Er macht es dann aber doch und tadaa, eine der beiden Kühe fängt an, uns garnicht mal so langsam hinterher zu rennen. Gut, meine Expertise im Bereich Kühe auf einem engen Weg mit dem Motorrad überholen, nachdem man ihnen schon ein gutes Stück ziemlich nah hinterhergefahren ist nun nicht mehr 0, sondern hat um eine Erfahrung zugenommen. Wir können ihr tatsächlich nur ziemlich knapp entkommen und ich hatte tatsächlich schiss – immerhin saß ich ja auch noch hinten und wäre zuerst getroffen worden. Chichi hatte also recht. Als die Kuh kurz vorm Haus einen anderen Weg weiter rennt, steigen wir beide leicht geschockt ab und gehen lachend aufs Haus zu. Es ist 21 Uhr und ich hoffe, es gibt bald essen.

Neben dem Haus gibt es ein Klohaus mit 3 Kabinen. Dabei ist eine indische Toilette, auf der man auf dem Boden hockt und eine westliche Toilette. Allerdings hat die Oma den Schlüssel fürs Vorhängeschloss zur westlichen Toilette nicht gefunden, weshalb ich das indische Klo verwendet habe. Dieses Jahr verkündet mir die Tante lächelnd, dass ich auf das erste Klo gehen soll, weil das gut für mich sei. Ein Teil der westlichen Kloschüssel ist noch in der originalen Plastiktüte eingehüllt und ich frage mich, ob ich die Toilette heute einweihe. Außerdem ist die Klobrille an den Stellen, wo beim Hocken die Füße wären so verbreitet, dass man tatsächlich darauf hocken kann. Solche Toiletten habe ich schonmal gesehen, aber ich verstehe den Sinn nicht ganz. Wenn man eh hockt, finde ich es deutlich angenehmer, dafür nicht erst auf eine Kloschüssel steigen zu müssen.

Die Tante kocht mir dann einen großen Topf Wasser und füllt ihn in einen Eimer in der Dusche um, damit ich mit warmem Wasser duschen kann. Dann steht sie mit einem Handtuch bereit und bringt mir eine riesige, neue Seife. Ich sage ihr, dass ich Seife und Handtuch dabei habe und,es nicht benötige. Ein Nachthemd wäre aber super, da ich keins dabei habe. Das sind so kleine Situationen, in denen ich immernoch unsicher bin, wie ich mich richtig verhalte. Um das für die Zukunft zu klären, frage ich später aber nochmal nach. Ich erkläre ihnen, dass ich in Deutschland als Gast alles mitbringen muss, das ich an Kleidung, Duschkram etc benötige und dass ich deshalb alles mitgenommen habe. Und dass ich unsicher war, ob es unfreundlich von mir war, beides aufzuschlagen. Wir reden eine Weile darüber und tatsächlich ist egal, ob ich die Sachen annehme oder nicht, nur müssen sie sie mir als Gastgeber anbieten. Denn hier gilt: der Gast ist Gott. Das Sprichwort finde ich besonders aus dem Mund von Buddhisten witzig, weil sie keinen Gott haben und es ablehnen, eine oder mehrere Götter zu verehren. Zumindest hat Tambdi dad mir das letztes Jahr mal in einem sehr ausführlichen Gespräch erzählt.

Abendessen gibt’s dann um 11.

Von Goa nach Chiplun

Noch vor meiner Ankunft in Goa hat Mili mir geschrieben, dass sie gerade Probleme mit einem Auge hat. Zum Beweis hat sie mir 2 Selfis geschickt, auf denen ich speziell am Auge ehrlich gesagt nichts erkennen konnte. Ihr Gesicht wirkte aber geschwollen, daher habe ich ihr geantwortet, dass ihr Gesicht geschwollen ausschaut.
Mit meiner Ankunft und unserem Treffen stelle ich allerdings fest, dass es nicht nur ihr Gesicht ist, sondern sie hat generell ziemlich zugenommen. Ups. Sie fragt mich auch, wie ich es schaffe, nicht zuzunehmen. Und wenn man bedenkt, dass sie ernährungstechnisch quasi mein Antagonist ist und sich ausschließlich von Fleisch, Fisch, Reis und am liebsten Frittiertem ernährt – gepaart damit, dass sie Bewegung verabscheut, hätte ich da schon eine Idee ^^ glücklicherweise gilt man in Indien mit etwas Übergewicht aber ja als „healthy“ (gesund), weshalb sie zumindest deshalb gesellschaftlich keine Diskriminierung erfahren dürfte.

Heute ist Montag, Tag 2. Mili und ich haben beide verschlafen und treffen uns statt 9:30 Uhr erst um 14 Uhr. Sie hat uns einen Roller organisiert und mit dem fahren wir zusammen in die nächst größere Stadt, wobei wir die gewohnten Rollen einnehmen: ich bin Fahrer und sie navigiert. Sie muss zum Arzt und Blut abnehmen lassen und anschließend versucht sie mich in einem Klamottengeschäft davon zu überzeugen, mir irgendwas kaufen zu dürfen. Da gefällt mir aber nichts. Und abgesehen davon geht das auch langsam zu weit. Ich übernachte kostenlos in Suraj‘ Hotel und esse auch kostenfrei in seinem Restaurant. Darauf besteht sie, da er als Mann alle Einnahmen für sich behält und sie stark kontrolliert. Mich einzuladen, ist ein Weg, zumindest ein Bruchstück des ihr zustehenden Gewinns zurück zu bekommen. Und da muss ich an unsere gemeinsame, kleine Reise vor ein paar Jahren denken. Ich war noch Studentin und im Sommer zu Besuch. Und da bei ihr gerade einiges los war, habe ich sie eingeladen, ein paar Tage mit mir zusammen zu verreisen. Und es war auch schön. Es gab jedoch ein paar Situationen, in denen ich mich etwas schlecht gefühlt habe. Und das war zum Beispiel, als sie unbedingt noch essen gehen wollte (ich hatte nicht viel Hunger, mir hätte eine Kleinigkeit gereicht) und ein recht teures Restaurant ausgesucht hat. Da haben wir dann gegessen, sie hat einen gemischten Teller mit 12 verschiedenen Gerichten bestellt und nur ca. 25% davon gegessen, weil sie dann doch schon satt war. Der Rest ging in den Müll. Das fand ich ziemlich blöd. Zum einen, weil ich es prinzipiell blöd finde, Essen wegzuwerfen. Und zum anderen, weil es für dort echt teuer war. Umgerechnet 11€ hatte ihre Mahlzeit gekostet und ich habe mich etwas ausgenutzt gefühlt (man kann auch für 3€ gut essen). Und jetzt ist es das Gegenteil. Ich bin bei ihr zu Besuch und sie zahlt alles und lässt mich nicht einmal die 14ä5 ct für Sicherheitsnadeln lässt Mili mich zahlen. Vielleicht ist das jetzt ihre Art, mir für manche Unterstützung zu danken, vielleicht ist es für sie aber auch einfach klar, dass Familie nicht zahlt, wenn sie die erforderlichen Mittel hat. Ich weiß es nicht. Ich schätze, es ist eher zweiteres und habe ein bisschen ein schlechtes Gewissen, dass ich mich mal etw ausgenutzt gefühlt hatte.

Ich stelle fest, wir sind tatsächlich ein eingespieltes Team und das mit der Navigation klappt überraschend gut! Letztes mal hat sie für jede Richtungsangabe „straight“ (geradeaus) gesagt, aber heute läuft es wie am Schnürchen. Yeah! Das Fahren macht Spaß!

Nach einem ausgiebigen Mittagessen fahren wir zu einem Tempel, an den ein großer Markt angrenzt. In den Tempel geht Mili nicht, denn sie trägt keine 100% saubere Kleidung und außerdem hat sie gerade Fisch gegessen. Soll mir recht sein, denn Tempel habe ich eh schon einige gesehen. Wir schlendern dafür über den Markt, auf dem von Plastikspielzeug über Essen, Handyhüllen, Küchenkram und Taschen fast alles angeboten wird, das man im Alltag so brauchen kann. Wir lassen uns beide eine neue Schutzfolie aufs Handy kleben und sie spielt ein Spiel, bei dem sie Tischtennisbälle in bestimmte Fächer rollen muss. Sie gewinnt ein paar Wäscheklammern und ist zufrieden. Am Abend holen wir auf dem Rückweg noch einen großen Sack Strohhalme fürs Restaurant, bevor es zurück geht. Und auf der Rückfahrt schleicht sich Milis alter Navigationsstil von vor 2 Jahren wieder ein. Erst verwechselt sie mehrmals links und rechts und schließlich sagt sie kaum mehr was und wenn straight. Na gut, vielleicht beschränkt sich unsere gute Teamarbeit auf eine bestimmte Tageszeit.

Meine Zeit in Goa ist schon wieder rum und mein Zug nach Chiplun fährt heute (7.01.) um 10:22 Uhr ab Pernem. Gestern Abend hat Mili zurückgerechnet und meinte, ich sollte am besten um 8 Uhr los. Dann komme ich früh genug an, um mich am Bahnhof zurecht zu finden und den richtigen Zug zu finden. Sangam, der Freund dessen Roller wir auch geliehen hatten, fährt mich zum Bahnhof. Um 8:40 Uhr kommen wir an und an dem Bahnhof gibt es 2 Gleise. Der Bahnhof ist sehr überschaubar. Und jetzt bin ich zwiegespalten. Einerseits weiß ich wertzuschätzen, dass wir überpünktlich sind – aber andererseits hält Mili es offensichtlich für notwendig oder zumindest angemessen, dass ich über eine Stunde habe, um herauszufinden, auf welchem der 2(!) Gleise mein Zug fährt. Ich hätte locker eine Stunde länger schlafen können.

Die Zeit am Bahnhof vergeht dann doch ganz gut. Eine Mutter mit ca. 1 Jahr altem Baby hat mich relativ schnell entdeckt und es sich zum Ziel gemacht, ihr Kind dazu zu bringen, mich verbal zu begrüßen. Das Kind ist süß, winkt mir nach einiger Zeit auch, ist aber wenig gewillt, irgendwas zu mir zu sagen. Die Mutter hat aber eine ordentliche Ausdauer und so verbringen wir recht viel Zeit damit, auf das Kind einzuwirken. Wie sich herausstellt, fahren alle Züge von Gleis  und Gleis 2 wird für die Züge ohne Halt verwendet. Ein Polizist bringt für mich in Erfahrung, auf welchem Gleisabschnitt mein Wagon ankommt und gibt mir sogar extra Bescheid, wann ich loslaufen soll. Wir sind etwa eine Stunde verspätet und da irgendwas mit der Angabe des Polizisten nicht passt, steige ich 5 Wagons von meinem entfernt ein. Und muss dann einmal durch den Küchenwagon und laufe somit samt Gepäck einmal durch die fahrende Küche. Als ich meinen Platz finde, er ist in einem klimatisierten Wagon mit Liegeplätzen, bin ich von einer netten Gruppe Männer umgeben, die beruflich Pyrotechniker sind und für eine große Hochzeit in Goa die Feuerwerke gemacht haben. Nach einem kurzen Gespräch lege ich mich erstmal etwas schlafen. Wie erwartet friere ich, denn die Klimaanlage kühlt die 29°C draußen scheinbar nicht nur auf 25°C runter sondern auch mit Wollsocken und Pulli finde ich es nicht angenehm, den kalten Zug auf den Beinen zu spüren. Also setze ich mich irgendwann unten wieder dazu. Die Männer haben Essen bestellt (aus besagtem Küchenwagen) und das wird gerade gebracht. Essen an Bahnhöfen und in Zügen meide ich lieber. Nicht, dass ich schlechte Erfahrungen damit gemacht habe, aber ich kann mir schwer vorstellen, dass das qualitativ und geschmacklich hochwertig ist. Die Männer bestehen allerdings darauf, dass ich mitesse, denn sie hätten eh zu viel. Ich bin mir unsicher, ob sie das wirklich übrig haben, aber da ich schon mehrfach abgelehnt habe und tatsächlich hungrig bin, nehme ich etwas an. Es ist essbar, wird aber vermutlich keinen Michelinstern erhalten. Meine Mitfahrer amüsieren sich darüber, dass die einzige Ausländerin hier vegetarisch isst, während sie Huhn gewählt haben. Zum Abschied schenke ich ihnen eine kleine Packung Spekulatius, die ich als Gastgeschenk aus Deutschland mitgebracht hatte und sie freuen sich sehr darüber.

Nachdem Chichi am Bahnhof in Chiplun erst die andere Ausländerin für mich gehalten hat (die hat braune Haare?!), ist ihm irgendwann doch aufgefallen, dass er der falschen hinterher läuft und findet mich am Ausgang. Und während ich dort auf ihn warte, hält mich ein Fahrer genauso für die andere Ausländerin und versucht mich davon zu überzeugen, dass er mich zu irgendwelchen Leuten/Orten bringt, die mir nichts sagen. Als er mir schließlich ein Telefon in die Hand drückt, an dem mich wer fragt, ob ich denn Mia sei und ich nein sage, glaubt mir auch der Fahrer und läuft kurz später mit der richtigen lächelnd an mir vorbei.
Nach nur 10 min Autofahrt sind wir bei Chichis Familie und ich komme in der idyllischen Ruhe an. Bis vier 6 Monate alte Welpen auf mich zurasen. Für sie verzichte ich aber gerne auf die Ruhe!

Ab nach Goa!

Neues Jahr, neue Reise – aber altes Ziel. Natürlich geht es wieder nach Indien, aber nach 4 Wochen Indien hänge ich noch knappe 2 Wochen Oman dran. Ich möchte auch nochmal ein neues Land besuchen.
Los geht die Reise von Frankfurt aus. AirIndia hat für mich entschieden, dass es auch reicht, wenn ich einen Tag später fliege und so komme ich am 3.1. am späten Abend in Delhi an. Ich habe auf dem Flug neben zwei Netten Indern gesessen, die in Bielefeld leben und Heimatbesuch antreten, da einige Hochzeiten in der Familie anstehen. Sie erzählen, dass sie in Indien auch sofort als Auswärtige identifiziert werden. Und sie haben festgestellt, dass sie sich häufig selbst verraten – da sie mittlerweile häufig bitte und danke sagen. Und auch wenn mir bewusst ist, dass man die Wörter in Indien nicht wirklich verwendet, hilft es sicherlich, es ins Gedächtnis gerufen zu bekommen. Wir steigen aus und in Busse um. Die beiden sind in einem Bus vor mir und winken bei der Abfahrt. Wie lieb.

Naresh holt meine ganzen Gepäckstücke und mich vom Flughafen ab. Ich habe den großen Koffer und die Hälfte meines Handgepäcks mit Backartikeln, Mitbringseln und Kleidung gefüllt und außerdem noch im Duty free in Frankfurt wie auch Delhi Zeug besorgen sollen, das jeweils in extra Tüten verpackt ist. Da ich am nächsten Morgen für den Flug nach Goa schon wieder früh aufbrechen muss, packe ich im Hotel schnell um und verabschiede Naresh mit dem Großteil des Gepäcks. Im Tausch hat er mir von seiner Frau zubereitetes Abendessen da gelassen. Ein guter Tausch war das. Micha hatte zuvor noch gefragt, ob sie mir Brot mitbringen sollen. Aber auf garkeinen Fall! Das ist richtig lecker, keine Frage. Aber ich werde doch nicht als erste Mahlzeit in Indien gutes, deutsches Brot essen. Und so hat Naresh Frau mit Kartoffeln gefüllte Dumplings gemacht und dazu Gemüse mit Chapati.

Es ist jetzt 12 Uhr abends und ich sollte dringend schlafen gehen, da mein Wecker um 4:40 Uhr klingelt. Aber mein auf deutsche Zeit gepolter Körper hält nicht viel davon, zwischen 19:30 und 0:10 Uhr zu schlafen und so habe ich gerade mal eine Stunde geschlafen, als mich der Wecker für den Goaflug weckt. Das mit der Zeitverschiebung hatte ich bei der Buchung vom Goaflug irgendwie ausgeblendet. Ups. Das schäbige Hotel meines Vertrauens liegt am Rande des Flughafengebiets und das Taxi braucht nur 10 min zum Terminal. Ich hege aber ein Misstrauen gegenüber Taxifahrern und da ich befürchte, dass mein gebuchtes Taxi nicht auftaucht. Alles schon gehabt, ich frag die Rezeption, bei der ich ein Taxi gebucht habe und dann kommt eine Antwort wie „maybe he is sleeping“ – wow, ok danke.
Und da es der Erfahrung nach um 5 Uhr morgens signifikant schwieriger ist, ein Taxi aufzutreiben als zu normalen Uhrzeiten, habe ich dafüt zusätzlichen Puffer eingeplant. Tatsächlich steht mein Taxifahrer aber schon in der Lobby, als ich um 5 runter komme. Mein Rezeptionist zeigt auf ihn, nickt, er nimmt meinen Koffer. Ich muss noch was unterschreiben, verabschiede mich und laufe dem Mann mit meinem Koffer hinterher – da ruft der Rezeptionist mir hinterher, dass das mein Taxifahrer ist. Gut, dass wir ins Dunkel der für ihn offensichtlich nicht ausreichend geklärten Situation noch Licht gebracht haben.

Natürlich bin ich viel zu früh am Flughafen und die Schlangen der Security Kontrollen nonexistent. Als ich meine Taschen für den Scan vorbereite, findet ein Putzmann auf der Ablage sorgfältig in Papier eigerollte Pfannkuchen. Als er die Ablage umrundet, tauchen auf dem Boden noch mehr davon auf – sicherlich hat hier eine Mutter jemandem liebevoll eine Brotzeit vorbereitet – nur die wird hier jetzt leider im Müll landen. Der Putzmann und ich müssen über die Menge der Pfannkuchen lachen und das war auch schon das Highlight des Morgens. Im Foodcourt sitzen bereits einige Leute und essen Dominos Pizza, Subway Sandwiches und indische Speisen. Um 5:40 Uhr in der Früh. Das irritiert mich.

Die 2 Stunden Flug nach Goa gehen schnell rum und Devesh, ein Bekannter eines Freundes von Mili und ihrem Mann holt mich ab. Für meinen halbtot-weil-müde-Zustand hat er mir eindeutig zu viel Energie und spricht ein bisschen zu gerne. Aber er kann ja nichts dafür, dass er eine grummelige, unausgeschlafene Julia neben sich sitzen hat.

Nach gut 1,5 Stunden Fahrt stehen wir vorm Hotel von Milis Mann. Da ich vor der Check-in Zeit angekommen bin, muss ich noch etwas in der Außensitzecke warten. Kurz nach mir kommt eine Gruppe Russen, die sich zu mir gesellen und mit einem lokalen Taxifahrer reden. Er redet mit ihnen in einer Mischung aus Konkani und ein paar englischen und russischen Wörtern und sie reden hauptsächlich russisch mit ein paar englischen Wörtern. Interessant. Dass ich mit Kasachstan mal angefangen habe, ein wenig russisch zu lernen, macht sich tatsächlich bemerkbar-denn so manches verstehe ich ein bisschen. und werde für eine Rusdin gehalten.

Morjim ist ein bei Russen sehr beliebter Urlaubsort in Goa und ich wurde hier auch in der Vergangenheit häufig für eine Russin gehalten. Auch viele Speisekarten sind auf russisch und englisch verfasst. Und auch dieses mal werde ich auf russisch begrüßt. Russisch grüßen bekomme ich gerade noch hin, aber es ist etwas komisch, zwar als Ausländerin erkannt zu werden (im Gegensatz zu Kasachstan, wo ich als Einheimische gelesen wurde), aber im Reisealltag für eine Russin gehalten zu werden (auch von den Russen). Die Russen wundern sich, wenn ich nach einer russischen Begrüßung ins englische wechsel, falls sie mit mir weiterreden. Und die Inder stellen irgendwann doch die Frage, ob ich garkeine Russin sei ^^

Das Zimmer in Suraj‘ Hotel ist sauber und schön. Nach der Delhiübernachtung kommt mir das ganz besonders gelegen. Ich packe meine Sachen um (den Mantel und Wollpulli brauche ich hier bei 30°C tagsüber und 23°C nachts eher weniger), esse eine tibetanische Suppe im Restaurant und lege mich dann für einen nicht ganz optimalen Powernap hin. Es ist viel nap und wenig power. Dann besuche ich Mili, sie ist noch daheim. Da sie erst um 4:30 Uhr am Morgen schlafen geht, hat sie einen anderen Rhythmus. Wir quatschen etwas, dann gehe ich zum Sonnenuntergang an den Strand. Der ist leider so unspektakulär, wie ein Sonnenuntergang nur sein kann. Alles grau, man sieht nichts von einer Sonme. Irgendwie hatte ich auf ein größeres Farbspektrum gehofft. Ich gehe noch etwas spazieren, aber besonders weit komme ich nicht-denn dann beginnt ein Partyabschnitt und den meide ich lieber.

So viel zu meiner Ankunft in Goa! Die nächsten 2 Tage verbringe ich mit Mili und werde ein paar Besorgungen mit ihr machen. Dann geht es weiter zu Chichis Familie, etwa 5 Zugstunden weiter an der Westküste Richtung Norden.

 

Ps. Das Dateiformat der Handyfotos wird von dieser Seite leider nicht unterstützt, weshalb ich leider noch keine Fotos hochladen kann. Ab dem nächsten Beitrag sollte es dann aber klsppen 🙂

Mein erster Roadtrip

Es geht los! Mein Roadtrip. Mein erster Roadtrip mit Auto. In Indien. Alleine. Es kann eigentlich nur ein Abenteuer werden! Ich versichere meinen Tambdi Eltern, dass ich sie wissen lasse, wo ich so rumfahre und dass wir täglich telefonieren. Das finde ich ein bisschen witzig, weil ich mit Mama und Papa weniger telefoniere. Und das, obwohl ich ihnen deutlich mehr erzählen könnte (aufgrund der kulturellen/geographischen Unterschiede und natürlich auch der fehlenden Sprachbarriere). Am Vormittag habe ich mit Tambdi Dad noch ein Ersatzrad geholt, um mich zumindest ein wenig auf Eventualitäten vorzubereiten. Was nicht meine Idee war, denn ich kann mit dem Rad eh nichts anfangen. Ist ja nicht so, als würde ich bei diesen Straßen a) merken, dass ich nen Platten habe oder b) fähig sein, einen Reifen selbst zu wechseln. Komme ich in die Situation, brauche ich eh Hilfe. Aber da es Chichi und Tambdi Dad beruhigt, nehme ich den gerne mit. Im Laden haben wir einen offensichtlich gebrauchten Reifen für 7€ besorgt, dessen Profil fast vollständig abgefahren ist. Das wäre ich jetzt zum Beispiel auch wieder anders angegangen, aber gut. Autos gehören sicherlich nicht zu einem Bereich, in dem ich mit Wissen auftrumpfen kann. Ich habe versucht, Tambdi Dad zu fragen, ob wir nicht lieber ein Rad mit Profil nemen wollen, aber Tambdi Dad meinte, der sei gut. Also habe ich zugestimmt. Vor der Abfahrt buche ich noch eine Hütte in einem Resort am Strand nordwestlich von Chiplun. Dann fahre ich los und werde winkend verabschiedet. Ich muss noch tanken und Chichi hatte mir beschrieben, wo ich auf dem Weg eine Tankstelle für Erdgas finde kann. Ich lasse auch noch die Reifen aufpumpen und der Junge, vielleicht 15 Jahre alt, erzählt irgendwas von puncture und schwallt mich auf marathi voll. Ich rufe Chichi an, drücke dem Jungen das Handy in die Hand und sie telefonieren. Chichi erklärt mir, dass der Junge meint, ich hätte ein Loch im rechten Vorderrad, aber das glauben wir beide nicht. Vor Abfahrt haben wir noch geschaut, ob alle Reifen gut sind. Also beschließen wir, dass ich so fahren kann. Dann ruft mich jemand vom Resort an, entschuldigt sich und sagt, dass er meine Buchung stornieren muss. Die restlich 4 min Monolog verstehe ich nicht, weiß jetzt aber, dass ich mir was anderes suchen muss. Ok. Ich beschließe, erstmal nach Dapoli zu fahren und dann dort zu schauen. Derweil fragt Chichi einen Freund in der Gegend, ob der was weiß. Da aktuell Hochsaison ist, sind einige Unterkünfte ausgebucht. Dann ruft mich ein Mitarbeiter der Plattform, über die ich das Resort gebucht hatte an, um zu fragen, ob ich das Geld zurück haben möchte oder ob sie mir was anderes buchen sollen. Da ich unsicher bin, wie das mit der Umbuchung genau funktioniert sage ich, dass ich mein Geld zurück haben möchte.

Das (Chichis) Auto meines Vertrauens. Ein Honda:

Ich fahre auf der Autobahn. Durchschnittlich fahre ich etwa 50 km/h, an guten Stellen auch mal 70 km/h. Die Geschwindigkeitsobergrenze liegt auf den normalen Autobahnen bei 110 km/h. Die Autobahn ist größtenteils baulich in 2 Fahrtrichtungen getrennt, öfter mal muss man aber auf die Gegenspur, da es auch hier einige Baustellen gibt. Die Straße ist nicht so eben, wie ich es von Deutschland gewohnt bin, außerdem gibt es auch hier teils Geschwindigkeitsbrecher bzw Schlaglöcher oder Stellen ohne Deckschicht im Asphalt. Man muss sich daher sehr auf die Straße vor einem konzentrieren und so langsam dämmert mir, warum man hier so viel hupt. Ich komme kaum dazu, in den Rückspiegel zu schauen und so ist es tatsächlich garnicht schlecht, dass die von hinten kommenden Fahrzeuge hupen. An einer Stelle wird die Geschwindigkeit auf 80 km/h begrenzt und ich muss lachen, denn ich fahre gerade nur 60 km/h und fühle mich arg schnell.
Die Autobahn geht nun ziemlich steil bergab und die Geschwindigkeit wird auf 20 km/h begrenzt. Hier muss selbst ich abbremsen. Vor allem, als ich sehe, dass sie nun alle 20 m Geschwindigkeitsbrecher gebaut haben. Und da gibt es ja auch verschiedene Varianten, manche sind flacher, manche steiler. Das hier sind die ganz miesen, bei denen ich mich aufgrund des Zustands meines Fahrzeugs des Vertrauens nur traue, in Schrittgeschwindigkeit drüberzufahren. Richtig nervig. Ich verstehe, dass dies durchaus zweckmäßig ist, denn links geht es steil einen Abhang runter. Aber nervig ist es trotzdem. Nach gefühlt mindestens 25 Geschwindigkeitsbrechern geht es wieder normal weiter. Ich habe Google Maps offen und bin optimistischer, als ich es sein sollte. Habe nämlich erfolgreich verdrängt, dass mein Maps selbst in Deutschland ständig spinnt und nicht weiß, wo ich bin. Ich kann es also eher als Karte verwenden. Old school quasi. Als ich in Khed ankomme, muss ich abbiegen und etwas zickzack durch die Stadt fahren, um am anderen Ende auf einer Landstraße weiterzufahren. Das hält mein Handy für eine gute Gelegenheit, meinen Standort nicht mehr anzuzeigen und natürlich fahre ich falsch weiter. Am Ende biege ich etwas zu früh ab und fahre statt Richtung Nordwesten Richtung Norden. Als es mir dann irgendwann doch komisch vorkommt, dass die Straße irgendwann nicht mehr befestigt ist, sondern eher einem Feldweg gleicht, habe ich garkeinen Empfang mehr. Ich beschließe, weiterzufahren und irgendwann tauchen einige Laster mit Steinen auf. Hier scheint etwas abgebaut zu werden und ich fürchte, der Weg könnte nur dorthin geführt haben. Er geht aber weiter, also fahre ich weiter. Eine Abzweigung finde ich, aber hier ist es nur ein Erdweg und so bleibe ich meinem Schlaglochversehenen Feldweg treu. Der ist teils so schlecht, dass ich aufsetze. Gut, dass mir Chichi versichert hatte, er sorge sich nicht um sein Auto, sondern darum, dass niemand verletzt wird. Die Gefahr besteht Mangels anderer Menschen und meinen ca. 6 km/h aktuell eher nicht. Was hier vielleicht verletzt wird, ist meine mentale Gesundheit, wenn ich nicht bald zurück auf richtige Straßen finde. Mittlerweile ist der Weg nicht mehr befestigt, sondern abwechselnd eine Schotterpiste oder ein Erdweg. Maps findet kurz heraus, wo ich bin. Das hilft. Ich weiß jetzt immerhin, auf welcher Straße ich bin, und nach welchen Ortschaften ich Ausschau halten muss, sollte ich doch wieder zurück in die Zivilisation finden.

Der Weg:

Es taucht ein kleines Dorf auf, das beruhigt mich. Menschen. Ich fahre hindurch, in Schrittgeschwindigkeit hinter einer Büffelherde. Es ist verdammt eng. Warum, wo hier doch nur ca. 30 Häuser stehen? Platz scheint hier keine Ressource zu sein, die nichtausreichendvorhandenwäre.

Ich bin auf jeden Fall eine kleine Attraktion. Die Menschen kommen aus den Häusern und schauen, wer da lang fährt. Schließlich komme ich an eine Kreuzung und frage einen Mann, wo es nach Mugij gehe. Er sagt, ich solle links fahren und wenn ich auf die Hauptstraße komme, rechts abbiegen. Er hat Hauptstraße gesagt! Juhu, das klingt doch super. Ich bin wieder zuversichtlicher, obwohl ich gerade über eine Stunde Umweg gefahren bin. Und tatsächlich finde ich kurz später die Hauptstraße, biege hier aber links ab, denn ich will ja nicht nach Mugij, sondern Dapoli. Die Straße ist das beste, was mir gerade hätte passieren können, ich kann wieder 50 km/h fahren und muss nach Geschwindigkeitsbrechern suchen. Auf der Strecke nach Dapoli bekomme ich irgendwann wieder Empfang und die Ortung funktioniert auch wieder. Ich telefoniere mit Chichi, er schickt mir einen Hotelnamen, wo ich es probieren könnte. Ich gehe nach meiner unplanmäßigen Erlebnisverlängerung zur Sicherheit nochmal Erdgas tanken (wer weiß, wo ich sonst die nächste Tankstelle finde) und fahre dann nach Ladghar weiter. Und tatsächlich komme ich an. Und sie haben ein Zimmer frei. Es ist teurer als erwartet, hat dafür aber eine richtig tolle Aussicht direkt aufs Meer. Ich finde, das habe ich mir jetzt wirklich verdient!

Es ist ca. 16:30 Uhr und die Sonne steht schon so niedrig, dass ich meiner Haut zutraue, sich einigermaßen unbedeckt am Strand aufzuhalten. (Aufgrund der gesellschaftlichen Norm an von Frauen zu verdeckenden Körperteilen heißt das, meine Arme, Hals und Gesicht sind nicht bekleidet.) Ich laufe die paar Meter an den Strand vor. Ich habe Hunger und auf Maps habe ich gesehen, dass es ein paar Hundert Meter weiter südlich eine kleine Ortschaft mit 3 Restaurants geben soll. Ich spaziere dorthin, vorbei an etlichen Jugendlichen, die am Strand Cricket spielen. Leider finde ich keinen einzigen Laden. Dann muss ich wohl doch noch auf das Abendessen warten. Eine Gruppe knurrender Hunde hält mich davon ab, noch weiter südlich zu laufen und so drehe ich um. Zum Sonnenuntergang setze ich mich auf Steine und genieße das Rauschen der Wellen. Dann gehe ich in mein Zimmer, dusche und lege mich etwas hin. Ich rufe Tambdi Eltern an, versichere ihnen, dass ich keine Probleme habe und dass es mir gut geht. 2x ruft mich die Rezeption an, um zu fragen, was ich denn zu Abend essen möchte. Ich sollte es 2h vorher bestellen. Irgendwann beende ich daher mein Telefon mit einer Freundin und gehe runter. 2h warten mag ich wirklich nicht, aber jetzt nochmal mit dem Auto loszufahren, um ein Restaurant zu finden, klingt gerade auch nicht so verlockend. Ich bestelle eine lokale Spezialität, Sprossen aus Linsen in einem Curry mit Reis. Das Essen kommt schon um 8 und ich vermisse das Essen von Tambdi Mum, bei ihr schmeckt es deutlich besser.
Dann gehe ich bald schlafen.

Eins der schönen Holzboote am Strand:

Und der Sonnenuntergang:

Hohoho – Kommunikation mit Sprachbarriere

Während man auf hindi „ha“ für Ja sagt, sagt man auf marathi „ho“. Bei Bestätigung sage ich also statt „hahaha“ „hohoho“. Bei erstaunter Nachfrage wie unserem „wirklich?“ fragt man „hoi?“. Ich mag Sprachen.

In Sachen Kommunikation hat sich ein bisschen was getan. Marathi kann ich leider immernoch nicht ansatzweise, zugegebenermaßen tue ich allerdings auch extrem wenig dafür. Woher soll es also kommen?
Dafür habe ich einen eigenen Weg gefunden, mit Tambdi Mum zu reden. Aufgrund der geringen Schnittmenge an Alltagsleben und Interessen hat sich das Thema Kochen eigentlich als Hauptkonsens für uns herausgestellt. Und da ich sehr gerne mehr in dem Bereich lernen würde, dringe ich nach und nach weiter vor. Ausgangslage im letzten Winter war, dass ich die Küche praktisch nicht betreten durfte, weil ich als Gast alles serviert bekomme. Im Mai habe ich es immerhin geschafft, beim Kochen zuschauen zu dürfen und ich wurde sogar gebeten, etwas deutsches zu kochen. Ein kleiner Meilenstein!
Und jetzt habe ich es geschafft, Zwiebeln schneiden, Erbsen pulen und Methi zupfen zu dürfen. Ich bin sehr stolz. Unsere Kommunikation besteht hauptsächlich daraus, auf Dinge zu zeigen und sie zu benennen. Auf marathi, hindi, englisch und manchmal deutsch. Und mit Gestik wird meist ergänzt, was damit getan wird. Und dann gibt es noch DAS Wort, welches mit Abstand auf Platz 1 unserer Konversation steht: „me“. Wenn ich helfen möchte, sage ich „me“ und zeige auf Dinge, von denen ich denke, dass ich sie tun könnte. Oder wenn ich mit etwas fertig bin, sage ich „me, no work“, dann lacht Tambdi Mum. Wenn wir uns darum „streiten „, wer etwas macht, dann sagen wir so oft abwechselnd „me“, bis eine aufgibt. Wir lachen viel dabei. Ich mag es.

Zweimal kommt Saloni nach der Schule bei uns vorbei. Sie ist etwa 13 Jahre alt und sehr motiviert, mich vollzuquatschen. Was mich einerseits freut, da viele Leute hier nicht mit mir interagieren (das schiebe ich auf die sprachliche und kulturelle Barriere). Andererseits finde ich es dann den ganzen Tag über doch auch recht anstrengend, weil Kommunikation mit besagten Barrieren einfach deutlich schwieriger ist und mir deutlich mehr Energie abverlangt. Sie ist Fan des Google Übersetzers und übersetzt mir daher auch „ok, no problem“ vom englischen ins englische. Als wir zu zweit zum Fluss gehen, habe ich auf dem Handy aber kein Internet und so müssen wir glücklicherweise auf einzelne Worte übergehen. Mein Lieblingswort ist jetzt „Horror“, denn immer wenn sie Angst hat, sagt sie „Julia Didi, Horror“. Sei es Angst vor möglichen Schlangen, oder dem Mann, der in unsere Nähe kommt und vermutlich nur wissen will, wer wir sind und was wir machen. „Horror!“

Dann gibt es noch Aam Mama, einen „Onkel“ mütterlicherseits. Onkel in Anführungszeichen, weil kein Verwandtschaftsveehältnis besteht, er ist Nachbar des biologischen Onkels. Und Aam Mama, weil er der Mango Onkel ist. Er hat Chichi und mich in der prallen Mittagshitze mit zu kleinen Höhlen genommen, um sie uns zu zeigen. Er spricht kein einziges Wort englisch und da Chichi neben seinen Rollen des Fahrers, Führers, Callcenters, Julia-Manager (bzgl all der Verwandten, die täglich anrufen und Ratschläge erteilen, wie mit mir zu verfahren sei) und Freundes weiterhin eine nur sehr schwach ausgeprägt Motivation hat, auch den Übersetzer zu spielen, bin ich quasi die 2 Stunden Wanderung hin mit meinen Gedanken beschäftigt. In der Pause, die wir bei den Höhlen sind, kletter ich ein wenig auf den Felsen rum und immer, wenn er findet, ich sollte lieber woanders laufen, schreit er mit aus 100 m Entfernung „A“ zu. Je dringlicher, desto häufiger „A A A A“. Schaue ich zu ihm, zeigt er mir die Richtung, die ich seiner Meinung nach einschlagen sollte. Ich mag es. So fühle ich mich doch mehr Teil des Ausflugs. Auf dem Rückweg sagt er ab und an „O“, das fasse ich als Warnung auf. Und als sie sich ewig mit locals unterhalten und ich wieder nichts verstehe und daher vorgehe, ruft er mir lachend „Hoi“ zu. So eine Art „hey“. Wer braucht da schon einen Übersetzer.

Auf dem Weg zur Höhle:

Die kleine Höhle:

Mit Tambdi Dad ist es etwas anders. Er ist zum Glück von den ÜbersetzungsApps weggekommen und wir sprechen wieder mit 25% englischen Wörtern, 75% marathi Wörtern und jeder Menge Gestik. Und anstatt nur „understand?“ zu fragen, fragt er nun „understand? Percentage?“ Und es ist etwas schwierig, abzuschätzen, wie viel ich nicht verstanden habe 😀 aber eine grobe Angabe kann ich machen (zwischen 20 und 90%) und das hilft doch schon.

Zu Tambdi Dad gibt es noch mehr zu erzählen. Er ist sehr gesprächig und lässt sich von unserer Sprachbarriere nicht zurückhalten. Was mich einerseits sehr freut und was ich auch sehr zu schätzen weiß, ist mir an manchen Abenden nach ereignisreichen Tagen dann aber doch manchmal etwas zu viel. Da ist es mir manchmal doch eher nach etwas Zeit für mich, in der ich all die Erlebnisse verarbeiten kann. Ich mag unsere Gespräche aber auch. Und als wir gemeinsam mit dem Auto unterwegs waren, hat er mir immer wieder etwas über die Dörfer berichtet, durch die wir gekommen sind. An einem Punkt musste ich schmunzeln, denn das kam mir sehr vertraut vor. So wie unsere Eltern/Großeltern der Sage nach im Winter ja alle kiometerweit durch den tiefsten Schnee zur Schule stapfen mussten, hat auch Tambdi Dad seine Geschichte. Er ist noch ohne Strom zuhause aufgewachsen und habe mit den Händen Fische im Fluss gefangen. Zudem musste er kilometerweit zur Schule laufen. Und aus Mangel einer Brücke, die wohl erst 1996 gebaut wurde, hatte er eine Plastiktüte dabei, in die er seine Schulbücher und Klamotten steckte. Die auf dem Kopf balancierend sei er dann durch den großen Fluss geschwommen.

Ab in die Wildnis

Jetzt, wo ich wieder so richtig fit bin, kommt auch Tambdi Dad in Fahrt. Gestern Abend habe ich zum ersten mal meine Flöte ausgepackt und ein wenig vorgespielt. Er stellt fest, dass ich ganz andere Musik darauf spiele, als er gewohnt ist – aber es gefällt ihm. Immerhin, denn beim Weihnachtsabendessen, das ich für alle zubereitet hatte, sagte mir Tambdi dad im Nachhinein auf die Frage, ob es ihm geschmeckt hätte lachend „no like“. Das ist mal eine klare Antwort. Wir sitzen mittags gemeinsam im Wohnzimmer, Tambdi Mum, Tambdi Dad, eine Schwester von Tambdi mum und ich. Und mangels Internet und damit verbundenen Übersetzungshilfen unterhalten wir uns zu 50% mit Wörtern auf marathi, hindi und englisch und 50% Gestiken. Wir unterhalten uns über den Unterschied der Mentalitäten von Deutschen und Indern und meiner Zeit in Varanasi. Irgendwann kommt Tambdi Dad eine Idee. Ein paar hundert Meter weiter ist eine Schule und er ist überzeugt, dass die „armen Kinder“ dort noch nie eine Ausländerin zu Gesicht bekommen haben. Und da ich ja schonmal Lehrerin war, könnte ich ja an die Schule gehen und mich einen Vormittag vorstellen und ein wenig Fragen beantworten. Er denkt, dass es von meiner Seite aus schon reichen würde, wenn ich die Kinder nach ihren Namen fragen würde. Das würde sie sicher freuen. Ich sage, dass ich das gerne tun kann (warum auch nicht? Ich glaubeeh nicht, dass das was wird) und dann führt er noch weiter aus. Ich habe ja die Flöte hier und singen kann ich auch. Und beides ist etwas, das sich von der regionalen wie auch nationalen Musik arg unterscheidet. Am Ende findet er, es sollte reichen, wenn ich was vorsinge. Ich habe das Gefühl, nur glatt einem „Mrs Julia Mam festival“ der Schule entkommen zu sein. Tambdi Dad ruft direkt irgendwen an und erzählt von der Idee. Leider hat er keine Telefonnummer der zuständigen Person (wer auch immer das sein mag), aber er weiß schon, von wem er sie bekommt. Er ist zuversichtlich, morgen werde ich mich dort vorstellen.

Hier mit Tambdi Eltern an Weihnachten vor unserem geschmückten Mangobaum:

Ich bin gespannt. Zum einen möchte ich unter keinen Umständen als weißer Übermensch präsentiert werden, zum anderen bin ich aber für einige Leute die erste Ausländerin, Weiße, Westlerin, die ihnen persönlich begegnet. Und ein paar Fragen zu beantworten sowie ein wenig von einer anderen Kultur zu zeigen, kann ja eigentlich nicht schaden.
Mal ganz davon abgesehen planen Chichi und ich aber, morgen gemeinsam ans Meer zu fahren und die Verwandschaft mit den Mangonachbarn zu besuchen (leider ist keine Mangosaison. Das ist äußerst schwer verkraftbar). Da Pläne hier aber doch sehr flexibel sind, warte ich mal ab, ob und wann eine der beiden Ideen zur Umsetzung kommt.

Mal wieder liege ich. Dabei lässt es sich auch einfach am gemütlichsten schreiben, finde ich. Ich liege auf einer Matte auf dem Boden des Wohnzimmers von Verwandten von Tambdi Mum. Gestern Abend sind wir spontan aufgebrochen, um Silvester zu feiern. Eigentlich wollten wir schon vor 3 Tagen her fahren, aber wir sind ja alle flexibel. Wir sind hier in dem Ort, wo ich im Mai die ganzen Mangos herbekommen hatte. Bin also minimal voreingenommen und liebs.
Gestern Abend, am 31.12.24 (ein Tag nachdem ich hätte in die Schule gehen sollen. Überraschung, hat nicht geklappt da gerade Prüfungen anstehen) war noch nicht viel geplant. Chichi hat das etwas gestört, er wollte Silvester doch lieber feiern und nicht nur gemütlichen mit den Eltern im Wohnzimmer sitzen. Also haben wir um 9 beschlossen, zur Verwandschaft zu fahren. Darauf folgt ein längeres Telefonat, um die glücklichen über unsere Ankunft zu informieren. Dann gehen wir noch duschen, packen unsere Sachen, warten auf irgendwas, warten auf das Abendessen (das gibt’s meistens gegen 12 Uhr nachts) und dann brechen wir schon um halb 11 auf. Einen kleinen Abstecher machen wir noch zu einem Freund, um dessen Motorrad auszuleihen. Es ist eine Kasasaki, mehr weiß ich nicht-aber scheinbar recht fancy. Damit brechen wir dann endgültig auf. In der Nacht kühlt es zwar nicht arg runter, es hat kaum unter 17°. Aber dazu kommt Nebel und mit dem Fahrtwind ist es dann doch etwas frisch. Genau deswegen habe ich eine dünne Softshelljacke dabei, die ich über mein T-Shirt und die Bluse abziehe. Außerdem binde ich mir ein Koftuch, um den Kopf zu schützen und ziehe die Kaputze auf. Chichi lacht mich aus und fragt wieder mal, wie ich in Deutschland eigentlich klarkomme, wenn mir ja jetzt schon kalt sei. Er hat sich eine Strickjacke übers T-Shirt gezogen, trägt eine Mütze (Helme hat man hier ja keine auf. Nicht einmal der Fahrer) und Stoffmaske, um die staubige Luft ein wenig zu filtern.

Die Straßen sind fast leer, die Shops alle zu und man sieht niemanden. Ein sehr ungewohnter Anblick. Laut Chichi sind die Leute alle drinnen und feiern dort. Wir fahren über Land, kommen immer wieder durch kleine Ortschaften und dafür, dass heute Silvester ist und 0 Uhr kurz bevor steht, sehe ich keine Anzeichen.
Als wir bei der Verwandschaft ankommen, sind sie bereits alle im Bett und es ist 0:11 Uhr. Ich habe Silvester verpasst. Ich glaube, ich habe noch nie nicht mitbekommen, wann genau 0 Uhr ist. Das finde ich etwas traurig. Chichis Vorstellung von Silvester feiern trifft das wahrscheinlich auch nicht, aber da wir beide müde sind, gehen wir auch direkt schlafen.

Gegen 8 Uhr morgens werde ich durch die Geräusche der Frauen im Haushalt wach und stehe auf. Es ist noch etwas frisch und auch hier auf dem Land hört man außer Tieren nicht viel. Zwei Hähne krähen unregelmäßig, ab und an bellt mal ein Hund und sonst höre ich nur Geräusche aus der Küche.
Eine Weile sitze ich hier vor dem Haus und schaue einfach ins nichts. Das ist schön. Nachdem mich die zweite Frau fragt, ob ich mich nicht frisch machen mag, gehe ich duschen. Ich werde hier überdurchschnittlich oft gefragt, ob ich duschen gehen will. Vermutlich möchten sie einfach sehr zuvorkommend sein, manchmal fühlt es sich aber auch komisch an, des öfteren gefragt zu werden. Aber ok. Normal dusche ich morgens nach dem Aufstehen (weil ich hier erste gegen 10 aufstehe und es bis dahin schon heiß ist, hat man bis dahin bereits geschwitzt) und abends, wenn es etwas abgekühlt hat und man das Haus nicht mehr verlässt oder es kühl genugist, dass man nicht mehr schwitzt. Im Gegensatz zu Chichis Haus gibt es hier keinen Boiler, sondern man kocht Wasser über einem offenen Feuer in einem der Räume des kleinen Hauses. Den Blecheimer nimmt man dann mit ins Badezimmer und da mir das Wasser viel zu heiß ist, mische ich es mit kaltem Wasser. Was mich noch immer irritiert ist, warum in vielen Badezimmern nur Wasserhähne auf Kniehöhe sind, aber keine Duschköpfe. Der Wasserdruck wäre ausreichend und ich finde es deutlich angenehmer, im stehen zu duschen. Aber das ist wahrscheinlich auch einfach nur Gewöhnungssache.

Der Blick von unserer Terasse auf eine Schule:

Ich gehe eine Runde durch das Dorf spazieren und dann frühstücken wir vor dem Haus. Nach und nach gesellen sich einige Nachbarn zu uns, manche von ihnen erzählen direkt, wo sie mich heute schon gesehen haben. Es entsteht quasi ein Bewegungsprofil von mir und das, obwohl ich hier garkeinen Empfang habe. Manchmal braucht man garnicht so viel Technik. Da außer meinem persönlichen Übersetzer niemand englisch kann und mein Übersetzer leichte Motivationsprobleme aufweist, findet nicht viel weitere Konversation statt. Aber das ist ok. Dann kommt mein Lieblingsnachbar vorbei, er grinst schon von weitem. Er hatte mir die meisten Mangos von seinem Baum gepflückt. Absolut sympathisch. Und nachdem er gefragt hat, seit wann ich wieder hier bin, möchte er wissen, ob ich zur nächste Mangosaison wieder komme. Ich könne wieder jede Menge Mangos mitnehmen. Hui, und schon ist er ganz weit vorne mit dabei auf der Liste meiner Lieblingsmenschen in Asien. Eigentlich hatte ich nicht vor, schon wieder im Mai herzukommen, aber bei dem Angebot muss ich mir das auf jeden Fall nochmal überlegen! Ich zeige ihm Fotos von meinem Mangofest und er freut sich, dass seine Mangos so viele Leute so weit weg gefreut haben.

Zusammen mit 2 Cousinen machen wir uns dann auf den Weg. Wir wollen etwas durch die Gegend laufen und sind mit Snacks, einem Lautsprecher und viel Wasser ausgerüstet. Wir laufen ziemlich lange und kommen des öfteren an Abzweigungen von Trampelpfaden, wo wir schauen müssen, wie es weiter geht. Offenbar haben wir ein genaueres Ziel. Eine Cousine ist recht schnell schlapp, wegen ihr hätten wir wohl auch einfach vor dem Haus sitzen bleiben können. Sie fragt ab und an, wie weit es noch ist. Irgendwann finden wir die Straße: sie ist ein unbefestigter Feldweg mit Reifenspuren. Kurz später taucht ein riesiges Privatgrundstück vor uns auf, das eine Kokosnuss- und Bethelnussplantage ist. Wir gehen durch das Tor und gleich fühlt es sich etwas verzaubert an. Zum einen ist alles um uns herum grün und nicht staubig rot. Zum anderen herrscht überall Schatten, was bei 35° doch recht angenehm ist. Auf dem Grundstück befindet sich eine kleine Gebetsstätte für Hindus. Keiner von uns ist Hindu, aber der Ort hat trotzdem etwas und so bleiben wir eine Weile dort. Aus Respekt ziehen wir hier, mitten im Wald die Schuhe aus. Das finde ich zum einen eine schöne Geste, manchmal aber auch etwas übertrieben. Wie hier zum Beispiel. Der Wald ist offensichtlich nicht stubenrein und doch ziehen wir die Schuhe aus, um nichts zu beschmutzen. Temperaturtechnisch ist es so aber eh angenehmer. Wir gehen noch ein Stück durch den Garten/Wald und an einigen der Palmen wächst die Kletterpflaze Pfeffer! Da man den wohl auch frisch essen kann, probiere ich gleich ein paar Kügelchen. Schmeckt wie Pfeffer in saftig.

Der Ort zum Beten:

Und ein Blick wie im Jungle:

Schließlich machen wir uns wieder auf den Weg. Wir wollen uns den Sonnenuntergang überm Meer anschauen und anschließend zurück nach Tambdi fahren. Als wir an dem Ort ankommen, den Chichi sich überlegt hatte, sind uns da schon zu viele Leute und wir fahren weiter zu einer alten Burg. Hier ist nichts los, was deutlich angenehmer ist. Das mag eventuell auch daran liegen, dass wir von hier zwar eine tolle Sicht aufs Meer haben, jedoch nicht die Sonne sehen können. Wäre aber auch sehr inkonsequent von uns, jetzt tatsächlich den Sonnenuntergang zu sehen. Wo wir weder den Sonnenuntergang in den Bergen gesehen haben (zu spät dran), noch den Sonnenaufgang überm See (zu spät dran), wo wir auch etwa eine halbeStundezu spät waren. Auch so ist die Stimmung sehr schön und wir lauschen dem Meeresrauschen. Als es dunkel ist, fahren wir zurück. Die Fahrt ist interessant. Zum einen beschließt ein Motorradfahrer der anderen Fahrtrichtung spontan, rechts abzubiegen (im Linksverkehr) und so fahren wir ihm fast quer rein. Wir kommen beim Ausweichen ganz schön ins Schlingern, aber es passiert nichts. Dann sieht Chichi an 2 Stellen zu spät, wie viele Schlaglöcher sich in der größtenteils guten Straße plötzlich auftun und wir fahren viel zu schnell drüber. Auf dem kleinen Motorrad kann ich mich kaum mit den Beinen abstützen und so fährt es voll in den Rücken. Ich fühle mich alt. Auf halber Strecke wird mir dann mitgeteilt, dass wir noch einen kurzen Abstecher bei einer Cousinen machen. Eine andere Cousine hätte ihn angerufen und gesagt, dass Rupa mich gerne kennenlernen würde. Er hat kaum Kontakt, beschließt aber, dass wir trotzdem kurz vorbeischauen könnten. Er stellt sich ins Dunkel, während ich an der Haustür klopfe. Auf die Frage, wer es ist, sage ich nur meinen Namen. Ihr Sohn, ca. 18 Jahre öffnet und fragt, was ich will. Ich frage, ob Rupa da ist und er bejaht. Fragt dann, ob ich mit Prachit da wäre und fragt, wo der sei. Ich zeige auf ihn und er kommt vor. Das findet alles auf marathi statt und ich freue mich, dass ich mich zumindest ein ganz wenig verständigen kann.
Wir kommen rein und offensichtlich freuen sie sich über unseren Besuch. Wir bekommen direkt Süßigkeiten und Getränke angeboten. Und dann reden sie alle ewig miteinander, ohne mich weiter zu beachten. Da ich nicht das Bedürfnis habe, ständig im Zentrum des Geschehens zu sein, finde ich das durchaus ok. Aber wunder mich schon ein kleines bisschen, wie sie mich so kennenlernen wollen. Irgendwann zeigt der Sohn Chichi was auf dem Handy und der nickt ihm zu. Dann zeigt er mir wortlos den Bildschirm, auf dem steht „is Prachit your boyfriend?“. Gut, das ist mal eine direkte Frage. Ich antworte lachend nein und frage Prachit, wieso der ganz normal genickt hat, als ihm das Handy mit den englischen Wörtern gezeigt wurde. Er meint, ihm würde eh nicht geglaubt. Es stellt sich raus, dass die 4 garkein englisch können und der Sohn hält mir noch ein paarmal das Handy mit Fragen hin. Ich antworte ihm mit dem Google translator bzw. zeige ihm auf maps, wo ich genau herkomme. Irgendwann schauen wir alle ein Foto von ihm und seiner Freundin an und plötzlich hält Rupas Mann sein Handy in die Mitte. Er zeigt uns ein Bild von mir. Ah ja. Ein Bild von meinen Tambdi Eltern und mir, welches er rangezoomt hat. Wir sind bei Verwandten meiner indischen Familie und es sollte mich eigentlich nicht weiter überraschen, dass sie ein Foto von mir haben, bevor ich sie persönlich treffe. Trotzdem muss ich erstmal lachen. Ich muss noch ziemlich dafür kämpfen, sie davon zu überzeugen, dass ich nichts weiter essen möchte und wir fahren weiter. Der Rest der Fahrt ist dann noch ganz angenehm.

Holy Piss

Heute bin ich richtig angekommen im Urlaub Urlaub. Klar bin ich schon wieder ein Weilchen hier, aber das richtige Urlaubsfeeling kommt heute hoch. In Delhi und Varanasi ist die Zeit nur so gerannt und jetzt bin ich wieder auf dem Land im Bundesstaat Maharastra.

Heute Nachmittag fahren wir in die Berge, Sonnenuntergang anschauen. Ich bezweifle stark, dass wir den noch zu sehen bekommen, weil wir bereits halb 5 haben, aber ich habe auch nichts gegen eine Motorradfahrt und schon garnichts dagegen Zeit in den Bergen. Auch, wenn die Sonne dann schon untergegangen ist. Als wir ankommen, unterhält sich Chichi mit 2 Bäuerinnen und ich setze mich etwas weiter und genieße die Aussicht, bis es eine halbe Stunde später ganz dunkel ist. Wir besuchen eine Familie, die ich auch schon 2x getroffen habe. Sie leben in sehr einfachen Verhältnissen und haben kaum Einkommen. Zudem macht ihnen zu schaffen, dass immer wieder einer ihrer Büffel vom Leoparden gerissen wird. Die sind nachts daher auch drinnen im Haus. Im Haus fungiert der äußere Ring als Stall für 6 Büffel und 2 Kälbchen, außerdem gibt es auch Hühner. Durchquert man die ca. 3 m, gibt es eine etwas höhere Stufe und auf dem erhöhten Plateau ist quasi der Flur, von dem 2 Räume abgehen. In einem gibt es eine kleine Feuerstelle aus Lehm, auf der mit offenem Feuer gekocht wird. Hier sitzen wir zusammen mit den Eltern und ihrer Tochter. Da sie kein englisch sprechen und zudem ziemlich schüchtern gegenüber Ausländern sind, bin ich wenig in die Konversation involviert. Ich beobachte daher die Hühner und Büffel. Und stelle fest, dass ein Büffel nicht mehr da steht, wo er vorher stand, sondern ca. 1,5 m weiter rechts. Nämlich dort, wo auch meine Schuhe stehen. Und er pinkelt. Direkt neben meine Schuhe, die bekommen ziemlich viele Spritzer mit ab. Mist 😀

Etwa 1,5 Stunden später brechen wir wieder auf und wandern den kleinen Fußweg zurück an die Straße. Die Kuhpisse ist mittlerweile getrocknet, sodass ich zumindest trockene Füße habe. Ich schätze, meine Schuhe sind jetzt besonders gesegnet. Ich Glückspilz! Manchmal muss man sich die Dinge einfach schön reden.
Beim Motorrad angekommen stellenn wir fest, dass jemand die Luft aus beiden Reifen rausgelassen hat und so können wir nicht zurückfahren. Wir laufen also ein Stück, bis wir an eine für Fahrzeuge gut gelegene Stelle zum Halten kommen. Laut Chichi gibt es einen Bus, der auch noch spät am Abend fahre und auf den warten wir für mich. Er will das Motorrad vorsichtig zurück fahren und mich irgendwo treffen, wo mich der Bus absetzt. Ich bezweifle ein wenig, dass da wirklich ein Bus kommt, aber groß eine andere Wahl haben wir nicht. Der Himmel ist ganz klar und wenn gerade kein Verkehr vorbei fährt, den wir auf Bus abscannen, schauen wir auf die Sterne.

Nach 10 min fährt ein Bus aus der Gegenrichtung an uns vorbei und ich bin jetzt auf jeden Fall zuversichtlicher, dass auch aus der andere Richtung ein Bus kommen wird. Nochmal eine viertel Stunde später winken wir meinen neuen Shuttleservice ran und Chichi erklärt dem Busfahrer und Fahrkartenverkäufer, wo sie mich rauslassen sollen. Wir fahren auf der einzigen Straße, die in der Gegend auf die andere Seite des Nationslparks führt und da der Nationalpark Berge sind, ist es eine Pass. In gewohnt hoher Qualität, durchsäht mit etlichen Schlaglöchern und einigen Stellen mit fehlender Deckschicht, wob man quasi auf Schotter fährt. Was mich dazu veranlassen würde, das Tempo zu reduzieren, reicht dem Busfahrer offensichtlich bei weitem nicht aus und wir brettern nur so über diesen holprigen Weg. Mir wird übel und da ich noch von meiner letzten Reise auf Passstraßen in den Bergen in Südindien in Erinnerung habe, dass hierbei Ingwer helfen soll, schmeiße ich mir ein Ingwerbonbon ein. Und warte darauf, dass es hilft. Es hilft nicht. Außer mir sitzen im Bus noch ein Mann, eine Frau mit Baby und eine Frau. Die Frauen möchten von mir wissen, woher ich komme und wo ich hin möchte. Gute Frage, wo ich hin möchte. Keine Ahnung. Ich vermute stark, dass mich der Bus nicht vor die Haustür in Tambdi bringt, außerdem ist Tambdi ein Name für einen Teil des Dorfes. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der einem was sagt, wenn man nicht gerade in dem umliegenden 5 km wohnt. Also sage ich Chiplun. Von der Frau mit dem Baby im Arm bin ich beeindruckt. Ich halte mich selbst am Vordersitz fest, um auf der glatten Sitzbank nicht durch den Bus zu fliegen und sie hält dabei auch noch ein Baby auf dem Arm. Irgendwann wird der Bus langsamer und hält an. Der Fahrkartenverkäufer deutet mir, ich solle aussteigen und so steige ich aus. Mit mir steigen auch Busfahrer und Fahrkartenverkäufer aus. Sie reden auf mich ejn und deuten, ich solle jemanden anrufen. Ah. Ok, dann ruf ich mal Tambdi Dad an. Er nimmt ab und ich gebe das Handy dem Busfahrer. Sie sprechen ganz kurz und dann kommt auch schon Chichi angerollt. Er sagt ihnen, ich solle noch ein Stück mitfahren und so steigen wir alle wieder ein und weiter geht es. Ich bin gerührt, wie sich um mich gekümmert wird. Schließlich hätten sie mich auch einfach stehen lassen können. So kaufe ich nochmal ein Ticket für 5 ct und steige ca. 3 min später endgültig aus. Sie winken mir zum Abschied. Ich erkenne die Kreuzung und beschließe, auf Chichi zu warten. Er ruft aber kurz später an und wir vereinbaren, dass ich ca. 400 m zurück laufe, denn dort hat er einen Laden gefunden, der ihm die Luft aufpumpt. Bzw die Reifen wechselt, denn die Ventile sind rausgerissen. Und dann geht es heim.

Bei der Reperatur:

Ich liege am Waldrand und höre dem Wind zu, wie er die Blätter rauschen lässt. Es ist Winter und die Regenzeit ist lange genug her, dass die Büsche und Gräser langsam trocken genug sind, um Feuer zu fangen. Um ihre Grundstücke vor Wildfeuern zu schützen, verbrennen einige Leute bereits Streifen um ihr Grundstück herum. Chichis Familie hat die Tage „grass cutter“ kommen lassen, 2 Männer mit Motorrasenmähern, um das Gebüsch auf dem Grundstück zu mähen und das Haus vor Wildfeuer zu schützen. Hier in dem Wald, in dem ich liege, ist die Familie ein weiteres Grundstück. Hier möchte Chichi eine Hütte bauen und befreit aus diesem Grund eine Fläche von Gebüsch. Immer wieder zündet er dafür Haufen an, die jedoch schwer brennen, da sie noch zu feucht sind. Das mit dem Grundstück hier ist so eine Sache. Hier ist ein gemauertes Fundament, denn die Familie wollte ursprünglich hier ihr Haus drauf stellen. Das Grundstück gehört ihnen aber garnicht, das gehört wem anders. Diese Person ist allerdings schon seit Jahren nicht vor Ort und da laut Chichis Aussage seine Familie die ist, die sich „um das Grundstück kümmern“ (was auch immer das heißen mag), waren sie der Meinung, können sie hier auch gerade ihr Haus drauf bauen. Irgendwie hatte der Grundstückseigentümer dann aber davon mitbekommen und war wohl dagegen. So haben sie ihr Haus dann doch auf ihr eigenes Grundstück gebaut. Übrig ist aber das gemauerte Fundament und hierauf möchte Chichi seine Hütte stellen. Wann das der Grundstückseigentümer mitbekommt und wie er das dann findet, steht wohl noch in den Sternen.