Im Himmel auf Erden

Es ist Mittag und aus einem mir etwas unbegreiflichen Grund beschließt Chichi immer dann, dass es ein guter Zeitpunkt zum Aufbrechen ist. Wir fahren in ein nicht weit entferntes Stück Wald, in dem er eine Hütte bauen möchte. Prasen und ich werden zusammen mit einem Nachbarsjungen auf einer Bastmatte geparkt und wir sollen hier warten. Ich schlafe erstmal ein wenig und irgendwann kommt die Sonne so stark durch, dass ich beschließe, nicht weiter warten zu wollen. Prasen und ich brechen daher auf und finden Chichi, der nicht ganz nachvollziehen kann, warum wir nicht einfach weiter warten wollten. Da aber auch ihm heiß ist (es hat um die 40°), beschließen wir, wieder zurück zu fahren.

Wieder haben wir Mittag und somit ist Zeit zum Aufbruch. Chichi, Prasen und ich fahren zu Prasens Oma. Prasen ist glücklicherweise von schlanker Statur, sodass wir gut zu dritt auf ein Motorrad passen, dennoch ist die einstündige Fahrt dann etwas eng. Wir halten kurz an, um uns die Beine zu vertreten und schon winkt Chichi ein Motorrad ran und bittet den Fahrer, Prasen bis zum nächsten Markt (20 min) mitzunehmen. Gesagt, getan. Kurz nachdem Prasen wieder bei uns aufsteigt, halten wir an einem Limonadenstand und trinken Lemon Soda. Das ist Sprudelwasser mit Zitronensaft, etwas Zucker, Salz und einer Menge Gewürze. Dann kommen wir auch schon im Dorf bei der Oma an. Prasen zeigt mir die Gegend, es ist schön. Viel Wald. Wir laufen an einem Cashewbaum vorbei und finden zwei Früchte. Die sehen aus, wie gelbe Paprikas in etwas kleiner und wenn man reinbeißt, sind sie ganz süß und saftig. Bis eben wusste ich nicht einmal, dass es auch Cashew Früchte gibt. Dann laufen wir noch an Jackfruitbäumen (leider noch nicht ganz reif), Guavabäumen (keine Saison), Bananenstauden und Kokosnusspalmen vorbei. Der Obsthimmel auf Erden.

Zurück bei der Oma gibt es Mittagessen. Sie hat Cashewcurry gemacht, dazu gibt es Reis mit Dal. Die Cashewkerne sind so weich, dass man sie mit der Zunge am Gaumen zerdrücken kann. Es schmeckt wirklich himmlisch und ich schätze, ich muss wiederkommen. Die Oma erzählt den anderen beiden, dass sie nach der 4. Klasse die Schule abgebrochen habe, da sie ab der 5. Klasse hätte englisch lernen müssen und da hatte sie keine Lust drauf. Jetzt bereue sie es, weil sonst hätte sie sich mit mir unterhalten können. Wie süß. Ich gehe Hände waschen, sie zeigt mir, wo die Seife ist, ich wasche, nicke ihr zu und will wieder gehen. Aber nein, offensichtlich habe ich mir die Hände nicht gut genug gewaschen, denn sie zeigt nein, gibt mir nochmal Seife und so wasche ich nochmal. Jetzt sieht sie zufrieden aus.

Nach einem Mittagsschlaf fahren Chichi und ich noch ans Meer, wie gewohnt mit viel Musik. Bisher habe ich hier noch niemanden in Indien kennengelernt, der/die so viel westliche Musik kennt und hört. Sehr angenehm, denn nur deshalb haben wir eine größere Schnittmenge. Ich habe Chichi zum Geburtstag einen Bluetoothlautsprecher geschenkt, denn die Handylautsprecher, die wir letztes Jahr genutzt haben, sind auf dem Motorrad nicht sonderlich gut hörbar. Und so singen wir lauthals abwechselnd Queen, Adele, John Legend, Bishop Briggs, Imagine Dragons, Jacob Banks und Paris Paloma. Leider verpassen wir den Sonnenuntergang, trotzdem ist es idyllisch. Auf dieser Seite der Küste liegen einige Fischerboote aus Holz und es stehen Hütten aus Bambus und Palmblättern am Strand. Am anderen Ende der Bucht ist eine riesige Fabrik (?) und am Abend ist es beleuchtet, wie eine moderne Stadt. Was für ein grotesker Gegensatz.

Es ist Abend und da ich mein Nachthemd vergessen habe, bekomme ich eins von der Oma. Natürlich ist es pink. Als hätten sich alle Leute in Indien, von denen ich je Klamotten leihe oder geschenkt bekomme, heimlich abgesprochen. Die Oma wohnt im Sommer alleine hier und das Haus ist verhältnismäßig groß, es hat 4 Zimmer. Darin stehen (mindestens) 2 Betten und ich werde gefragt, wo ich am liebsten schlafen möchte. Das ist mir wirklich völlig egal und das sage ich auch, angehängt mit da, wo es am wenigsten stört/Arbeit macht. Die Oma entscheidet, dass ich im Bett schlafen soll und da sie glauben, dass das im Wohnzimmer zu kurz für mich ist, bin ich in einem der anderen Zimmer. Dann sehe ich, wie sie für die 3 im Wohnzimmer auf dem Boden eine Decke ausbreitet. Das sind Momente, in denen ich zwar weiß, dass es Gastfreundschaft ist, aber es sich trotzdem irgendwie blöd anfühlt. Als ich mich ins Bett lege, deckt mich die Oma zu, zeigt auf sich und sagt „grandmother“, lacht und geht schlafen. Und schon ist das komische Gefühl weg.

Am nächsten Morgen frühstücken wir, die Oma hat noch einmal Cashews gemacht. Diesmal aber in einer anderen Sauce – himmlisch. Dann deutet sie mir mitzukommen, sie möchte mich den Nachbarn vorstellen. Wir gehen 2 Häuser weiter und setzen uns auf die Terrasse des Hauses. Sie haben eine Jackfruit und geben mir direkt etwas. Sie ist zwar noch nicht ganz reif, schmeckt aber trotzdem gut. Ich habe einen riesigen Teller bekommen und bitte Prasen und Chichi, mir beim Essen zu helfen, was Chichi dazu veranlasst, der Nachbarin zu sagen, dass ich gerne noch mehr Jackfruit hätte. Idiot. Natürlich bekomme ich jetzt noch mehr, denn meine Abwehr könnte ja auch Höflichkeit/Schüchternheit sein. Dann verabschieden wir uns und gehen zu den nächsten Nachbarn, nicht ohne noch ein Stück Jackfruit für den Abend mitzubekommen.

Am Nachmittag gehen wir auf einen kleinen Hügel und finden einen schattigen Platz hinter einem Cashewbaum, da lege ich mich erstmal schlafen. Nachts etwas weniger schlafen und dafür in der Nachmittagshitze wieder halte ich für garkein schlechtes Konzept. Als ich aufwache, ist Prasen heim gegangen und Chichi kommt gerade von einem Spaziergang zurück. Wir hören noch etwas Musik und unterhalten uns über den unterschiedlichen Alltag seines Lebens hier uns meines in Deutschland. Ich bin etwas neidisch auf ihn, denn er kann sich hier frei bewegen und tun und lassen, was er will. Bin ich bei meiner Adoptivfamilie, kann ich nicht alleine raus, da sie Angst haben, mir könnte etwas passieren. Das ist zwar lieb gemeint, stört mich aber auch. Dann kommt Prasen wieder und fordert uns auf, zurück zu kommen, denn die Dämmerung hat eingesetzt und damit sind auch mehr gefährliche Tiere unterwegs. Die Oma mache sich Sorgen und auch die Nachbarn, da sie gesehen haben, dass wir aufgebrochen sind, aber nicht zurückgekehrt. Hier gebe es Wildschweine, Leoparden, Tiger und vor allem Schlangen und Skorpione. Ich bin es absolut nicht gewohnt, in der Natur Angst vor gefährlichen Tieren zu haben und vielleicht ist es garnicht so schlecht, dass sie hier so gut auf mich aufpassen.

Auf dem Rückweg ruft einer der Nachbarn uns (mich) zu sich und wir machen einen Abstecher zu ihm. Er zeigt auf die Feuerstelle mit den Kochtöpfen darüber und sagt etwas mit Cashew. Ich bin begeistert. Aber die Oma kocht bestimmt auch und so viel, wie man hier immer an Essen serviert bekommt, werde ich sicher keine 2 Abendessen zu mir nehmen können. Dann sagt Chichi mitten im Gespräch, ich soll schon vorgehen und er komme gleich nach. Finde ich unhöflich, aber ok. Zurück bei der Oma frage ich ihn, ob uns der Nachbar zum Essen eingeladen habe und Chichi verneint. Etwa 2 min darauf erklärt mir Prasen, dass uns der Nachbar zum Abendessen eingeladen habe. Aha. Ich frage Chichi, was es mit der Diskrepanz dieser 2 Aussagen auf sich hat und er sagt, dass der Nachbar betrunken sei und er deshalb nicht will, dass wir/ich hingehen. Ich fühle mich umsorgt. Etwa eine halbe Stunde später steht besagter Nachbar vor dem offenen Fenster und fragt, ob wir jetzt kommen. Ich verstehe nicht, was sie reden. Ich sehe aber, dass die Oma auch nicht begeistert wirkt. Chichi dreht sich zu mir um und fragt „oder Julia, du machst doch eine Diät, bei der du nur eine Mahlzeit am Tag isst?“ Ich bestätige auf hindi „ja, nur eine“ und so zieht er wieder ab. Das wurde vorerstauf morgen verschoben. Die Oma wirkt zufrieden.

Dann essen wir Abend und wie immer muss ich stark für meine essenstechnischen Grenzen einstehen. Als ich dennoch etwas mehr gegessen habe, als ich Hunger gehabt hätte, bin ich froh, als der Teller endlich leer ist und direkt räumt ihn die Oma ab. Dann kommt sie 2 min später lächelnd mit einer Schale Jackfruit (die von den Nachbarn) aus der Küche und stellt sie vor mich. Ein klassischer Oma-move. Wie konnte ich mich nur täuschen und glauben, fertig gegessen zu haben? Tatsächlich ist die Jackfruit so weit nachgereift, dass das Fruchtfleisch nun ganz weich und süß ist. Ziemlich gut.

No, no, no!

Ich wache auf, die Sonne gibt ihr bestes, meinen Hautton der Farbe einer richtig schön gereiften Tomate anzugleichen. Ich mag Gemüse, muss aber nicht unbedingt wie eines aussehen. Parsen, Chichi und ich haben uns in der Nacht auf der Dachterrasse schlafen gelegt und die beiden sind offensichtlich schon vor mir in den Schatten geflohen. Es ist 9 Uhr und da kann man schonmal aufstehen. Wir gehen gegen 2 Uhr nachts schlafen, was ohne Zeitverschiebung etwa meiner Schlafenszeit entspricht. Praktisch, ich musste mich also garnicht erst umstellen.

Ich frühstücke Mangos und dann machen wir einen kleinen Ausflug zu einer Tante in der Nähe. Das finde ich ja auch schön, man fährt einfach hin und verabredet sich nicht. Wir quatschen ein wenig, sie ist schon recht alt aber ziemlich gut drauf. Und dann fahren wir wieder zurück. Zeit fürs zweite Frühstück: es gibt Chapati und Bohnen in einer ziemlich scharfen Sauce.

Anschließend setze ich mich auf einen der neuen Sessel und schon beginnt wieder eine lange Unterhaltung mit Tambdi Dad. Das ist schön und auch witzig, weil wir kaum einen Nenner an Wortschatz haben. Aber es funktioniert. Immer wieder kommt ein „understand?“ Und ich bestätige, dass ich ihn verstehe. Wir tauschen uns viel über das Leben in Deutschland und Indien aus. Irgendwann erzählt er mir, dass er mir einen Karton Mangos per Post schicken wollte und sich dahingehend etwas schlau gemacht hat. Bei der Post war es sehr, sehr teuer und die einzige Alternative, die er aufgetan hat, war einen ganzen Schiffscontainer zu mieten. An dieser Stelle hat er den Versuch abgebrochen. Und er sei richtig froh, dass ich jetzt hier bin, weil dann habe ich ja doch meine Mangos. Er wusste nicht, dass ich komme, denn Chichi hatte beschlossen, dass ich die Eltern überraschen soll. Und das ist uns auch wirklich gut gelungen! Als wir mit dem Transporter und den Sesseln am Morgen vorgefahren sind, kam Tambdi Mum direkt raus und konnte erst garnicht glauben, wer neben den Sesseln auftaucht. Sie hat einen Moment gebraucht und sich dann sehr gefreut. Tambdi Dad war noch in seinem Zimmer und da er aktuell nicht ganz fit ist, wollten wir ihn nicht stören. Er stand dann aber plötzlich hinter mir, als ich meinen Koffer reingeholt habe und hätte nicht mehr überrascht sein können. Das war wirklich schön, denn er hat direkt freudig gefragt, wie es kommt, dass ich wieder hier bin, warum er nichts davon wusste und wie lange ich bleibe. Und dass er sich gleich etwas besser fühlt, wo ich jetzt hier bin. Balsam für die Seele!

Von meinem Platz auf dem Sessel aus kann ich das Vogelnest in der Wohnzimmerlampe beobachten. Die Fenster sind hier den ganzen Tag und auch die Nacht über auf, um den Wind reinzulassen und so fliegen immer wieder zwei kleine Vögel hier rein, um ihren Nachwuchs zu füttern. Zwei kleine Schnäbel schauen dann aus dem Nest raus. Als Mitbringsel habe ich Tambdimum einen Hängesitz geschenkt, weil sie meinen in einer Videotelefonie mal so bewundert hatte. Ich dachte zwar, dass wir den auf der Veranda aufhängen können, aber sie haben beschlossen, dass das wertvolle Geschenk aus Deutschland unbedingt im Wohnzimmer Platz finden sollte. Glücklicherweise haben sie hier noch einen freien Haken in der Betondecke und der liegt auch noch passend in einer Ecke. Das Problem ist nur, dass der Hängesitz jetzt in einer der zwei möglichen Einflugsschneisen der Vögel hängt und es gefällt ihnen garnicht, wenn da wer drin sitzt und sie zum Füttern kommen. Sie schimpfen dann und besonders laut piepsen sie, wenn noch jemand im Bereich des anderen Fensters steht. Sie weisen uns da gut zurecht. Ich lasse mir aktuell also von zwei kleinen Vögeln diktieren, wo ich nicht stehen/sitzen sollte.

Nachmittags fahren wir zum Baden an einen Fluss. Es ist eigentlich eher ein Bach, das Wasser ist nicht tief und zudem warm. Ich finde eine Stelle, an der ich mich auf einen Felsen im Wasser lege und der Kopf schaut entspannt auf die schöne Natur. Ich bin keine Wasserratte, ich schaue lieber auf Gewässer, als in ihnen zu baden, aber die Temperatur ist angenehm. Und den kleinen Bereich, in dem man schwimmen kann, verlasse ich nach kurzer Zeit, da ich befürchte, einen fetten Sonnenbrand zu bekommen. Ich bin mit 50er Sonnencreme eingeschmiert und ich trage Kleidung im Wasser (als Frau macht man das). Ist mir trotzdem zu heikel.

Ich laufe den Bachlauf hoch und es wird sogar noch schöner. Irgendwann setzen wir 3 uns hier oben ins Wasser, es ist keine 50 cm tief hier. Es plätschert langsam vor sich hin und die Welt ist in Ordnung.

Am Abend sind wir zu einer Einweihungsparty eingeladen. Ich bin gespannt! Wir fahren um 10 los und da gegen 23 Uhr Abendessenszeit ist und ich das trotz spätem Mittagessen spät finde, habe ich schon Hunger. Da wird man als Gast in Indien ja meistens nicht enttäuscht, daher bin ich zuversichtlich. Als wir nach mehrmaligem Halten und Leute nach dem Weg fragen ankommen, schaut es für mich so aus, als wäre die Party schon rum. Das Haus ist außen mit Lichterketten geschmückt und vor dem Eingang steht eine Bambuskonstruktion, die einige schöne Stoffe wie ein Vorzelt hält. Drinnen ist es sehr ähnlich, wie bei Priyankas Hochzeitszeremonie letztes Jahr aufgebaut:

Interessant. Wir bekommen eine kleine Führung, das Haus ist schön. Es ist eingeschossig mit Stützen im ersten Geschoss als Option zur späteren Erweiterung. Hier liegt nun eine Stahlkonstruktion mit Wellblechdach auf, das kreiert eine ziemlich große Dachterasse. Wieder zurück wird uns Essen angeboten. Da ich die Leute nicht kenne und auch mit so Feiern nicht vertraut bin, weiß ich nicht, wie man zu reagieren hat (erst ablehnen? Wie oft? Oder weil Familienfreunde annehmen? Wie?). Was aber aktuell ja kein Problem ist, denn die Kommunikation läuft eh über Tambdi Mum (Tambdi Dad ist nicht mitgekommen) und Chichi. Ich sage Chichi, dass ich Hunger habe, aber nicht unhöflich wirken mag und er bitte entsprechend für mich antworten soll. Schon praktisch, so einen Übersetzer dabei zu haben, der nicht nur die Sprache übersetzt, sondern auch die Kultur.

Dachte ich.

Das Essensangebot wird ziemlich direkt angenommen und kurz darauf bekommt jeder von uns einen Teller mit Reis (natürlich habe ich eine größere Portion) und Kichererbsencurry. Eine ältere Frau reicht frittierte Zwiebeln im Kichererbsenteig dazu und auch hier bekomme ich einen mehr. Und dann kommen nach und Nach die Gastgeber und füllen unsere Teller immer noch weiter. Der Teller ist übermäßig voll und ich habe zwar Hunger, aber das ist schon ordentlich. Glücklicherweise schmeckt es sehr gut. Gerade so schaffe ich meine Riesenportion. Chichi sagt mehrmals laut, dass ich noch mehr Reis und Dal möchte und natürlich laufen sie sofort los, um mir Nachschub zu besorgen. Ich sage ihnen lachend, dass ich voll bin, es gut war, aber ich nicht mehr essen kann. Und dass Chichi kein guter Typ ist. Sie lachen, da sie glücklicherweise verstehen, dass er uns verarscht. Als auch Tambdi Mum fertig ist, reden sie über das Essen, mein Name fällt, sie schauen in meine Richtung und sofort sage ich mehrmals laut no, no, no und winke mit den Händen an. Chichi fängt an zu lachen. Er habe ihnen gerade gesagt, dass mir das Essen gut geschmeckt habe. Oh. Ehm ups. Das habe ich jetzt auf jeden Fall deutlich abgestritten. Wir alle lachen und ich glaube, sie haben meine Reaktion verstanden. Dann wird noch gefragt, ob wir Fotos machen könnten und Chichi lacht mich aus, wie ich in den verschiedensten Konstellationen posieren darf und sich die Tochter des Hauses (ca. 16 Jahre) ziemlich geniert, neben mir zu stehen. Dann bekommt Tambdi Mum eine kleine Tasche und wir verabschieden uns.

Zurück in Tambdi packt sie die Tüte aus, es sind Süßigkeiten drin. Sie breitet sie auf einem kleinen Teller aus, es ist Kokosnuss mir Zucker und ich nehme ein kleines Stück. Dann erklärt sie, dass es „holy sweets“ sind. Also vermutlich von einem Geistlichen bei der Einweihungsfeier gesegnet. Da meine Berührungspunkte mit heiligen Dingen in Varanasi deutlich anders ausschauten, freue ich mich über diese Wendung. Eine Segnung durch Süßigkeiten ist mir schon ein bisschen lieber, als in einen Kuhhaufen zu treten.

Als alle vom Süßen gegessen haben, läuft sie mit einer Tüte rum und bietet uns hieraus etwas an. Ich schaue sie fragend an und noch bevor ich aussprechen kann, ob das Zucker ist, geht sie weiter und bietet ihn den anderen an. So leckeres Essen gibt es hier und dann sowas.

Von Schatzkisten und Autobahnen

Da reist man 1000e km in ein Land, das einstellige oder gar negative Temperaturen kaum kennt und dann sowas. Ich sitze im Auto mit Vater, Mutter, Chichi und Parsen und sie stellen die Klimaanlage auf eine Temperatur unter 25°. Dafür bin ich nicht so weit gereist. Wir sind auf dem Rückweg vom Arzt. Der Vater hat seit längerer Zeit Hauptprobleme und sein Arztbesuch wurde zum Familienausflug deklariert. Ursprünglich wollten wir heute früh fahren. Dann ist aber Chichis Geburtstag dazwischen gekommen. Der wurde von den Eltern erst vergessen (Geburtstage feiern ist hier auch krin Ding), dann wurde Chichi zum Blumen und Süßigkeiten holen geschickt. Wieder zurück gehe ich erst davon aus, dass eine der drei Blumengirlanden für Chichi bestimmt ist. Aber falsch gedacht, zur Feier des Tages werden die drei Personen, die der Familie als großes Vorbild dienen (Lord Buddha, ein ehemaliger König und ein ehemaliger Politiker, der an der Verfassung Indiens maßgeblich beteiligt war) gefeiert. Es hängt von allen dreien je ein eingerahmtes Foto im Wohnzimmer, die haben wir mit den Blumengirlanden geschmückt. Und dann wurde eine Art Gebet gesprochen, in denen man den dreien im Prinzip verspricht, kein Arschloch zu sein. Garnicht schlecht, wie ich finde.

Im Anschluss gibt es die Süßigkeiten und wir geben Chichi alle etwas, dafür gibt er uns was. Da die Süßigkeiten nicht vegan sind, nehme ich keine und das hatten die Eltern nicht auf dem Schirm. Schnell muss eine Alternative her, damit auch ich in den Genuss etwas Süßen komme. Tambdi Dad fragt, ob ich Zucker essen kann und nachdem ich das bejahe, bringt mir Tambdi Mum einen kleinen Teller mit einem Häufchen Zucker.  Glücklicherweise habe ich Chichi schonmal erklärt, dass wir in Deutschland versuchen darauf zu achten, nicht zu viel Zucker zu konsumieren und so versteht er mein entsetztes Gesicht und erklärt den Eltern direkt, dass das für mich wie Gift sei (vielleicht etwas übertrieben aber es trifft den Kern). Und so begnügen sie sich glücklicherweise damit, dass ich erst beim direkt darauf folgenden Snack zugreife.

Am Abend waren wir dann aber endlich beim Arzt, mussten einige Zeit warten, aber das war in Ordnung. Da mir aber mal gesagt wurde, dass wir auf dem Rückweg Mangos besorgen und es mittlerweile nach 10 ist, bin ich ziemlich enttäuscht. Ich bin immerhin schon Tag 2 hier und habe noch keine einzige Mango gegessen. Dabei fahren wir ständig an Mangoständen vorbei, sobald wir unterwegs sind. Auf dem Weg machen wir noch ein paar Zwischenstopps, denn Chichi und seine Mutter möchten Kaffee trinken. Dann einen Stopp, bei dem ich den Zweck nicht durchschaue und dann wieder einen Stopp, bei dem ein größerer Karton in den Kofferraum eingeladen wird. Ich werde gefragt, ob ich noch irgendwas brauche und da eh kein Mangoverkäufer mehr auf den Straßen zu sehen ist, verneine ich. Ich überlege, morgen den Bruder zu fragen, ob ich das Familenfahrrad leihen darf. Dann könnte ich in der Früh losfahren und den nächsten Mangoverkäufer überfallen. Bis ich kurz darauf herausfinde, dass der riesige Karton voll mit Mangos ist. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass wir den aus einem Elektronikladen haben. Da schien mir der Kauf von Elektronikartikeln irgendwie wahrscheinlicher. Aber mit Logik komme ich hier nicht so weit. Das lerne ich zwar jedes mal wieder aufs neue und doch ist die Erkenntnis nicht lang anhaltend. Ab jetzt gibt es keinen Grund mehr, mir puren Zucker anzubieten, denn ich habe einen Karton voll mit Mangos! Juhuu!

Parsen, Chichis Cousin, fragt die Tage immer mal wieder nach deutschen Wörtern und kann sich diese auch ganz gut merken. Dafür ist er relativ beratungsresistent, wenn ich ihm erkläre, wie und in welchen Zusammenhängen sie verwendet werden. So spricht er mich jetzt wie in hindi oder marati mit „Schwester“ an. Didi fand ich ja noch nett am Anfang, aber Schwester hat auf deutsch so einen kirchlichen Touch. Und zum Essen sagt er jetzt immer Prost. Wenn ihr also in ein paar Jahren mal einen Inder in Deutschland trefft, der da so komische Dinge sagt. Ihr wisst bescheid.

Und dann steht nochmal ein Arztbesuch für Tambdi Dad an. Chichi und ich begleiten ihn. Es geht deutlich schneller heute. Und auf dem Rückweg kommt Chichi, dass ich ja eigentlich auch fahren kann. Schließlich habe ich meinen Führerschein dabei. Ich melde zwar lautstark Bedenken an, denn nur weil ich einen PKW zu lenken weiß, heißt das ja wirklich nicht, dass ich hier sicher fahren kann. Ich sage, dass wir in Deutschland Regeln lieben und die auch befolgen und dass ich mich hier unsicher fühle, weil das hier anders ist. Dazu kommt ja auch, dass unser Lenkrad auf der linken Seite ist. Aber Gaspedal und Bremse sind an der gleichen Stelle. Chichi bestätigt, hier folgt jeder seinen eigenen Regeln, hält am Straßenrand und wir tauschen Plätze. Ich frage Tambdi dad, ob er das in Ordnung findet, schließlich will ich nicht, dass er Angst hat. Er wirkt aber entspannt und so fahren wir los. Ab und an warnt mich Chichi zum Glück vor, wenn ich nicht erkenne, wie schlecht die Autobahn in ein paar Metern ist. Er bittet mich um eine ehrliche Wertung der Autobahn und ich vergebe gut gemeinte 3 von 10 Punkten. Er lacht, übersetzt das seinem Vater und da dies eine verhältnismäßig gute Straße ist, finden sie meine Wertung etwas hart aber in Ordnung. Sie können sich nicht vorstellen, wie die Straßen in Deutschland sind und so fange ich an, alles aufzuzählen, was mir auf einer deutschen Straße so nicht begegnen würde. Zum einen haben wir keine Geschwindigkeitsbrecher und sie fragen mich, wie wir dann dazu gebracht werden, langsam zu fahren. Ich sage, dass wir Regeln ja ziemlich gerne haben und uns demnach schon Schilder reichen, auf denen steht, was wir tun dürfen. Außerdem gibt es Strafzahlungen. Als nächstes fällt mir ein quer stehender LKW auf, der beschlossen hat, die dreispurige Straße zum Wenden zu nutzen. Auf der Gegenspur läuft eine Kuh mitten auf der Autobahn. Außerdem laufen immer wieder Leute über die Straße. Generell versucht man hier auch, so wenig Weg wie möglich auf sich zu nehmen und so gibt es auch einige Geisterfahrer. Ich erzähle, dass bei uns Autobahnen gesperrt werden, wenn jemand in die falsche Richtung fährt und sie schauen mich ungläubig an. Ich fahre maximal 70 km/h und das fühlt sich schon ziemlich schnell an. Ich erzähle, dass man auf deutschen Autobahnen mindestens 70 km/h fahren muss und dass die Richtgeschwindigkeit 100 km/h ist. Sie kommen kaum aus dem Staunen raus. Es ist eine ziemlich witzige Autofahrt, denn auch für mich ist es deutlich unterhaltsamer, all die Unterschiede aufzuzählen, als sie still zur Kenntnis zu nehmen. Kurz bevor wir dann wieder in die Stadt kommen, tauschen wir aber wieder. Auf dem Autobahnabschnitt war es ziemlich leer, es war eine beginnerfreundliche Strecke. Die Stadt ist dann aber eine ganz andere Nummer, das überlasse ich dann doch lieber den Locals.

Zurück im Land der Extreme

Ich bin ein Glückspilz! Es ist Mai 2024 und ich habe schon wieder Urlaub! Ich kann wirklich nicht behaupten, urlaubsreif zu sein. Im Januar erst habe ich meinen neuen Job angefangen und es gefällt mir richtig gut. So gut, dass ich gerade eigentlich viel zu früh in den Urlaub aufbreche. Dennoch bin ich schon wieder in Indien. Das ging schnell. Es ist Sommer und es ist vor allem Mangosaison! Das kann ich mir nicht entgehen lassen!

Ich besuche meine Adoptivfamilie in der Nähe von Mumbai, auf dem Land nahe der Westküste Indiens. Und ich bin aufgeregt. Meine indischen Adoptiveltern wissen noch nichts von ihrem Glück. Ich werde 2 Wochen bei ihnen verbringen und mit Rani, Sadaff und Chichi ganz viele Mangos essen, ans Meer fahren und in die Berge gehen. Zumindest sind das meine Vorstellungen. Da bin ich aber durchaus flexibel, denn als erfahrene Indienreisende weiß ich ja mittlerweile, dass die Dinge eh immer anders kommen.

Der Flug und auch die Einreise verlaufen reibungslos. Ich sehe, dass Chichi versucht hat, mich anzurufen und um Rückruf bittet. Ich rufe ihn zurück und fragt mich, wie ich denn jetzt weiterkomme. Keine Ahnung. Er fragt, ob ich Ola oder Uber habe, ich antworte, dass ich glaube, dass die Apps ohne Simkarte nicht funktionieren. Außerdem bräuchte ich bitte zur Sicherheit nochmal die Adresse der Wohnung in Mumbai. Er lacht, sagt, er schickt sie mir und wir legen auf. Kurz darauf bekomme ich den Screenshot einer Bestätigung für ein auf mich wartendes Taxi samt Anweisung, wo das auf mich wartet. Ideal. Ich mache mich auf den Weg. Ich komme im entsprechenden Abschnitt des Parkhauses an und es herrscht ein Hupkonzert. Willkommen im Land der Extreme! Kurz später nickt mir ein Taxifahrer wissend zu, zeigt mir den Weg und da er so überzeugt wirkt, folge ich ihm. Ich bin auf diesem Parkplatz weit und breit die einzige, die offensichtlich keine Inderin ist und ich schätze, dass Chichi ihn instruiert hat, nach einer Ausländerin Ausschau zu halten. Tatsächlich steht sein Auto auf der Parkplatznummer, die mir Chichi geschickt hat. Ich gebe ihm den Code und wir fahren los. Es ist garnicht so einfach, überhaupt aus dem Parkhaus rauszukommen, denn die Fahrspur ist bereits dreireihig befahren und immer wieder versucht ein Auto, auszuparken. Schwierig. Um zum Ambiente beizutragen, hupt man, sobald keine ideale Durchfahrt möglich ist. Also ständig. Ich muss lachen. Das ist auf jeden Fall ein authentischer Start in meinen nächsten Indienaufenthalt! Im Parkhaus habe ich kurzzeitig wieder W-lan und Chichi schreibt, er verfolgt live den Standort des Taxis, ich solle mir keine Sorgen machen. Das ist lieb.

Ich habe glücklicherweise einen sehr durchsetzungsstarken Taxifahrer erwischt, wodurch wir relativ zügig raus kommen. Und irgendwann kommen wir laut Navi dort an, wo Chichi ihn hinbeordert hat. Es ist dunkel und ich erkenne die Straße nicht. Gut, er ruft Chichi an, der ihm Anweisungen gibt und 2x um die Ecke steht Chichi auf der Straße und wartet. Ich hatte ehrlich gesagt gehofft, dass er mich in Mumbai abholt, es aber nicht erwartet und freue mich demnach sehr, ihn zu sehen!

Als Mann muss er natürlich meinen Koffer nehmen (in dem ausschließlich Geschenke sind) und ist irritiert, wie ich a) alleine damit gereist bin und b) warum ich überhaupt mit so viel Gepäck reise. Das wird er später rausfinden. In der Wohnung bietet er mir Tee an und noch bevor ich fertig überlegt habe, ob ich jetzt einen als Willkommensgeste trinken soll, hängt er lachend an, dass er wisse, dass ich keinen mag und nur zur Sicherheit fragen wollte 😀 dann versucht er noch mit glücklicherweise arg geringer Anstrengung, mich zum Essen zu überreden, er würde was bestellen. Ich habe absolut keinen Hunger und außerdem auch noch eine Breze und Semmeln dabei. Ich gebe ihm die Breze und sage, er soll typisch deutsches Brot probieren. Er wirkt nicht übermäßig begeistert, aber immerhin auch nicht ganz abgeneigt.

Am nächsten Tag treffen wir Kajal und Akshay, eine 17-jährige Cousine sowie einen Cousin, den ich schon kenne. Die letzte 3/4 h auf dem Markt bin ich alleine mit Kajal unterwegs und damit wir uns nicht verlieren, halten wir uns an den Händen. Sie passt auf mich auf. Gestern noch saß ich normal in der Arbeit und heute laufe ich mit einem Mädchen, das ich erst seit 20 min kenne, händchenhaltend über einen Markt in Mumbai. Skurril.

Am Abend fahren wir los zur Bushaltestelle. Diesmal haben wir leider keinen Schlafbus, sondern einen Bus mit normalen Sitzen. Auf dem Weg holen wir noch ein Paket ab, sagt Chichi, als wir irgendwo auf einem Privatgrundstück halten und er aussteigt. Ich warte mit dem Taxifahrer. Etwa eine halbe Stunde später kommt Chichi ohne Paket zurück und deutet mir, auszusteigen und unsere Sachen mitzunehmen. Ok. Dann kommt auch schon ein kleiner Lastwagen um die Ecke. Da laden wir meinen großen Koffer hinten mit in den Laderaum. Auch hier ist kein Paket, dafür aber eine Couchgarnitur. Das kann es ja nicht sein, denke ich verwundert. Wie so eine blutige Anfängerin. Ich steige vorne ein und unser neuer Fahrer des Vertrauens bringt uns zu einer Tankstelle an der Autobahn und hier warten wir etwa 2 h auf den Bus. Nicht unbedingt meine Lieblingsbeschäftigung, andererseits ist es auch garnicht mal so schlecht, zur Abwechslung rechtzeitig vor dem Bus an Ort und Stelle zu sein. Ich will mich also nicht beschweren. Irgendwann fährt unser Bus dann ran, ich steige mit unserem Gepäck ein und Chichi regelt, dass mein Koffer unten ins Gepäckfach kommt. Ziemlich lang diskutieren sie, stehen vor dem geöffneten Gepäckfach und ich biete schon an, den Koffer mit zum Sitzplatz zu nehmen. Und dann holen sie irgendwann die Couchgarnitur raus und versuchen, die unterzubekommen. Ein Dreisitzer und 2 Sessel. Chichis Definition eines Pakets ist eindeutig offener als meine Auslegung. Irgendwann sind die 2 Sessel verstaut und sie sehen ein, dass der Dreisitzer wirklich nicht reinpasst. Und auf machen wir uns des Weges. Bis eine halbe Stunde später Chichis 14-jähriger Cousin Parsen dazusteigt. Parsen ist sehr nett und auch neugierig. Er hatte noch nie Kontakt zu jemandem aus dem Ausland. Die nächsten Stunden ist so für Unterhaltung gesorgt.

Morgens gegen halb 7 steigen wir aus. Der Bus fährt jedoch schon weiter, noch bevor wir die Sessel und meinen Koffer rausgeholt haben. Also fährt unser neuer Transporter hinterher, Chichi telefoniert mit dem Fahrkartenkontrolleur (natürlich hqt er dessen Handynummer?!) und kurz später kommen sie samt Sessel und Koffer wieder zurück. Geschafft, ich bin zurück in Tambi 🙂

Ein neuer Abschied

Wie schön es ist, so spontan doch noch mehr Zeit zu haben! Finde ich super! Wir treffen Rani und Sadaff und fahren zusammen mit ihrem neuen Gast Emily aus Australien in die Berge und übernachten nochmal bei einer Familie dort. Es ist windig. Da ich meinen Wollmantel verschenkt hatte, habe ich nun garkeine Klamotten mehr für Temperaturen unter gefühlt 25°, sodass ich eine Sweatshirtjacke von Prachit bekommen habe. Sie ist schwarz und schaut etwas aus, wie Schaffell. Wir legen uns aufs Plateau und schauen noch lange in den Himmel. Es ist neblig und etwas bewölkt, sodass die Sterne kaum sichtbar sind. Und trotzdem ist es so schön friedlich. Wir hören nur den Wind. Ich habe das Gefühl, dass ich Teil dieser Ruhe bin und ich bin einfach zufrieden mit der Welt. Als ich schließlich aufstehe, hängt der halbe Berg an meiner Jacke. Das mit dem Hinlegen war wohl nur bedingt eine gute Idee. Außerdem stelle ich mit der Taschenlampe fest, dass ich direkt neben Kuhkacke lag. Manchmal ist es besser, nicht so genau zu wissen, was um einen rum ist.

Dann gehen wir die letzten Meter in die Hütte unserer Gastgeber. Die Hütten haben meist einen Kern von 2-4 Zimmern, welche die Aufenthaltsräume sind. Die sind größtenteils leer und beinhalten lediglich 1-2 Regale mit Kochutensilien oder anderem. Sie liegen ein wenig höher und haben Lehmboden. In der Nacht werden hier Plastikmatten (wie Bastmatten) aufgeschlagen und hier schläft die Familie. Nach außen hin sind dann auf jeder Seite ein großer Raum, in denen die Büffel übernachten und gefüttert werden. Außerdem leben die Kälbchen hier. Teils gibt es noch etwas erhöhten Vorraum, auf dem wir dann Abendessen und die Büffel ihr Fressen bekommen. Nachdem wir gegessen haben, wird ein Kartenspiel ausgepackt. Nur 1 m neben uns stehen die Büffel und käuen genüsslich wieder. Das ist ein Anblick, den ich süß finde, gleichzeitig aber auch skurril. Man lebt hier mit den Tieren zusammen. Ab und an haben sich ein paar Hühner in die Küche geschlichen und müssen verscheucht werden. Gekocht hat die 18-jährige Tochter mit der Mutter über einem offenen Feuer auf dem Lehmboden. Ich fühle mich wie in einem anderen Zeitalter. Wie unterschiedlich doch so ein Alltag an unterschiedlichen Orten der Welt ausschauen kann. Wenn ich koche, drücke ich auf ein paar Knöpfe, mit denen ich die Temperatur meiner Töpfe ziemlich genau steuern kann. Ich verwende viele verarbeitete Produkte, wie Nussbutter, Sojasauce, Kokosmilch, passierte Tomaten, Kichererbsen aus dem Glas. Hier sehe ich lediglich frische und getrocknete Produkte in der Küche. Getrocknete Kichererbsen, Linsen und Bohnen, Reis, Gewürze, frisches Gemüse. Kochen ist allein dadurch schon viel aufwändiger. Allein die Hülsenfrüchte einzuweichen und selber zu kochen. Und dann natürlich die Vielfalt an Dingen in einer Mahlzeit. Es gibt immer Reis mit Dal und dann noch ein Gemüse dazu, außerdem Chapati oder ähnliches Brot aus Reismehl. Da die Bauern in den Bergen ihre eigenen Reisfelder haben, schätze ich, dass ich hier meistens Brot aus Reismehl statt Weizen gegessen habe. Ich liebe das Essen. Es wäre mir viel zu umständlich, jede Mahlzeit so aufwändig zu kochen. Allein die Chapatis. Da verstehe ich schon, weshalb die Frauen oft Hausfrauen sind. Man kommt ja zu kaum was, wenn man allein 3x täglich mit aufwändigem Kochen beschäftigt ist. Und dann gibt es ja noch mehr Haushalt.

Am Dienstag fahren wir zu Ranis Eltern etwa 50 km entfernt Richtung Meer. Die Fahrt ist wie immer wunderschön. Ich bin mittlerweile großer Fan von Motorrädern! Prachits Familie hat 6 Stück und wir fahren die Tage mit einem anderen, das cooler ausschaut, aber leider etwas unbequemer zum Sitzen ist. Dafür hat es mehr Power. Prachit und ich hatten relativ schnell festgestellt, dass unser Musikgeschmack große Überschneidungen hat und so ist mein Job, Musik vom Handy abzuspielen. Wir singen lauthals mit und ich strecke die Arme in den Wind aus. Anfangs habe ich mich noch hinten festgehalten, weil ich etwas befürchtet hatte, bei einem Geschwindigkeitsbrecher (und die sind tückisch!) oder an Stellen mit schlechter Straßenqualität (auch davon gibt es einige) runterkatapultiert zu werden. Mittlerweile fühle ich mich auch ohne festhalten sicher. Es ist ein Gefühl großer Freiheit. Bei den Temperaturen ist der Fahrtwind einfach angenehm. Helme trägt man hier nicht und während der Fahrt zu telefonieren ist auch völlig normal. In Mumbai und Goa aber zB. trägt der Fahrer immer einen Helm, weil man sonst Strafe zahlen muss. Es hängt also von der Region ab.

Auf dem Weg zu Ranis Eltern erzählt sie uns, dass sie Hochzeitstag haben (34.) und wir besorgen noch eine kleine Torte zum Feiern. Bei ihnen angekommen freuen sich Mutter und Vater übermäßig, dass ihre Tochter so viele Gäste mitgebracht hat. Kurz später kommt auch der Bruder und es gibt Abendessen. Wir sitzen auf Plastikmatten auf dem Boden in einer großen Runde. Es gibt Fisch und Shrimps (?) und die Mutter hat nur für mich 2 Gemüsegerichte gekocht. Da bekomme ich schon ein schlechtes Gewissen, Rani bestätigt aber, dass das völlig normal und in Ordnung ist, etwas extra zu kochen. Zum Thema essen: wenn ich erwähne, dass ich Softdrinks nicht so gerne mag, weil die so extrem süß sind, dass mir auch der Tee zu süß ist, andererseits ohne Zucker aber nicht schmeckt und ich nicht so viel fettiges essen mag, bekomme ich oft erstaunte und bewundernde Aussagen. Darauf zu achten, sich gesund zu ernähren, ist hier meiner Erfahrung nach noch nicht so verbreitet. Prachit hat mir ein paar Tage nach unserem Miniaufenthalt in Mumbai erzählt, dass einer seiner beiden Cousins jetzt auch versuchen möchte, darauf zu achten. Für ihn war das offenbar ein neues Konzept. Das fand ich irgendwie schön. Auch Reis und Weizen zum Beispiel wird hier als sehr gesund gesehen und wenn die Leute erfahren, dass ich nicht ansatzweise täglich Reis konsumiere und das unter anderem damit begründe, dass wir in Deutschland glauben, dass weißer Reis nicht so gesund ist, sind die meisten erstaunt.

Anschließend wird die Torte angeschnitten und zur Feier des Tages singen wir Happy Birthday. Dann füttern wir uns gegenseitig mit kleinen Stücken (ich bin dann heute wohl vegetarisch unterwegs). Da Emily und Rani sehr müde sind, bereiten wir schon das Wohnzimmer mit den Plastikmatten vor und ich gehe mit Ranis Bruder Viki, dem Vater und Prachit noch eine kleine Runde spazieren. Viki hat vor ein paar Jahren das Vogel beobachten für sich entdeckt und macht uns ab und an auf bestimmte Rufe aufmerksam. Wir sehen mehrere Jackel (?), Tiere, die wie Wölfe in Fuchsgröße aussehen, einen Frosch und einen Flughund. Da Rani und Viki hobbymäßig Schlangen retten, bedauert Viki sehr, dass wir keine Schlange gesehen haben. Da kann ich glaub ganz gut mit leben.

Am Donnerstag gehen wir den Tag gemütlich an und unterhalten uns in der großen Runde. Ich singe irgendwann was vor, weil ich hier immer als Sängerin vorgestellt werde (seit ich erwähnt habe, dass ich gerne singe) und hier mittlerweile so oft vorgesungen habe, dass ich mich dabei nicht mehr unwohl fühle. Der Vater sagt, dass er gerne tanzt, spielt Musik vom Handy ab und tanzt uns spontan was vor. Das finde ich richtig schön hier. Man hat hier viel weniger Scham. Weder der Vater noch ich sind auch nur ansatzweise professionell und dennoch ist es für alle schön, wenn wir vorführen, was wir können. Zum Thema singen kommt mir gerade noch: einmal war ich mit Prachit auf dem Weg irgendwohin, als wir an einer Gruppe junger Männer vorbeigekommen sind, die er kennt und einer von ihnen hat erzählt, dass ein Junge heute Geburtstag hat. Da er auch den Jungen (8 Jahre alt) zu kennen scheint, machen wir spontan einen kleinen Abstecher, um zu gratulieren. Auf dem Weg kommt von ihm dann „kannst du mir bitte einen Gefallen tun und dem Jungen Happy Birthday singen?“ Ja, warum nicht. Die ganze Aufmerksamkeit ist dem Jungen offensichtlich noch unangenehmer, als mir das Singen vor der ganzen Familie einschließlich einiger Nachbarn, die neugierig rüberschauen. Das liste ich dann mal in der Reihe „Dinge, die ich im Alltag nicht tun würde “ mit auf 🙂

Am Nachmittag fahren wir nochmal ans Meer. Juhu! Wir schauen den Sonnenuntergang wieder von der gleichen Stelle aus an, wo ich auch letzte Woche mit Prachit war. Ich kletter ein wenig über die Felsen und irgendwann brechen wir dann auf und machen uns nach mehreren Zwischenstopps auf den Heimweg. Ab etwa 10 Uhr abends ist es dann doch ziemlich kalt und ich friere trotz der Schafjacke und Mütze. Zum Glück sitze ich hinten und bin dadurch noch geschützter. Prachit versteht nicht, wie ich frieren kann. Er friert nicht und ich komme aus Deutschland, da haben wir ja auch deutlich niedrigere Temperaturen. Seiner Meinung nach sollte ich die Temperaturen demnach noch angenehm finden. Dieses Rätsel wird sich in diesem Leben wohl nicht mehr lösen.  Wir essen alle gemeinsam bei Prachits Eltern Abend, mittlerweileist es schon halb 2 Uhr nachts. Um das abzuklären hat er 4x mit dem Vater telefoniert auf der Fahrt. Generell wirkt er mit seinen ganzen Telefonaten ein wenig wie ein Callcenterbetreiber auf mich. Ich erwähne irgendwann, dass er am Tag mehr mit seinen Eltern telefoniert, als ich in einer Woche. Dabei wohnt er ja bei ihnen (wenn er nicht gerade zur Arbeit in Mumbai ist). Dass ich so selten mit meinen Eltern telefoniere, beunruhigt Prachits Vater. Er fragt öfter mal, ob ich heute schon mit meinen Eltern telefoniert habe? Und wenn ich nein sage und erwähne, dass wir das auch nicht vorhaben und es völlig ok ist, hält er das für bedenklich. Täglich fragt er, wie es ihnen geht. Ja keine Ahnung, vor 2 Tagen ging es ihnen noch gut und falls sich das grundlegend ändert, werde ich es schon mitbekommen 🙂 Als er in einem spontanen Telefonat mit Papa und Oma die beidem zu Augen bekommt, ist er sehr beruhigt. Er bestätigt Papa immer wieder, dass der sich nicht um mich sorgen muss, weil er als mein indischer Vater gut auf mich aufpasse und sagt, dass ich eine gute Tochter sei. Ich mag ihn. Seine Eltern haben beide des öfteren gesagt, dass sie sich freuen, dass ich da bin, weil sie jetzt neben 2 Söhnen auch endlich eine Tochter hätten. Ich fühle mich so wohl hier. Generell unterhalte ich mich viel mit dem Vater. Er ist sehr wissbegierig und möchte mir gleichzeitig viel über seine Umgebung erzählen. Und es wird auch immer besser mit der Verständigung! Das freut mich wirklich.

Als ich am frühen Abend eine Runde spazieren gehen möchte, sind die Eltern irritiert. Warum ich denn nicht schlafen mag? Stattdessen auch noch laufen? Das finden sie suspekt. Heute ist mein letzter Tag in Indien. Ich habe heute früh mit Prachit den Sonnenaufgang am Stausee angeschaut, wir waren in der Innenstadt und nun fährt er Rani ins Krankenhaus, da ihr Bruder einen Motorradunfall hatte. Ich habe den Eltern versprochen, dass ich noch etwas für sie kochen werde, aber das hat noch Zeit. Die Landschaft ist so schön, dass ich einfach nochmal gerne eine Runde laufen würde. Nachdem mich die Mutter nicht von meinem Plan abbbringen kann, bietet mir der Vater an, mich zu begleiten. Das war eigentlich nicht der Plan. Gerade wäre ich gerne etwas alleine. Ich habe Tränen in den Augen und trage daher schon drinnen meine Sonnenbrille mit Kopftuch. Dass es hier so normal ist, sich auf diese Art vor der Sonne zu schützen, mag ich.  Manchmal kann man sich so auch etwas verstecken. Ich kann ihn leider nicht davon abbringen, mich zu begleiten und da er wohl nicht so viel laufen möchte, schlägt er fröhlich vor, mich auf dem Motorrad zu fahren. Ok, dann halt so. Immerhin kann ich dabei nicht mit ihm reden, da wir zumindest Gestiken für die Verständigung brauchen. Und ich brauche gerade Zeit zum Überlegen und zum Beruhigen. Prachit zählt mittlerweile zu meinen Freunden und wir sind auf einer Wellenlänge, weshalb ich es genieße, Zeit mit ihm und den anderen einschließlich seiner Familie zu verbringen. Aber womit ich mich noch immer schwer tue ist sein Zeitmanagement. Den Sonnenaufgang hätten wir zum Beispiel verpasst, wäre nicht ein Berg im Weg gewesen. Den ersten Flug hätte ich wegen ihm beinah verpasst. Generell ist er so ziemlich das Gegenteil und plant nicht gerne, sondern lässt die Dinge auf sich zukommen und schaut dann, was Sache ist. Das mag ich ja im Urlaub auch, aber halt auch nur begrenzt. Wegen der Sache mit dem ersten Flug erwartet sein Vater, dass mich Prachit zum Flughafen bringt. Dass ich mich um nichts kümmern muss. Was unheimlich lieb gemeint ist, macht mich aber ziemlich nervös. Mal wieder.  Mein Wissensstand: unser Nachtbus fährt um 21 Uhr und Prachit ist gerade mit Rani weggefahren und meint, er kommt in 2-3 h gegen 19-20 Uhr wieder. Die Bustickets habe er noch nicht (dabei hatte ich ihn so verstanden, dass er sie schon vor Tagen besorgt hatte). Er wisse, dass mich das jetzt vermutlich stresse und dass ich ihm bitte vertrauen soll, es würde alles geregelt. Ja das fällt mir schwer. Ich komme hier nicht alleine weg, ich habe hier mit meinem Netzbetreiber keinen Empfang und der Hotspot vom Handy seiner Mutter ist auch nur sehr mäßig hilfreich. Ich weiß, dass es mehrere Busse gibt und zur Not auch noch Züge, die bis 2 Uhr morgens nach Mumbai fahren. Es ist also auch noch Puffer vorhanden. Was mich fast noch nervöser macht, weil der dreiviertel Tag Puffer, den ich zuletzt geplant hatte ja auch voll ausgeschöpft wurde. Vor meinem inneren Auge verpasse ich den Flug. Aber es ist noch genug Zeit. Das versuche ich mir einzureden. Ich steige aufs Motorrad des Vaters auf und mir fällt ein, dass Prachit erzählt hat, dass er aufgrund irgendwelcher Medikamente nur noch 15% Sehkraft hat. Das trägt jetzt nicht so viel zu meiner Beruhigung bei. Bis wir nach Erreichen der Geschwindigkeit von geschätzten 15 km/h (die Tachos hier gehen alle nicht) nicht weiter beschleunigen und ich lachen muss, weil ich beinah fragen möchte, ob ich anschieben soll. Es ist also eher eine gemütliche Fahrt. Beinah könnte man Kaffee auf einer Tasse dabei trinken. Wir fahren gerade so schnell, dass wir nicht umkippen. An 3 Stellen halten wir und laufen ein paar Schritte. Jedes mal, wenn jemand vorbeikommt, stellt er wieder erstaunt fest, wie neugierig mich die Leute anschauen. Das nehme ich schon lange garnicht mehr wahr. Auf dem Rückweg sagt er, wir wären jetzt schon wieder ganz nah daheim und ich kenne den Weg. Ich sage, dass ich dann zumindest das letzte Stück laufen würde. Bis ich verstehe, weshalb er darauf beharrt, mich zu begleiten: er hat Angst, dass mir etwas passiert. Er sagt, hier in Indien ist er für mich verantwortlich, meine Elterm sind weit weg und deshalb passt er als zweiter Vater auf mich auf. Und die Leute schauen ja schon alle so, das sei ihm nicht geheuer. Ich sage, dass schauen kein Problem sei aber er lässt sich nicht abbringen. Ich bin gerührt. Und ein bisschen genervt. Eine gute Mischung aus beidem. Ich fühle mich in meiner Adoptivfamilie so wohl und bin extrem dankbar dafür, wie sie mich aufnehmen. Andererseits ist da noch der Teil in mir, der ein starkes Unabhängigkeitsbedürfnis hat. Da bin ich tausende Kilometer gereist, lebe in einer Familie, die ich vor kurzem nicht einmal gekannt habe, weiß nicht einmal wo ganz genau und dann soll ich nicht spazieren gehen, weil das zu gefährlich sei. Ein bissl grotesk das ganze. Der Teil in mir, der gerührt ist, überwiegt aber deutlich. Es ist einfach Balsam für meine Seele zu wissen, dass sich Menschen um mich sorgen. Und das sogar auch am gefühlt anderen Ende der Welt. In Schrittgeschwindigkeit fahren wir wieder zurück nach Hause. Und so bin ich doch froh, diesen kleinen Ausflug mit dem Vater gemacht zu haben. Unsere Unterhaltungen während der Spaziereinlagen haben mich abgelenkt und ich fühle mich wieder gut.

Es wird immer später, ich habe mittlerweile meinen Quinoasalat fertig vorbereitet und wir warten mit dem Essen auf Prachit. Ab etwa halb 9 sagt mir sein Vater immer mal wieder, dass er auf dem Weg sei. Das ist ja nett zu wissen, aber mich würde eher interessieren, wann er ankommt und wann wir weiterfahren. Ich bin angespannt. Ich bin nervös. Ich habe Prachit darin vertraut, meine Rückreise zu organisieren. Groß eine andere Wahl blieb mir auch nicht, denn ich komme nur mit einem Fahrzeug von hier weg. Außerdem beruhigt mich, dass der Vater sehr stark darauf bedacht ist, dass ich am besten schon am Mittwoch losfahre, um den Flug am Freitag zu bekommen. Er macht Prachit Druck. Es ist also wieder die gleiche Situation, ich weiß nichts und ich bin einfach nur wütend auf mich selbst, dass ich mich darauf eingelassen habe. Vielleicht, weil es bequem ist, sich um nichts zu kümmern, aber auch, um meiner Familie zu zeigen, dass ich ihnen vertraue und ihre Bemühungen um mich wertzuschätzen weiß. Mein Problem: laut meiner Info fährt der Bus um 9, wir haben noch keine Tickets (warum auch immer), ich weiß nicht, von wo die Busse fahren, weil sie an in meinen Augen willkürlichen Orten an der Autobahn halten, ich kann nicht nachschauen, wann Busse oder Züge fahren, weil ich kein Netz habe und der Hotspot gerade so für WhatsApp Nachrichten ausreicht. Ich kann mir kein Taxi rufen, weil ich weder eine Telefonnummer habe, noch marati spreche. Mir wird hier nur gesagt, ich solle mir keine Sorgen machen, alles wäre geklärt und ich würde meinen Flug bekommen. Ich versuche rauszufinden, was es ganz genau ist, das mich so verzweifeln lässt. Keine Kontrolle zu haben? Die völlige Abhängigkeit? Das Gefühl, dass ich nicht hätte vertrauen sollen? Dass hier jedes und alles wichtiger ist, als meine Bedürfnisse (das ist natürlich stark übertrieben)? Angst, den Flug zu verpassen habe ich keine, es wäre kein Weltuntergang. Es wäre ein finanzieller Nachteil, den ich mittlerweile wirklich vermeiden möchte, aber es wäre machbar. Das ist also nicht das eigentliche Problem. Ich kann es selbst nicht ganz ausmachen. Es ist 22:10 Uhr und da wir vorher am Bahnhof waren kenne ich den Weg dorthin. Ich schätze, es wird mich 2-3 h kosten, hinzulaufen, aber ich sehe das gerade als einzige Möglichkeit, wegzukommen. Die Mutter fragt, ob ich schonmal etwas essen möge. Ich bin wütend, ich bin angespannt und ich heule fast, nein. Essen möchte ich gerade wirklich nicht. Sie hat eines meiner Lieblingsgerichte gekocht, Kichererbsencurry. Sie weiß, dass ich Kichererbsen liebe und ist aufgebracht, weil ich nichts essen möchte. Ich übersetze über den Google Übersetzer in marati, dass es mir Leid tue, so zu gehen, aber ich gehe jetzt zum Bahnhof. Meine Taschen habe ich gepackt und ich bin der festen Überzeugung, dass dies der einzige Weg für mich ist, heute noch wegzukommen. Der Vater beteuert lachend, dass das nicht nötig wäre, Prachit komme ja gleich und dann bringe uns eine Autoriksha zum Bus. Da ich keine Maratitastatur habe beschränkt sich unsere Kommunikation wieder auf die verbale Ebene mit Gestik. Jetzt schaffe ich es nicht mehr, an mich zu halten und sage in meinen spärlichen Hindikenntmissen gemischt mit englisch mit laufenden Tränen, dass Prachit schon um 8 dasein wollte und jetzt 10 sei. Außerdem haben wir keine Bustickets. Der Vater versteht meinen Ausbruch nicht so sehr, die Mutter versucht derweil, mich zum Essen zu überreden und versteht auch nicht, was mit mir los ist. Ich solle mir keine Sorgen machen, es sei alles geklärt. Kein Problem. Ich zähle ihm auf, dass für mich das fehlende Busticket, der verpasste Bus, die Abwesenheit der Person, die mir versprochen hat, mich zum Flughafen zu bringen sowie meine fehlenden Maratikenntnisse ein Problem wären. Außerdem habe ich nicht mehr genug Bargeld, um ein Ticket zu kaufen und weiß nicht, wo die nächste Bank ist. Er ruft Prachit erneut an und sagt, dass dieser in 10 min da sei und dann fahren wir los. Da sie beide mit Pooja (dem Mädchen, das im Haushalt hilft) zusammen und mittlerweile auch dem Bruder auf mich einreden und mich zu beruhigen versuchen, beschließe ich, genau 10 min zu warten und dann zu gehen. Und tatsächlich kommt Prachit nach wenigen Minuten, die Autoriksha auch und wir fahren mit dem Vater zusammen zum Bus. Scheinbar haben wir doch Tickets und kommen 10 Sekunden vor dem Bus irgendwo mitten auf der Straße an. Es ist ein fancy Bus, wir haben Liegeplätze und bis auf meinen Ausbruch an Emotionen ist alles gut. Ich bekomme den Flieger locker, Prachit besorgt mir auf dem Weg noch etwa 10 kg Obst als Mitbringsel, weil er starken Mitleid mit uns Deutschen hat, mit dem kleinen Obstangebot.

Es ist schon irgendwie komisch, wie die Dinge kommen. Meine Überlegungen zur letzten Woche in Indien waren eigentlich, dass ich etwas Zeit alleine verbringe und spontan schaue, worauf ich gerade so Lust habe. Weil ich in Varanasi mit Priyankas Hochzeit busy war, in Delhi war der Christkindelsmarkt und in Goa fand ich es mit Mili schon auch anstrengend. Da habe ich mich darauf gefreut, die letzten Tage einfach noch mein Ding zu machen, ohne zu schauen, was andere von mir erwarten und für mich Dinge ohne Abstimmung organisieren. Das ist ja jetzt doch etwas anders. Genauer betrachtet ist es sogar so ziemlich das Gegenteil. Ich habe mich mit Rani, Sadaff und Prachit angefreundet und bin sogar eine Woche bei Prachit eingezogen und habe mit ihm nicht nur einen Freund, sondern mit seinen Eltern auch gleich eine Familie dazu gewonnen. Vor ein paar Jahren hätte ich mich vermutlich für verrückt erklärt, einfach spontan bei Leuten einzuziehen, die ich erst 2x getroffen habe. Aufs Land, wo ich darauf angewiesen bin, dass sie mich mit dem Motorrad mit irgendwohin nehmen, weil ich sonst erstmal eine Stunde in den Ort laufen müsste oder 2-3 h in die nächste Innenstadt. Ich glaube, dass ich besonders wegen solcher Erfahrungen so gerne nach Indien reise. Es gibt immer wieder schöne Überraschungen, die jede Reise aufs neue besonders machen. Und umso schwerer fällt es mir auch, das Land wieder zu verlassen und zurück ich meinen Alltag in Deutschland einzutauchen.

Ich bin pünktlich zu Weihnachten wieder in Deutschland und habe irgendwie doch einen kleinen Kulturschock. Ich treffe Freunde und verbringe Zeit mit der Familie. Schöne Dinge. Und doch fühle ich mich fehl am Platz.

Das war es erstmal wieder hier 🙂 danke fürs mitlesen und alles Liebe!

Julia

Planänderung

Ich sehe das Meer nicht, aber ich höre es rauschen. Eine Geräuschkulisse, von der ich mir nicht vorstellen kann, dass ich mir derer jemals satt höre. Es ist Freitag Abend, mein letzter richtiger Tag hier in Indien. Ich weiß nicht, wo ich bin, ich weiß nicht, wann ich zurück zum Homestay komme, ich weiß nicht, wie ich zur Bushaltestelle kommen werde und ich habe noch kein Busticket. Wann die Busse fahren, weiß ich auch nicht. Ziemlich viele unbekannte Variablen für meinen Geschmack. Das einzige, das ich weiß ist, dass ich heute Nacht mit dem Schlafbus nach Mumbai fahren möchte. Morgen Abend muss ich dann schon zum Flughafen und in der Nacht auf Sonntag geht es auf den Weg zurück nach Hause. Die deutsche Julia ist ganz schön tapfer, denn eigentlich liebt sie es, alles zu planen, zu wissen, wann was passiert und sie ist vor allem unabhängig. Die Julia in Indien sitzt hier in einem Restaurant irgendwo zwischen Goa und Mumbai am Meer, hat keinen Empfang, ist mit Prachit mit dem Roller hierher gekommen und ist demnach völlig davon abhängig, dass er und meine Gastgeber vom Homestay meine Rückreise ordentlich organisieren. Eigentlich würde ich jetzt sagen schwierig. Ich hätte eigentlich gerne mehr Kontrolle. Aber hier ist alles gut, so wie es läuft. Irgendwie werde ich schon nach Mumbai kommen, einen dreiviertel Tag Puffer habe ich und der sollte ja durchaus reichen.

Aber jetzt dazu, wie ich überhaupt hierher gekommen bin. Prachit (Fahrer meines Vertrauens) und seine Eltern gehören mittlerweile auf die Liste meiner Freunde. Eine sehr herzliche Familie. Gestern Abend hatte Rani mir mitgeteilt, dass sie alle bei Prachits Eltern übernachten wollen und ob das für mich passe? Wir würden in 30 min aufbrechen. Ich freue mich über die klare und frühzeitige Frage/Info und sage natürlich zu. Ich mag Prachits Eltern. Die Kommunikation ist nur sehr schwierig, weil sie ausschließlich marati sprechen und das ist zwar ähnlich wie hindi, aber mit meinem hindi kann ich jetzt auch keine Stunde an Konversation füllen. Trotzdem schaffen der Vater und ich es irgendwie, uns 3 h lang zu unterhalten. Mit der Zeit wird es immer besser. Da Rani und Sardaff noch etwas arbeiten müssen, nehme ich Prachits Angebot, mich mit ans Meer zu nehmen, sehr gerne an. Wir fahren etwa 2 h mit dem Roller die ca. 40 km zum Meer. Die Fahrt ist schön. Mit dem Wind ist es richtig angenehm und durch Wälder und an Palmen vorbei ist auch die Aussicht toll.

Es ist Montag, 13 Uhr und ich habe gerade Mittag gegessen bei meinen neuen Adoptiveltern. Ich bin in Chiplun, wieder. Überraschung! Den Flug gestern habe ich also nicht genommen. Ich bin sehr glücklich. Manchmal ändern sich Pläne und diesmal war es sehr spontan. Das ist eigentlich garnicht mein Ding. Ich mag Pläne und ich mag besonders, wenn meine Pläne aufgehen. Diesmal war mein Plan, am Freitag nach Mumbai aufzubrechen, Samstag etwas Puffer und außerdem Zeit zum Geschenke shoppen haben und in der Nacht auf Sonntag den Flieger zu nehmen. Der Plan hinkte allerdings gewaltig, denn ich habe mich nicht eigenständig auf den Weg gemacht, sondern zusammen mit Prachit. Da er oft hin und her fährt und wir außerdem von seinen Eltern aus los wollen, verlasse ich mich darauf und bin nun vollkommen auf ihn angewiesen und das war für die Umsetzung meines Plans wenig vorteilhaft. Als wir abends gegen halb 12 vom Meer zurück kommen, müssen wir natürlich erstmal Abend essen. Dann muss er packen, wir müssten nochmal beim Homestay vorbei und meinen Rucksack holen und dann zur Bushaltestelle. Wird also etwas spät. Prachit fragt mich, ob wir nicht lieber hier bei seinen Eltern übernachten und am nächsten Morgen früh aufbrechen. Da melde ich Bedenken an und wiederhole, dass ich noch Geschenke besorgen möchte und daher gerne frühzeitig in Mumbai wäre. Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass wir vor 12 wegkommen. Wir entscheiden uns, Sonntag früh aufbrechen. Sonntag um 11:22 Uhr kommen wir im Homestay an, sollten jedoch Snacks mitbringen, die wir gemeinsam essen und bis wir aufbrechen, ist es 12:10 Uhr. Dann stehen wir etwas später an der Autobahn, wo uns der Bus aufsammeln sollte. Der hat Verspätung und leider mag uns auch kein Anhalter die ca. 250 km mitnehmen. Sein Vater kommt mit dem Motorrad vorbei und leistet uns Gesellschaft. Ich bin genervt. Nicht vom Vater, aber von Prachits Trödelei. Da ihm einfällt, dass ich die Tage noch Kokosnusswasser trinken wollte, schlägt er vor, das jetzt zu machen und mit dem Motorrad in die Innenstadt zu fahren. Das Gepäck können wir ja beim Vater lassen, der kommt ohne sein Motorrad eh nicht weit. Der Bus würde erst in einer Stunde kommen. Der Fahrkartenkontrolleur des Vorbusses habe gewusst, dass der Bus 1,5 h Verspätung hat. Was aber, wenn er nicht Recht hat und wir dann den Bus verpassen? Klingt nach einer bescheuerten Idee. Also fahren wir los. Eine halbe Stunde später haben wir einen Kokosnussverkäufer gefunden und meine Stimmung ist etwa 3% besser. Dann fahren wir zurück und warten. In der prallen Sonne direkt an der Autobahn. Zwischendurch ruft Papa an, er hat ein besonders gutes timing erwischt, denn zumindest Empfang habe ich hier gut. Und an Zeit mangelt es mir aktuell ja auch nicht unbedingt. Kurz nach 3 steigen wir dann endlich in den Bus ein.

5 h brauche der laut Prachit. Das bezweifel ich aber, denn der Zug braucht planmäßig 6 h. Wir haben den vermutlich vorsichtigsten Busfahrer Indiens erwischt und ich bin mir unsicher, wie ich dazu stehen soll. Etwas mehr Tempo wäre schon auch nicht schlecht. Mittlerweile ist meine Genervtheit in Übermut umgeschwungen und ich habe aus mir selbst unerfindlichen Gründen beste Laune. Vielleicht hat mir das Kokosnusswasser doch gut getan. Wird schon. Das ist Indien. Hier laufen die Dinge nun mal anders.

Gegen 21 Uhr fängt Prachit an, sich Sorgen zu machen. Aber auch das kann mich nicht aus der Ruhe bringen. Ich überlege derweil, was ich mache, wenn ich den Flug verpassen sollte und schaue, was es kostet, wenn ich in der gleichen Nacht noch einen anderen Flug buche. Ca. 370 €. Hmmm. Dafür, dass Vorweihnachtszeit ist und die Buchung ja extrem spontan wäre, garnicht mal so viel. Das beruhigt mich noch mehr und ich lasse auf mich zukommen, wie es wohl kommen wird. Da relativ klar ist, dass meine Shoppingtour flach fallen wird, schickt er seine Cousins los. Per Videotelefonie kann ich so entscheiden, was ich möchte. Ein bisschen wie online shopping. Dann denke ich darüber nach, wie gut es mir hier gefällt und dass wenn ich eh einen neuen Flug buchen würde, könnte ich den ja auch ein paar Tage später nehmen. Wirklich wichtige Termine habe ich keine. Gegen 11 Uhr kommen wir in Panvel an und steigen in den Zug um. Mumbai ist noch ca. 42 km entfernt, der Zug fährt jedoch schneller. Von dort müssen wir allerdings noch 3x umsteigen bis zum Flughafen. Der Flieger geht um 2:50 Uhr. Bis Mumbai dauert es etwa eine Stunde, dann je nach Umsteigezeiten nochmal 1-2h.

Ich bin verwirrt. Ich könnte den Flieger noch bekommen, aber will ich das? Soll ich den einfach trotzdem verpassen und einen neuen Rückflug buchen? Einerseits etwas rausgeschmissenes Geld. Andererseits hätte ich noch ein paar Tage länger hier. Außerdem habe ich heute einen Batzen an Steuerrückzahlungen erhalten. Geld, mit dem ich nicht gerechnet hatte. In einem der ganzen Züge entscheide ich, den Flug nicht zu nehmen.

Ich fahre mit Prachit in seine Wohnung, die er mit den beiden Shopping queen Cousins teilt und übernachte dort. Einer der Cousins und Prachit haben in der Nacht ein Fotoshooting, weshalb sie nach dem Abendessen gegen 2 Uhr morgens aufbrechen. Dann ist auch schon Sonntag und wir beschließen, den Nachtbus zurück nach Chiplun zu nehmen. Er ruft seine Eltern an und die fordern ihn direkt auf, mich mit zu ihnen zu nehmen und ich könne bei ihnen wohnen. Wie lieb. Meine neuen Adoptiveltern. Und hier bin ich wieder. Schneller zurück, als erwartet!

Hitler und ein Roadtrip in den Bergen

Gegen halb 10 wache ich von Klopfen auf. Es hat schon ein paarmal geklopft und ich öffne die Tür. Da ist niemand. Mir wird bewusst, dass das Klopfen auch eher nach Klopfen auf Glas klang. Also hat vielleicht jemand vom umlaufenden Balkon gegen mein Fenster geklopft? Aber auch da ist niemand. Ich lege mich wieder hin und kurz später geht das Klopfen wieder los. Es ist ein Vogel, der auf einer Gitterstange vor meinem verspiegelten Fenster sitzt und sich selbst sieht. Da hat ein so kleines Tier einen ziemlich effektiven Weg gefunden, mich wach zu bekommen. Gut, dann stehe ich wohl mal auf. Meine Unterkunft wird von einer NGO betrieben und einer der Freunde muss zum Arzt gebracht werden. Sie fragen, ob ich mitkommen mag und da ich nichts anderes vorhabe, sage ich zu. Wir setzen ihn mit einem anderen Freund ab und dann fährt Prachit mit mir weiter zu seinen Eltern. Es ist eine schöne Fahrt, die Landschaft ist schön und ich darf DJ spielen. Ich liebe es. Mein Hals nicht so sehr, denn ich kann mich kaum zurückhalten und singe etwas mit. Dafür werde ich morgen ohne Stimme aufwachen. Aber ok, das ist es wohl wert 🙂

Mein kleiner, effektiver Wecker:

Prachit darf bei seinen Eltern Dolmetscher spielen, denn sie sprechen marati und da verstehe ich garnichts. Über meine spärlichen Hindikenntnisse freuen sie sich aber übermäßig. Das wiederum freut mich sehr 🙂 das Haus liegt sehr abseits der Zivilisation (gefühlt zumindest) und mittendrin in der wunderschönen Natur. Ich stehe lange vor dem offenen Fenster und schaue einfach nur den Vögeln zu. Irgendwann werden wir angerufen und holen die anderen beiden wieder ab. Am Abend fahren wir dann zusammen in die Berge, hier sehen wir den Sonnenuntergang und besuchen dann eine Familie, welche in sehr einfachen Verhältnissen ab vom Schuss lebt. Im Rahmen der NGO haben Rani und Sardaff (meine Gastgeber) Kontakt zu ihnen und besuchen sie ab und an. Da ich kein Wort verstehe, ist der Besuch für mich weniger interessant, dafür genieße ich die Aussicht in den Bergen ganz besonders:

Dann geht es wieder zurück und ich freue mich sehr aufs Bett! Bis ich gegen 9 wieder von meinen kleinen, fliegenden Freunden geweckt werde. Meine Gastgeber sind unterwegs und ich beschließe irgendwann, zum Markt zu gehen, um etwas Essen zu besorgen. Ich kaufe etwas Gemüse für einen Salat, außerdem Obst (es ist Guavasaison! Wundervoll!) und esse in einem Laden einen Vada Pav. Das ist im Prinzip wie ein Burgerbrötchen mit frittiertem Bratling drin und einer süß-sauren Sauce zum Dippen. Mein Obstverkäufer gibt mir ein Stück Guava zum Probieren, nachdem ich auf die hellgrünen zeige und er versucht, mich von den anderen Früchten zu überzeugen, die ich nicht kenne. Es sind Guavas, die innen rot sind und auch von außen etwas anders ausschauen. Kurzerhand schenkt er mir die ganze Guava. Er hat sich damit zu meiner 4. liebsten Person in Shirgaon hochgearbeitet. Ich mag ihn. Ich kaufe Guavas und noch ein paar Chikus, bevor ich mich auf den Rückweg mache. Mir fällt kurz auf, dass ich relativ indiskret angestarrt werde, lasse mich davon aber nicht weiter stören. Seit meine Guava aufgegessen ist, habe ich mir eh wieder das Tuch um den Kopf gebunden, sodass es kaum mehr was spannendes zu sehen gibt. Als ich zurück bin, beschließe ich, einen Mittagsschlaf zu machen. Das scheint mir bei der Hitze nur sinnvoll zu sein.

Am Nachmittag möchte ich dann aber doch nochmal raus und finde auf Google Maps einen See in 7,5 km Entfernung und mache mich auf den Weg. Als ich das Grundstück verlasse und gerade abbiege, kommt einer der Hunde angerannt und begleitet mich. Awww! Eine Viertel Stunde läuft sie etwa neben mir her, bis sie erst stehen bleibt und schließen zurück läuft. Ich laufe durch ein Dorf, irgendwann scheine ich im Zentrum zu sein: eine Straße hat viele Shops. Dann kommt lange kein Haus mehr und ich bin nur noch von Bäumen und Büschen umgeben. Ab und an fährt ein Motorrad vorbei. Es ist schön. Ich genieße den Spaziergang, laufen tu ich ja eh sehr gerne. Und ganz besonders natürlich, wenn die Natur um mich rum so schön ist. Irgendwann bekomme ich eine Nachricht von Prachit, ich soll mich fertig machen, wir fahren gleich in die Berge. Wir vereinbaren, dass er mich abholt, da ich ein ganzes Stück entfernt bin. Ich laufe ihm entgegen und als wir im Homestay ankommen, erfahre ich nebenbei, dass wir in den Bergen übernachten werden. Ah. Klingt super, aber prinzipiell werde ich über solche Kleinigkeiten auch gerne informiert. Bin ich aber ja jetzt, also auf geht es! Diesmal mit einem kleinen, grünen Auto (sorry aber genauer kann ich das nicht beschreiben ^^). Wir fahren zwar nicht weit, aber dennoch laufen wir den Großteil der Strecke. Unser kleines grünes Auto stirbt nämlich einige male ab und muss so mache Aufstiege 4 mal (oder auch öfter) nehmen, um den staubigen Weg zu beschreiten. Das ist ohne uns drin einfacher. Ich mache also auch noch eine Wanderung heute und viel sportlicher wird es bei mir in nächster Zeit wohl erstmal nicht mehr werden.

Unser Auto:

Als wir oben ankommen, ist es schon komplett dunkel und während sich im Haus einige Nachbarn versammeln, setze ich mich raus und schaue auf die Berge und den Sternenhimmel. Ich habe hier den besseren Deal, finde ich.   Irgendwann gibt es Abendessen. Ich werde gefragt, ob es mir zu scharf sei. Ich antworte wahrheitsgemäß, dass ich es zwar scharf, aber nicht zu scharf finde und stelle erst nach dem Essen fest, wie sehr mein Mund brennt. Puh. Irgendwas Süßes wäre jetzt wirklich gut. Aber auch ohne hört das Brennen irgendwann auf. Ich gehe auf Toilette – und den Begriff Toilette verwende ich in dem Fall stellvertretend für einen Ort, an dem man sich erleichtert. In dem spezifischen Fall hinter einem Busch etwa 20 m vom Haus entfernt. Ich gehe mit Rani zusammen da sie mir erklärt, dass es alleine im Dunkeln gefährlich sein kann durch die Tiere. Vor ein paar Tagen zum Beispiel hätte ein Leopard eine Ziege des Nachbarn gerissen. Und als ich mir vorstelle, wie ich beim Pinkeln von ein Leoparden getötet werde, finde ich das doch relativ würdelos und freue mich über die Begleitung von Rani. Schlafen gehen wir dann auf einer Plastikmatte, die auf dem Lehmboden des Hauses ausgelegt wird. Gut, dass ich harte Matratzen bevorzuge und keine super weiche Matratze gewöhnt bin.

Am nächsten Morgen werde ich von den Geräuschen der Familie geweckt, in deren Haus wir schlafen. Ich setze mich auf, da ich eh nicht mehr schlafen kann und werde vom etw 3-jährigen Sohn angestarrt. Hallo, Kind. Ich lächel, aber das ändert nichts an seiner starren Miene. Ok. Er setzt sich direkt vor mich auf die Matte, auf der wir schlafen und starrt mich weiterhin unverändert an. Hmm. Gibt angenehmeres. Aber ok. Nach einer gefühlt sehr langen Weile wird es doch recht unangenehm und ich fange an, Grimassen zu ziehen – endlich ändern sich auch seine Gesichtszüge und ich bringe ihn sogar zum Lachen. Mein Tag ist damit schon gerettet. Irgendwann stehen auch die anderen auf und nach dem Frühstück mache ich einen kleinen Spaziergang. Auf dem Rückweg kommt mir Prachit mit ein paar Bauern aus der Gegend entgegen, ihm war nicht so recht, dass ich so unbeschwert spazieren gehe, wo es doch ein paar gefährliche Tiere gibt. Vermutlich bin ich da einfach zu blauäugig. Die Bauern wollen wissen, wo ich herkomme und fragen Prachit über mich aus. Da ihnen der Begriff Germany nichts sagt, erwähnt er den Namen Hitler und schon nicken sie wissend. Vielleicht hat Prachit ihnen gerade erzählt, dass ich eine Freundin Hitlers sei, keine Ahnung. Aber er grinst mich dabei an und sagt „see?“. Bei der Dorfversammlung wurde auch immer wieder aufs neue erzählt, woher ich komme und da Deutschland niemand kannte, wurde einfach Amerika gesagt. Prachit meinte, Amerika wäre zumindestein bekannter Begriff. Bin seeehr unsicher, wie ich dazu stehe. Dann ist er allerdings auf die Idee mit Hitler gekommen. Ein Name, der wirklich jedem ein Begriff ist und plötzlich fand ich es doch garnicht mehr so schlimm, mit Amerika assoziiert zu werden. Ich schätze, jede Alternative ist besser als Hitler. Aber den werde ich gerade nicht los.

Wir rollen. Juhu! Es holpert ziemlich, aber wir bewegen uns in die richtige Richtung also läuft es doch eigentlich ganz gut. Ab und an müssen wir aussteigen und schieben. Unser Auto hat heute leider beschlossen, vollends den Geist aufzugeben und da der Großteil unserer Rückreise in den Ort bergab geht (großer Vorteil, wenn man einen Ausflug in die Bergen macht), beschließen wir, so weit es geht zurück zu „fahren“. Ich bin in Indien (immernoch), wir haben zwar Winter, aber trotzdem 35° C, die Sonne prallt nur so herunter und ich verbringe meinen Urlaub damit, ein Auto zu schieben. Wieder eines der Dinge, die nicht geplant waren und die ich im Urlaub deutlich unterhaltsamer und akzeptabler finde, als im Alltag. Die Piste, die wir runtertollen, ist natürlich keine befestigte Straße, sondern ein Erdweg mit einigen kleinen und großen Steinen. Irgendwann sehe ich, wie Rani sich ihrer Tür zuwendet und eine Hand am Griff hält. Daraufhin frage ich, ob wir gerade planen, im Notfall rauszuspringen? Und bitte sie zudem, mir solch lebensverändernde Pläne mitzuteilen, da ich sie auf marati nicht verstehe und gegebenenfalls allein im Auto zurück bleibe und sterbe. Daraufhin muss sie lachen und verspricht, mir im Fall der Fälle rechtzeitig Bescheid zu geben. Kurz später fragt Prachit, Fahrer meines Vertrauens, was ich mache (ich sage aus Spaß „beten“) und er antwortet nur: falsch, schwitzen. Ja, das stimmt. Schwitzen tun wir alle und der Windzug, der bei steileren Abschnitten durch die Fenster kommt, ist wirklich angenehm. Dann kommt wieder ein Stück, welches leicht bergauf geht und lang genug ist, sodass unser Schwung nicht bis zur nächsten Abfahrt ausreicht. Aussteigen, mein Tuch um die Hände wickeln (das Auto ist ganz schön heiß!), schieben. Einsteigen, Tür durch Fenster von außen schließen, da sie sonst nicht verriegelt und aufspringt (den TÜV hätte unser Auto dieses Jahr wohl nicht bekommen), lachen, durchatmen, wieder von vorne. XXXX  Das ist mit Abstand die witzigste Autofahrt, an die ich mich erinnern kann. Zum Glück ist das Auto klein und leicht. Wobei es sowieso ironisch ist, dass wir bisher mit einem SUV über befestigte (keine guten, aber immerhin größtenteils asphaltierte) Straßen gefahren sind und ausgerechnet diese Fahrt mit dem kleinen Auto angetreten haben. Aber eigentlich garnicht schlecht, denn sonst wäre es vermutlich nur eine langweilige Fahrt nach unten geworden. So ist es ein Abenteuer!

Gutes Essen und Freiheitsgefühle in Goa

Und zack, ist auch die Zeit in Goa wieder rum. Ich sitze am Bahnhof und warte auf meinen Zug, der mich eigentlich vor einer viertel Stunde hätte Richtung Mumbai bringen sollen. Wir haben 35°, was unter dem Ventilator angenehm ist. Was weniger angenehm ist – und das ist schon arg beschönigt ausgedrückt – ist das kleine Kind, welches hier mit Quietscheschuhen durch die kleine Halle rennt. Wie kann man denn seinem Kind so etwas anziehen? Schrecklich. Leider hat das Kind eine meiner Meinung nach übermäßige Motivation, sich darin fortzubewegen. Leider kann es laufen.

Aber zurück zur Zeit in Goa. Am Flughafen angekommen werde ich von einem Taxi abgeholt, welches mich 45 min später am Hostel absetzt. Und genau zur gleichen Zeit kommt auch Mili an, um mich zu begrüßen. Wie schön. Mili ist die Freudin, mit der ich letzten Sommer einen kleinen Trip nach Rajasthan gemacht hatte. Sie ist zwischenzeitlich zu ihrem Mann nach Goa gezogen und deshalb bin ich nach Goa gekommen. Am nächsten Mittag treffen wir uns im Restaurant ihres Mannes, wo sie arbeitet und außerdem beschlossen hat, mich während meines Aufenthalts zu verköstigen. Das Essen schmeckt sehr gut, demnach werde ich mich bestimmt nicht dagegen wehren. Außerdem weiß sie, dass ich vegan bin und achtet darauf. Das ist natürlich auch cool.

Hier 2 Fotos von tibetischem Essen aus dem Restaurant ihres Mannes:

Nach dem Essen möchte ich unbedingt an den Strand und spazieren gehen. Von letztem Jahr sollte Mili ja eigentlich noch wissen, dass ich gerne laufe und auch nicht wenig (für indische Verhältnisse). Trotzdem beharrt sie darauf, mitzukommen. Ich erinnere sie daran, wie sie letztes Jahr jede Sitzgelegenheit für eine Pause genutzt hat und sich nach etwa 5 min anfing, zu beschweren. Sie will trotzdem mit. Na gut. Sie bittet ihren Mann, uns die etwa 300 m zum Strand zu fahren. Fängt auf jeden Fall gut an, unser Spaziergang. Schließlich laufen wir los und nach etwa 10 min macht sie die erste Pause. Ich sage ihr, dass ich nicht auf sie warte, sondern weiter gehen werde (sonst komme ich heute keine 500 m mehr weiter) und sage, sie soll doch heim gehen. Aber nein. Ein Sturkopf. Vermutlich genießt sie auch, rauszukommen und nicht entweder daheim oder im Restaurant zu sein. Sonst scheint sie nicht viel unterwegs zu sein. Nach etwa 40 min fragt sie mich, wo ich sei und nachdem sie erfährt, dass ich nicht innerhalb der nächsten 10 min zurück sein werde, geht sie schließlich zurück. Nach meinem Spaziergang kehre ich ins Restaurant zurück, esse Abend und verabschiede mich ins Hostel.

Der Strand:

Am Donnerstag organisiert Mili uns einen Motorroller. Der Vermieter möchte nur wissen, ob ich sowas schonmal gefahren hätte, gibt mir den Schlüssel und zeigt den Helm. Dann ist er weg. Gut, dass ich zur Sicherheit noch den internationalen Führerschein ausstellen lassen hatte 😀 Wir düsen los und fahren zu verschiedenen Märkten. Die ersten 5 min wiederholt meine innere Stimme mantraartig „links, links, links“ weil eine der wundervollen Überbleibsel der britischen Kolonialzeit der Linksverkehr ist. Da ich aber ja schon des öfteren Zeit in Indien verbracht habe und man ja auch als Fußgängerin mit dem Linksverkehr in Berührung kommt (besonders in einem Land ohne Bürgersteige), fühle ich mich recht schnell sicher auf der linken Seite. Mili spielt Lotsin und muss sich in ihre Rolle noch reinfinden. Immer, wenn ich vor einer Kreuzung frage, wo wir hin müssen, lautet ihre fachmännische Antwort „straight“. Besonders hilfreich, wenn man nur rechts oder links fahren kann. Sie legt den Begriff „geradeaus“ offensichtlich anders aus, als ich. Während sie ihn etwas großzügiger für praktisch alle Richtungen anwendet, halte ich eine Abgrenzung zu rechts, links sowie zurück eigentlich relativ vorteilhaft. Aber ok. Sie zeigt mir irgendwann das Handy, sodass ich ihr geradeaus für mich übersetzen kann und so kommen wir am Ende ans Ziel. Auf den Märkten gibt es für mich wenig interessante Dinge, was Mili enttäuscht, weil sie mir gerne etwas geschenkt hätte. Dafür kaufen wir noch ein paar tibetische Flaggen fürs Restaurant. Auf dem nächsten Markt sage ich etwas zu unbedacht, dass ich Süßkartoffeln mag, als wir an einem Verkäufer vorbeikommen. Und zack, gehen wir mit 1 kg Süßkartoffeln weiter. Ihr Mann möge die auch und dann sollen die Köche uns doch was damit zubereiten. Ok.

Zurück im Restaurant wissen die Köche leider absolut nicht, was man mit Süßkartoffeln anstellt und so bekommen wir 2 h später einfach gekochte Süßkartoffeln serviert. Jeder 0,5 kg. Ich weiß ja nicht, was die von mir halten, aber ein halbes Kilo Kartoffeln ist schon einiges für eine Mahlzeit. So groß bin ich auch wieder nicht. Vollgestopft mit Süßkartoffel und bepackt mit der halben Portion für den nächsten Morgen mache ich mich auf den Weg zum Hostel.

Am Freitag fahre ich vormittags alleine mit dem Roller durch die Gegend. Das ist super, man fühlt sich so frei. Es ist warm, der Fahrtwind ist echt angenehm und die Landschaft ist einfach schön. Viel Wald, viele Palmen. Und natürlich das Meer. Schön. Am Nachmittag mache ich mit Mili ein paar Erledigungen und abends gibt es wieder leckeres Essen. Als ich zurück ins Hostel komme, ist eine Party im Gange. Alkohol, Drogen, Partys. Dafür ist Goa bekannt und dabei fühle ich mich total wohl. Als einzige vom 8-Bett-Zimmer liege ich gegen 10 im Bett und höre dem starken Bass von dort zu.

Mein Roller des Vertrauens:

Und dann ist es mal wieder soweit und ich bin krank. Glücklicherweise ist es nur eine Erkältung. Frag mich einer, wie ich mir die bei 35° C tagsüber und 25° C nachts eingefangen habe. Aber da habe ich mittlerweile scheinbar ein Händchen für. Jeder hat halt so seine Talente. Den Tag verbringe ich daher im Bett, größtenteils im Halbschlaf. Und Sonntag breche ich ja auch schon wieder auf. Ich habe ein Zugticket für eine Fahrt von Thivim nach Chiplun. Chiplun liegt etwa auf der Hälfte des Wegs nach Mumbai und laut Google Maps ist es am Rand eines Nationalparks. Von 13:38 bis 18:22 Uhr sollte ich im Zug sitzen. Aber natürlich verschiebt sich alles.

Zurück zum Bahnhof. Mittlerweile bin ich schon seit 3,5 Stunden hier und warte noch immer auf meinen Zug. Und da ich außer 3x 20 g gerösteten Kichererbsen keinen Proviant mitgenommen habe, schaue ich dann doch mal am Kiosk vorbei. In den letzten Tagen habe ich meine absoluten Lieblingschips wieder entdeckt! Bombay Chips. Das sind gut gewürzte Bananenchips (nicht süß), ich liebe es. Und da ich eventuell über die kurze Zeit etwas mehr davon gegessen habe, als es meinem Körper gut tut, beschließe ich, bei meiner Ernährung wieder auf eine größere Ausgewogenheit achte. Ich kaufe eine Zitronenlimonade, denn süß waren die Chips ja nicht. Mein Wasser entspricht gefühlt der Temperatur, die meiner Wohlfühltemperatur in der Wärmeflasche entspricht. Praktisch, wenn man Tee trinken möchte. Ich möchte keinen Tee trinken. Und auch wenn irgendwelche schlauen Leute sagen, dass warmes Wasser gut ist – mag ich jetzt gerade nicht. Das werde ich zurück in Deutschland vermutlich deutlich mehr zu schätzen wissen. Hier gerade eher so mäßig. Um 17:30 Uhr fährt schließlich mein Zug ein. Wuhuu. Nur 4 h Verspätung. Die Wartezeit wurde mir unter anderem durch eine große Familie versüßt, die alle in unterschiedlichen Konstellationen Fotos mit mir machen wollten und am Ende nochmal Einzelpfotos, wie wir uns die Hände schütteln. Das ist mal eine neue Pose, daher bin ich der Familie sehr wohlgestimmt. Irgendwann schaut noch ein Vater mit Baby auf dem Arm vorbei und setzt es mir für ein Foto auf den Schoß. Ich mag viele Kinder (zumindest, wenn sie nicht in Quietscheschuhen rumlaufen), aber da habe ich leichte Bedenken. Kleinkinder, die den Anblick von Leuten mit heller Haut nicht gewohnt sind, hatten in der Vergangenheit oft Angst vor mir und zu einer Traumatisierung des Kindes möchte ich nur sehr ungerne beitragen. Überraschenderweise fängt es beim Anblick meines aufmunternden (zumindest ist das meine Intention. À la wir stehen das gemeinsam durch und dann kannst du gleich wieder zurück zu deinem Papa) Lächelns aber an zu lachen. Hach, wie schön. Das Kind bleibt daher noch einen Moment auf meinem Schoß sitzen und wir lachen uns gegenseitig an. Das hat die Wartezeit eindeutig aufgewertet!

Und schon haben wir 22:26 Uhr und ich sitze noch immer im Zug. Eben wollte mich ein Mann von meinem Platz verscheuchen, aber da ich ziemlich sicher bin, dass das hier meiner ist, habe ich ihm das gesagt und ihm ist sein Fehler aufgefallen. Danach hat er sich sogar entschuldigt. In Ordnung. Ich war so sicher, weil mich der Ticketkontrolleur vorhin angesprochen hat, ob ich Juli auf Platz 79 sei. Und wenn er das schon im Zusammenhang mit dem Platz fragt-da glaube ich eher weniger, dass der Mann von Platz 80 (drüber) auch Juli heißt. Irgendwann kommen wir dann doch mal in Chiplun an. Mich holt Prachit, ein Freund meiner Gastgeber ab. Das war noch ein kurzes Hin und Her, weil sie aufgrund meiner großen Verspätung dachten, ich komme vielleicht garnicht. Aber passt dann alles. Er fragt mich glücklicherweise, ob ich schon gegessen hätte und so halten wir noch an einem chinesischen Restaurant, wo ich gebratene Nudeln mitnehme. Dann erzählte er, dass sie heute Nacht auf eine kleine Nachtsafari aufbrechen wollen – in der Hoffnung, einen Leopard oder sogar Tiger zu sehen. Und ob ich nicht mitkommen möchte. Puh. Ich bin müde, mir geht es zwar deutlich besser aber fit bin ich nicht und nach der ganzen Warterei heute würde ich mich auch ganz gerne einfach irgendwo gemütlich hinlegen. Ich sage zu, schlafen kann ich auch später. Wer weiß, wann ich das nächste mal zu einer Nachtsafari mit der Möglichkeit, eventuell einen Leoparden oder andere exotische Tiere zu sehen, eingeladen werde. Die Möglichkeit muss ich also nutzen. Wir steigen zu 7. in den Viersitzer und es ist zwar etwas eng, aber geht. Erst hatte ich befürchtet, dass jetzt wegen mir das Auto zu voll wird – bis noch mehr Leute eingestiegen sind. Wir sehen 4 Hirsche, 2 kleine Schlangen (ca. 80 cm lang), einen Vogel und eine Wildkatze gesehen. Wir sind gegen halb 1 nachts aufgebrochen und um halb 5 gehe ich schließlich schlafen. Obwohl wir Serpentinen auf schlechten Straßen gefahren sind, wodurch mir übel wurde und ich ja auch Tiere sehen wollte, bin ich nach etwa einer Stunde eingeschlafen. Der Halbschlaf im Auto war überraschenderweise eher weniger erholsam und um halb 5 bin ich wirklich fertig.

Christkindelsmarkt und anderer Trubel in Delhi

Die Zeit in Varanasi ging extrem schnell rum. Und gerade, weil ich am letzten Tag auch noch so viel unterwegs war, realisiere ich erst, als ich in Delhi ankomme, dass ich meine Leute in Varanasi ja jetzt erstmal nicht mehr sehen werde. In Delhi angekommen geht es erstmal mit der Metro weiter zum Hostel. Ich schlafe hier in einem 6-Bett-Zimmer, zusammen mit Niasha und 4 anderen Frauen. Niasha ist eine ehemalige Schülerin von mir. Vor 8 Jahren habe ich sie noch in englisch unterrichtet – und ich freue mich sehr, sie wiederzusehen. Sie ist jetzt 20 Jahre alt und macht bei Micha eine Ausbildung zur Bäckerin. Ich mag sie. Für sie ist die Reise hier eine große Sache. Das erste mal ohne Familie verreist und mehr oder weniger auf sich allein gestellt. Meinem Empfinden nach eher weniger, aber das ist natürlich subjektiv. Eigentlich wird alles für sie organisiert, ich nehme sie mit in die Metro oder buche uns ein Taxi. Bestelle Essen. Aber in einem Hostel zu wohnen, mit 5 fremden (oder 4 fremden und einer bekannten) Frauen zusammen, noch dazu in Delhi, wo die Leute deutlich offener und weniger konservativ sind, als in Varanasi. Sie erzählt mir, dass sie daheim immer mit ihrer Mutter zusammen schläft und sie findet es zwar cool und spannend in Delhi, aber sie vermisst auch ihre Familie. Das verstehe ich. Unabhängigkeit und Individualismus sind nicht unbedingt Dinge, die hier vorrangig angestrebt werden. Da ist sie jetzt eindeutig aus ihrer Komfortzone draußen.

Samstag. Wir brechen um 7 auf und kommen gegen halb 8 in der Bäckerei an. Der Plan: packen, um 8 losfahren, um halb 9 vor Ort aufbauen. Praxis: um halb 10 losfahren, 10 ankommen, dann anstehen für Ausweisbändchen und dann bis 11 alles schnell aufbauen. Die Kisten sind kein bisschen strukturiert gepackt und man findet überall alles. Und nichts. Ich liebe es.
Wir verkaufen deutsche Weihnachtsplätzchen, Stollen, Früchtebrot, Sauerteigbrot, Brezen und Brezelbratwürste (Frankfurter in Laugenteig gewickelt). Die Brezen sind der Renner, 2x sind wir ausverkauft und müssen auf Nachschub warten.
Den Tag über werden wir praktisch pausenlos überrannt. Was natürlich gut ist, aber auch ganz schön anstrengend. Chitra, unsere Azubine, hat es leider noch nicht so ganz raus, wie man an so einem Stand verkauft und man muss ihr praktisch alles sagen. Das ist ein bisschen anstrengend, aber dafür ist sie ja in der Ausbildung. Einmal schicken mich meine Kollegen raus und sagen, ich soll mal eine Runde drehen. Das war ganz nett – vor allem, weil ich so gesehen habe, welche unserer Kunden selber Aussteller sind. Bis zum Abend sind wir aber wieder so beschäftigt, dass die Zeit nur so fliegt. Der Weihnachtsmarkt ist in 2 Reihen mit Kunsthandwerkerständen und eine Runde mit Essständen und Bühne aufgeteilt. Von uns aus kann man gut auf die Bühne schauen und ab und an führen ein paar Kinder einen Tanz auf oder eine Band spielt. Dazwischen läuft Weihnachtsmusik. Es kommt ein Lied (Kinder stellt die Stiefel raus, morgen kommt der Nikolaus), das kenne ich nicht. Aber es brennt sich in mein Hirn ein. Abends packen wir zusammen und fahren weiter. Der Tag ist noch nicht vorbei, denn jetzt geht es noch zur Berlin Techno Party. Die Uni hatte eine deutsche Themenwoche und endet mit einer Party. Micha hatte mir das weitergeleitet und ich hatte das nicht ernst genommen. Klar, klingt lustig. Aber Party? Mit Technomusik? Klingt überhaupt garnicht nach etwas, woran ich Gefallen finde. Als er am Abend aber fragt, ob ich mitkomme, will ich nicht nein sagen – weil irgendwo interessiert mich dann doch, wie so eine Berliner Echno Party in Neu Delhi ausschaut. Micha trifft da einen Dozenten, Niasha kommt auch mit. Und dann sind wir da, auf dem geschmückten Flur, an dessen Ende der DJ-Pult aufgebaut ist, es läuft Musik mit etwas Lichtshow und es gibt Schwarzlicht. Die Party geht von 8 bis 11 und wir kommen gegen 9 an. Getanzt wird noch nicht und Niasha findet das schade. Ich eigentlich nicht. Ich würde gerne wieder gehen, haben ja jetzt gesehen, wie so eine Party ausschaut. Es gibt keine Getränke-nicht einmal Wasser oder Säfte. Nur den Flur und Toiletten. Niasha ist eigentlich auch müde, möchte aber noch etwas bleiben. Na gut. Ich unterhalte mich etwas mit einem deutschen Lehrer der deutschen Schule. Er erzählt, dass er in einer Bollywood Tanzgruppe ist und sie haben morgen einen Auftritt auf meinem Christkindelsmarkt. Da bin ich ja gespannt! Niasha zieht mich noch nach ganz vorne zum DJ, wir bewegen uns ansatzweise zur Musik und dann will zum Glück auch sie heim. Bis wir ein Taxi finden, dauert es etwas und gegen 12 Uhr nachts liegen wir schließlich in unseren Betten.

Die Party:

6,5 Stunden später klingelt der Wecker und wir stehen langsam auf. Der Tag wird genauso hektisch, wie der Samstag. Aber es macht Spaß. Die Bollywoodtanzgruppe besteht ausschließlich aus Lehrern der deutschen Schule – und das sieht man. Aber es ist cool. Würde ich mich nicht trauen, Hut ab. Sie bekommen jede Menge Beifall vom indischen Publikum. Generell ist das Publikum einigermaßen homogen hier. Es sind einige in Indien lebende Ausländer und reiche Inder. Ich habe den Eindruck, dass der Weihnachtsmarkt eine gute Gelegenheit zum Vernetzen unter Ausländern ist. Es fühlt sich etwas komisch an, so viele Weiße auf einmal in Indien zu sehen.
Niasha zeigt mir am Abend ihr Handy: 3 verpasste Anrufe ihrer Mutter. Sie müsse jetzt dringend mit ihrer Mutter telefonieren, weil sie heute noch garnicht dazu gekommen ist, mit ihr zu reden. Ähnliches hat mir auch Bhabli mal an einem der Tage vor dem ganz großen Hochzeitstrubel gezeigt. Es war etwa 4 Uhr nachmittags und sie hatte zuletzt am Vormittag mit ihrer Mutter telefoniert. Sie wäre zu beschäftigt gewesen und hat selbst ihre Mutter vernachlässigt. Meines Wissens nach gab es keinen bestimmten Anlass fürs Telefonat, auch war niemand krank oder hatte einen Notfall. Man telefoniert hier einfach gerne und viel.

Ein Bild aus Delhi:

Am Montag lerne ich im Hostel Ka Bo aus Simbabwe kennen. Ihre Schwester hat in Indien geheiratet, weshalb sie her kam, dann wurde kurz später jedoch ihr Pass gestohlen, weshalb sie nun seit 4 Wochen in Delhi fest sitzt und darauf wartet, alle nötigen Papiere zur Ausreise zu erhalten. Sie ist 19 Jahre alt, lacht viel und scheint auf den ersten Blick alles recht locker zu nehmen – nach einem etwas längeren Gespräch mit ihr merkt man aber doch die Anspannung. Heute fährt Niasha am Abend zurück, außerdem ist sie etwas krank. Mein Backworkshop wurde außerdem auf Dienstag gelegt und so kann ich mir den Montag frei nehmen und fahre mit Ka Bo zum Touristenbüro des Hauptbahnhofs Delhi, dann zum Flughafen und wir versuchen gemeinsam herauszufinden, wie sie jetzt schnellstmöglich nach Mumbai kann. Sie hat Dokumente zur einmaligen Rückreise ausgestellt bekommen, auf denen u.a. explizit steht, dass sie damit nur von Mumbai nach Simbabwe fliegen darf. Dennoch bestätigt uns jedoch eine Flughafenmitarbeiterin, dass sie sie auch mit den Papieren nach Mumbai fliegen lassen. Eine alternative Möglichkeit wäre ein Nachtzug (ca. 36 h Dauer, 120 €) oder ein Schlafbus, der noch länger unterwegs ist. Der Flug kostet 70 € und ist daher in jeder Hinsicht deutlich bequemer. Einen Abstecher machen wir noch zum Markt, um ein paar Souvenirs zu besorgen. Bis wir zurück kommen, ist es Abend und sie lädt mich zum Essen ein. Ich hatte den Eindruck, dass sie sich garnicht wohl dabei fühlt, alleine in Delhi unterwegs zu sein. Und da ich weiß, wie es sich anfühlt, in einem fremden Land zu sein, dessen Regeln und Sprache man nicht beherrscht, hatte ich ihr angeboten, sie zu begleiten. Immerhin kenne ich mich zumindest etwas besser aus als sie und kann besser einschätzen, wie was läuft. Außerdem ist sie erst 19 und will einfach nur heim. Kann man ihr nicht verdenken. Der Tag geht so also auch schnell rum.

Unser Nachtisch:

Ein Aufenthalt in Indien ist für mich eigentlich immer auch mit Comedy verbunden. Es passieren praktisch immer Dinge, die ich in meinem Alltag in Deutschland wohl eher nicht erleben würde. Und diesmal ist es das Wasser. Meine neue Freundin Ka Bo und ich kommen vom Abend essen zurück, ich will duschen und etwas Wäsche waschen – aber meine Mitbewohnerinnen verkünden lachend, dass wir kein Wasser hätten. Da ich noch die Hoffnung habe, dass sie mich nur verarschen, gehe ich Hände waschen und stelle fest, dass wir tatsächlich kein Wasser haben. Wundervoll. Ich gehe also zur Rezeption und frage meine Spezialisten dort, ob sie wissen, ab wann wir wieder Wasser haben werden. Es ist 22:27 Uhr und sie antworten etwas mir unverständliches mit 5 o’clock. Aha. Klingt nicht, als würde ich gleich duschen oder mich wenigstens waschen können. Dann sagen sie „no problem mam, we give you toilet paper“ und drücken mir 2 Rollen Klopapier in die Hand. Gut, dann gehen meine 2 Rollen Klopapier und ich uns wohl mal waschen 🙂

Und schon ist Dienstag. Heute gebe ich einen Waffelbackkurs. Micha hat 2 Waffeleisen und ich soll seinen Bäckern zeigen, wie man vegane Waffeln backt. Ich habe ein Rezept rausgesucht, das relativ einfach ist und das probieren wir zusammen aus. Die Waffeln werden gut, sind allerdings nach deutschem Standard gesüßt. Heißt, wir beschließen, eine neue Fuhre mit deutlich mehr Zucker zu machen. Und mit dem nächsten Versuch sind alle zufrieden. Das ging schnell. Ich gehe in einen kleinen Laden um die Ecke und hole mir 2 Alooparatha für die Reise am Abend. Herzhaft gefüllte Pfannkuchen mit Kartoffelfüllung. Sehr lecker und sehr gut zum Mitnehmen. Dann kommt mein Taxi zum Flughafen. Mein Co2-Fußabdruck sollte dieses Jahr für niemanden ein Vorbild sein. Denn schon wieder fliege ich – diesmal von Delhi nach Goa. Ich stelle erst am Flughafen fest, dass es garkein Direktflug ist, sondern ich in Mumbai umsteigen muss. Wenn schon CO2 rausschleudern, dann also richtig. Relativ bald wird klar, dass mein erster Flug etwa eine Stunde Verspätung hat. Schauen wir also mal, wie gut das dann mit dem Anschluss klappen wird. Für den habe ich nämlich nur 30 min Zeit zwischen Ankunft und Boarding.

4 min vor planmäßigem Abflug meines Anschlusses steige ich aus dem Flieger. Tatsächlich gehöre ich zu den Leuten, die direkt bei Stillstand des Flugzeugs aufgesprungen sind, um ihr Zeug zu holen und als erste auszusteigen. Die meisten Leute, die das machen, kann ich nicht wirklich ernst nehmen, denn ich kann mir kaum vorstellen, dass sie alle einen effektiven Vorteil haben, wenn sie früher aussteigen. Viele reisen ja doch mit Aufgabegepäck. Aber ok. Der Busfahrer, der uns vom Flugzeugparkplatz zum Flughafengebäude bringt, glaubt nicht, dass ich meinen Anschluss bekomme und macht leider nicht unbedingt den Eindruck, als würde er seinen Teil zum Gelingen meines Umstiegs beitragen wollen. Ich renne los ins Gebäude, nach dem ersten Securitycheck stelle ich enttäuscht fest, dass niemand auf mich wartet, um mich zu begleiten oder den Weg zu weisen oder gar zu fahren. Ok, dann bei der Security dreist vordrängeln und anschließend kommt tatsächlich einer auf mich zu, der aufgeregt wirkt, als ich ihm mein Ziel Goa antworte. Er wird mein Guide, telefoniert mit irgendwelchen Leuten und bestätigt ihnen, dass er mich im Schlepptau hat. Direkt, nachdem er mich (meiner Meinung nach eher zufällig) abgefangen hat, hat er einem mittlerweile eingetroffenen Kollegen vor der Security zugerufen, dass er einen Goa-Menschen erwischt hat und scheinbar haben sich die guten etwas Zeit gelassen, uns abzufangen. Naja. Zunächst rennen wir los, dann erfährt er, dass der Flug tatsächlich 30 min verspätet ist und wir den auf jeden Fall bekommen werden. Nun sind wir im Laufschritt. Er ist freundlich und als Guide gebe ich ihm eine 6 von 10. Beide Gepäckstücke (die sind schwer! Und ja, man darf nur eins haben, aber kontrollieren tut das eh niemand. Und natürlich packt man die schweren Sachenins Handgepäck, weil das Aufgabegepäck ja gewogen wird) muss ich selbst tragen, außerdem fände ich es cooler, auf so einem Golfcart gefahren zu werden. Daher noch Luft nach oben. Wir laufen von Gate 68 zu Gate 40, es ist also durchaus ein Stück. Aber immerhin im gleichen Terminal. Als wir ankommen, hat das Boarding noch nicht begonnen und ich habe noch genügend Zeit, auf Toilette zu gehen. Damit er nicht denkt, ich sei verloren gegangen, frage ich ihn, ob die Toilette in der Richtung ist und er weist mich daraufhin, dass ich danach aber wieder zurück ans Gate kommen muss. Für diesen fürsorglichen Hinweis bekommt er noch einen Sympathiepunkt und ich korrigiere meine Wertung auf 7 von 10. Kann sich sehen lassen, aber wie gesagt. So ein Golfcart wäre schon cool.
Jetzt hoffe ich noch, dass mein Rucksack im Aufgabegepäck auch rechtzeitig umgeladen wurde. Auf diesem Flug sitze ich neben einem Ehepaar, welches quasi durchgehend am Flüstern ist. Ungewohnt. Indien ist für mich ein Land der Extreme, extrem leise gehört da nach meiner Erfahrung aber eher nicht dazu. Im Gegenteil. Angenehm rücksichtsvoll. Ich mag meine Sitznachbarn.

Bei der Ankunft in Goa kommt sogar mein Gepäck mit an. Damit hatte ich eigentlich garnicht gerechnet. Ich stand da nur so und habe gewartet, bis alle Gepäckstücke raus sind, bis ich mich beschweren kann, dass meins fehlt. Aber garnicht nötig, mein Rucksack hat den Anschluss genauso bekommen, wie ich. Was für ein guter Start in die Zeit in Goa!

Tag 1 und der letzte Tag in Varanasi

29.11., Heute ist Tag 1. Irgendwas irritiert mich. Ich sitze auf der Riksha auf dem Weg zu einem Laden, in dem ich Freunden ein paar Sachen besorgen möchte. Dann fällt es mir auf: die Sonne kommt durch und der Himmel ist sogar leicht blau! Sofort habe ich das Gefühl, besser atmen zu können (obwohl ich nie das Gefühl hatte, schlechter atmen zu können). Mitten im Straßenverkehr fühle ich mich, als würde ich frische Bergluft atmen. Gleichzeitig ist hier praktisch jeder am Husten. Die Leute hier schieben es auf die Kälte (an einem Morgen in Varanasi hatte es nur 18°C und ein Azubi hat sich beschwert, dass es bei dieser Kälte arbeiten muss. Das sind Zustände) – mit so einer Beschwerde würde ich jetzt eher nicht rechnen. Und besonders mit den Bildern vom verschneiten Deutschland in den Nachrichten im Kopf fällt es mir auch arg schwer, ihn ernst zu nehmen. Seinem Boss ging es wohl ähnlich, sie müssen dennoch weiter arbeiten. Ich schiebe es nicht auf das „kalte“ Wetter,  sondern eher die Luftqualität. Aber was weiß ich schon. Was mich darauf bringt, dass die Rollen hier vertauscht sind. Während ich mich bei 20° in Kurta (lange Bluse) und Leggins durchaus wohl fühle, werde ich des öfteren gefragt, ob mir nicht kalt sei ohne Pulli? Hier werden Mützen und Jacken getragen, teilweise auch Ohrenwärmer. Alles durchaus nützliche Dinge in meinen Augen. Aber halt eher für niedrige Temperaturen. Komisch, wenn ich das sage so als Frostbeulenqueen.

Donnerstag. Der Wecker klingelt um 6:20 Uhr, der Tag ist gut durchgeplant. Ich mag Pläne. Und ich schaffe es nicht, davon abzulassen und alles spontan auf mich zukommen zu lassen. Wäre aber besser, denn ich mag es nicht, wenn meine Pläne nicht aufgehen. Und hier gehen sie nur seltenst auf. Das beginnt heute schon damit, dass es regnet. Es ist keine Regenzeit und daher regnet es fast nie zu dieser Jahreszeit. Aber heute tut es das. Blöd. Vor kurzem habe ich gelesen, dass es einen Wettbewerb gab im Müll sammeln oder Straßen sauber machen (ich glaube, das war in Tokio?) und ich bin mir ziemlich sicher, dass Indien da nicht mitgemacht hat. Zumindest niemand aus Varanasi. Der würde Varanasi nämlich garnicht verlassen können, so viel Arbeit steht hier an. Es ist ja nicht nur der Hausmüll, der nachts auf die Straßen geworfen wird, sondern vor allem die Erde zwischen den Steinen und der Kuhmist (außerdem etwas Hundekacke), der zusammen mit dem Regen eine richtig angenehme, glitschige Schicht entstehen lässt. Wunderbar zur Fortbewegung. Meine Motivation, das Gasthaus oder auch nur das Bett zu verlassen, schwindet deutlich. Ich stehe ein wenig später auf, denn ich weiß, dass bei Regen alles verspätet losgeht. Da brauche ich mich nicht zu beeilen.

Der Plan ist folgender: aufstehen, mit meinen Sachen zu Priyankas Haus (da habe ich noch den Großteil meines Gepäcks stehen), da eine Tasche holen, in der Geschenke für Meenas Kinder drin sind. Dann damit zu Meena, die Tüte abgeben und ein altes T-Shirt für die Kuhkacke-Aktion mitnehmen. Dann weiter zur Schule. Nach der Schule dort duschen und umziehen, dann direkt zum Mittagessen zu Milis Mutter und eine Tasche abholen, die ich ihr nach Goa mitbringen soll. Auf dem Rückweg in einem Laden vorbei und nach nem Wollschal schauen. Dann bei Nitin vorbei und verabschieden. Dann zum Laden, wo ich einen Druckkochtopf für Meena vorbestellt habe und ihn ihren Kindern bringen, damit verabschieden. Dann zurück zu Priyankas Haus, packen und fertig machen für die weitere und (zumindest für mich) letzte Hochzeutsfeier am Abend. Samt Gepäck zur Hochzeit, von dort direkt zum Zug und über Nacht mit dem Zug nach Delhi fahren.

Und jetzt zur Umsetzung. Trotz Vorankündigung macht in Priyankas Haus niemand auf und ich komme nicht an meine Sachen. Dann weiter zu Aditya und Shreya, von Shreya bekomme ich ein altes T-Shirt. Da ich etw später dran bin und der Boden wirklich eklig ist – außerdem habe ich jetzt auch meine schwere Tasche dabei – nehme ich eine Riksha zur Schule und bin pünktlich um halb 9 vor Ort. Dann fangen wir an, den Kindergarten auszuräumen und die Wände mit Wasser abzuspritzen. Und warten. Es fehlen die Eimer, in denen wir Lehm, Kuhmist und Wasser mischen wollen. Und der entsprechende Shop hat wohl noch nicht offen. In 30 min soll es losgehen. In dem Fall gehe ich erstmal frühstücken. Als ich zurück komme, wird klar, dass es sich noch etwas länger ziehen wird. Bis es um halb 11 vollends auf den nächsten Tag verschoben wird. Hmm. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll – schließlich ist es nicht so, dass ich mich darum reiße, Kuhkacke in meinen Händen zu halten, andererseits wäre es mal wieder ein aus der Komfortzone rausbewegen und dem gegenüber bin ich prinzipiell nicht abgeneigt. Ich habe also unverhofft noch etwas Puffer und gehe zurück zu Priyankas Haus, diesmal wird die Tür geöffnet. Ich packe meine Sachen und mache mich auf den Weg zu Milis Mutter. Gehe bei dem Laden vorbei, wo ich zwei keinen Schal, dafür aber eine Hose finde. Die ist leider etwas zu kurz, aber bis 5 Uhr können sie mir eine neue nähen. Um 5 soll ich eigentlich bei Bhabli sein, um für die Hochzeit fertig gemacht zu werden. Aber hey, wer ist hier schon pünktlich. Ich sage zu, um 5 wiederzukommen. Bei Milis Mutter angekommen treffe ich auch ihre beiden Schwestern sowie einen Schwager. Riya und ihr relativ frisch verheirateter Mann sagen nach etwa einer dreiviertel Stunde, dass sie jetzt los müssen, da Riya Nachhilfeschüler hat, die gleich kommen. Sie verabschieden sich, bleiben aber doch noch eine halbe Stunde, laufen immer wieder hin und her, setzen sich wieder und quatschen. Das stresst mich unverhältnismäßig. Kann mir ja eigentlich egal sein, aber sie kommt zu spät zu ihren Schülern. Dann gibt es Essen und die Mutter packt derweil zusammen, was ich Mili mitbringen soll. Das ist mir in dem Moment noch nicht bewusst, aber sie wollen mir einen ganzen Koffer voller Snacks mitgeben. Ich habe ein freies Gepäckstück und habe ja selbst meinen großen Rucksack. Ich sage also, dass ich nicht so viel mitnehmen kann und da alles viel zu viel ist, werde ich wohl eine weitere Tasche als Handgepäcksstück mitnehmen. Da sie die Flughäfen ja meist nicht so genau. Dann geht es weiter, leider hat der Kochtopfladen entgegen der gestrigen Aussage zu. Also hole ich die Geschenktasche und mache mich ohne Topf auf zu Adit und Shreya. Wir quatschen noch ein wenig, dann verabschiede ich mich und gehe zu Nitin. Auch wir quatschen noch ein Weilchen und ich hole anschließend meine Hose. Um viertel nach 5 ist sie fertig genäht und ich laufe zurück zu Bhabli. Sie ruft derweil schon an und fragt, wo ich bleibe. Damit, dass die Make-Up Frauen pünktlich sind, konnte ich nun wirklich nicht rechnen. Ich beeile mich, zurückzukommen. Dann werde ich von einer Frau geschminkt und gefragt, ob sie mir die Haare glätten soll. Auf garkeinen Fall – nicht umsonst habe ich gestern Nacht meine Haare nass gemacht, damit meine Locken wieder etwas mehr rauskommen! 2 min später glättet sie mir die Haare. Bei der 4. Nachfrage von ihr und Bhabli habe ich nicht mehr Stand gehalten und lasse sie ihr Werk vollbringen. Habe ich halt glatte Haare, was soll’s. Ist immerhin mal was anderes. Um 7 Uhr hieß es mal, gehe es los und um 9 sei es schon vorbei. Fand ich komisch, aber was verstehe ich schon von den ganzen Hochzeitsfeierlichkeiten hier? Heute Mittag wurde mir gesagt, dass es um 8 losgehe und wir um 8 da sein wollen. Um 10 nach 8 geht der Vater duschen. Derweil suchen wir alle möglichen Schlüssel, welche und wofür, weiß ich auch nicht.  Etwas Zeit überbrücke ich dabei mit einem Gespräch mit Priyankas Bruder. Wir reden über die kulturellen Unterschiede des Gast seins und des Stellenwertes der Familie in Deutschland und Indien. So Gespräche mag ich. Es ist immer für beide Seiten lehrreich. Langsam werde ich etwas nervös, denn Nitin ist der Meinung, ich sollte mich spätestens um 9 auf den Weg zum Bahnhof machen. Das wird knapp. Gegen halb 9 brechen wir auf. Vivek erklärt mir, dass seine 2 Cousins mit einem Roller fahren und meinen großen Rucksack mitnehmen und er mich und meine Tasche auf dem anderen Roller hinbringt. Da ich einen Saree trage, kann ich den großen Rucksack nicht tragen. Dann gehen wir los und müssen scheinbar erstmal durch halb Varanasi laufen, bis wir zu den Rollern kommen. An einer großen Kreuzung fragt er mich, ob es mich störe, hier einen Moment stehen zu bleiben und zu warten. Ich? Im Saree und mitten auf einer Kreuzung in Menschenmassen? Ach quatsch, da stelle ich mich wirklich sehr gerne zur Schau. Vermutlich kennt mich nun nicht nur das gesamte Viertel, sondern auch sämtliche umliegenden. Die Leute haben mich fotografiert, haben nach Selfis gefragt und sind einfach stehen geblieben und haben mich angestarrt. Es war so absurd, dass ich lachen musste. Ein Mann bittet um ein Selfi, er wirkt aber komisch. Daher lehne ich ab – in der Erwartung, dass er relativ offensichtlichen dennoch eins macht. Aber falsch, er sagt ok und geht. Jetzt tut es mir fast leid. Nach gefühlt einer Stunde (tatsächlich vermutlich keine 10 min) kommen sie mit den beiden Rollern und ich steige auf. Da ich den Saree trage, der um die Beine rum wie ein engerer Rock ist, setze ich mich wieder seitlich hin. Mittlerweile fühle ich mich dabei auch schon wie ein Profi.

Und dann kommen wir nach ca. 15 min an! Ich hatte irgendwie eine kleine Feier im Haus der Schwiegerfamilie erwartet. Wie dumm von mir. Es gehört schließlich zur Hochzeit, da ist die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwas nicht extrem pompös ist, verschwindend gering. Vom Festsaal habe ich leider kein Foto gemacht, aber hier vom Weg dorthin:

Macht auf jeden Fall was her. Sollte ich mal heiraten und Priyanka zu meiner Hochzeit kommen, würde sie es vermutlich für eine kleine Familienfeier halten. Im Festsaal steht das Brautpaar wieder auf einer Bühne und die Leute lassen sich abwechselnd zusammen fotografieren. Davor sind einige Reihen mit Stühlen aufgestellt und dahinter ist eine große Fläche, die von Cateringständen umrundet ist. Zudem laufen jede Menge Diener rum, die Snacks verteilen. Ab und an spielt eine kleine Band laut auf Trommeln. Wie immer sorgt sich Priyankas Familie unheimlich lieb um mich, sie erklären einigen Verwandten der Schwiegerfamilie sogar extra, dass ich vegan und weisen sie an, mir die veganen Gerichte zu zeigen. Zunächst wird mir ein Cousin des Bräutigams vorgestellt, er beginnt damit, mich einzuführen und stellt direkt fest, dass ich aber gut englisch spreche. Ich bin ehrlich gesagt etwas irritiert, das von jemandem zu hören, der englisch genauso als Zweitsprache hat. Aber gut. Komplimente nimmt man, wie sie kommen. Er erzählt, dass er irgendwelche Verwandte hat, die in Deutschland leben und von denen wisse er, dass man in Deutschland nur schwer mir englisch durchkommt. Das mag ich auch garnicht bestreiten. Aber meiner Erfahrung nach ist es in Indien nicht anders 😀 Danm muss er so viele Verwandte begrüßen, dass er gleich einen anderen Cousin findet, an den er mich abschiebt. Er wird kurz gebrieft, was ich essen kann und offensichtlich hört der gute kein bisschen zu, denn er zeigt mir alle Gerichte, die nicht extrem scharf sind. Auch ok. Da alles beschriftet ist und die Cousins das Essen nicht selbst zubereitet haben, sehe ich eh keinen großen Mehrwert in ihrer Begleitung. Außer natürlich, dass es sehr nett gemeint ist. Ich bedanke mich also, nehme mir etwas und setze mich zum Essen hin. Ein Nachbar des Bräutigams gesellt sich zu mir und auch er stellt mit als erstes fest, dass ich gut englisch spreche. Langsam komme ich mir etwas verarscht vor 😀 es ist nämlich durchaus so, dass ich während der gesamten Tage nur mit einer Handvoll Leute auf englisch kommunizieren kann. WEIL HIER SONST AUCH WENIGE SEHR GUT ENGLISCH SPRECHEN.

Ich schaue auf die Uhr und stelle fest, dass es später ist, als erwartet und ich bin mir unsicher, ob ich entspannt bleiben soll – weil zur Not buche ich halt den Flieger nachts um 4. Der würde auch noch reichen. Wäre nur relativ unnötig. Oder ob ich mich stressen lasse. Ich entscheide mich bewusst dafür, mich nicht stressen zu lassen. Und überlege etwa alle 15 min aufs neue, ob ich wirklich entspannt bleiben kann. Haut also wirklich super hin.

Dann werde ich gerufen, wir wollen mit der Familie Fotos machen. Praktisch für alle, dass man mich in der Masse gut ausmachen kann. Auf der Suche nach den letzten Familienmitgliedern ist es garnicht so leicht, sie zu finden. Immerhin sind alle sehr bunt gekleidet, die Haarfarbe ist auch gleich. Ein über allen Köpfen schwebender Rotschopf ist da natürlich einfacher auszumachen. Nach einem Gewusel auf der Bühne rät mir Vivek, lieber nochmal was zu essen, da sie mich gleich zum Bahnhof bringen würden. Gesagt, getan. Ich merke an, dass ich mich vorher auch noch umziehen müsste und dann beginnt die große Organisiererei. Wo ziehe ich mich um, wie komme ich zum Bahnhof und wie viele Cousins/Brüder begleiten mich? Ich versichere, dass es völlig fein ist, wenn mich ein Autorikshafahrer fährt und kurze Zeit scheint das klarzugehen. Bis irgendjemand anmerkt, dass es ja wohl überhaupt nicht geht, dass ich ganz alleine zum Bahnhof gefahren werde. Ja, was ein Unding. Also wird beschossen, mich wieder auf 2 Motorrädern zu bringen. Nitin hatte mir gesagt, ich soll unbedingt um 8 Uhr zum Bahnhof aufbrechen. Das scheint mir allerdings viel zu früh. Vivek hatte mal von 10 Uhr gesprochen (mein Zug geht um 23:10 Uhr). Es wird ein Kompromiss: um 22:20 Uhr fahren wir los. Und kommen auch schon 10 min später an. Also alles völlig im Rahmen. Da der Zug in Varanasi startet, steht er bereits im Bahnhof und ich richte mich ein. Endlich wieder Nachtzug fahren!

Und hier noch ein Foto der Ghats in Varanasi:

Ich komme kaum hinterher mit dem Schreiben, weil so viel los ist. Dieses Wochenende arbeite ich auf dem Christkindelsmarkt in der schweizer Botschaft in Delhi. Auch interessant. Davon werde ich auch noch berichten 🙂