Busy Varanasi

In Varanasi rennt die Zeit. Hier habe ich fast täglich Backworkshops für die Azubis gegeben. Thema: vegane Torten. Schwarzwälder Kirschtorte haben wir mehrfach gemacht, einmal in ’normal‘ und mehrmals in vegan. Und Donauwelle haben wir mit mehreren Cremes getestet. Die vegane Butter dort ist nämlich so bockhart, dass sie für Buttercremes eher beschränkt geeignet sind. Aufgewärmt und mit Kokosöl vermischt hat es aber ganz gut geklappt.
Dann hat sich mein Kratzen im Hals (schiebe ich auf die unglaublich schlechte Luftqualität in Delhi und Varanasi) zu einer ausgereiften Erkältung entwickelt. Musste jetzt auch nicht unbedingt sein. Dann noch in anderen Bereichen das Projekt unterstützt (Flyer erstellt,..) und so viel Zeit wie möglich mit Freunden verbracht. Kleines Highlight ist, dass ich noch Versuchskaninchen spielen darf für den Masseur. Im Gasthaus werden nämlich demnächst auch Massagen angeboten und da hat Micha mich gebeten, das aus der Perspektive einer Frau zu erleben. Man tut, was man kann, um zu helfen! Ich lasse mich also mehr oder weniger für den guten Zweck massieren. Läuft!

Zwischendurch meldet sich Jitender (der mit dem Bruder in Amsterdam) und bietet mir an, ich könnte mich jederzeit bei ihm und seinen Eltern (die sind zum zweiten Mal in Varanasi) melden, wenn ich hier irgendwelche Probleme hätte. Das ist nett. Und etwas komisch, weil ich mich hier vermutlich besser auskenne, als er.

Just Varanasi things:

Freitag Abend bin ich zu einer Babyparty eingeladen. Priyankas (bei deren Hochzeit ich letztes Jahr war) Schwägerin ist hoch schwanger und da ich auch sie ganz gut kenne und wir uns sehr gut verstehen, bin ich auch eingeladen. Sie sagt, es geht um 18 Uhr los, Priyanka (die selbst notorisch zu spät ist) warnt mich aber vor, ich solle nicht vor 19 Uhr kommen – aber am Ende machen wir aus, dass sie mich anrufen, wenn ich loslaufen soll. Passt. Ich bin um halb 6 im Gasthaus zurück und lege mich etwas hin, da ich ein wenig angeschlagen bin. Gegen 9 bekomme ich so Hunger, dass ich beschließe, mir unten im Restaurant was zu bestellen. Gerade, als ich bestellen möchte, bekomme ich den Anruf und laufe los. Ich werde von Priyankas Cousin Chiku begrüßt, er fragt, warum ich erst so spät gekommen sei. Ich sage, dass sie mich vergessen hatten und ich daher erst jetzt gekommen bin. Die Feier habe ich also verpasst ^^ das ist schade, ich bin aber auch nicht all zu traurig darüber, die 3 Stunden Ruhe gehabt zu haben. Sie schaut toll aus, ist mit jeder Mwnge Schmuck behängt und tront in einem mit Blumen geschmückten Zimmer, umringt von lauter Frauen der Verwandtschaft. Ich beglückwünsche sie kurz und werde dann in den Nebenraum geführt, in dem ich Essen bekomme. Der Vater bedient mich, das finde ich besonders. Da er normalerweise delegiert, wer mir was bringen soll, schiebe ich diese neue Situation auf die ganzen anderen Gäste. Er zeigt, dass er ein guter Gastgeber ist. Wir können aufgrund der Sprachbarriere nicht viel reden, er ist mir aber sehr sympathisch. Auch letztes Jahr bei der Hochzeit hat er mir gesagt, dass er sehr zu schätzen weiß, dass ich von so weit her gekommen bin. Ich mag ihn. Als ich mit dem Essen fertig bin, gehe ich wieder da mir das zu viel Trubel ist und ich hier nicht viel verstehe. Außerdem freue ich mich auf mein Bett.

Varanasi Gassen am Abend:

Am Samstag fahre ich Priyanka bei ihrer Schwiegerfamile besuchen. Da ich mir die Haare gewaschen habe und es am Abend und in der Nacht nicht warm genug ist, um sie an der Luft zu trocken, gehe ich in ihr altes Elternhaus und leihe mir einen Föhn. Dann diskutieren wir etwas, wie ich jetzt zu ihr fahre: Priyanka hatte mir genau erklärt, wo ich welche Autoriksha nehmen muss. Aber gestern Abend hatte mir ihr Bruder dann versichert, dass er oder sein Cousin eh auch hinfahren würden und mich mitnehmen könnten. Heute wirkt es aber, als würden sie nur wegen mir fahren und das halte ich für übertrieben, da mir Priyanka gesagt hat, wie ich fahren muss.

Varanasi Verkehr:

Wir einigen uns also darauf, dass ich mich allein auf den Weg mache. Dann muss ich aber erstmal warten, denn sie wollen noch Süßigkeiten für die Schwiegerfamilie mitgeben. Und dann rufen sie noch an, um zu klären, welcher nun der für mich geeignetste Weg ist. Es ist der, den mir Priyanka verraten hatte. Den ich ihnen auch zur Bestätigung nochmal erklärt hatte. Hach ja. Manchmal find ich dieses jeder kümmert sich und mischt sich ein rührend und machmal unnötig verzögernd. Endlich mache ich mich auf den Weg und finde nach etwas Suche ein shared Auto (Tuktuk, dass sich mehrere teilen). Eines, das nicht 500 Rs sondern nur die angebrachten 25 Rs von mir will. Perfekt.
Auf dem Weg ruft mich Priyankas Mann an und sagt, er hole mich von der „Haltestelle“ des Tuktuks ab, ich muss kein weiteres suchen. Auch gut.
Ich habe bereits mit Priyanka, ihrer Schwägerin, ihrem Bruder, ihrem Cousin und ihrem Mann darüber gesprochen, wie ich zu ihr fahre. Wenn das normal ist, wird mir auch langsam (aber auch wirklich nur langsam) klar, weshalb die Leute hier alle ständig am Telefonieren sind. Man kommt ja zu garnichts mehr. Meinem auf Effizienz getrimmten, deutschen Hirn gefällt die Ineffizienz des ganzen nicht so gut. Aber dem Teil meines Herzens, der es einfach wundervoll findet, wie man sich umeinander kümmert, geht das Herz ein bisschen auf.
Und schon ist die Zeit rum in Varanasi und ich fliege nach Mumbai.

Wieder mal habe ich mich bewusst dafür entschieden, nicht zu fragen, was wann und wie passiert, wenn ich ankomme. Ich vertraue.
Dass meine Nachrichten von gestern immernoch nicht bei Chichi angekommen sind, beunruhigen mich ein kleines bisschen. Aber ich habe die Adresse der Wohnung in Mumbai und außerdem die Kontakte der beiden Cousins, die auch dort wohnen. Kurz vor Abflug meldet sich Chichi, ich solle Bescheid geben, wenn ich gelandet bin. Er sei im Jungle und hätte daher die letzten Tage keinen Empfang gehabt. Als ich ankomme telefonieren wir kurz und ich mache mich auf den Weg zur Wohnung. Aufgrund eines Missverständnisses stelle ich dann kurzerhand mein Gepäck bei den Nachbarn in die Wohnung und gehe essen, bis Akshay von der Arbeit kommt. Eigentlich hätte ich den Schlüssel bei ihm holen sollen. Was auch erklärt, weshalb er mir die Adresse seiner Arbeit geschickt hatte. Geht aber auch so.
Ich gehe mit verschiedenen Saucen gefüllte, frittierte Bällchen (pani puri) am Stand meines Vertrauens essen und besorge mir eine Tüte mit scharfen Bananenchips. Die liebe ich über alles!
Mot den Chips beladen setze ich mich zum Tempel vor der Wohnung und warte, bis kurz später auch schon Akshay kommt und wir nicht viel später zusammen zum Punkt laufen, den Chichi mit dem Busfahrer ausgemacht hat, wo der mich einsammeln soll.

Ich kann einigermaßen schlafen auf meinem Liegeplatz und morgens gegen 5 komme ich an. Juhu! Die ersten Tage verlaufen ruhig. Ich bin immernoch ziemlich angeschlagen und habe das Gefühl, dass es meinem Körper ganz gut tut, sich auszuruhen.

Namaste Delhi!

Es ist Montag, der 16. Dezember 2024 und ich liege im Zug, irgendwo auf dem von Delhi nach Varanasi. Dass ich den Blog auf meiner letzten Reise an Tag 2 gestartet habe, nehme ich als Anlass, diesmal an Tag 3 zu starten. Also heute 🙂

Tatsächlich gibt es auch noch garnicht viel zu berichten. Am Freitag früh habe ich mich wieder mal auf den Weg zu meinem Lieblingsziel gemacht: Indien! An sich hat alles gut geklappt, nur im zweiten Flug saß eine Familie mit kleinem Mädchen hinter mir, deren Motivation, sich auch nur annähernd ruhig zu verhalten quasi negativ war. Dass sie mich 4h durchgehend getreten und vollgeschrien hat, kann ich ihr kaum übel nehmen. Denn in ihrer kurzen Verschnaufspause fing ihre Mutter an, ihr eine Lobeshymne über Indien vorzusingen und da ist sie direkt mit eingestiegen. Yeah. Ist auf jeden Fall ein nicht unauthentischer Einstieg in mein Urlaubsziel. Die Eltern nicht zu verurteilen, ist mir leider nicht ganz gelungen, dabei hab ich mir schon Mühe gegeben. Zumindest in der ersten Stunde. Morgens gegen 6 (1:30 Uhr nachts in Deutschland) bin ich dann mit Nerven aus Schokolade gelandet und mit dem Taxi zu Michas Bäckerei gefahren. Naresh begrüßt mich und fragt, welches Brot ich denn gerne frühstücken möchte. Die Brote sind richtig gut, aber zum einen will ich jetzt nicht frühstücken, weil ich gleich endlich pennen gehe. Und zum anderen will ich schon garkein deutsches Brot als erste Mahlzeit in Indien essen. Ich quatsche daher nur kurz mit ihm und verabschiede mich dann in Michas Wohnung zum Schlafen.

Mittags stehe ich auf und gehe zum Mittagessen in die Bäckerei. Dann laufe ich zum nächsten Markt und suche vergeblich eine Simkarte. Also gehe ich wieder schlafen und schon ist der Samstag rum.

Am Sonntag schlafe ich lange, stehe mittags auf und mache mich auf den Weg zu einem Markt, den ich kenne. Hier werde ich fündig. Als ich am Nachmittag zurück fahren möchte, treffe ich doch noch einen Bekannten der deutschen Schule in Delhi. Er hat in der Botschaft gerade noch den Nikolaus gespielt und ist fast enttäuscht, dass er in seinem Alltags-Outfit nicht halb so viel Aufmerksamkeit erfährt. Wir gehen zusammen Essen und ich erfahre viel darüber, wie es ist, an der deutschen Schule als Lehrer zu arbeiten. Nach 2 Runden Darts verabschiede ich mich und falle müde ins Bett.

Auch in Indien ist jetzt Winter und das heißt, die Durchschnittstemperatur ist jetzt auch hier niedriger. Tagsüber sind es etwas mehr als 20° und nachts kühlt es auf ca. 8° C runter. Morgens und abends finde ich es schon auch kühl, aber tagsüber komme ich im Gegensatz zu den meisten Leute hier auch gut ohne Mütze und Jacke aus. Das können einige hier garnicht nachvollziehen. Sie finden, ich sollte meinen Kopf vor der Kälte schützen, um nicht krank zu werden.

Und schon ist Montag. Wieder schlafe ich lange und stehe erst mittags auf. Nach einem Telefonat mit Antonia und dann Chichi ruft Naresh an und fragt, wo ich bin und ob ich zum Essen komme. Außerdem will er wissen, wo ich denn gestern gegessen hätte? Lieb. Dass ich zum Essen nicht in die Bäckerei gekommen bin, kann er nicht wirklich nachvollziehen. Ich verspreche, gleich rüberzukommen. Scheinbar kommt auch Claudia und bringt Essen. Keine Ahnung, wer das ist, aber wir sagen kurz hallo und dann ist sie auch schon wieder weg. Und dann treffe ich noch Dolly und Suriya. Dolly lebt noch bis Januar im Kinderheim, dann wird sie 18 und zieht in ein Zimmer in Michas Büro. Sie macht eine Ausbildung zum Bäcker. Letztes Jahr habe ich zusammen mit ihr Waffeln gebacken, da erinnert sie sich noch dran. Dolly ist witzig, ich mag sie. Suriya kenne ich noch nicht, sie ist 2019 aus Afghanistan gekommen und arbeitet jetzt auch in der Bäckerei. Nebenbei hat sie Hindi gelernt, freut sich schon auf ihren Deutschkurs ab Januar, weil ihr die 5 Sprachen, die sie bereits beherrscht scheinbar nicht reichen. Sie ist mir sympathisch und wir beschließen, gemeinsam zu einem Markt zu fahren. Wegen des Verkehrs zieht sich die Fahrt ganz schön und ich werde auf dem Rückweg langsam nervös. Aber ich komme am Ende 45 min vor Abfahrt des Zuges mit meinen 2 großen Koffern, dem Handgepäcksrucksack sowie dem kleinen Rucksack und einem Paket für Micha am Bahnhof an. 2 Kulis haben sich an meiner Überforderung, das Gepäck mehrere Treppen hochzutragen bereichert. Aber die 5 € waren es mir echt wert. Obwohl ich schon deutlich zu viel gezahlt habe. Aber immerhin habe ich sie von den ursprünglichen 1000 Rs pro Koffer auf 200 Rs (statt ~120 Rs) runtergehanelt bekommen.

Am Gleis stellt sich kurz später eine große Familie so neben mich, dass ich plötzlich in ihrem Kreis mit drin stehe. Nachdem ich sie kurz bitte, auf mein Gepäck aufzupassen, während ich mir eine Banane und frittierte Erbsen besorge, ist das Eis gebrochen und ein kurzes Fotoshooting beginnt. So geht die Zeit gut rum und der Zug fährt auch schon ein. Ein indischer Hipster hilft mir mit dem ganzen Gepäck und ich finde meinen Platz. Ich habe Platz 49, den untersten Liegeplatz von 3 übereinanderliegenden Schlafplätzen. Mag ich garnicht, weil viele Inder länger da unten sitzen wollen und ich mich eigentlich immer sofort schlafen legen mag. Und schon ist die Familie da, mit welcher ich den 6er teile. Jitender ist etwas jünger als ich und er reist mit seinen Eltern nach Varanasi. Sie bitten mich, Plätze zu tauschen, sodass der Vater nicht ganz hochklettern muss und großzügig willlige ich in den Platztausch ein. Perfekt. Mein ganzes Gepäck finden sie zwar etwas störend, aber wir finden schnell eine Anordnung, die passt. Irgendwann kommen wir doch noch ins Gespräch und es stellt sich raus, dass Jitender ein wenig deutsch gelernt hat und sein Bruder sei wohl auch gerade in Deutschland. Nämlich in Amsterdam. Ich wurde vor ein paar Jahren mal gefragt, ob ich Japanerin sei – dagegen ist Amsterdam ja praktisch Deutschland.

Bevor ich schlafe, fällt mir ein, dass ich noch einen Schokonikolaus dabei habe. Ein Geschenk vom Sohn von Freunden aus Deutschland, das mir jetzt gerade recht kommt. Ich mache ein Foto, wie ich ihn esse und schicke es ihnen. Dann schlafe ich auch schon ein.

Mangos und ein Abschied

Mangos sind noch keine gepflückt. Es gibt ein Problem, und zwar schauen die für mich reservierten Mangos von innen teils nicht mehr so gut aus. Das wird auf den starken Regen der letzten Tage zurückgeführt. Hier wird nun überlegt, was wir jetzt machen. Am frühen Abend fahren Chichi und ich nochmal zu dem fast ausgetrocknet See im Jungle und sehen ein Gaur (indisches Bison) mit Kalb. Mittlerweile hat die Dämmerung eingesetzt und das Muttertier ist mit Kalb unterwegs. Chichi fühlt sich damit nicht so wohl und so klettern wir auf einen kleinen Baum. Als ob die 600-1000 kg, die so ein weibliches Tier auf die Waage bringt, von einem läppischen, toten Baum aufgehalten werden könnten. Aber gut. Vielleicht bin ich zu naiv, ich wäre einfach ruhig sitzen geblieben. Das Tier starrt uns eine Weile an und verschwindet dann wieder im Jungle. Ich erkenne ohne Brille in der Dämmerung nicht allzu viel, außer einer sehr großen Kuh. Jetzt, wo wir wieder sicherer sind, ist Chichi überaus begeistert, denn er versucht schon seit einigen Wochen, so ein Tier in freier Wildbahn zu sehen. Da es jetzt aber langsam gefährlich wird hier im fast dunkel an der Wasserstelle, machen wir uns auf den Weg. Auf der Straße angekommen setzen wir uns noch eine Weile vors Auto und schauen, ob wir noch was erkennen.

Unser Baum des Vertrauens:

Am Abend bekommt Chichi mal wieder Ärger von der Familie. Dass ich hier bin, weiß vermutlich jeder der Familie bis zum ca. 5. Grad inklusive deren Freunde und Nachbarn. Und alle diskutieren mit, was mir gezeigt werden soll, was mir geboten wird und wie am besten auf mich aufgepasst wird. Was mich auch immer mal wieder nervt, weil ich es nicht gewöhnt bin, dass eine so große Gruppe von Leuten in meiner Tagesplanung mitredet und Entscheidungen für mich trifft, rührt mich mittlerweile immer mehr. Die meisten kennen mich überhaupt nicht, sie sind (im Gegensatz zu vielen aus der touristischen Region Varanasi) auch absolut nicht an irgendwelchen materiellen Vorteilen interessiert, die ich ihnen bieten könnte. Im Gegenteil, ich darf ja überhaupt garnichts bezahlen. Es geht ihnen also nicht darum, irgendeinen Vorteil aus mir zu ziehen, sondern ich finde es einfach nur herzerweichend, wie ich in dieser Gemeinschaft, in dieser riesigen Familie aufgenommen werde. Aber zurück zum Abend, Chichi wird dafür gerügt, mich dieser großen Gefahr Natur auszusetzen. Ich solle doch lieber im Haus bleiben, da gibt es Ventilatoren und ich könne mich ausruhen. Wieso er mich dazu nötige, irgendwo rumzulatschen? Und dann noch, wo es dunkel ist. Sie finden es unverantwortlich von Chichi, mich in solche Situationen zu bringen. Es ist auch nur schwer für sie zu verstehen, dass ich da Lust drauf habe. Dass ich das möchte. Bis ihnen Chichi am nächsten Tag Bilder zeigt, wie ich auf einen großen Baum geklettert bin. Sie glauben ihm ein wenig mehr, dass ich da Lust drauf habe. Vor allem, als ich ihnen Freude strahlend berichte, dass ich das viel öfter machen möchte, weil es mir so Spaß macht. Ich habe jetzt also vermutlich noch mehr den Ruf der seltsamen Deutschen. Chichi sagt auch immer wieder, dass er allein die Verantwortung für mich übernimmt. Ich bin nicht von hier und offensichtlich gibt es sehr viele Dinge, die mir fremd sind, die ich nicht verstehe (schon allein die Natur und wilden Tiere hier. Und dann natürlichnoch die sprachliche und kulturelle Barriere,  wovon zumindestzweitere immer kleiner wird). Man muss auf mich also mehr aufpassen, als auf einheimische Verwandte. Und zudem scheine ich untypische Vorlieben für Urlaub zu haben. Es ist also etwas schwierig für alle einzuschätzen, wie man auf mich aufpasst und mit mir umgeht. Jeder hat eine andere Meinung. Den Großteil der Diskussionen und Telefonate verstehe ich natürlich maximal wenig bis nicht. Und doch weiß ich, wie vielen Leuten an meinem Wohlergehen gelegen ist. Und das ist einfach wundervoll, zu spüren.

Die Nacht wird interessant. Mir wird geraten, mich mit den Cousinen, Nichten, Neffen und Tanten schlafen zu legen aber heute Nacht findet ein Konzert mit traditioneller Musik statt. Ich bin sehr müde, ich möchte wirklich gerne schlafen. Und den Konzerte mit traditioneller Musik, die ich in Indien bisher erlebt habe, konnte ich meist nicht viel abgewinnen. Aber Prasen und Mama (Chichis Onkel) spielen mit, Chichi fährt eh hin und so ist für mich klar, dass ich mitkomme. Wir holen Prasens Eltern sowie seine Oma ab. Die Oma ist überglücklich, mich zu sehen. Wir können nicht reden, aber auch ich freue mich sehr, das bekannte, liebevolle Gesicht, zu sehen. Dann geht es zum Konzert. Mittlerweile ist es etwa 1 Uhr nachts und wir haben nur die ersten Minuten verpasst. Wir setzen uns und Prasen und Mama winken uns fröhlich zu, als sie uns sehen. Es ist ein winzig kleines Dorf hier und ich bin neben der Musik vermutlich die nächste Attraktion. Es ist unglaublich laut. Alle Lautsprecher geben etwa 250% und mir platzt bald der Schädel. Auf dem Weg vom Auto zu den Stühlen hat mir Chichi gesagt, dass wir nicht lange bleiben müssen, sondern auch mit dem Auto irgendwo rumfahren können. Ich bin unglaublich froh um diesen Vorschlag. Ich hatte absolut nicht vor, den anzunehmen. Aber das ist wirklich kaum auszuhalten. Ich denke, ich fände die Musik ok, wenn sie zumindest auf erträglicher Lautstärke zu hören würde. Nach 10 min sage ich Chichi, dass mein Kopf platzt und ich in spätestens 5 min gehen möchte. Es tut mir Leid, denn Prasens Eltern und Oma sind natürlich stolz, dass ich auch zu Prasens Konzert komme. Chichi lacht und sagt, dass auch er gehen will, weil er es nicht aushält und so verschwinden wir. Wir fahren etwas mit dem Auto und auch hier ist die Musik wunderbar zu hören. Wir setzen uns vors Auto auf die Straße und hören von hier zu. Dann reden wir wieder mal über unsere unterschiedlichen Erfahrungen mit Familie in Deutschland und Indien. Um 5 ist das Konzert vorbei und wir holen die 4 wieder ab. Sie sind traurig, dass wir nicht zugehört haben, ich sichere ihnen aber zu, dass wir das durchaus getan haben. Nur halt nicht vor der Bühne. Ich versichere ihnen auch, dass ich nicht geschlafen habe, obwohl ich wirklich müde bin. Prasen freut sich. Bis wir gegen dreiviertel 6 wieder bei Mamadaheim ankommen, schlafen die 3 hinten auf der Rücksitzbank. Die Dämmerung hat bereits eingesetzt und wir gehen schlafen. Um nicht noch mehr Mückenstiche zu bekommen, schlafe ich mit Prasens Mutter in einem Bett drinnen im Haus.

Das Konzert:

Gegen 11 Uhr werde ich wach und wir machen uns auf, um zu erkunden, welche Mangos wir nun ernten. Nach einer kleinen Tour durchs Dorf, in denen mir wirklich sehr viele Leute ihre Mangos anbieten (gratis?!), entscheiden wir uns für einen Sack mit den reservierten Mangos des Nachbarn sowie einem Sack Mangos einer anderen Nachbarin. Da ich erst Mittag essen soll und 2 Onkel bereits mit der Ernte beginnen, komme ich nach. Ich finde den Baum nicht gleich und so drehe ich eine größere Runde durch den Ort. Als ich schließlich da bin, sind sie fast fertig und ich kletter mehr zum Spaß den Baum hoch. Dann geht es aber zum nächsten Baum und der ist riesig groß. Außerdem hat er viele Astverzweigungen relativ weit unten, sodass dieser Baum quasi zum Klettern gemacht sind. Ich liebe es. Die Nachbarinnen finden es völlig verrückt, dass ich da mit drauf klettere, unser Mangopflückerspezialist findet es amüsant. Ich nehme mir vor, das künftig öfter zu machen. Irgendwann haben wir genug Mangos. Wir klettern runter, packen die Mangos ein und bringen sie zum Auto. Dann ist erstmal Mittagspause. Chichi macht sich ans Kokosnuss ernten und da ich auch sowas noch nie gemacht habe, darf ich auch hier mithelfen. Prasens Vater zeigt mir, wie wir die Machete an dem langen Bambusstab befestigen und am Ende schaffe ich es, 4 Kokosnüsse zu ernten! Ich bin sehr stolz. Frisches Kokoswasser ist eine wirklich super Entlohnung dafür.

Wir verabschieden uns von den zahlreichen Nachbarn, den vielen Familienmitgliedern und fahren samt Prasen und seinen Eltern wieder zurück nach Tambdi. Bepackt mit jeder Menge Mangos und unseren paar Taschen. Wir hören Musik, singen gemeinsam dazu und die Fahrt geht schnell rum. Am Abend gehe ich früh schlafen, denn ich habe noch ein Schlafdefizit. Außerdem waren es wieder so tolle Erlebnisse, dass ich das auch verarbeiten muss. Der Himmel ist klar und meine letzte Nacht in Tambdi schlafe ich wieder auf dem Dach unter freiem Himmel. Eines der vielen Dinge, die ich wirklich vermissen werde!

Der letzte Tag bricht an und wir ernten nochmal Cashews von den eigenen Bäumen im Garten. Und dann verbringt Prasens Mutter den gesamten Vormittag damit, sie zu öffnen und die Cashews für ein Curry rauszuholen. Dafür klemmt sie eine Machete zwischen die Füße, hockt und schneidet die Cashews auf. Außer den Cashews aus dem Garten haben wir auch eine Tüte der Mutter von Tambdi mum bekommen. Damit sie für mich die lokale Spezialität kochen können. Himmlisch!  Wir fahren eine große Runde durch die Stadt, bis wir irgendwann gute Kartons zum Verpacken der Mangos gefunden haben. Am Nachmittag machen Prasens Vater, Tambdi mum, und ich uns schließlich ans Verpacken der Mangos. Mum und ich säubern die Früchte mit einem trockenen Tuch, Chichi schneidet Stroh als Dämmung zurecht, Prasens Vater packt die Mangos in die Kartons und Dad zählt, wie viele wir nun haben. 84 Stück! Es sind noch einige übrig, aber ich bin begeistert! So viele Mangos 😍

Meine letzte Abreise im Winter war ziemlich tumultartig und gefühlsmäßig arg durchwachsen. Auch darüber hatten wir noch ein paarmal geredet. Wie es für mich als zur Selbstständigkeit erzogene Deutsche ist, vollkommen abhängig zu sein. Nicht zu wissen, was wie passiert. Und dem entgegengesetzt, wie es für meine Tambdi Familie war, mich so aufgelöst und ohne Vertrauen in ihre Organisation meiner Rückreise – der Rückreise ihrer eigenen Tochter – zu sehen. Ich habe sie verletzt. Das möchten wir alle nicht wiederholen. Dass Tambdi Dad die Tage runter zählt und mir immer wieder erläutert, wann meine Rückreise ansteht, hilft mir auf jeden Fall in der Vertrauenssache. Und so beschließe ich, nicht genau nachzufragen. Wieder mal weiß ich nicht, wann ich welchen Bus nehme, wie und wann ich zum Bus komme, wie und wo ich in Mumbai ankomme, wie ich dort in die Wohnung der Cousins komme. Ich vertraue. Zur größten Not fahren sie mich mit dem Auto, war Plan C. Irgendwie werde ich also schon hinkommen. Ich bin stolz auf mich, dass ich es mit den Erfahrungen des Winters wieder so durchziehe. Als ich zwischendurch zufällig erfahren habe, dass mich Chichi nicht begleiten kann, hatte ich angemerkt, dass in dem Fall eine Simkarte von großem Vorteil wäre. Denn sonst habe ich keine Möglichkeit, mit irgendjemandem zu kommunizieren, geschweigedenn zu wissen, wo ich bin und sehen, wie weit es noch bis dahin ist, wo ich raus muss.  Ich möchte, dass Chichi auch bewusst ist, dass es für mich immernoch nicht selbstverständlich ist, so unselbstständig und abhängig zu sein. Vor allem ohne Informationen. Deshalb betone ich nochmal, dass ich am Tag meiner Abreise noch keine Infos bezüglich meines Transportes habe und damit ok bin, es aber nicht selbstverständlich ist. Dass ihm bewusst sein soll, dass es schon noch ein Ding ist für mich, ihnen da so völlig zu vertrauen. Dass die Deutsche in mir sich damit garnicht wohl fühlt, aber von der Inderin in mir unterdrückt wird.

Am Abend fängt es an, zu schütten und der Wind weht unsere Plane zum Schutz der Terasse weg. Chichi und ich rennen raus, am Onkel vorbei um sie zu sichern. Was ich nicht bedenke: die glatten Fliesen auf der Veranda sind bereits nass. Was Chichi nicht davon abhält, drüber zu rennen, haut mich voll hin. Meine Füße haben nicht mit der glitschigen Schicht gerechnet und so lande ich unsanfter, als erhofft, auf der Treppe. Fange mich aber gut ab, also alles gut. Lediglich meine Ferse habe ich einmal aufgerissen. Das ist ungeschickt aber nicht weiter tragisch. Ich fange an zu lachen. Der Onkel hilft mir auf, er, Chichi und der Vater schimpfen mich erstmal und sind leicht irritiert über meine Reaktion. Sie fragen mich besorgt, ob es mir gut geht, ob ich mich verletzt habe und ich bestätige, dass ich nichts habe. Die Ferse habe ich noch nicht bemerkt. Sie begleiten mich rein und dort stelle ich fest, dass meine Ferse voller Blut ist. Ich säubere sie etwas und werde dann umsorgt, als hätte ich mir das Bein gebrochen. Ich bekomme ein Glas Wasser, muss mich setzen und werde vom Onkel verarztet. Es ist gerade Stromausfall und so werde ich mit einer Handytaschenlampe angestrahlt. Ich lache wieder, weil es so absurd ist. Ich werde gefragt, warum ich lache. Und sie sind begeistert von meinem Planungstalent, da ich Tape, Desinfektionsmittel und Taschentücher dabei habe. Es brennt extrem. Tambdi Mum bringt Kurkuma und mein Fuß ist nun gelb. Kurkuma ist antibakteriell und auch das brennt, aber es geht. Chichi hält mir die Lampe ins Gesicht, er sagt, sie wollen mein Gesicht sehen, wenn es so brennt. Ob ich dann immernoch lache. Ich muss sie enttäuschen, all zu sehr verziehe ich das Gesicht nicht. Die Wunde ist nun knallgelb, bedeckt mit einer Menge Kurkumapulver, darauf Baumwolle und diese ist mit dem Tape an mein Bein festgeklebt. Passt. In meiner Welt ist jetzt wieder alles gut. Nicht aber in der Welt meiner verrückten Tambdi Familie. Ich werde nun gefragt, ob mich der Onkel nach Mumbai begleiten soll. Ich lache wieder, denn das ist wirklich absurd. Ich kann laufen (mit dem rechten Fuß halt auf der Zehenspitze) und mein Gepäck auch gut transportieren, es gibt also wirklich keinen Grund für den Aufriss.

Chichi, Prasen und ich singen nochmal gemeinsam. Wie schön. Und dann ist es etwa 10 und wir müssen los. Tambdi mum und Prasens Mutter verstehen absolut nicht, wie ich jetzt ohne Abendessen gehen kann, sie hätten doch noch garnicht fertig gekocht. Ihrer Meinung nach sollte ich warten, bis das Essen fertig ist und dann gehen. Glücklicherweise ist den Männern aber bewusst, dass das mit dem Bus nicht so einfach geht und so geben sie mir einen kleinen Proviant mit.

Am Ende bekomme ich Chichis 2. Simkarte für die Fahrt nach Mumbai. Ihm ist nicht recht, nicht mit mir kommunizieren zu können, außerdem ist die Familie generell nicht glücklich mit der Situation, dass ich die Strecke allein fahre. Da sie jedoch eine wichtige Feier besuchen müssen, ist es nicht anders möglich. Und so wird alles andere weiter für mich organisiert. Chichi hat die Telefonnummer des Fahrkartenkontrolleurs im Bus. Er bringt mich zum Bus, sagt denen, wo sie mich genau raus lassen sollen und auch ich weiß bescheid. Dadar ist mein Ziel. Außerdem soll ich ihn sofort anrufen, wenn irgendwas ist. Er hält Wache. Außerdem habe ich Akshays Nummer, der Cousin, der mich in Mumbai vom Bus abholen wird. Ihm soll ich gegen 5 Uhr morgens meinen live Standort schicken, damit er weiß, wann er aufbricht. In der Wohnung ist außerdem noch Gaurav, der kaum englisch spricht. Da Akshay am Tag arbeiten gehen wird und ich dann mit Gaurav alleine wäre, hat der sich Verstärkung von Kaju (die Cousine, mit der ich bereits am ersten Tag händchen haltend durch Mumbai gelaufen bin) geholt. Und da ihre Mutter neugierig ist, kommt auch sie mit. Ich bin also alles andere als allein in Mumbai. So viel erfahre ich noch, als wir auf den Bus warten.

Mein Platz im Bus ist neben einer Frau, die ihr ca. 1-1,5 Jahre altes Baby auf dem Arm hält. Es ist ein Sitzplatz. Dafür verfluche ich Chichi etwas. Ich hatte gesagt, dass mir wichtig ist, einen Liegeplarz zu bekommen, da ich unbedingt ausgeschlafen sein möchte, wenn ich am Dienstag wieder arbeiten gehe. Er hat allerdings beschlossen, dass die Liegeplätze Wucherpreise sind und das sieht er nicht ein. Ja gut. Dann halt nicht. Überraschenderweise ist das Baby ziemlich ruhig. Es wechselt nur ab und zu die Position auf der Mutter und schmeißt einen Arm oder ein Bein auf mich, aber es ist sehr ruhig und schläft. Tatsächlich schlafe ich immer mal wieder ein und so werde ich um 5 von meinem Wecker geweckt. Ich sehe, dass mir Chichi noch mehrmals geschrieben hatte, er sei wach, bis ich sicher bei den Cousins und Cousinen angekommen sei. Außerdem eine Nachricht von Kaju um 4:30 Uhr morgens, ich möge bitte meinen Standort teilen. Wieso zur Hölle sind die denn alle wach? Meine Abreise scheint für meine Tambdi Familie aufregender zu sein, aks für mich. Ich schicke Akshay meinen Live Standort, wir sind noch etwa 1h von Dadar entfernt. Direkt antwortet er, dass er schon in Dadar ist und auf mich wartet. Puh. Schlechtes Gewissen. Um 6 sind wir gemäß maps noch ca. 30 min von Dadar entfernt. Etwas später sind wir nördlich von Dadar und fahren auch nur noch Richtung Norden. Mir schwant, da passt was nicht. Ich sage mehrmals „Dadar???“ zu Kontrolleur und Busfahrer, erst schauen sie mich fragend an und dann diskutieren sie. Ich verstehe nichts, also rufe ich mein Sicherheitsnetzwerk an und Chichi will sofort wissen, was los ist. Ich erkläre ihm, dass ich glaube, dass wir nicht mehr nach Dadar fahren. Ich drücke dem Fahrkartenkontrolleur mein Handy in die Hand und sie reden. Offensichtlich haben sie mich vergessen (Excuse me? Mich? Vergessen?Wie???). Wir halten an, sie organisieren mir ein Taxi, setzen mich rein, laden mein Gepäck um und weg sind sie. Das ging überraschend einfach. Aus einem mir unverständlichen Grund hat Chichi die Handynummer des Fahrers, wir schreiben und als wir bei Akshays Wohnung ankommen, ruft mein Taximann des Vertrauens sofort Chichi an und drückt mir sein Handy in die Hand. Ich bestätige ihm, dass wir nun bei der Wohnung sind (ich erkenne die Straße). Dann kommt Akshay vorgelaufen und meine Leute in Tambdi können nun endlich beruhigt sein. Geschafft.

Wir gehen schlafen. Die Wohnung ist voll, in dem ca. 14 m^2 großen Zimmer schlafen Kajus Mutter und Gaurav je in einem Bett, Akshay zwischen Bett und Küchenzeile und ich lege mich in den Spalt zwischen Kaju und Gauravs Bett. Ich bin wirklich müde.

Gegen 12 stehen wir auf. Ich erfahre, dass Kaju in der Nacht bis 4:30 wach geblieben war, um sicherzustellen, dass Akshay auch wirklich aufsteht. Als er aus der Wohnung ist und er sie quasi abgelöst hat, ist sie schlafen gegangen. Gaurav geht einkaufen und Kajus Mutter kocht uns erstmal Frühstück. Dann quatschen wir ewig. Ich bin in Kontakt mit Chichi und außerdem ruft Akshay zwischendurch von der Arbeit bei mir an, um zu fragen, ob ich ok bin. Ob es mir gut gehe? Brauche ich irgendwas? Wenn ja, möge ich das bitte Kaju sagen. Ich kann immernoch kaum glauben, wie sich alle um mich sorgen. Derweil lädt mich Kajus Mutter zu sich ein, ich soll sie nächstes mal unbedingt besuchen! Irgendwann ist Abend, wir besorgen mir noch ein paar Snacks, eine Salbe für meinen Fuß und Chichi tätigt einen Erinnerungsanruf, damit wir auch ja rechtzeitig ein Taxi für mich zum Flughafen haben. Es funktioniert alles bestens und ich verabschiede mich traurig.

Am Flughafen angekommen, drückt mir der Taxifahrer das Handy in die Hand, Chichi ist dran. Geht es dir gut? Bist du jetzt am Flughafen? Bekommst du deinen Flug? Ja. Alles ist gut.  Und doch ist garnichts gut, ich möchte nicht von hier weg. Natürlich mag ich mein Leben in Augsburg, mein soziales Netz dort, meinen Job. Aber es fällt mir unglaublich schwer, diese wunderschöne Zeit mit meiner Tambdi Familie hinter mir zu lassen und das Land zu verlassen. Dieses Land, in dem alles möglich ist, das mich jedes mal aufs neue wieder so herzlich aufnimmt. In dem ich viele Freunde und eine riesige, wunderbare Familie gefunden habe. Der Flug läuft reibungslos und in München holt mich Ludwig ab. Auch in Augsburg habe ich eine große Familie. Und hier bin ich wieder.

„Very like!“ – Ein neuer Fan

Weil Chichi gerne Fotos macht, seine Kamera aber nicht mitnimmt und sein Handy eine unterirdische Kameraqualität aufweist, nimmt er meistens meins. Um das zu erleichtern, habe ich meinen Code zum Entsperren geändert und das Geburtsdatum von Tambdi Mum eingegeben. Das ist auch ihr Passwort, daher dachte ich, kann auch Chichi sich das leicht merken. Trotzdem fragt er mich immer wieder, wie nochmal der Code ist. Auch der Hinweis, dass es das Geburtsdatum seiner Mutter ist, ist nicht all zu zielführend. Die Familie bewundert mich dafür, dass ich an Geburtstage, Muttertage usw. denke und sogar entsprechend was vorbereitet habe (Chichis Geburtstagsgeschenk, die Fotos und Schokolade für Muttertag). Ich habe allein deswegen schon einen Ruf als Organisations- und Gedächtnistalent.

Tambdi Mum fragt mich mittags, wie sie denn die Nudeln, die ich mitgebracht habe, zubereiten kann. Irgendwie war ich davon ausgegangen, dass auch in Indien das die meisten wissen. Ich beschließe daraufhin, dass ich am Abend koche und sie mir (für den Lerneffekt) zusehen darf. Ich schaue ihr öfter beim Kochen zu. Helfen darf ich ja leider nicht, mittlerweile ist es aber immerhin schon in Ordnung, dass ich zusehe. Und den Spieß drehe ich nun rum und lasse sie weder Gemüse waschen, noch schnibbeln, noch sonst was. Sie versucht es zwar immer wieder, aber auch ich kann stur sein und so sage ich ihr jedes mal aufs neue, dass ich bei ihr auch nicht helfen darf und es daher nur fair ist. Sie lacht. Irgendwann ist das Essen fertig, ich habe zu den Nudeln Paprika, Möhren und Rote Beete in Tomatensauce gemacht. Entgegen Tambdi Mums Vorschlag, die gesamte Knoblauchknolle zu verwenden, nutze ich nur 3 Zehen und auch gewürztechnisch halte ich mich stark zurück. Da kommt nichts rein, das wir in Deutschland nicht auch regulär verwenden und so ist außer Salz und Pfeffer nur noch etwas Chilipulver mit dran. Trotzdem schmeckt es allen.

Heute ist Prasens Geburtstag und er kommt nachmittags von seiner Oma mit dem Bus zurück zu uns. Als wir abends nochmal losziehen, um gefiltertes Wasser zu besorgen (als Überbrückung, bis der eigene Wasserfilter wieder repariert ist), nehmen wir spontan noch die Kinder von Chichis Cousin und Cousine ab. Sie haben mehrmals angerufen, dass sie unbedingt kommen wollen und den Geburtstag mitfeiern. Krushi ist etwa 10 und Arno etwa 11 Jahre alt. Sie steigen ohne irgendwas um halb 11 abends bei uns ins Auto und bleiben auch den ganzen nächsten Tag noch bei uns. Wie unkompliziert. Dann dekorieren wir wieder die Bilder der 3 Familienvorbilder, sprechen das „Gebet“, essen Süßigkeiten (diesmal wird mir kein Teller Zucker angeboten. Schade) und singen zusammen.

Tambdi Mum ist in meinen Augen ein wenig wie Aschenbeödel. Sie ist eine Freundin vieler Tiere. Zum einen haben da die Vögel in der Wohnzimmerlampe genistet. Dann gibt es die Kuh, die vormittags und manchmal auch nachmittags vorbeikommt, am Tor steht und laut muht. Dann geht Tambdi mum raus und füttert ihr die Bioabfälle des Vortages. Und dann gibt es da noch Mau, die Nachbarskatze. Sie gehört den Nachbarn, die etwa einen halben km entfernt wohnt. Gegen 12 Uhr am Abend kommt sie lautstark ins Haus und ruft nach Essen. Sie bekommt dann ein Stück Chapati und ein wenig Milch. Außerdem gibt es draußen noch eine Vogeltränke.

Mittags sind wir wieder aufbruchbereit und machen uns auf den Weg in den Wald. Unsere Mission: Bambus fällen. Ich hatte ein paar Leute mit Bambus vorbei laufen sehen und da wir noch eine Hütte bauen wollen, schlage ich vor, hier nach Bambus zu suchen. Das Land gehört eh der Familie. Gesagt, getan. Mit 3 Flaschen Wasser, einer Machete und Prasen und den 2 Kids im Schlepptau machen wir uns auf den Weg. Wir werden fündig und suchen den perfekten Stamm aus. Dann zeigen mir Chichi und Prasen, wie ich den mit der Machete fälle und die 2 kleinen schauen uns vom Schatten aus zu. Garnicht mal so einfach, aber ich bekomme es hin! Den ersten mit Hilfe, den zweiten alleine und den dritten fällen dann Chichi und Prasen. Die 3 Kinder gehen dann zurück ins Haus, es ist ihnen zu heiß. Als sie ankommen, muss sich Arno wohl auch übergeben. Vielleicht hätten wir sie doch nicht mitnehmen sollen.

Am Nachmittag fährt Prasen mit dem Bus zum Onkel und Prachit bringt die beiden kleinen zurück nach Hause. Ich nutze die Zeit für einen Mittagsschlaf. Dann fahren wir nochmal in einen anderen Wald, finden hier jedoch nur größere Bäume, für die die Machete zu klein ist. Chichi schlägt vor, morgen früh wiederzukommen und den Onkel um Hilfe zu bitten. Da wir quasi nie vor dem Frühstück gegen 12 aus dem Haus kommen, zweifel ich an der Umsetzung. Aber aktuell ist es mir auch zu viel, daher beschließen wir, wieder an den Bach zu fahren. Letztes mal, als wir hier waren, gab es ein Buschfeuer und der entsprechende Teil ist schwarz am Boden. Am Bach ist es aber so idyllisch, wie sonst. Man hört nur die Vögel zwitschern und Grillen, dazu das Plätschern des Bachs. Herrlich! Das Wasser ist sogar etwas kälter und hat nicht Körpertemperatur, sondern fühlt sich tatsächlich etwas kühler an. Mit der Dämmerung fliegen Fledermäuse und Vögel über unseren Köpfen. Dann packen wir es wieder. Auf dem Rückweg finden wir eine kleine Schlange in einem anderen Bereich des Bachs. Dabei fällt mir ein, dass einmal, als wir mut Prasen hier waren und es angefangen hat zu regnen, 2 m von uns entfernt eine Schlange vorbeigeschwommen ist. Und schon war ich draußen aus dem Wasser. Sie meinten zwar, dass die nicht giftig ist und sie war auch nur etwa 1 m lang, aber so nah brauche ich die trotzdem nicht an mir dran. Ich bin froh, dass ich das offensichtlich verdrängt hatte, denn sonst wäre ich vorher nicht so entspannt im Bach gesessen und hätte den Vögeln zugehört. Manchmal macht das menschliche Hirn seine Sache schon auch ganz gut.

Eventuell habe ich in den ersten Tagen mal zu Chichi gesagt, dass ich mich wie im Käfig fühle, da ich das Grundstück nicht alleine verlassen soll und Chichi noch ein paar Dinge klären muss, weshalb er ab und an kurz weg ist. Ich weiß nicht, was geplant ist oder was passiert, möchte gerne raus, in die Natur und das nervt mich. Das ist schon lange nicht mehr so, da wir mittlerweile viel unternehmen und ich Chichi davon überzeugen konnte, seine Eltern zu überreden, mich allein spazieren gehen zu lassen. Für sie wäre es das schlimmste, wenn mit was passiert und sie sehen besonders Gefahren in den Tieren (Skorpione, Schlangen, Leoparden, Wildschweine) und den „einfachen, ungebildeten“ (Zitat Tambdi Dad) Leuten hier auf dem Land. Wir sind viel in der Natur und auch, dass ich mit Chichi zusammen im Jungle bin, ist ihnen nicht ganz so recht. Da beteuert er aber, dass er allein die volle Verantwortung übernimmt. Finde ich in Anbetracht meines kulturellen Hintergrundes (Erziehung zur Selbstständigkeit) etwas drastisch aber ok. Wenn wir im Bach baden, im Jungle auf Bäume klettern oder andere spannende Sachen machen, werde ich immer mal wieder lachend gefragt, ob ich mich immer noch wie im Käfig fühle. Das hab ich wohl verdient 🙂

Chichi muss am Abend geschäftlich jemanden in der Stadt treffen, weshalb er seine Eltern instruiert, mich alles machen zu lassen, worauf ich Lust habe. Noch so ein Relikt aus der Käfigsache. Direkt nachdem er gefahren ist, bittet mich der Vater, mich zu ihm auf die Terrasse zu setzen und ein wenig zu quatschen. Wir sind die letzen 2 Tage immerhin kaum zum Reden gekommen. Aber gerne doch! Wir fangen an zu reden und ziemlich schnell zieht unsere Konversation auf den Google Übersetzer um. Was wie erwähnt mit einfacher Sprache relativ gut klappt. Aber einfache Sprache ist nicht unbedingt ein Steckenpferd von Tambdi Dad. Und während ich sonst in den Konversationen sehr viel raten und erahnen musste, wie die 3 Wörter, die ich verstanden habe mit den Gestiken zusammen passen und einen Sinn ergeben, so tue ich nun das gleiche mit den Übersetzungen, nur fehlen da die Gestiken und ich muss filtern, welche der Wörter ich zusammenreimen muss und welche völlig falsch sind. Bringt es mir viel? Ich denke nicht. Nutzen wir es dennoch? Unbedingt! Ich tue mich auf jeden Fall deutlich leichter, selbst von Deutschland, Europa und unseren Kulturen zu erzählen. Besonders angetan ist er von deutschen Hochzeiten. Dass man hierfür kein Vermögen ausgibt (im Verhältnis zu indischn Hochzeiten, bei denen Eltern ihr Leben lang für die Hochzeit der Kinder sparen), Kredite aufnimmt, Goldschmuck en masse für Braut und Bräutigam kauft, 100e bis 1000e Gäste einlädt. Ich habe von der standesamtlichen und kirchlichen Hochzeit berichtet, dass es in deutlich kleinerem Rahmen stattfindet, als hier und sein Fazit lautet „German style marriage very like!“ 🙂 Und nicht nur die Art unserer Hochzeiten findet er super, auch dass wir in der Erziehung mehr Wert darauf legen, die Kinder zur Selbstständigkeit und Unabhängigkeit großzuziehen. Das entspricht so ziemlich dem Gegenteil dessen, was ich hier mitbekomme. Außerdem findet Tambdi Dad, dass wir Deutsche sehr diszipliniert sind und das wünscht er sich auch für seine Landsleute. Hierin sieht er die Wurzel der Probleme Indiens. Er scheint ein richtiger Fan Deutschlands zu werden. Und da muss ich dann doch eingreifen, so toll läuft bei uns ja doch auch nicht alles. Ich erzähle, dass wir sehr ich-bezogen sind, uns auf unsere (kleinen) Familien konzentrieren und bei weitem nicht so für einander da sind, wie es die meisten Inder sind. Wir leben in Deutschland meiner Meinung nach wenig in sozialen Netzen, sondern hauptsächlich doch allein. Und das führt mit zu Einsamkeit. Wir kümmern uns weniger um ältere Menschen und besonders pflegen wir unsere Angehörigen selten selbst. Dafür gibt es Heime und Pflegedienste. Das schockiert Tambdi Dad dann doch. Er telefoniert täglich mehrere Stunden, wird besucht, fährt andere besuchen, unterhält sich mit seinen Kindern und aktuell viel mit mir. Wir einigen uns darauf, dass wir Deutsche uns was in Sachen Familie und füreinander da sein von Indien abschauen können und Indien sich dafür eine Scheibe Disziplin bei uns abschneiden kann. Dann reden wir über meine Hobbys. Ich habe als Kind viel geturnt und habe die Tage seit langem mal wieder Habdstände gemacht und Räder geschlagen. Sehr zur Freude der Kinder, die hier zu Besuch waren. Meine Adoptiveltern fanden es auch klasse. Ich glaube, man ist es hier nicht gewohnt, eine Frau zu sehen, die Sport macht (abseits der körperlichen Arbeit im Haushalt und auf Feldern natürlich). Außerdem habe ich hier viel vorgesungen, weil ich einfach super gerne singe und sie mich darum gebeten haben. Tambdi Dad war besonders überrascht, dass zum einen „englische“ Musik auch schön sein kann (er bevorzugt traditionelle Musik der Region) und zum anderen, dass ich eine recht kräftige Stimme habe. Das klingt anders als bei seiner Frau und dem Großneffe (? Prasen). Er ist begeistert und sei nun ein Fan von mir. „Very like!“ Ich bin gerührt.

Irgendwann unterbricht uns die Mutter und fragt, ob wir Abend essen wollen. Es ist halb 12 und ja, ich habe schon Hunger. Er gibt ihr zu verstehen, dass wir noch 2 min brauchen und dann kommen. Wir brauchen eher 10 min und sie bittet uns nochmal rein. Dann essen wir und es geht direkt weiter. Chichis Bruder kommt nach Hause und wir unterhalten uns zu dritt, allerdings nicht gemeinsam sondern ich mich jeweils mit beiden. Es überfodert mich, 2 Kontexte und Konversationen auf diese Art um 1 Uhr nachtsim Gedächtnis zu b zu halten. Es findet sich aber auch kein geeigneter Zeitpunkt, an dem ich mich zum Schlafen verabschieden kann. Und so sage ich irgendwann zum meisten nur noch ja, versuche meine Augen offen zu halten, bis endlich eine winzige Pause entsteht und ich verkünde, schlafen zu gehen. Es ist nach 1 und ich bin kaputt. Ab aufs Dach!

Mittwoch Abend. Tambdi Dad erklärt mir wieder mal, dass wir morgen die Mangos holen sollten. Und dass wir hierfür früh los sollten. Seiner Meinung nach sollten wir um 9 aufbrechen, damit wir dann die Mangoernte beobachten und kontrollieren können, bevor die Mittagshitze einsetzt. Ich lache und sage, dass wir dann bestimmt gegen 14 Uhr aufbrechen. Er beharrt aber darauf, dass wir früh fahren. Ok. Als kompetente Deutsche werde ich zum Weckdienst berufen. Ich bin gespannt. Die Mutter sagt nämlich so schon, dass sie denkt, es reiche auch, wenn wir gegen 10/11 Uhr losfahren. Keine gute Voraussetzung für eine pünktliche Abfahrt, wie ich finde.

Es ist Donnerstag und somit Zeit, um meine Mangos abzuholen! Der Wecker klingelt seit 7 Uhr regelmäßig, sehr zum Leid von uns 4 im Wohnzimmer. Tambdi Dad ist schon auf, er geht aber auch deutlich früher schlafen. Chichi, Tambdi Mum und ich haben uns um 3 schlafen gelegt und der Bruder sogar noch später. Ich bin müde. Aber ich habe eine Mission und so stehe ich gegen halb 8 auf und räume mein Bettzeug weg. Die Mutter deutet mir zwar, mich wieder schlafen zu legen, aber ich habe einen Plan und den ziehe ich zumindest von meiner Seite aus durch. Die Klappe der Kiste des Bettzeugs klemmt, so schlage ich sie stärker zu, was wiederum die anderen weckt. Das hat ja schonmal besser funktioniert, als erwartet. Glücklicherweise steht nun auch Tambdi Mum auf. Da sie noch Frühstück vorbereitet, gebe ich Chichi noch eine halbe Stunde, bis ich ihn wecke. Tambdi Dad sitzt derweil auf seinem Stuhl im Wohnzimmer und schaut sehr zufrieden mit meiner Umsetzung unseres Plans aus. Das war einfacher, als erwartet aber mir schwahnt schon, dass es noch dauert, bis wir wirklich aufbrechen. Ich habe derweil geduscht, meinen Rucksack gepackt und sitze abfahrbereit im Wohnzimmer. Es ist kurz nach 8.

Zeitsprung.

Es ist 11:17 und Tambdi Dad merkt an, dass ich aufgegeben habe, denn ich lege mich im Wohnzimmer wieder hin. Chichi ist damit beschäftigt, eine Wurzel so lange mit Wasser auf Stein zu reiben, bis eine Paste daraus entsteht, die Tambdi Dad als Medizin nimmt. Ich habe derweil Freunden in Deutschland geschrieben, Sprachnachrichten aufgenommen und mit Priyanka aus Varanasi telefoniert. Gerade, als ich mich hinlege, rät mir Tambdi Dad, ich solle mich doch in deinem Zimmer zu einem Mittagsschlaf hinlegen. Da ist es kühler. Ja gut, Tambdi Mum hat gerade das Frühstück serviert und anschließend lege ich mich zum Schlafen hin. Gegen 13 Uhr wecken sie mich. Jetzt gehe es bald los. Ich frage mich etwas, wofür ich heute früh eigentlich aufgestanden bin und alle geweckt habe. Ich bin ziemlich müde. Sie lachen mich aus, weil man mir das gut ansehe. Tambdi Mum trägt bereits ihren Saree (wird nur getragen, wenn das Haus verlassen wird und nicht zur Hausarbeit), das halte ich für ein gutes Zeichen.

Es ist 13:49 Uhr und tatsächlich fahren wir los! Kaum zu glauben, aber mit nur knappen 5 h Verspätung brechen wir entgültig auf. Diesen historischen Moment halte ich natürlich fest:

Nach etwa 2 km laufen am Straßenrand Verwandte und wir halten an, um mit ihnen zu quatschen. Kurz darauf fahren wir weiter und sie rufen uns hinterher. Wir haben einen Platten. Gut, also etwa 30 m weiter fahren und in die Einfahrt von anderen Verwandten fahren. Wir steigen aus und Chichi will den Reifen wechseln. Dann fängt es aber richtig an zu schütten, kurzfristig auch mit Hagel. Die Regenzeit setzt langsam ein. Wir warten also mit der Tante drinnen, bis es aufgehört. Um 3 fahren wir dann mit gewechseltem Reifen weiter. Allerdings nur bis in Stadt, hier halten wir auf einem Parkplatz und warten mal wieder. Ein Onkel kommt und wir tauschen Autos. In einem SUV von Renault geht es dann schließlich wirklich richtig los. Bis wir ankommen, ist es bereits 5 Uhr.

Planing, planing, planing

Auf mich wird nicht nur richtig gut aufgepasst, sondern auch so werde ich wunderbar umsorgt. Was in kleinen Dingen anfängt, wie dem Hände waschen. Die Oma hat mir jedes mal aufs neue gezeigt, wo die Seife ist (steht direkt am Waschbeckenrand, also praktisch versteckt). Dann hat sie mir auch zur Sicherheit noch gezeigt, wo ich mein Handtuch aufgehängt hatte. Dabei schaut sie so lieb aus, dass ich das nicht zu viel, sondern schnuckelig finde. Auch in der zweiten Nacht deckt sie mich zu.

Am nächsten Tag brechen Chichi und ich auf und fahren weiter zu anderen Verwandten. Zwischendurch ruft Tambdi Dad an (er redet wirklich sehr gerne) und nachdem er reihum mit einigen Familienmitgliedern gesprochen hat, möchte er auch mich sprechen. Ich wunder mich aufgrund der hohen Sprachbarriere, freue mich aber auch sehr. Und dann möchte er von mir wissen, ob es mir gut gehe, ob ich mich wohl fühle, ob ich in Ordnung sei. Hachz. Aber natürlich. Nein, ich brauche nichts, nein, Chichi muss mich nicht zurück fahren, es ist alles gut. Langweilen tue ich mich schon garnicht. Dann möchte er noch den Stand der Mangosuche bestätigt haben. Ich habe nämlich erzählt, dass ich Mangisos mit nach Deutschland nehmen möchte und ein Fest plane, bei dem meine Freunde indische Mangos probieren können. Und da habe ich mittlerweile ein richtig schlechtes Gewissen. Anfangs hatte ich ja mal den Eindruck, dass das völlig vergessen war, bis der riesige Karton im Elektroladen besorgt wurde. Und jetzt sucht die gesamte Verwandschaft für mich nach den perfekten Mangos. Ich habe ihnen zwar gesagt, dass wir in Deutschland keine guten Mangos kennen und wir daher jede indische Mango super finden werden. Und da man an jeder Ecke welche kaufen kann, hätte ich einfach irgendwo welche besorgt. Aber nicht mit meiner Adoptivfamilie. Es werden nur die besten mitgegeben. Selbst der Nachbar des Bruders der Mutter hat von mir wissen wollen, wann ich zurück nach Deutschland fliege, um zurückzurechnen, wann die Mangos geerntet werden müssen. Wir haben uns letztendlich für seine Mangos entschieden, da sie den Ruf haben, die besten der Region zu sein und außerdem unbehandelt sind. Ich bin komplett begeistert. Tambdi Dad kann ich am Telefon daher berichten, dass wir welche gefunden haben, die am 17.5. holen werden und dass sie unbehandelt sind. Er wirkt zufrieden.

In einem anderen Gespräch betont er, wie wichtig es ist, dass wir meine Rückreise gut planen. Er wiederholt oft, wann mein Flug geht, wann ich in Mumbai zum Flughafen aufbrechen muss, wann ich nach Mumbai fahren soll. Wie viel kg Gepäck ich mitnehmen darf. Außerdem bedauert er, dass er aktuell nicht so fit ist, denn sonst wäre er gerne mitgekommen beim Verwandschaftshopping. Ich mag ihn sehr. Chichi hat erzählt, dass sie alle dachten, sie hätten letztes mal als Gastgeber verkackt und würden mich nicht wieder sehen. Und dass Tambdi Dad besonders froh ist, dass ich doch wieder hier bin und dass es ihm sichtbar ein wenig besser gehe.

Im Dorf der anderen Verwandschaft werden wir ständig besucht. Es kommen Kinder und ältere Leute, um zu sehen, wer da gekommen ist. Die meisten laden mich zum Essen zu sich ein. Ich müsste dann allerdings noch ein paar Tage bleiben, um all die lieben Angebote annehmen zu können. Und so gehen wir sie zumindest ein paar Häuser weiter besuchen. Dass ich nicht einmal Tee oder Kaltgetränke (alles extrem süß) möchte, sondern einfach nur Wasser trinke, ist für alle eine Enttäuschung. Gerade sind Sommerferien und die Kinder im Ort sind den ganzen Tag draußen und spielen gemeinsam. Ab und an kreuzen sie im Haus einer der Familien auf aber die meiste Zeit rennen sie draußen rum. Solche Sommerferien stelle ich mir richtig schön vor. Einige der Kinder leben mit ihren Eltern in Mumbai und sind in den Ferien bei der Verwandschaft. Ein Mädchen hat im Dorf keine Verwandschaft mehr und ihre Eltern arbeiten in Mumbai, daher pendelt sie hier in den Ferien zwischen mehreren Familien und schläft und isst mal hier und mal dort.

Wir gehen in den Wald und mittlerweile passe auch ich automatisch auf, wo ich hintrete. Es gibt hier wohl ziemlich viele Schlangen und als Deutsche ist es für mich schon ungewohnt, im Wald so genau darauf zu achten, wo man hintritt. Außerdem gibt es aber auch Bäume mit Lianen à la Tarzan und ich klettere auf ein paar von ihnen. Und stelle fest, dass ich völlig vergessen hatte, wie viel Spaß das macht. Muss ich unbedingt mehr in meinen Alltag integrieren. Chichi pflückt uns noch ein paar Beeren, die ich auch noch nie gesehen, geschweige denn gegessen habe. Sie erinnern mich etwas an Johannisbeeren. Es ist einigermaßen windig und somit sogar relativ angenehm. Trotz mehrfachem Eincremen, langer Kleidung und Aufenthalt hauptsächlich im Schatten, habe ich am Abend Sonnenbrand an den Armen. Meine Oberteile haben größtenteils dreiviertel Ärmel und das fehlende Viertel macht sich bemerkbar. Außerdem ist mein Gesicht schon einige Tage etwas rot. Das verstehe ich allerdings wirklich nicht, denn ich verwende ja schon Sonnenschutz mit dem (mir bekannt) höchsten Schutzfaktor und trage meine Tücher in der Sonne so, dass nur ein Schlitz für die Augen übrig bleibt.

Am späten Nachmittag informiert mich Chichi, dass er heute wieder nach Tambdi zurückfahren will. Und fragt mich, ob das passe. Klar passt das. Die Sachen sind schnell gepackt, ich habe eh nur 1x Wechselklamotten dabei und die abgespeckte Version meines Kulturbeitels. An Handtuch und Nachthemd hatte ich nicht gedacht, weshalb mir das jeweils geliehen wurde. Wir brechen auf und legen auch bei der Tante noch einen Zwischenstopp ein. Von ihnen bekomme ich Kokosnüsse, Mangos und frische Cashewkerne (für Tambdi Mum zum Kochen) mit. Dann beteuern sie, dass es ihnen so Leid tue, mir nichts anbieten zu können. Ja, die große Tasche mit Mangos, Kokosnüssen und Cashews finde ich auch fast ein bisschen frech. Schließlich fahren wir mit viel Musik wieder zurück und kommen pünktlich zum Abendessen an.

Chichi hat mittlerweile ziemlich Gefallen daran gefunden, den Leuten zu sagen, dass ich gerne noch mehr Essen hätte (obwohl ich ihm meistens schon was von meinem Reis/Chapati gebe, weil ich es nicht schaffe). Generell ist Kochen im privaten Rahmen Frauensache und dazu gehört auch das Servieren. Sobald die Männer und Kinder gegessen haben, essen die Frauen. Da ich als Gast natürlich nicht am Kochen und Servieren beteiligt bin, bekomme ich das Essen mit Chichi serviert und dabei wird genau beobachtet, wie viel ich wovon esse. Wir bleiben so lange sitzen, bis die Frauen schließlich selber essen und eine merkt an, dass sie ein schlechtes Gewissen habe, weil ich so wenig gegessen habe und sie viel mehr esse. Ich erzähle, dass ich das bei Prasens Oma so krass fand, weil die etwa dreimal so viel gegessen hat, wie ich und das obwohl sie nur halb so groß ist. Auch hier musste ich beim Essen wieder gut aufpassen und versuchen zu verstehen, was gesprochen wird, um direkt eingreifen zu können, als er wieder verkündet, ich hätte noch Hunger. Die Sprachsache ist tatsächlich etwas, das ich unterschätzt und verdrängt hatte. Hindi kann ich mittlerweile schon etwas besser, nur bringt mir das hier kaum was. Nur, wenn mir die Eltern ein paar Wörter auf marathi beibringen, kommt es ab und an vor, dass ich etwas erkenne, weil es ähnlich klingt. Das macht es teils entspannter, weil ich manchmal garnicht erst versuche, zu verstehen, worüber gesprochen wird. Andererseits ist es aber auch anstrengender, weil ich oft eben schon gerne wissen würde, was gesagt wird und viel weniger Wörter zur Verfügung habe, anhand derer ich mir einen Sinn zusammen reimen kann.

Tambdi Dad hat das Planen für sich entdeckt. Jeden Tag zählt er mir die Tage runter, wie lange ich noch hier bin. Fehlt nur, dass er mir ein Stück Schokolade dazu gibt und ich hätte einen wandelnden Adventskalender. Jedes mal aufs neue wiederholt er dann auch, wann ich die Mangos bekomme, wann ich sie einpacke, wann ich einen Tag entspanne, dann nach Mumbai reise, um AUF JEDEN FALL den Flieger zu erwischen. Planing, planing, planing sagt er dann. Und da ihm das vermutlich  ein bisschen zu langweilig ist an Planung, möchte er mittlerweile auch immer von mir wissen, was heute und am nächsten Tag geplant ist. Da sich diese Pläne mit Chichi allerdings stündlich ändern und ich meist auch erst relativ kurzfristig informiert werde, muss ich ihn da enttäuschen. Er möchte meinen Urlplanen und da hat er offensichtlich einen höheren Planungsdrang, als ich. Und so hat er sich einem neuen Projekt angenommen: der Gartengestaltung. Das Grundstück ist ziemlich groß und vor der Terasse am Eingang des Hauses möchte er einen Bereich zum Wenden der Fahrzeuge abgrenzen. Dahinter soll dann eine Bepflanzung vorgenommen werden. Am Abend steckt er mit Chichi ab, wo die Ziegel gelegt werden sollen. Sie fragen mich, was ich von der Flucht halte und ich finde es gut. Der Vater betont, dass ihm meine Meinung wichtig sei, denn er wäre nur ein einfacher Mann und ich eine Ingenieurin. Verrückt. Auf welchen Fluchten man Ziegelsteine zur Gartengestaltung verlegt, habe ich Studium wohl verpasst. Ich beteuer zwar, dass sowas keinesfalls zu meinem Studium oder Beruf gehöre, aber er hält mich dennoch für kompetent. Als ich am nächsten Morgen aufstehe, sind die beiden bereits dabei, den Boden zu lockern und ich helfe mit, die Ziegel einigermaßen entlang der Richtschnur zu verlegen. Tambdi Mum ruft entsetzt, was ich da tue? Ich hätte doch gerade erst geduscht und es ist heiß, warum ich überhaupt da mit mache? Weil ich möchte 🙂

Gegen 12 gibt es dann Frühstück. Kichererbsencurry, meine indische Leibspeise.Da Muttertag ist und offensichtlich niemand anderes aus der Familie daran denkt, möchte ich Tambdi Mum Blumen besorgen. Chichis schlägt vor, nach dem Frühstück loszufahren. Da er bei weitem nicht abfahrbereit wirkt, lege ich mich zum Mittagsschlaf hin. Als ich gegen 2 wieder aufwache, sagt er, wir könnten jetzt los. Bis er dann fertig ist, ist es 3. Indische Zeitangaben.

In der Stadt angekommen finden wir schließlich einen Laden, der Blumenketten (für Götter) und einzelne Rosen verkauft. Ich kaufe eine Rose für einen überteuerten Preis von etwa 25 ct. Zusammen mit etwas Schokolade, die ich aus Deutschland mitgebracht hatte und ausgedruckten Fotos vom letzten Besuch wünsche ich ihr alles Gute zum Muttertag. Tambdi Mum freut sich sehr. Als ich Chichi frage, wo wir denn die Rose aufheben (ich denke an ein Glas als Vasenersatz), schlägt er den Kühlschrank vor. Hmm. Nicht ganz das, woran ich so gedacht hatte.

Am Abend kommt ein Onkel zu Besuch. Tambdi Dad erzählt ihm viel über mich und als sie versuchen, mir Fragen zu stellen, freut er sich sehr über seine neue Entdeckung: den Google Übersetzer. Man spricht rein und bekommt eine Text- sowie Sprachausgabe in der gewünschten Zielsprache. Ich schätze, dass die vielen möglichen Sprachen unterschiedlich weit entwickelt sind in den Übersetzungstools. Marathi kann ich nicht so gut einschätzen, aber oft kommt da nicht so viel sinnvolles raus. Wenn ich es dann Chichi zeige, sagt er allerdings, dass sein Vater sich sehr gehoben ausdrückt und dass sein Satzbau auch nicht ganz hinkommt. Wie auch immer das zusammen geht. Vielleicht liegt es also auch daran. Ich versuche, mich in sehr einfacher Sprache auszudrücken und damit funktioniert es ganz gut. Tambdi Dad geht davon aus, dass wir im Deutschen (und auch in englisch, das wechseln wir immer wieder) einfach nicht so viele Wörter haben. Der Onkel ist jedenfalls völlig beeindruckt von der Möglichkeit, so doch relativ einfach kommunizieren zu können.

Im Himmel auf Erden

Es ist Mittag und aus einem mir etwas unbegreiflichen Grund beschließt Chichi immer dann, dass es ein guter Zeitpunkt zum Aufbrechen ist. Wir fahren in ein nicht weit entferntes Stück Wald, in dem er eine Hütte bauen möchte. Prasen und ich werden zusammen mit einem Nachbarsjungen auf einer Bastmatte geparkt und wir sollen hier warten. Ich schlafe erstmal ein wenig und irgendwann kommt die Sonne so stark durch, dass ich beschließe, nicht weiter warten zu wollen. Prasen und ich brechen daher auf und finden Chichi, der nicht ganz nachvollziehen kann, warum wir nicht einfach weiter warten wollten. Da aber auch ihm heiß ist (es hat um die 40°), beschließen wir, wieder zurück zu fahren.

Wieder haben wir Mittag und somit ist Zeit zum Aufbruch. Chichi, Prasen und ich fahren zu Prasens Oma. Prasen ist glücklicherweise von schlanker Statur, sodass wir gut zu dritt auf ein Motorrad passen, dennoch ist die einstündige Fahrt dann etwas eng. Wir halten kurz an, um uns die Beine zu vertreten und schon winkt Chichi ein Motorrad ran und bittet den Fahrer, Prasen bis zum nächsten Markt (20 min) mitzunehmen. Gesagt, getan. Kurz nachdem Prasen wieder bei uns aufsteigt, halten wir an einem Limonadenstand und trinken Lemon Soda. Das ist Sprudelwasser mit Zitronensaft, etwas Zucker, Salz und einer Menge Gewürze. Dann kommen wir auch schon im Dorf bei der Oma an. Prasen zeigt mir die Gegend, es ist schön. Viel Wald. Wir laufen an einem Cashewbaum vorbei und finden zwei Früchte. Die sehen aus, wie gelbe Paprikas in etwas kleiner und wenn man reinbeißt, sind sie ganz süß und saftig. Bis eben wusste ich nicht einmal, dass es auch Cashew Früchte gibt. Dann laufen wir noch an Jackfruitbäumen (leider noch nicht ganz reif), Guavabäumen (keine Saison), Bananenstauden und Kokosnusspalmen vorbei. Der Obsthimmel auf Erden.

Zurück bei der Oma gibt es Mittagessen. Sie hat Cashewcurry gemacht, dazu gibt es Reis mit Dal. Die Cashewkerne sind so weich, dass man sie mit der Zunge am Gaumen zerdrücken kann. Es schmeckt wirklich himmlisch und ich schätze, ich muss wiederkommen. Die Oma erzählt den anderen beiden, dass sie nach der 4. Klasse die Schule abgebrochen habe, da sie ab der 5. Klasse hätte englisch lernen müssen und da hatte sie keine Lust drauf. Jetzt bereue sie es, weil sonst hätte sie sich mit mir unterhalten können. Wie süß. Ich gehe Hände waschen, sie zeigt mir, wo die Seife ist, ich wasche, nicke ihr zu und will wieder gehen. Aber nein, offensichtlich habe ich mir die Hände nicht gut genug gewaschen, denn sie zeigt nein, gibt mir nochmal Seife und so wasche ich nochmal. Jetzt sieht sie zufrieden aus.

Nach einem Mittagsschlaf fahren Chichi und ich noch ans Meer, wie gewohnt mit viel Musik. Bisher habe ich hier noch niemanden in Indien kennengelernt, der/die so viel westliche Musik kennt und hört. Sehr angenehm, denn nur deshalb haben wir eine größere Schnittmenge. Ich habe Chichi zum Geburtstag einen Bluetoothlautsprecher geschenkt, denn die Handylautsprecher, die wir letztes Jahr genutzt haben, sind auf dem Motorrad nicht sonderlich gut hörbar. Und so singen wir lauthals abwechselnd Queen, Adele, John Legend, Bishop Briggs, Imagine Dragons, Jacob Banks und Paris Paloma. Leider verpassen wir den Sonnenuntergang, trotzdem ist es idyllisch. Auf dieser Seite der Küste liegen einige Fischerboote aus Holz und es stehen Hütten aus Bambus und Palmblättern am Strand. Am anderen Ende der Bucht ist eine riesige Fabrik (?) und am Abend ist es beleuchtet, wie eine moderne Stadt. Was für ein grotesker Gegensatz.

Es ist Abend und da ich mein Nachthemd vergessen habe, bekomme ich eins von der Oma. Natürlich ist es pink. Als hätten sich alle Leute in Indien, von denen ich je Klamotten leihe oder geschenkt bekomme, heimlich abgesprochen. Die Oma wohnt im Sommer alleine hier und das Haus ist verhältnismäßig groß, es hat 4 Zimmer. Darin stehen (mindestens) 2 Betten und ich werde gefragt, wo ich am liebsten schlafen möchte. Das ist mir wirklich völlig egal und das sage ich auch, angehängt mit da, wo es am wenigsten stört/Arbeit macht. Die Oma entscheidet, dass ich im Bett schlafen soll und da sie glauben, dass das im Wohnzimmer zu kurz für mich ist, bin ich in einem der anderen Zimmer. Dann sehe ich, wie sie für die 3 im Wohnzimmer auf dem Boden eine Decke ausbreitet. Das sind Momente, in denen ich zwar weiß, dass es Gastfreundschaft ist, aber es sich trotzdem irgendwie blöd anfühlt. Als ich mich ins Bett lege, deckt mich die Oma zu, zeigt auf sich und sagt „grandmother“, lacht und geht schlafen. Und schon ist das komische Gefühl weg.

Am nächsten Morgen frühstücken wir, die Oma hat noch einmal Cashews gemacht. Diesmal aber in einer anderen Sauce – himmlisch. Dann deutet sie mir mitzukommen, sie möchte mich den Nachbarn vorstellen. Wir gehen 2 Häuser weiter und setzen uns auf die Terrasse des Hauses. Sie haben eine Jackfruit und geben mir direkt etwas. Sie ist zwar noch nicht ganz reif, schmeckt aber trotzdem gut. Ich habe einen riesigen Teller bekommen und bitte Prasen und Chichi, mir beim Essen zu helfen, was Chichi dazu veranlasst, der Nachbarin zu sagen, dass ich gerne noch mehr Jackfruit hätte. Idiot. Natürlich bekomme ich jetzt noch mehr, denn meine Abwehr könnte ja auch Höflichkeit/Schüchternheit sein. Dann verabschieden wir uns und gehen zu den nächsten Nachbarn, nicht ohne noch ein Stück Jackfruit für den Abend mitzubekommen.

Am Nachmittag gehen wir auf einen kleinen Hügel und finden einen schattigen Platz hinter einem Cashewbaum, da lege ich mich erstmal schlafen. Nachts etwas weniger schlafen und dafür in der Nachmittagshitze wieder halte ich für garkein schlechtes Konzept. Als ich aufwache, ist Prasen heim gegangen und Chichi kommt gerade von einem Spaziergang zurück. Wir hören noch etwas Musik und unterhalten uns über den unterschiedlichen Alltag seines Lebens hier uns meines in Deutschland. Ich bin etwas neidisch auf ihn, denn er kann sich hier frei bewegen und tun und lassen, was er will. Bin ich bei meiner Adoptivfamilie, kann ich nicht alleine raus, da sie Angst haben, mir könnte etwas passieren. Das ist zwar lieb gemeint, stört mich aber auch. Dann kommt Prasen wieder und fordert uns auf, zurück zu kommen, denn die Dämmerung hat eingesetzt und damit sind auch mehr gefährliche Tiere unterwegs. Die Oma mache sich Sorgen und auch die Nachbarn, da sie gesehen haben, dass wir aufgebrochen sind, aber nicht zurückgekehrt. Hier gebe es Wildschweine, Leoparden, Tiger und vor allem Schlangen und Skorpione. Ich bin es absolut nicht gewohnt, in der Natur Angst vor gefährlichen Tieren zu haben und vielleicht ist es garnicht so schlecht, dass sie hier so gut auf mich aufpassen.

Auf dem Rückweg ruft einer der Nachbarn uns (mich) zu sich und wir machen einen Abstecher zu ihm. Er zeigt auf die Feuerstelle mit den Kochtöpfen darüber und sagt etwas mit Cashew. Ich bin begeistert. Aber die Oma kocht bestimmt auch und so viel, wie man hier immer an Essen serviert bekommt, werde ich sicher keine 2 Abendessen zu mir nehmen können. Dann sagt Chichi mitten im Gespräch, ich soll schon vorgehen und er komme gleich nach. Finde ich unhöflich, aber ok. Zurück bei der Oma frage ich ihn, ob uns der Nachbar zum Essen eingeladen habe und Chichi verneint. Etwa 2 min darauf erklärt mir Prasen, dass uns der Nachbar zum Abendessen eingeladen habe. Aha. Ich frage Chichi, was es mit der Diskrepanz dieser 2 Aussagen auf sich hat und er sagt, dass der Nachbar betrunken sei und er deshalb nicht will, dass wir/ich hingehen. Ich fühle mich umsorgt. Etwa eine halbe Stunde später steht besagter Nachbar vor dem offenen Fenster und fragt, ob wir jetzt kommen. Ich verstehe nicht, was sie reden. Ich sehe aber, dass die Oma auch nicht begeistert wirkt. Chichi dreht sich zu mir um und fragt „oder Julia, du machst doch eine Diät, bei der du nur eine Mahlzeit am Tag isst?“ Ich bestätige auf hindi „ja, nur eine“ und so zieht er wieder ab. Das wurde vorerstauf morgen verschoben. Die Oma wirkt zufrieden.

Dann essen wir Abend und wie immer muss ich stark für meine essenstechnischen Grenzen einstehen. Als ich dennoch etwas mehr gegessen habe, als ich Hunger gehabt hätte, bin ich froh, als der Teller endlich leer ist und direkt räumt ihn die Oma ab. Dann kommt sie 2 min später lächelnd mit einer Schale Jackfruit (die von den Nachbarn) aus der Küche und stellt sie vor mich. Ein klassischer Oma-move. Wie konnte ich mich nur täuschen und glauben, fertig gegessen zu haben? Tatsächlich ist die Jackfruit so weit nachgereift, dass das Fruchtfleisch nun ganz weich und süß ist. Ziemlich gut.

No, no, no!

Ich wache auf, die Sonne gibt ihr bestes, meinen Hautton der Farbe einer richtig schön gereiften Tomate anzugleichen. Ich mag Gemüse, muss aber nicht unbedingt wie eines aussehen. Parsen, Chichi und ich haben uns in der Nacht auf der Dachterrasse schlafen gelegt und die beiden sind offensichtlich schon vor mir in den Schatten geflohen. Es ist 9 Uhr und da kann man schonmal aufstehen. Wir gehen gegen 2 Uhr nachts schlafen, was ohne Zeitverschiebung etwa meiner Schlafenszeit entspricht. Praktisch, ich musste mich also garnicht erst umstellen.

Ich frühstücke Mangos und dann machen wir einen kleinen Ausflug zu einer Tante in der Nähe. Das finde ich ja auch schön, man fährt einfach hin und verabredet sich nicht. Wir quatschen ein wenig, sie ist schon recht alt aber ziemlich gut drauf. Und dann fahren wir wieder zurück. Zeit fürs zweite Frühstück: es gibt Chapati und Bohnen in einer ziemlich scharfen Sauce.

Anschließend setze ich mich auf einen der neuen Sessel und schon beginnt wieder eine lange Unterhaltung mit Tambdi Dad. Das ist schön und auch witzig, weil wir kaum einen Nenner an Wortschatz haben. Aber es funktioniert. Immer wieder kommt ein „understand?“ Und ich bestätige, dass ich ihn verstehe. Wir tauschen uns viel über das Leben in Deutschland und Indien aus. Irgendwann erzählt er mir, dass er mir einen Karton Mangos per Post schicken wollte und sich dahingehend etwas schlau gemacht hat. Bei der Post war es sehr, sehr teuer und die einzige Alternative, die er aufgetan hat, war einen ganzen Schiffscontainer zu mieten. An dieser Stelle hat er den Versuch abgebrochen. Und er sei richtig froh, dass ich jetzt hier bin, weil dann habe ich ja doch meine Mangos. Er wusste nicht, dass ich komme, denn Chichi hatte beschlossen, dass ich die Eltern überraschen soll. Und das ist uns auch wirklich gut gelungen! Als wir mit dem Transporter und den Sesseln am Morgen vorgefahren sind, kam Tambdi Mum direkt raus und konnte erst garnicht glauben, wer neben den Sesseln auftaucht. Sie hat einen Moment gebraucht und sich dann sehr gefreut. Tambdi Dad war noch in seinem Zimmer und da er aktuell nicht ganz fit ist, wollten wir ihn nicht stören. Er stand dann aber plötzlich hinter mir, als ich meinen Koffer reingeholt habe und hätte nicht mehr überrascht sein können. Das war wirklich schön, denn er hat direkt freudig gefragt, wie es kommt, dass ich wieder hier bin, warum er nichts davon wusste und wie lange ich bleibe. Und dass er sich gleich etwas besser fühlt, wo ich jetzt hier bin. Balsam für die Seele!

Von meinem Platz auf dem Sessel aus kann ich das Vogelnest in der Wohnzimmerlampe beobachten. Die Fenster sind hier den ganzen Tag und auch die Nacht über auf, um den Wind reinzulassen und so fliegen immer wieder zwei kleine Vögel hier rein, um ihren Nachwuchs zu füttern. Zwei kleine Schnäbel schauen dann aus dem Nest raus. Als Mitbringsel habe ich Tambdimum einen Hängesitz geschenkt, weil sie meinen in einer Videotelefonie mal so bewundert hatte. Ich dachte zwar, dass wir den auf der Veranda aufhängen können, aber sie haben beschlossen, dass das wertvolle Geschenk aus Deutschland unbedingt im Wohnzimmer Platz finden sollte. Glücklicherweise haben sie hier noch einen freien Haken in der Betondecke und der liegt auch noch passend in einer Ecke. Das Problem ist nur, dass der Hängesitz jetzt in einer der zwei möglichen Einflugsschneisen der Vögel hängt und es gefällt ihnen garnicht, wenn da wer drin sitzt und sie zum Füttern kommen. Sie schimpfen dann und besonders laut piepsen sie, wenn noch jemand im Bereich des anderen Fensters steht. Sie weisen uns da gut zurecht. Ich lasse mir aktuell also von zwei kleinen Vögeln diktieren, wo ich nicht stehen/sitzen sollte.

Nachmittags fahren wir zum Baden an einen Fluss. Es ist eigentlich eher ein Bach, das Wasser ist nicht tief und zudem warm. Ich finde eine Stelle, an der ich mich auf einen Felsen im Wasser lege und der Kopf schaut entspannt auf die schöne Natur. Ich bin keine Wasserratte, ich schaue lieber auf Gewässer, als in ihnen zu baden, aber die Temperatur ist angenehm. Und den kleinen Bereich, in dem man schwimmen kann, verlasse ich nach kurzer Zeit, da ich befürchte, einen fetten Sonnenbrand zu bekommen. Ich bin mit 50er Sonnencreme eingeschmiert und ich trage Kleidung im Wasser (als Frau macht man das). Ist mir trotzdem zu heikel.

Ich laufe den Bachlauf hoch und es wird sogar noch schöner. Irgendwann setzen wir 3 uns hier oben ins Wasser, es ist keine 50 cm tief hier. Es plätschert langsam vor sich hin und die Welt ist in Ordnung.

Am Abend sind wir zu einer Einweihungsparty eingeladen. Ich bin gespannt! Wir fahren um 10 los und da gegen 23 Uhr Abendessenszeit ist und ich das trotz spätem Mittagessen spät finde, habe ich schon Hunger. Da wird man als Gast in Indien ja meistens nicht enttäuscht, daher bin ich zuversichtlich. Als wir nach mehrmaligem Halten und Leute nach dem Weg fragen ankommen, schaut es für mich so aus, als wäre die Party schon rum. Das Haus ist außen mit Lichterketten geschmückt und vor dem Eingang steht eine Bambuskonstruktion, die einige schöne Stoffe wie ein Vorzelt hält. Drinnen ist es sehr ähnlich, wie bei Priyankas Hochzeitszeremonie letztes Jahr aufgebaut:

Interessant. Wir bekommen eine kleine Führung, das Haus ist schön. Es ist eingeschossig mit Stützen im ersten Geschoss als Option zur späteren Erweiterung. Hier liegt nun eine Stahlkonstruktion mit Wellblechdach auf, das kreiert eine ziemlich große Dachterasse. Wieder zurück wird uns Essen angeboten. Da ich die Leute nicht kenne und auch mit so Feiern nicht vertraut bin, weiß ich nicht, wie man zu reagieren hat (erst ablehnen? Wie oft? Oder weil Familienfreunde annehmen? Wie?). Was aber aktuell ja kein Problem ist, denn die Kommunikation läuft eh über Tambdi Mum (Tambdi Dad ist nicht mitgekommen) und Chichi. Ich sage Chichi, dass ich Hunger habe, aber nicht unhöflich wirken mag und er bitte entsprechend für mich antworten soll. Schon praktisch, so einen Übersetzer dabei zu haben, der nicht nur die Sprache übersetzt, sondern auch die Kultur.

Dachte ich.

Das Essensangebot wird ziemlich direkt angenommen und kurz darauf bekommt jeder von uns einen Teller mit Reis (natürlich habe ich eine größere Portion) und Kichererbsencurry. Eine ältere Frau reicht frittierte Zwiebeln im Kichererbsenteig dazu und auch hier bekomme ich einen mehr. Und dann kommen nach und Nach die Gastgeber und füllen unsere Teller immer noch weiter. Der Teller ist übermäßig voll und ich habe zwar Hunger, aber das ist schon ordentlich. Glücklicherweise schmeckt es sehr gut. Gerade so schaffe ich meine Riesenportion. Chichi sagt mehrmals laut, dass ich noch mehr Reis und Dal möchte und natürlich laufen sie sofort los, um mir Nachschub zu besorgen. Ich sage ihnen lachend, dass ich voll bin, es gut war, aber ich nicht mehr essen kann. Und dass Chichi kein guter Typ ist. Sie lachen, da sie glücklicherweise verstehen, dass er uns verarscht. Als auch Tambdi Mum fertig ist, reden sie über das Essen, mein Name fällt, sie schauen in meine Richtung und sofort sage ich mehrmals laut no, no, no und winke mit den Händen an. Chichi fängt an zu lachen. Er habe ihnen gerade gesagt, dass mir das Essen gut geschmeckt habe. Oh. Ehm ups. Das habe ich jetzt auf jeden Fall deutlich abgestritten. Wir alle lachen und ich glaube, sie haben meine Reaktion verstanden. Dann wird noch gefragt, ob wir Fotos machen könnten und Chichi lacht mich aus, wie ich in den verschiedensten Konstellationen posieren darf und sich die Tochter des Hauses (ca. 16 Jahre) ziemlich geniert, neben mir zu stehen. Dann bekommt Tambdi Mum eine kleine Tasche und wir verabschieden uns.

Zurück in Tambdi packt sie die Tüte aus, es sind Süßigkeiten drin. Sie breitet sie auf einem kleinen Teller aus, es ist Kokosnuss mir Zucker und ich nehme ein kleines Stück. Dann erklärt sie, dass es „holy sweets“ sind. Also vermutlich von einem Geistlichen bei der Einweihungsfeier gesegnet. Da meine Berührungspunkte mit heiligen Dingen in Varanasi deutlich anders ausschauten, freue ich mich über diese Wendung. Eine Segnung durch Süßigkeiten ist mir schon ein bisschen lieber, als in einen Kuhhaufen zu treten.

Als alle vom Süßen gegessen haben, läuft sie mit einer Tüte rum und bietet uns hieraus etwas an. Ich schaue sie fragend an und noch bevor ich aussprechen kann, ob das Zucker ist, geht sie weiter und bietet ihn den anderen an. So leckeres Essen gibt es hier und dann sowas.

Von Schatzkisten und Autobahnen

Da reist man 1000e km in ein Land, das einstellige oder gar negative Temperaturen kaum kennt und dann sowas. Ich sitze im Auto mit Vater, Mutter, Chichi und Parsen und sie stellen die Klimaanlage auf eine Temperatur unter 25°. Dafür bin ich nicht so weit gereist. Wir sind auf dem Rückweg vom Arzt. Der Vater hat seit längerer Zeit Hauptprobleme und sein Arztbesuch wurde zum Familienausflug deklariert. Ursprünglich wollten wir heute früh fahren. Dann ist aber Chichis Geburtstag dazwischen gekommen. Der wurde von den Eltern erst vergessen (Geburtstage feiern ist hier auch krin Ding), dann wurde Chichi zum Blumen und Süßigkeiten holen geschickt. Wieder zurück gehe ich erst davon aus, dass eine der drei Blumengirlanden für Chichi bestimmt ist. Aber falsch gedacht, zur Feier des Tages werden die drei Personen, die der Familie als großes Vorbild dienen (Lord Buddha, ein ehemaliger König und ein ehemaliger Politiker, der an der Verfassung Indiens maßgeblich beteiligt war) gefeiert. Es hängt von allen dreien je ein eingerahmtes Foto im Wohnzimmer, die haben wir mit den Blumengirlanden geschmückt. Und dann wurde eine Art Gebet gesprochen, in denen man den dreien im Prinzip verspricht, kein Arschloch zu sein. Garnicht schlecht, wie ich finde.

Im Anschluss gibt es die Süßigkeiten und wir geben Chichi alle etwas, dafür gibt er uns was. Da die Süßigkeiten nicht vegan sind, nehme ich keine und das hatten die Eltern nicht auf dem Schirm. Schnell muss eine Alternative her, damit auch ich in den Genuss etwas Süßen komme. Tambdi Dad fragt, ob ich Zucker essen kann und nachdem ich das bejahe, bringt mir Tambdi Mum einen kleinen Teller mit einem Häufchen Zucker.  Glücklicherweise habe ich Chichi schonmal erklärt, dass wir in Deutschland versuchen darauf zu achten, nicht zu viel Zucker zu konsumieren und so versteht er mein entsetztes Gesicht und erklärt den Eltern direkt, dass das für mich wie Gift sei (vielleicht etwas übertrieben aber es trifft den Kern). Und so begnügen sie sich glücklicherweise damit, dass ich erst beim direkt darauf folgenden Snack zugreife.

Am Abend waren wir dann aber endlich beim Arzt, mussten einige Zeit warten, aber das war in Ordnung. Da mir aber mal gesagt wurde, dass wir auf dem Rückweg Mangos besorgen und es mittlerweile nach 10 ist, bin ich ziemlich enttäuscht. Ich bin immerhin schon Tag 2 hier und habe noch keine einzige Mango gegessen. Dabei fahren wir ständig an Mangoständen vorbei, sobald wir unterwegs sind. Auf dem Weg machen wir noch ein paar Zwischenstopps, denn Chichi und seine Mutter möchten Kaffee trinken. Dann einen Stopp, bei dem ich den Zweck nicht durchschaue und dann wieder einen Stopp, bei dem ein größerer Karton in den Kofferraum eingeladen wird. Ich werde gefragt, ob ich noch irgendwas brauche und da eh kein Mangoverkäufer mehr auf den Straßen zu sehen ist, verneine ich. Ich überlege, morgen den Bruder zu fragen, ob ich das Familenfahrrad leihen darf. Dann könnte ich in der Früh losfahren und den nächsten Mangoverkäufer überfallen. Bis ich kurz darauf herausfinde, dass der riesige Karton voll mit Mangos ist. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass wir den aus einem Elektronikladen haben. Da schien mir der Kauf von Elektronikartikeln irgendwie wahrscheinlicher. Aber mit Logik komme ich hier nicht so weit. Das lerne ich zwar jedes mal wieder aufs neue und doch ist die Erkenntnis nicht lang anhaltend. Ab jetzt gibt es keinen Grund mehr, mir puren Zucker anzubieten, denn ich habe einen Karton voll mit Mangos! Juhuu!

Parsen, Chichis Cousin, fragt die Tage immer mal wieder nach deutschen Wörtern und kann sich diese auch ganz gut merken. Dafür ist er relativ beratungsresistent, wenn ich ihm erkläre, wie und in welchen Zusammenhängen sie verwendet werden. So spricht er mich jetzt wie in hindi oder marati mit „Schwester“ an. Didi fand ich ja noch nett am Anfang, aber Schwester hat auf deutsch so einen kirchlichen Touch. Und zum Essen sagt er jetzt immer Prost. Wenn ihr also in ein paar Jahren mal einen Inder in Deutschland trefft, der da so komische Dinge sagt. Ihr wisst bescheid.

Und dann steht nochmal ein Arztbesuch für Tambdi Dad an. Chichi und ich begleiten ihn. Es geht deutlich schneller heute. Und auf dem Rückweg kommt Chichi, dass ich ja eigentlich auch fahren kann. Schließlich habe ich meinen Führerschein dabei. Ich melde zwar lautstark Bedenken an, denn nur weil ich einen PKW zu lenken weiß, heißt das ja wirklich nicht, dass ich hier sicher fahren kann. Ich sage, dass wir in Deutschland Regeln lieben und die auch befolgen und dass ich mich hier unsicher fühle, weil das hier anders ist. Dazu kommt ja auch, dass unser Lenkrad auf der linken Seite ist. Aber Gaspedal und Bremse sind an der gleichen Stelle. Chichi bestätigt, hier folgt jeder seinen eigenen Regeln, hält am Straßenrand und wir tauschen Plätze. Ich frage Tambdi dad, ob er das in Ordnung findet, schließlich will ich nicht, dass er Angst hat. Er wirkt aber entspannt und so fahren wir los. Ab und an warnt mich Chichi zum Glück vor, wenn ich nicht erkenne, wie schlecht die Autobahn in ein paar Metern ist. Er bittet mich um eine ehrliche Wertung der Autobahn und ich vergebe gut gemeinte 3 von 10 Punkten. Er lacht, übersetzt das seinem Vater und da dies eine verhältnismäßig gute Straße ist, finden sie meine Wertung etwas hart aber in Ordnung. Sie können sich nicht vorstellen, wie die Straßen in Deutschland sind und so fange ich an, alles aufzuzählen, was mir auf einer deutschen Straße so nicht begegnen würde. Zum einen haben wir keine Geschwindigkeitsbrecher und sie fragen mich, wie wir dann dazu gebracht werden, langsam zu fahren. Ich sage, dass wir Regeln ja ziemlich gerne haben und uns demnach schon Schilder reichen, auf denen steht, was wir tun dürfen. Außerdem gibt es Strafzahlungen. Als nächstes fällt mir ein quer stehender LKW auf, der beschlossen hat, die dreispurige Straße zum Wenden zu nutzen. Auf der Gegenspur läuft eine Kuh mitten auf der Autobahn. Außerdem laufen immer wieder Leute über die Straße. Generell versucht man hier auch, so wenig Weg wie möglich auf sich zu nehmen und so gibt es auch einige Geisterfahrer. Ich erzähle, dass bei uns Autobahnen gesperrt werden, wenn jemand in die falsche Richtung fährt und sie schauen mich ungläubig an. Ich fahre maximal 70 km/h und das fühlt sich schon ziemlich schnell an. Ich erzähle, dass man auf deutschen Autobahnen mindestens 70 km/h fahren muss und dass die Richtgeschwindigkeit 100 km/h ist. Sie kommen kaum aus dem Staunen raus. Es ist eine ziemlich witzige Autofahrt, denn auch für mich ist es deutlich unterhaltsamer, all die Unterschiede aufzuzählen, als sie still zur Kenntnis zu nehmen. Kurz bevor wir dann wieder in die Stadt kommen, tauschen wir aber wieder. Auf dem Autobahnabschnitt war es ziemlich leer, es war eine beginnerfreundliche Strecke. Die Stadt ist dann aber eine ganz andere Nummer, das überlasse ich dann doch lieber den Locals.

Zurück im Land der Extreme

Ich bin ein Glückspilz! Es ist Mai 2024 und ich habe schon wieder Urlaub! Ich kann wirklich nicht behaupten, urlaubsreif zu sein. Im Januar erst habe ich meinen neuen Job angefangen und es gefällt mir richtig gut. So gut, dass ich gerade eigentlich viel zu früh in den Urlaub aufbreche. Dennoch bin ich schon wieder in Indien. Das ging schnell. Es ist Sommer und es ist vor allem Mangosaison! Das kann ich mir nicht entgehen lassen!

Ich besuche meine Adoptivfamilie in der Nähe von Mumbai, auf dem Land nahe der Westküste Indiens. Und ich bin aufgeregt. Meine indischen Adoptiveltern wissen noch nichts von ihrem Glück. Ich werde 2 Wochen bei ihnen verbringen und mit Rani, Sadaff und Chichi ganz viele Mangos essen, ans Meer fahren und in die Berge gehen. Zumindest sind das meine Vorstellungen. Da bin ich aber durchaus flexibel, denn als erfahrene Indienreisende weiß ich ja mittlerweile, dass die Dinge eh immer anders kommen.

Der Flug und auch die Einreise verlaufen reibungslos. Ich sehe, dass Chichi versucht hat, mich anzurufen und um Rückruf bittet. Ich rufe ihn zurück und fragt mich, wie ich denn jetzt weiterkomme. Keine Ahnung. Er fragt, ob ich Ola oder Uber habe, ich antworte, dass ich glaube, dass die Apps ohne Simkarte nicht funktionieren. Außerdem bräuchte ich bitte zur Sicherheit nochmal die Adresse der Wohnung in Mumbai. Er lacht, sagt, er schickt sie mir und wir legen auf. Kurz darauf bekomme ich den Screenshot einer Bestätigung für ein auf mich wartendes Taxi samt Anweisung, wo das auf mich wartet. Ideal. Ich mache mich auf den Weg. Ich komme im entsprechenden Abschnitt des Parkhauses an und es herrscht ein Hupkonzert. Willkommen im Land der Extreme! Kurz später nickt mir ein Taxifahrer wissend zu, zeigt mir den Weg und da er so überzeugt wirkt, folge ich ihm. Ich bin auf diesem Parkplatz weit und breit die einzige, die offensichtlich keine Inderin ist und ich schätze, dass Chichi ihn instruiert hat, nach einer Ausländerin Ausschau zu halten. Tatsächlich steht sein Auto auf der Parkplatznummer, die mir Chichi geschickt hat. Ich gebe ihm den Code und wir fahren los. Es ist garnicht so einfach, überhaupt aus dem Parkhaus rauszukommen, denn die Fahrspur ist bereits dreireihig befahren und immer wieder versucht ein Auto, auszuparken. Schwierig. Um zum Ambiente beizutragen, hupt man, sobald keine ideale Durchfahrt möglich ist. Also ständig. Ich muss lachen. Das ist auf jeden Fall ein authentischer Start in meinen nächsten Indienaufenthalt! Im Parkhaus habe ich kurzzeitig wieder W-lan und Chichi schreibt, er verfolgt live den Standort des Taxis, ich solle mir keine Sorgen machen. Das ist lieb.

Ich habe glücklicherweise einen sehr durchsetzungsstarken Taxifahrer erwischt, wodurch wir relativ zügig raus kommen. Und irgendwann kommen wir laut Navi dort an, wo Chichi ihn hinbeordert hat. Es ist dunkel und ich erkenne die Straße nicht. Gut, er ruft Chichi an, der ihm Anweisungen gibt und 2x um die Ecke steht Chichi auf der Straße und wartet. Ich hatte ehrlich gesagt gehofft, dass er mich in Mumbai abholt, es aber nicht erwartet und freue mich demnach sehr, ihn zu sehen!

Als Mann muss er natürlich meinen Koffer nehmen (in dem ausschließlich Geschenke sind) und ist irritiert, wie ich a) alleine damit gereist bin und b) warum ich überhaupt mit so viel Gepäck reise. Das wird er später rausfinden. In der Wohnung bietet er mir Tee an und noch bevor ich fertig überlegt habe, ob ich jetzt einen als Willkommensgeste trinken soll, hängt er lachend an, dass er wisse, dass ich keinen mag und nur zur Sicherheit fragen wollte 😀 dann versucht er noch mit glücklicherweise arg geringer Anstrengung, mich zum Essen zu überreden, er würde was bestellen. Ich habe absolut keinen Hunger und außerdem auch noch eine Breze und Semmeln dabei. Ich gebe ihm die Breze und sage, er soll typisch deutsches Brot probieren. Er wirkt nicht übermäßig begeistert, aber immerhin auch nicht ganz abgeneigt.

Am nächsten Tag treffen wir Kajal und Akshay, eine 17-jährige Cousine sowie einen Cousin, den ich schon kenne. Die letzte 3/4 h auf dem Markt bin ich alleine mit Kajal unterwegs und damit wir uns nicht verlieren, halten wir uns an den Händen. Sie passt auf mich auf. Gestern noch saß ich normal in der Arbeit und heute laufe ich mit einem Mädchen, das ich erst seit 20 min kenne, händchenhaltend über einen Markt in Mumbai. Skurril.

Am Abend fahren wir los zur Bushaltestelle. Diesmal haben wir leider keinen Schlafbus, sondern einen Bus mit normalen Sitzen. Auf dem Weg holen wir noch ein Paket ab, sagt Chichi, als wir irgendwo auf einem Privatgrundstück halten und er aussteigt. Ich warte mit dem Taxifahrer. Etwa eine halbe Stunde später kommt Chichi ohne Paket zurück und deutet mir, auszusteigen und unsere Sachen mitzunehmen. Ok. Dann kommt auch schon ein kleiner Lastwagen um die Ecke. Da laden wir meinen großen Koffer hinten mit in den Laderaum. Auch hier ist kein Paket, dafür aber eine Couchgarnitur. Das kann es ja nicht sein, denke ich verwundert. Wie so eine blutige Anfängerin. Ich steige vorne ein und unser neuer Fahrer des Vertrauens bringt uns zu einer Tankstelle an der Autobahn und hier warten wir etwa 2 h auf den Bus. Nicht unbedingt meine Lieblingsbeschäftigung, andererseits ist es auch garnicht mal so schlecht, zur Abwechslung rechtzeitig vor dem Bus an Ort und Stelle zu sein. Ich will mich also nicht beschweren. Irgendwann fährt unser Bus dann ran, ich steige mit unserem Gepäck ein und Chichi regelt, dass mein Koffer unten ins Gepäckfach kommt. Ziemlich lang diskutieren sie, stehen vor dem geöffneten Gepäckfach und ich biete schon an, den Koffer mit zum Sitzplatz zu nehmen. Und dann holen sie irgendwann die Couchgarnitur raus und versuchen, die unterzubekommen. Ein Dreisitzer und 2 Sessel. Chichis Definition eines Pakets ist eindeutig offener als meine Auslegung. Irgendwann sind die 2 Sessel verstaut und sie sehen ein, dass der Dreisitzer wirklich nicht reinpasst. Und auf machen wir uns des Weges. Bis eine halbe Stunde später Chichis 14-jähriger Cousin Parsen dazusteigt. Parsen ist sehr nett und auch neugierig. Er hatte noch nie Kontakt zu jemandem aus dem Ausland. Die nächsten Stunden ist so für Unterhaltung gesorgt.

Morgens gegen halb 7 steigen wir aus. Der Bus fährt jedoch schon weiter, noch bevor wir die Sessel und meinen Koffer rausgeholt haben. Also fährt unser neuer Transporter hinterher, Chichi telefoniert mit dem Fahrkartenkontrolleur (natürlich hqt er dessen Handynummer?!) und kurz später kommen sie samt Sessel und Koffer wieder zurück. Geschafft, ich bin zurück in Tambi 🙂

Ein neuer Abschied

Wie schön es ist, so spontan doch noch mehr Zeit zu haben! Finde ich super! Wir treffen Rani und Sadaff und fahren zusammen mit ihrem neuen Gast Emily aus Australien in die Berge und übernachten nochmal bei einer Familie dort. Es ist windig. Da ich meinen Wollmantel verschenkt hatte, habe ich nun garkeine Klamotten mehr für Temperaturen unter gefühlt 25°, sodass ich eine Sweatshirtjacke von Prachit bekommen habe. Sie ist schwarz und schaut etwas aus, wie Schaffell. Wir legen uns aufs Plateau und schauen noch lange in den Himmel. Es ist neblig und etwas bewölkt, sodass die Sterne kaum sichtbar sind. Und trotzdem ist es so schön friedlich. Wir hören nur den Wind. Ich habe das Gefühl, dass ich Teil dieser Ruhe bin und ich bin einfach zufrieden mit der Welt. Als ich schließlich aufstehe, hängt der halbe Berg an meiner Jacke. Das mit dem Hinlegen war wohl nur bedingt eine gute Idee. Außerdem stelle ich mit der Taschenlampe fest, dass ich direkt neben Kuhkacke lag. Manchmal ist es besser, nicht so genau zu wissen, was um einen rum ist.

Dann gehen wir die letzten Meter in die Hütte unserer Gastgeber. Die Hütten haben meist einen Kern von 2-4 Zimmern, welche die Aufenthaltsräume sind. Die sind größtenteils leer und beinhalten lediglich 1-2 Regale mit Kochutensilien oder anderem. Sie liegen ein wenig höher und haben Lehmboden. In der Nacht werden hier Plastikmatten (wie Bastmatten) aufgeschlagen und hier schläft die Familie. Nach außen hin sind dann auf jeder Seite ein großer Raum, in denen die Büffel übernachten und gefüttert werden. Außerdem leben die Kälbchen hier. Teils gibt es noch etwas erhöhten Vorraum, auf dem wir dann Abendessen und die Büffel ihr Fressen bekommen. Nachdem wir gegessen haben, wird ein Kartenspiel ausgepackt. Nur 1 m neben uns stehen die Büffel und käuen genüsslich wieder. Das ist ein Anblick, den ich süß finde, gleichzeitig aber auch skurril. Man lebt hier mit den Tieren zusammen. Ab und an haben sich ein paar Hühner in die Küche geschlichen und müssen verscheucht werden. Gekocht hat die 18-jährige Tochter mit der Mutter über einem offenen Feuer auf dem Lehmboden. Ich fühle mich wie in einem anderen Zeitalter. Wie unterschiedlich doch so ein Alltag an unterschiedlichen Orten der Welt ausschauen kann. Wenn ich koche, drücke ich auf ein paar Knöpfe, mit denen ich die Temperatur meiner Töpfe ziemlich genau steuern kann. Ich verwende viele verarbeitete Produkte, wie Nussbutter, Sojasauce, Kokosmilch, passierte Tomaten, Kichererbsen aus dem Glas. Hier sehe ich lediglich frische und getrocknete Produkte in der Küche. Getrocknete Kichererbsen, Linsen und Bohnen, Reis, Gewürze, frisches Gemüse. Kochen ist allein dadurch schon viel aufwändiger. Allein die Hülsenfrüchte einzuweichen und selber zu kochen. Und dann natürlich die Vielfalt an Dingen in einer Mahlzeit. Es gibt immer Reis mit Dal und dann noch ein Gemüse dazu, außerdem Chapati oder ähnliches Brot aus Reismehl. Da die Bauern in den Bergen ihre eigenen Reisfelder haben, schätze ich, dass ich hier meistens Brot aus Reismehl statt Weizen gegessen habe. Ich liebe das Essen. Es wäre mir viel zu umständlich, jede Mahlzeit so aufwändig zu kochen. Allein die Chapatis. Da verstehe ich schon, weshalb die Frauen oft Hausfrauen sind. Man kommt ja zu kaum was, wenn man allein 3x täglich mit aufwändigem Kochen beschäftigt ist. Und dann gibt es ja noch mehr Haushalt.

Am Dienstag fahren wir zu Ranis Eltern etwa 50 km entfernt Richtung Meer. Die Fahrt ist wie immer wunderschön. Ich bin mittlerweile großer Fan von Motorrädern! Prachits Familie hat 6 Stück und wir fahren die Tage mit einem anderen, das cooler ausschaut, aber leider etwas unbequemer zum Sitzen ist. Dafür hat es mehr Power. Prachit und ich hatten relativ schnell festgestellt, dass unser Musikgeschmack große Überschneidungen hat und so ist mein Job, Musik vom Handy abzuspielen. Wir singen lauthals mit und ich strecke die Arme in den Wind aus. Anfangs habe ich mich noch hinten festgehalten, weil ich etwas befürchtet hatte, bei einem Geschwindigkeitsbrecher (und die sind tückisch!) oder an Stellen mit schlechter Straßenqualität (auch davon gibt es einige) runterkatapultiert zu werden. Mittlerweile fühle ich mich auch ohne festhalten sicher. Es ist ein Gefühl großer Freiheit. Bei den Temperaturen ist der Fahrtwind einfach angenehm. Helme trägt man hier nicht und während der Fahrt zu telefonieren ist auch völlig normal. In Mumbai und Goa aber zB. trägt der Fahrer immer einen Helm, weil man sonst Strafe zahlen muss. Es hängt also von der Region ab.

Auf dem Weg zu Ranis Eltern erzählt sie uns, dass sie Hochzeitstag haben (34.) und wir besorgen noch eine kleine Torte zum Feiern. Bei ihnen angekommen freuen sich Mutter und Vater übermäßig, dass ihre Tochter so viele Gäste mitgebracht hat. Kurz später kommt auch der Bruder und es gibt Abendessen. Wir sitzen auf Plastikmatten auf dem Boden in einer großen Runde. Es gibt Fisch und Shrimps (?) und die Mutter hat nur für mich 2 Gemüsegerichte gekocht. Da bekomme ich schon ein schlechtes Gewissen, Rani bestätigt aber, dass das völlig normal und in Ordnung ist, etwas extra zu kochen. Zum Thema essen: wenn ich erwähne, dass ich Softdrinks nicht so gerne mag, weil die so extrem süß sind, dass mir auch der Tee zu süß ist, andererseits ohne Zucker aber nicht schmeckt und ich nicht so viel fettiges essen mag, bekomme ich oft erstaunte und bewundernde Aussagen. Darauf zu achten, sich gesund zu ernähren, ist hier meiner Erfahrung nach noch nicht so verbreitet. Prachit hat mir ein paar Tage nach unserem Miniaufenthalt in Mumbai erzählt, dass einer seiner beiden Cousins jetzt auch versuchen möchte, darauf zu achten. Für ihn war das offenbar ein neues Konzept. Das fand ich irgendwie schön. Auch Reis und Weizen zum Beispiel wird hier als sehr gesund gesehen und wenn die Leute erfahren, dass ich nicht ansatzweise täglich Reis konsumiere und das unter anderem damit begründe, dass wir in Deutschland glauben, dass weißer Reis nicht so gesund ist, sind die meisten erstaunt.

Anschließend wird die Torte angeschnitten und zur Feier des Tages singen wir Happy Birthday. Dann füttern wir uns gegenseitig mit kleinen Stücken (ich bin dann heute wohl vegetarisch unterwegs). Da Emily und Rani sehr müde sind, bereiten wir schon das Wohnzimmer mit den Plastikmatten vor und ich gehe mit Ranis Bruder Viki, dem Vater und Prachit noch eine kleine Runde spazieren. Viki hat vor ein paar Jahren das Vogel beobachten für sich entdeckt und macht uns ab und an auf bestimmte Rufe aufmerksam. Wir sehen mehrere Jackel (?), Tiere, die wie Wölfe in Fuchsgröße aussehen, einen Frosch und einen Flughund. Da Rani und Viki hobbymäßig Schlangen retten, bedauert Viki sehr, dass wir keine Schlange gesehen haben. Da kann ich glaub ganz gut mit leben.

Am Donnerstag gehen wir den Tag gemütlich an und unterhalten uns in der großen Runde. Ich singe irgendwann was vor, weil ich hier immer als Sängerin vorgestellt werde (seit ich erwähnt habe, dass ich gerne singe) und hier mittlerweile so oft vorgesungen habe, dass ich mich dabei nicht mehr unwohl fühle. Der Vater sagt, dass er gerne tanzt, spielt Musik vom Handy ab und tanzt uns spontan was vor. Das finde ich richtig schön hier. Man hat hier viel weniger Scham. Weder der Vater noch ich sind auch nur ansatzweise professionell und dennoch ist es für alle schön, wenn wir vorführen, was wir können. Zum Thema singen kommt mir gerade noch: einmal war ich mit Prachit auf dem Weg irgendwohin, als wir an einer Gruppe junger Männer vorbeigekommen sind, die er kennt und einer von ihnen hat erzählt, dass ein Junge heute Geburtstag hat. Da er auch den Jungen (8 Jahre alt) zu kennen scheint, machen wir spontan einen kleinen Abstecher, um zu gratulieren. Auf dem Weg kommt von ihm dann „kannst du mir bitte einen Gefallen tun und dem Jungen Happy Birthday singen?“ Ja, warum nicht. Die ganze Aufmerksamkeit ist dem Jungen offensichtlich noch unangenehmer, als mir das Singen vor der ganzen Familie einschließlich einiger Nachbarn, die neugierig rüberschauen. Das liste ich dann mal in der Reihe „Dinge, die ich im Alltag nicht tun würde “ mit auf 🙂

Am Nachmittag fahren wir nochmal ans Meer. Juhu! Wir schauen den Sonnenuntergang wieder von der gleichen Stelle aus an, wo ich auch letzte Woche mit Prachit war. Ich kletter ein wenig über die Felsen und irgendwann brechen wir dann auf und machen uns nach mehreren Zwischenstopps auf den Heimweg. Ab etwa 10 Uhr abends ist es dann doch ziemlich kalt und ich friere trotz der Schafjacke und Mütze. Zum Glück sitze ich hinten und bin dadurch noch geschützter. Prachit versteht nicht, wie ich frieren kann. Er friert nicht und ich komme aus Deutschland, da haben wir ja auch deutlich niedrigere Temperaturen. Seiner Meinung nach sollte ich die Temperaturen demnach noch angenehm finden. Dieses Rätsel wird sich in diesem Leben wohl nicht mehr lösen.  Wir essen alle gemeinsam bei Prachits Eltern Abend, mittlerweileist es schon halb 2 Uhr nachts. Um das abzuklären hat er 4x mit dem Vater telefoniert auf der Fahrt. Generell wirkt er mit seinen ganzen Telefonaten ein wenig wie ein Callcenterbetreiber auf mich. Ich erwähne irgendwann, dass er am Tag mehr mit seinen Eltern telefoniert, als ich in einer Woche. Dabei wohnt er ja bei ihnen (wenn er nicht gerade zur Arbeit in Mumbai ist). Dass ich so selten mit meinen Eltern telefoniere, beunruhigt Prachits Vater. Er fragt öfter mal, ob ich heute schon mit meinen Eltern telefoniert habe? Und wenn ich nein sage und erwähne, dass wir das auch nicht vorhaben und es völlig ok ist, hält er das für bedenklich. Täglich fragt er, wie es ihnen geht. Ja keine Ahnung, vor 2 Tagen ging es ihnen noch gut und falls sich das grundlegend ändert, werde ich es schon mitbekommen 🙂 Als er in einem spontanen Telefonat mit Papa und Oma die beidem zu Augen bekommt, ist er sehr beruhigt. Er bestätigt Papa immer wieder, dass der sich nicht um mich sorgen muss, weil er als mein indischer Vater gut auf mich aufpasse und sagt, dass ich eine gute Tochter sei. Ich mag ihn. Seine Eltern haben beide des öfteren gesagt, dass sie sich freuen, dass ich da bin, weil sie jetzt neben 2 Söhnen auch endlich eine Tochter hätten. Ich fühle mich so wohl hier. Generell unterhalte ich mich viel mit dem Vater. Er ist sehr wissbegierig und möchte mir gleichzeitig viel über seine Umgebung erzählen. Und es wird auch immer besser mit der Verständigung! Das freut mich wirklich.

Als ich am frühen Abend eine Runde spazieren gehen möchte, sind die Eltern irritiert. Warum ich denn nicht schlafen mag? Stattdessen auch noch laufen? Das finden sie suspekt. Heute ist mein letzter Tag in Indien. Ich habe heute früh mit Prachit den Sonnenaufgang am Stausee angeschaut, wir waren in der Innenstadt und nun fährt er Rani ins Krankenhaus, da ihr Bruder einen Motorradunfall hatte. Ich habe den Eltern versprochen, dass ich noch etwas für sie kochen werde, aber das hat noch Zeit. Die Landschaft ist so schön, dass ich einfach nochmal gerne eine Runde laufen würde. Nachdem mich die Mutter nicht von meinem Plan abbbringen kann, bietet mir der Vater an, mich zu begleiten. Das war eigentlich nicht der Plan. Gerade wäre ich gerne etwas alleine. Ich habe Tränen in den Augen und trage daher schon drinnen meine Sonnenbrille mit Kopftuch. Dass es hier so normal ist, sich auf diese Art vor der Sonne zu schützen, mag ich.  Manchmal kann man sich so auch etwas verstecken. Ich kann ihn leider nicht davon abbringen, mich zu begleiten und da er wohl nicht so viel laufen möchte, schlägt er fröhlich vor, mich auf dem Motorrad zu fahren. Ok, dann halt so. Immerhin kann ich dabei nicht mit ihm reden, da wir zumindest Gestiken für die Verständigung brauchen. Und ich brauche gerade Zeit zum Überlegen und zum Beruhigen. Prachit zählt mittlerweile zu meinen Freunden und wir sind auf einer Wellenlänge, weshalb ich es genieße, Zeit mit ihm und den anderen einschließlich seiner Familie zu verbringen. Aber womit ich mich noch immer schwer tue ist sein Zeitmanagement. Den Sonnenaufgang hätten wir zum Beispiel verpasst, wäre nicht ein Berg im Weg gewesen. Den ersten Flug hätte ich wegen ihm beinah verpasst. Generell ist er so ziemlich das Gegenteil und plant nicht gerne, sondern lässt die Dinge auf sich zukommen und schaut dann, was Sache ist. Das mag ich ja im Urlaub auch, aber halt auch nur begrenzt. Wegen der Sache mit dem ersten Flug erwartet sein Vater, dass mich Prachit zum Flughafen bringt. Dass ich mich um nichts kümmern muss. Was unheimlich lieb gemeint ist, macht mich aber ziemlich nervös. Mal wieder.  Mein Wissensstand: unser Nachtbus fährt um 21 Uhr und Prachit ist gerade mit Rani weggefahren und meint, er kommt in 2-3 h gegen 19-20 Uhr wieder. Die Bustickets habe er noch nicht (dabei hatte ich ihn so verstanden, dass er sie schon vor Tagen besorgt hatte). Er wisse, dass mich das jetzt vermutlich stresse und dass ich ihm bitte vertrauen soll, es würde alles geregelt. Ja das fällt mir schwer. Ich komme hier nicht alleine weg, ich habe hier mit meinem Netzbetreiber keinen Empfang und der Hotspot vom Handy seiner Mutter ist auch nur sehr mäßig hilfreich. Ich weiß, dass es mehrere Busse gibt und zur Not auch noch Züge, die bis 2 Uhr morgens nach Mumbai fahren. Es ist also auch noch Puffer vorhanden. Was mich fast noch nervöser macht, weil der dreiviertel Tag Puffer, den ich zuletzt geplant hatte ja auch voll ausgeschöpft wurde. Vor meinem inneren Auge verpasse ich den Flug. Aber es ist noch genug Zeit. Das versuche ich mir einzureden. Ich steige aufs Motorrad des Vaters auf und mir fällt ein, dass Prachit erzählt hat, dass er aufgrund irgendwelcher Medikamente nur noch 15% Sehkraft hat. Das trägt jetzt nicht so viel zu meiner Beruhigung bei. Bis wir nach Erreichen der Geschwindigkeit von geschätzten 15 km/h (die Tachos hier gehen alle nicht) nicht weiter beschleunigen und ich lachen muss, weil ich beinah fragen möchte, ob ich anschieben soll. Es ist also eher eine gemütliche Fahrt. Beinah könnte man Kaffee auf einer Tasse dabei trinken. Wir fahren gerade so schnell, dass wir nicht umkippen. An 3 Stellen halten wir und laufen ein paar Schritte. Jedes mal, wenn jemand vorbeikommt, stellt er wieder erstaunt fest, wie neugierig mich die Leute anschauen. Das nehme ich schon lange garnicht mehr wahr. Auf dem Rückweg sagt er, wir wären jetzt schon wieder ganz nah daheim und ich kenne den Weg. Ich sage, dass ich dann zumindest das letzte Stück laufen würde. Bis ich verstehe, weshalb er darauf beharrt, mich zu begleiten: er hat Angst, dass mir etwas passiert. Er sagt, hier in Indien ist er für mich verantwortlich, meine Elterm sind weit weg und deshalb passt er als zweiter Vater auf mich auf. Und die Leute schauen ja schon alle so, das sei ihm nicht geheuer. Ich sage, dass schauen kein Problem sei aber er lässt sich nicht abbringen. Ich bin gerührt. Und ein bisschen genervt. Eine gute Mischung aus beidem. Ich fühle mich in meiner Adoptivfamilie so wohl und bin extrem dankbar dafür, wie sie mich aufnehmen. Andererseits ist da noch der Teil in mir, der ein starkes Unabhängigkeitsbedürfnis hat. Da bin ich tausende Kilometer gereist, lebe in einer Familie, die ich vor kurzem nicht einmal gekannt habe, weiß nicht einmal wo ganz genau und dann soll ich nicht spazieren gehen, weil das zu gefährlich sei. Ein bissl grotesk das ganze. Der Teil in mir, der gerührt ist, überwiegt aber deutlich. Es ist einfach Balsam für meine Seele zu wissen, dass sich Menschen um mich sorgen. Und das sogar auch am gefühlt anderen Ende der Welt. In Schrittgeschwindigkeit fahren wir wieder zurück nach Hause. Und so bin ich doch froh, diesen kleinen Ausflug mit dem Vater gemacht zu haben. Unsere Unterhaltungen während der Spaziereinlagen haben mich abgelenkt und ich fühle mich wieder gut.

Es wird immer später, ich habe mittlerweile meinen Quinoasalat fertig vorbereitet und wir warten mit dem Essen auf Prachit. Ab etwa halb 9 sagt mir sein Vater immer mal wieder, dass er auf dem Weg sei. Das ist ja nett zu wissen, aber mich würde eher interessieren, wann er ankommt und wann wir weiterfahren. Ich bin angespannt. Ich bin nervös. Ich habe Prachit darin vertraut, meine Rückreise zu organisieren. Groß eine andere Wahl blieb mir auch nicht, denn ich komme nur mit einem Fahrzeug von hier weg. Außerdem beruhigt mich, dass der Vater sehr stark darauf bedacht ist, dass ich am besten schon am Mittwoch losfahre, um den Flug am Freitag zu bekommen. Er macht Prachit Druck. Es ist also wieder die gleiche Situation, ich weiß nichts und ich bin einfach nur wütend auf mich selbst, dass ich mich darauf eingelassen habe. Vielleicht, weil es bequem ist, sich um nichts zu kümmern, aber auch, um meiner Familie zu zeigen, dass ich ihnen vertraue und ihre Bemühungen um mich wertzuschätzen weiß. Mein Problem: laut meiner Info fährt der Bus um 9, wir haben noch keine Tickets (warum auch immer), ich weiß nicht, von wo die Busse fahren, weil sie an in meinen Augen willkürlichen Orten an der Autobahn halten, ich kann nicht nachschauen, wann Busse oder Züge fahren, weil ich kein Netz habe und der Hotspot gerade so für WhatsApp Nachrichten ausreicht. Ich kann mir kein Taxi rufen, weil ich weder eine Telefonnummer habe, noch marati spreche. Mir wird hier nur gesagt, ich solle mir keine Sorgen machen, alles wäre geklärt und ich würde meinen Flug bekommen. Ich versuche rauszufinden, was es ganz genau ist, das mich so verzweifeln lässt. Keine Kontrolle zu haben? Die völlige Abhängigkeit? Das Gefühl, dass ich nicht hätte vertrauen sollen? Dass hier jedes und alles wichtiger ist, als meine Bedürfnisse (das ist natürlich stark übertrieben)? Angst, den Flug zu verpassen habe ich keine, es wäre kein Weltuntergang. Es wäre ein finanzieller Nachteil, den ich mittlerweile wirklich vermeiden möchte, aber es wäre machbar. Das ist also nicht das eigentliche Problem. Ich kann es selbst nicht ganz ausmachen. Es ist 22:10 Uhr und da wir vorher am Bahnhof waren kenne ich den Weg dorthin. Ich schätze, es wird mich 2-3 h kosten, hinzulaufen, aber ich sehe das gerade als einzige Möglichkeit, wegzukommen. Die Mutter fragt, ob ich schonmal etwas essen möge. Ich bin wütend, ich bin angespannt und ich heule fast, nein. Essen möchte ich gerade wirklich nicht. Sie hat eines meiner Lieblingsgerichte gekocht, Kichererbsencurry. Sie weiß, dass ich Kichererbsen liebe und ist aufgebracht, weil ich nichts essen möchte. Ich übersetze über den Google Übersetzer in marati, dass es mir Leid tue, so zu gehen, aber ich gehe jetzt zum Bahnhof. Meine Taschen habe ich gepackt und ich bin der festen Überzeugung, dass dies der einzige Weg für mich ist, heute noch wegzukommen. Der Vater beteuert lachend, dass das nicht nötig wäre, Prachit komme ja gleich und dann bringe uns eine Autoriksha zum Bus. Da ich keine Maratitastatur habe beschränkt sich unsere Kommunikation wieder auf die verbale Ebene mit Gestik. Jetzt schaffe ich es nicht mehr, an mich zu halten und sage in meinen spärlichen Hindikenntmissen gemischt mit englisch mit laufenden Tränen, dass Prachit schon um 8 dasein wollte und jetzt 10 sei. Außerdem haben wir keine Bustickets. Der Vater versteht meinen Ausbruch nicht so sehr, die Mutter versucht derweil, mich zum Essen zu überreden und versteht auch nicht, was mit mir los ist. Ich solle mir keine Sorgen machen, es sei alles geklärt. Kein Problem. Ich zähle ihm auf, dass für mich das fehlende Busticket, der verpasste Bus, die Abwesenheit der Person, die mir versprochen hat, mich zum Flughafen zu bringen sowie meine fehlenden Maratikenntnisse ein Problem wären. Außerdem habe ich nicht mehr genug Bargeld, um ein Ticket zu kaufen und weiß nicht, wo die nächste Bank ist. Er ruft Prachit erneut an und sagt, dass dieser in 10 min da sei und dann fahren wir los. Da sie beide mit Pooja (dem Mädchen, das im Haushalt hilft) zusammen und mittlerweile auch dem Bruder auf mich einreden und mich zu beruhigen versuchen, beschließe ich, genau 10 min zu warten und dann zu gehen. Und tatsächlich kommt Prachit nach wenigen Minuten, die Autoriksha auch und wir fahren mit dem Vater zusammen zum Bus. Scheinbar haben wir doch Tickets und kommen 10 Sekunden vor dem Bus irgendwo mitten auf der Straße an. Es ist ein fancy Bus, wir haben Liegeplätze und bis auf meinen Ausbruch an Emotionen ist alles gut. Ich bekomme den Flieger locker, Prachit besorgt mir auf dem Weg noch etwa 10 kg Obst als Mitbringsel, weil er starken Mitleid mit uns Deutschen hat, mit dem kleinen Obstangebot.

Es ist schon irgendwie komisch, wie die Dinge kommen. Meine Überlegungen zur letzten Woche in Indien waren eigentlich, dass ich etwas Zeit alleine verbringe und spontan schaue, worauf ich gerade so Lust habe. Weil ich in Varanasi mit Priyankas Hochzeit busy war, in Delhi war der Christkindelsmarkt und in Goa fand ich es mit Mili schon auch anstrengend. Da habe ich mich darauf gefreut, die letzten Tage einfach noch mein Ding zu machen, ohne zu schauen, was andere von mir erwarten und für mich Dinge ohne Abstimmung organisieren. Das ist ja jetzt doch etwas anders. Genauer betrachtet ist es sogar so ziemlich das Gegenteil. Ich habe mich mit Rani, Sadaff und Prachit angefreundet und bin sogar eine Woche bei Prachit eingezogen und habe mit ihm nicht nur einen Freund, sondern mit seinen Eltern auch gleich eine Familie dazu gewonnen. Vor ein paar Jahren hätte ich mich vermutlich für verrückt erklärt, einfach spontan bei Leuten einzuziehen, die ich erst 2x getroffen habe. Aufs Land, wo ich darauf angewiesen bin, dass sie mich mit dem Motorrad mit irgendwohin nehmen, weil ich sonst erstmal eine Stunde in den Ort laufen müsste oder 2-3 h in die nächste Innenstadt. Ich glaube, dass ich besonders wegen solcher Erfahrungen so gerne nach Indien reise. Es gibt immer wieder schöne Überraschungen, die jede Reise aufs neue besonders machen. Und umso schwerer fällt es mir auch, das Land wieder zu verlassen und zurück ich meinen Alltag in Deutschland einzutauchen.

Ich bin pünktlich zu Weihnachten wieder in Deutschland und habe irgendwie doch einen kleinen Kulturschock. Ich treffe Freunde und verbringe Zeit mit der Familie. Schöne Dinge. Und doch fühle ich mich fehl am Platz.

Das war es erstmal wieder hier 🙂 danke fürs mitlesen und alles Liebe!

Julia