Es geht los!

Es ist Montag Vormittag und ich bin ausgeschlafen. Nach wenigen Nächten im Hostel habe ich mich an die Geräusche im 6er-Zimmer gewöhnt und lasse mich durch sie nicht mehr von meinem Schlaf abhalten. Die Wanderung gestern war wirklich schön aber auch sehr anstrengend. Deshalb mache ich heute einen entspannten Tag um Park! Ich habe mein Buch dabei und war nochmal bei einer anderen Touristen-info. Heute möchte ich also noch weiter schauen, ob ich an weitere Infos komme und etwas weiter planen kann. Diese ganze Planerei nimmt deutlich mehr Zeit und Raum ein, als ich mir das vorgestellt hatte. Aber ich habe ja Zeit, von daher passt es.  Zum Frühstück gehe ich in einen Supermarkt, der hat eine eigene Bäckertheke. Beim Überlegen, wofür ich mich entscheide, spricht mich ein Inder an (der erste offensichtliche Ausländer, dem ich begegne! Juhu!) und fragt, ob ich englisch spreche. Ich antworte, dass ich das tue, nur leider kein russisch kann. Wir lachen beide, da wir vor dem gleichen Verständigungsproblem stehen und unterhalten uns nur kurz, bevor er wieder geht. Er reist mit seiner Familie, sie klappern die touristischen Orte ab und fahren wieder. Haben schon die Tour gemacht, zu der ich morgen Abend aufbrechen werde. Auch er hatte mich erst für eine Russin gehalten. Das finde ich immernoch skurril.

Zu meinem wertvollen Wortschatz der russischen Sprache zählen genau 2 Tiere und das sind Hund und Katze. Und man mag es nicht glauben, aber Duolingo bereitet mich wirklich gut auf den Einstieg in russisch vor, denn genau diese beiden Begriffe habe ich auf dem Weg zur Wanderung innerhalb kürzester Zeit direkt brauchen können. Der Weg zum Start führte an einem Anwesen vorbei, in dem 3 Hunde laut auf sich aufmerksam gemacht haben. Bevor ich sie sehen konnte,  kam mir jemand entgegen und hat mich direkt vor dem Hund gewarnt. Und etwa 20m weiter saß eine süße Katze mitten auf der Straße. Ich habe sie gestreichelt, als ein Auto vorbei wollte und die Katze keinerlei Motivation zeigte, sich von Fleck zu bewegen. Ich habe sie dann zur Seite getragen. Das hat ein Taxifahrer beobachtet, der mir amüsiert irgendwas erzählt hat, das das Wort Katze beinhaltete. Ich habe so getan, als hätte ich ihn verstanden und auch gelacht, wollte nicht ausführlich erklären, dass ich kein russisch verstehe.

Heute ist ein verrückter Tag. Ich habe am Abend ein unangenehmes Telefongespräch vor mir, bin noch ein wenig genervt davon, dass ich immernoch kaum was vom Land gesehen habe und auch ein wenig enttäuscht, dass mir die Leute bisher nicht so sehr weiterhelfen. Dazu kommt, dass ich die Nacht echt schlecht geschlafen habe. Der Plan für heute war, mit einem privaten Führer zu einem See zu fahren und ein paar Stunden dort zu verbringen. Gestern Abend noch hat mich eine Zimmernachbarin (sie spricht englisch, ich kann einfach mit ihr kommunizieren 🤩) gefragt, ob ich mit ihr zu besagtem See fahren mag. Aufgrund mangelnder Motivation und nicht sonderlich ausgeprägter positiver Stimmung meinerseits hätte ich der Einfachheit halber eigentlich diese kleine Tour gemacht, Manuela überzeugt mich aber, dass wir uns stattdessen ein Taxi teilen. Wir kommen gegen 11 Uhr am See an und er schaut schön türkis aus. Irgendwann wollen wir wieder zurück und da beginnt auch schon der spannende Teil. Wie kommen wir wieder zurück? Eine Frage, der ich normalerweise sehr wohlgestimmt wäre. Wo andere Leute sind, kommt man immer irgendwie hin und zurück. Die erste viertel Stunde haben wir aber eher Pech, es fahren nur Autos, die keinen Platz mehr haben. Ein Fahrer bietet uns an, uns für je 10.000 Tenge (20€) die 15 km bis zur nächsten Bushaltestelle mitzunehmen. Eine Frechheit, fürs Taxi hatten wir vom Stadtzentrum aus (insgesamt etwa 23 km) nur 9€ gezahlt. Wir verneinen und entdecken ein Auto mit nur 2 Männern,  die aufzubrechen scheinen. Wir gehen also schnell zu ihnen und der Fahrer spricht auch noch englisch. Jackpot! Leider verneint er aber, uns mitzunehmen, da er einen Klienten fährt. Welcher wiederum sagt, dass sie uns gerne mitnehmen, woraufhin wir einsteigen. Sie machen sogar einen winzigen Umweg, um uns noch eine andere kleine Aussichtsstelle auf den See zu zeigen. Es stellt sich raus, dass der „Klient“ Achmed aus Saudi Arabien ist, geschäftlich ein paar Tage hier ist und glücklicherweise die heutigen Meetings absagen konnte, wodurch er sich von Guide Dan ein wenig die Umgebung zeigen lässt. Und nichts dagegen hat, uns ein Stück mitzunehmen. Entgegen meiner klischeehaften Vorstellung von Männern aus Saudi-Arabien wirkt Achmed weder böse, noch gefährlich – sondern sehr sympathisch 😀 er erzählt, wie er einmal in der Grenzgegend zu Afghanistan war und jemand ihm eine lokale Spezialität Pov (?) auf Weltklasseniveau zeigen wollte. Er ist ins Auto eingestiegen und sie sind immer weiter Richtung Berge und Taliban gefahren. Achmeds Kommentar dazu war in etwa „Wisst ihr, ich bin zwar aus Saudi-Arabien. Aber ich hatte wirklich Angst! Ich dachte, dass ich entweder gleich als Geisel genommen werde oder das beste Pov aller Zeiten essen werde“. Ich finde, damit hat er durchaus Humor bewiesen  und eventuell muss ich mal wieder an meinen Vorurteilen arbeiten. Wir machen einen Zwischenstopp in einem schönen Restaurant auf dem Weg, wo Manuela und ich beschließen, sie als Dank einzuladen. Das funktioniert aber nur mäßig gut, es geht für beide auf garkeinen Fall, dass wir als Frauen hier irgendwas bezahlen. Vielleicht muss ich also doch noch nicht ganz alle Vorurteile begraben. Achmed arbeitet für die Tourismusbehörde Saudi-Arabiens und versucht Werbung für sein Land zu machen. Touristen anzulocken. So spontan fallen mir außer Nordkorea nicht viele Länder ein, bei denen ich mir diesen Job schwieriger vorstelle. Der Gute hat da sicher noch einiges zu tun. Manuela lebt aber schon mehrere Jahre in Saudi-Arabien und sie und Achmed sagen beide, dass sich innerhalb der letzten 3 Jahre viel getan hat im Land. Und dass man sicher reisen kann, wenn man sich die Regeln hält. Mit dieser Begegnung hat Achmed also zumindest schonmal einer potentiellen Touristin sein Landes aut der Bucketlist ein wenig nach oben schieben können. Wir steigen wieder ins Auto ein und sie lassen uns nahe einer Bushaltestelle aussteigen, da sie nun in eine andere Richtung weiterfahren werden. Die beiden waren echt nett und großzügig und ich bin froh, dass Manuela mich überzeugt hatte, die private Tour abzusagen. Dieser Tag entspricht genau meiner Vorstellung vom Reisen, jetzt geht es doch endlich richtig los!

Hier noch ein Bild vom Big Almaty Lake:

Los geht am Abend auch mein Ausflug mit der Reisegruppe. Ich bin sehr gespannt. Das Telefonat zuvor ist gut gelaufen, meine Stimmung ist also wieder auf auf einem Hoch. Den Treffpunkt finde ich einfach. Was mich aber auf ein Thema bringt: Google maps ist hier nicht wirklich zu gebrauchen. Woran es liegt, weiß ich nicht, aber sowohl die Orte als auch die Adressen sind äußerst ungenau. Hier verwendet man andere Apps, die sind um Welten genauer. Ich steige in den Bus ein und stelle bei der Abfahrt fest, dass ein Ehepaar in meiner Nähe sitzt, das deutsch spricht. Vorerst warte ich aber ab mit dem Outing, vielleicht sind sie ja nervig und ich möchte garnicht, dass sie wissen, dass ich sie verstehe 😀

Gegen 2 Uhr morgens kommen wir im Dorf Saty an. Meine Herberge hat ein Waschbecken im Eingangsbereich, sowie ein Plumsklo mit Holzverhausung im Garten. Fehlt eigentlich nur noch, dass ein herzförmiges Loch in die Tür gesägt wurde, um dem Klischee Plumsklo voll zu entsprechen. Wie gut, dass ich Stehklos schon aus Indien gewohnt bin. Wir wohnen 2 Nächte bei einer Familie und ich finde die Art der Unterkunft ziemlich angenehm.

Mittlerweile ist es Mittwoch Vormittag und es gibt Frühstück im Gasthaus. Die Nacht habe ich zusammen mit Rufina (etwas jüngerals ich) und ihrer Mutter Sula in einem 5-Bett-Zimmer geschlafen. Die beiden sind bestimmt eine Stunde nach mir schlafen gegangen und waren auch mindestens eine Stunde vor mir auf. Ich fand die Alternative mit 2 Stunden Schlaf mehr deutlich ansprechender, aber ok. Sie sind sehr ruhig und rücksichtsvoll, daher können sie wegen mir auch die Nacht durchmachen. Zusammen mit dem (vermeintlich) deutschen Ehepaar, das sich aus einem Österreicher und einer Polin zusammensetzt (aber immerhin sprechen sie deutsch, ganz falsch lag ich also nicht) und einem Ehepaar mit der ca. 12-jährigen Tochter und unserer Gastmama sitzen wir am gedeckten Küchentisch. Es gibt eine Art Haferbrei aus Hirse oder ähnlichem mit Kirschen, frittiertem Brot, Fladenbrot und einer Auswahl an Keksen.

Und dann geht es los zu unserem ersten Ziel des Tages: einem See, der in den Bergen liegt und an dessen Stelle mal ein Wald stand, weshalb Stämme aus dem Wasser schauen. Wir fahren mit Minibussen aus der Zeit der Sowjetunion los. Und jetzt kann ich auch besser nachvollziehen, weshalb es keinen öffentlichen Verkehr zu diesen Naturschönheiten gibt. Die Straßen sind für Verkehr eher ungeeignet. Besonders für großen Verkehr. Wir kommen an einem Parkplatz an, um 12:30 Uhr treffen wir uns wieder am Bus. Bis dahin kann jeder machen, wie er/sie mag – das gefällt mir, denn dann hat man ja doch auch seine Freiheit auf dieser kleinen, durchgetakteten Reise.  Die letzten Meter zum See können wir ein Taxi nehmen, reiten oder ein kleines Stück wandern. Ich gehe zu Fuß. Mit jedem Atemzug werde ich aber daran erinnert, dass ich auch hätte reiten können – denn der Weg besteht aus einer Mischung aus Kies, Staub und Pferdemist. Meine letzte Baustoffkunde-Vorlesung ist schon etwas her, aber im Gegensatz zu Zement scheint sich Pferdemist eher weniger zum Binden des Kieses zu eignen. Und so kommt es, dass meine bereits von einiger Tierarten gesegneten Trekkingsandalen und Füße nun mit Pferdemist bedeckt werden. Da Pferde hier aber ein recht gutes Ansehen haben – immerhin sind sie als Transportmittel tauglich und scheinen auch gut zu schmecken – sehe ich es als erneute Segnung. Außerdem komme ich ja gleich an einem See an, da kann ich mich waschen.

Hier ein Bild von Kaindy Lake:

Der See ist wirklich schön, den Pferdemiststaub an den Füßen ist er allemal wert. Ich weiß nicht, auf welcher Höhe wir sind, aber diese Bergkulisse um uns herum rundet das Bild noch ab. Mit den Füßen gehe ich ein wenig ins Wasser, es ist ganz klar und eiskalt. An verschiedene Stellen setze ich mich noch ein wenig hin und lasse die Natur auf mich wirken, während der Großteil meiner Touristenfreunde damit beschäftigt zu sein scheint, möglichst viele Fotos zu machen. Es verteilt sich aber gut an dem See, also soll es mir recht sein. Zurück am Treffpunkt treffe ich meine Zimmernachbarinnen Rufina und Sulu wieder, sie sagen „hello Julia“ und winken. Ich mag die beiden, sie sind sehr positiv gestimmt und winken immer, wenn wir uns wiedersehen. Weil es meinen Namen so auch im russischen gibt, können einige ihn sich gut merken und haben natürlich auch keinerlei Probleme mit der Aussprache. Es ist ungewohnt, im nicht deutschsprachigen Ausland die deutsche Aussprache meines Namens zu hören. Wir fahren zurück in unser Unterkunft und essen Mittag. Es gibt Reis mit Möhren und Fleisch. Für mich wird netterweise um das Fleisch rumgeschöft. Dazu trinken wir Tee. In den wird hier ein wenig Hirse gegeben. Wofür genau, weiß ich auch nicht. Schmeckt neutral. Scheinbar ist etwas witziges passiert, denn Rufina lacht und bekommt sich garnicht mehr ein. Sie entschuldigt sich auch mehrmals für ihr Lachen. Den Anfall wird sie vorerst nicht los, denn selbst kurz später, als sie im Zimmer betet, prustet sie immer wieder los. Das steckt ihrd Mutter und mich an, sodass wir und immer wieder gegenseitig anstecken 😀

Nach einer kurzen Mittagspause fahren wir zu See Nr. 2. Ist ganz nett, aber leider gibt es keinen Weg entlang des Sees, sondern nur einen großen Platz, an dem man Boote mieten kann. Weshalb der See geradezu gepflastert ist mit Booten. Die 3 Stunden verbringe ich größtenteils damit, mit Mama zu telefonieren. Ich weiß nicht, was meine ganzen Mitreisenden getrieben haben, aber etwa 2 Stunden vor dem Aufbruch ist der See bereits ziemlich leer und der Platz ist auch nicht mehr gefüllt mit Menschen.

Hier wollte ich eigentlich noch ein Bild einfügen, aber es lädt gerade nicht. Stellt euch an dieser Stelle also ein Foto von einem See mit Nadelbäumen außenrum vor 😀

Abends gibt es gedämpfte Teigtaschen mit Kartoffel-Kohl-Möhrenfüllung und Mayonnaise. Dazu einen sehr leckeren Salat. Zurück im Zimmer fragt mich Sulu pantomimisch etwas. Was ich verstehe: ihre Tochter hat gepupst und deshalb lachen sie. Ich lache mit, weil die zwei einfach witzig sind. Und Lachen steckt einfach an. Da ich aber keine Frage hierin sehe, bleibt auch eine Antwort aus. Das veranlasst Rufina dazu, mir mit Google zu übersetzen, was ihre Mutter da gerade dargestellt hat: es stellt sich raus, dass das Sprudeln, zeigen auf Rufina und wegwinken für die Frage steht, ob ich mit zum Lagerfeuer gehe. Der letzte Programmpunkt für heute. Ich schätze, wir müssen noch etwas mehr Zeit miteinander verbringen, bis ich die Pantomime richtig übersetzen kann. Das Lagerfeuer wird abgesagt, da der Wind zu stark weht. Ich bin aber auch nicht böse drum, denn schlafen klingt echt auch verlockend.

Pläne stehen Kopf

Und weiter geht es auch schon! Nachdem die ersten Mahlzeiten jetzt nicht unbedingt erfüllend waren, habe ich nun einen neuen Lebensmittelhändler des Vertrauens aufgetan: Kantinen. Ich habe festgestellt, dass es hier Cantinen für jedermann gibt. Ist etwas ungewöhnlich. Aber deutlich preiswerter, und noch wichtiger: man sieht das Essen, das man bestellt. Sehr gut. Hier kann ich mir einfach das Beilagengemüse mit Kartoffeln/Buchweizen/Reis/… bestellen. Ich hatte schon ein wenig gefürchtet, dass ich mich die kommenden Wochen von Brot, Maiskolben und Pommes ernähren werde. Mein Leben hat also gerade eine Wendung angenommen, ich werde ein paar Vitamine zu mir nehmen. Cool.

Es ist Sonntag Abend und ich bin das zweite mal in meiner wundervollen Entdeckung. Hier habe ich den Satz „ich esse kein Fleisch “ nochmal auf russisch verinnerlicht. Der ist glücklicherweise bereits Teil von Lektion 2 auf Duolingo. Ich gehe damit gut vorbereitet auf die Theke zu und als sich mir eine Essensausschöpferin (gibt es ein Wort dafür?) zuwendet, sage ich den Satz. Sie völlig unbeeindruckt, zeigt auf die grünen Bohnen mit Pilzen und sagt „no meat“. Danach zeigt sie auf eine Sauce und sagt das gleiche nochmal. Ich wähle Buchweizen als Beilage zur Beilage aus. Dass ich mehrmals Stop sage, ignoriert sie geflissentlich. Hier bestimmt also die Kantinenfrau, wie viel ich essen werde. Überzeugt mich noch nicht, aber ok. Sie hat Erfahrung, vielleicht sieht sie mir ja an, dass die Augen kleiner sind als der Magen. An der Kasse bin ich vorbereitet und frage direkt, ob ich das Essen noch aufwärmen muss. In Kantine 1 habe ich mein Gemüse am Mittag nämlich kalt gegessen. Hatte mich schon gewundert. Aber dachte dann, vielleicht ist das der Deal. Preiswert, dafür kalt. Erst nach dem Essen ist mir die Mikrowelle aufgefallen. Und eine Frau, die da ihr Essen reingestellt hat. Zur Sicherheit frage ich in Kantine 2 also, ob ich das Essen noch aufwärmen muss (natürlich mit google). Als die Verkäuferin sieht, dass ich mit der Mikrowelle meine Probleme habe, stellt sie sie mir ein. Insgesamt ein sehr positives Erlebnis. Noch ein paar mal üben und ich werde Profi im Kantinenbesuchersein.

Kantine 1:

Es gibt auch endlich einen Plan, wie es zumindest die nächsten Tage weitergeht. Noch in Deutschland hatte ich mir ein paar Dinge rausgesucht, die ich gerne sehen würde. Dazu gehören ein Canyon (ähnlich dem Grand Canyon), eine Region mit einigen schönen Seen, Nationalparks und ein Nationalpark mit einer Wüste. Und ich werde den Großteil dessen, was ich mir für den Verlauf von 3,5 Wochen vorgenommen hatte, innerhalb von 2 Tage im Schnelldurchlauf mit einer kasachischen Reisegruppe und einem russischsprachigen Führer ansehen. Es entspricht also beinahe meiner Vorstellung vom Reisen. Und das beste: die Wüste ist nicht dabei. Dabei ist die sogar besonders, weil sie im Wind Töne erzeugt (daher wird sie auch singende Wüste genannt). Und wer von meiner letzten Indienreise mitbekommen hat weiß, dass ich auch da schon eine Wüste sehen wollte. Gut, da war es eindeutig mein Fehler. Ich war einfach davon ausgegangen, dass sämtliche gelb markierten Flächen auf Google maps Wüste sind. Ist nicht so. Diesmal habe ich mich also extra informiert, aber es soll wohl nicht sein. Irgendjemand hat mir erzählt, dass die Straße dorthin in sehr schlechtem Zustand ist, weshalb keine Fahrten angeboten werden. Muss ich meinen ersten Wüstenbesuch wohl nochmal verschieben 😅 mal sehen, ob das dieses Leben noch was wird. Und auf die 2-Tage-Tour bin ich wirklich gespannt. Dienstag Abend geht es los und Do Abend werde ich zurück kommen. Dann habe ich es endlich hinbekommen, ein Zugticket zu buchen. Am Freitag fahre ich dann direkt mit dem Zug nach Turkestan, das liegt westlich von Almaty. Mich erwartet wohl eine tolle Moschee und insgesamt eindrucksvolle Architektur. Diesmal ganz ohne Reisegruppe. Dass ich dann aber schon praktisch alles gesehen habe, das ich mir mal rausgesucht hatte, wirft dann aber auch die Frage auf, womit die übrigen guten 2 Wochen gefüllt werden. Die Frage bleibt vorerst so stehen. Keine Ahnung.   Das mit der Reiseplanung ist so eine Sache. Ich stelle fest, dass es hier nicht üblich ist, spontan in Unterkünften aufzutauchen. Bzw. ich habe leider keine Ahnung, ob ich das in kleineren Orten tun kann. Und da mir die Kasachen bisher deutlich verhaltener helfen, als ich mir das wünschen würde, traue ich mich gerade auch nicht, es darauf ankommen zu lassen. In einem Land, in dem ich niemanden kenne, möchte ich nur sehr ungern irgendwo ohne Obdach stranden. Und das Problem ist nicht, dass ich mir keine Unterkunft buchen möchte. Ich finde aber außer in den Metropolen keine Unterkünfte, die ich kontaktieren kann (außer vielleicht ganz vereinzelt welche mit horrenden Preisen). Der nette Mitarbeiter der Touristeninfo hat gemeint, dass man in Kasachstan über Instagram Hotels bucht. Wie ich da aber welche finde, entzieht sich aktuell noch meiner Kenntnis. Da habe ich also noch mindestens ein Rätsel zu lösen.  Von ihm habe ich auch einen Stadtplan (so ganz altmodisch auf Papier, als würden wir nicht alle eh Google Maps verwenden) bekommen. Aber auf dem ist der Süden oben und Norden unten. Solche Karten gehören meiner Meinung nach verboten, es gibt Regeln.

Am Abend mache ich auf dem Rückweg von Kantine 2 Halt an verschiedenen Orten der Flaniermeile, über die mein Weg zurück ins Hostel führt. Es spielen einige Musiker, manche mehr, andere weniger gut. Ein Gitarrist singt sehr schön, da setze ich mich eine Weile auf die Bank gegenüber. Etwas weiter spielt eine Band, sie besteht aus Schlagzeug, Saxophon, Posaune, Trompete und einem Bassisten, der rappt. Wilde Mischung, gefällt mir!  Manche Leute wippen mit, die Stimmung ist gut. Und sie spielen so laut, dass ich es selbst im Bett des Hostels eine Straße weiter im Innenhof hören kann. Langsam freunde ich mich mit Almaty an.

Hier ein Bild der Flaniermeile:

Heute Vormittag war ich ausgiebig wandern und morgen werde ich mich zum Ausgleich mit einem Buch in den Park legen, so der Plan. Ich mag Almaty, aber 2 Tage bräuchte ich hier jetzt eigentlich nicht mehr. Mal schauen, was ich am Dienstag noch so an Beschäftigung finde.

Hier ein Bild der Wanderung, die war richtig toll:

Viele Grüße und einen guten Start in die kommende Woche!

Julia

Hallo Kasachstan!

Mein erster Blogbeitrag aus Zentralasien!
Heute ist Tag 5 auf meiner Reise – ich starte in Almaty und fliege in 3 Wochen aus Astana zurück. Wie ich die guten 3 Wochen dazwischen verbringe, steht noch nicht fest.

Es fängt ganz gut an. Der erste Flug geht mit etwas Verspätung von Frankfurt los und wir laden abends in Ankara. Hier werde ich im Transitbereich von einer Frau auf deutsch angequatscht, sie fragt, ob ich das mit dem W-lan hier hinbekomme. Tu ich nicht. Besonders vor dem Hintergrund, dass ich in Deutschland nicht selten von Deutschen auf englisch angesprochen werde (scheinbar schaue ich nicht typisch deutsch aus), finde ich witzig, dass nun direkt angenommen wird, ich spreche deutsch. Am Gate komme ich auch mit einem Mädchen ins Gespräch, sie ist Kasachin. Auch sie startet die Konversation auf deutsch. Entweder die beiden Frauen haben im gleichen Flieger gesessen und mich als einzige mit nicht dunklen Haaren direkt wiedererkannt – oder ich sehe doch deutscher aus, als gedacht. Die W-lan-Frau sitzt kurz später auch  am Gate neben mir. Und dann läuft noch das Ehepaar, welches auf dem ersten Flug neben mir saß, vorbei und winkt mir zu. Ich fühle mich am Flughafen Ankara so, als würde ich mit Bekannten hier durchreisen und nicht allein. Das kommt ein wenig unerwartet.
Ich bin gespannt, welche Nationalität(-en) mir auf meiner Reise noch zugesprochen werden – oder ob meine deutsche Ausstrahlung dominiert.

Es ist 7:51 Uhr und ich sitze an einer Haltestelle der Metrostation irgendwo in Almaty, Kasachstan. Ich weiß, dass mein Hostel nahe einer Metrostation ist und habe die Busfahrer am Flughafen gefragt, ob sie da irgendwo hinfahren. Sie haben mir gedeutet, ich solle einsteigen. Wie schon oft sitze ich in einem Bus, von dem ich weder weiß, wo er genau hin fährt, noch, wo ich aussteigen soll. Irgendwann fällt mir auch auf, dass ich ganz vergessen habe, ein Ticket zu lösen. Das sollte so ca. 150 Tenge kosten (~30 ct) und der kleinste Schein, den ich am Geldautomaten bekommen habe, sind 10000. Ich gehe also davon aus, dass er mir eh nicht wechseln könnte und belasse es dabei.
<span;>Der Bus ist nach wenigen Stationen voll und ich bin mir unsicher, ob der Busfahrer noch im Kopf hat, dass ich bei einer Metrostation raus will und kann eh nicht einschätzen, ob er mich an entsprechender Stelle darauf hinweisen würde. Schaue aus dem Fenster, es ist schön grün. Im Hintergrund der Stadt gehen die Berge steil auf, das schaut echt toll aus. Irgendwann habe ich den Eindruck, dass wir schon eher in die Innenstadt kommen. Kurz später brüllt der Busfahrer an einem Stop etwas, das sehr ähnlich wie Metro klingt. Damit fühlt sich mein übermüdetes ich aber nicht angesprochen, bis wir schon wieder weiter fahren und ich ein Schild zur Metro sehe. Gut, dann steige ich wohl an der nächsten Haltestelle aus. Es gibt genau eine Linie und diese hat 9 Stationen. Ich habe gelesen, dass es die kürzeste Metro der Welt sei. Dafür aber sehr schöne Bahnhöfe, sie sind mit Mosaiken gefliest. Die Fahrt kostet etwa 16 ct.
<span;>Mit Hilfe einer Frau, die glücklicherweise auf Google Maps die genaue Lage meines Hostels raussucht, finde ich mein erstes Ziel. Schlauerweise hatte ich mir die Adresse nicht notiert, wusste aber noch, bei welcher Metrostation ich raus muss und etwa die Straße. Angekommen bin ich dann mit maximaler Übermüdung. Die Nacht habe ich praktisch durchgemacht, weil ich im Sitzen nicht schlafen kann. Und durch die Zeitverschiebung ist es bei meiner Ankunft im Hostel auch schon halb 9 Uhr morgens. Ich beschließe, noch ein wenig zu schlafen und dann ein wenig die Umgebung zu erkunden.

Das mit dem Schlaf stelkt sich dann doch eher als Theorie und weniger als Praxis heraus. In einem 6-Bett-Zimmer ist es wohl nie so wirklich ruhig. Ich bin gespannt auf die Nacht.
<span;>Nach meinen ca. 2,5 Stunden Schlaf breche ich auf. Ab nach draußen und schauen, was es so gibt. Wie es ausschaut, wie ich die Atmosphäre wahrnehme. Es ist deutlich grüner, als erwartet. Und sehr sauber auf den Straßen. Hier in der Innenstadt stehen prunkvolle Gebäude und Wohnhäuser, die so auch in Europa stehen könnten. Hier ein Bild der Uni:

Die Leute in Almaty sprechen russisch, da Kasachstan mal Teil der Sowjet Union war. Außerdem leben hier auch einige Russen, ist mein Eindruck. Soweit, so gut. E<span;>ine Sache überrascht mich aber doch sehr: ich werde als russischsprachig wahrgenommen. Einige Leute gehen davon aus, ich sei Russin. Selten war ich auf einem anderen Kontinent und wurde für mehr oder weniger einheimisch gehalten. Des öfteren werde ich angesprochen und beispielsweise nach einem Weg gefragt. Eine junge Frau (17 Jahre alt) spricht mich im Park an und sie ist die erste und bisher einzige Person (der ich begegne, ausgenommen dem Mitarbeiter der Touristeninfo), die ein wenig englisch spricht. Es ist Freitag und ich genieße es, mich mit jemandem unterhalten zu können. Sie möchte mich auf ein Eis einladen, bei Eis schrillen aber meine Alarmglocken. Ich kann (noch) nicht einschätzen, ob ich das meinem sensiblen Magen-Darmtrakt antun möchte. Ich lehne dankend ab und begründe es mit einer Milchunverträglichkeit. Mein Veganerdasein habe ich für diese Reise erstmal aufs Eis gelegt aber zumindest vegetarisch versuche ich zu essen. Wenn es Möglichkeiten gibt, nehme ich natürlich auch gerne vegan, aber damit möchte ich mich hier nicht allzu sehr einschränken. Immerhin sind meine Russischkenntnisse -sehr wohlwollend formuliert- ausbaufähig. Auf Duolingo bin ich in Lektion 3. Das Alphabet kann ich aber schon einigermaßen, immerhin kann ich damit schonmal Straßennamen oder auch das Kleingedruckte lesen. Und glücklicherweise bin ich schon auf sehr viel Wörter gestoßen, die ich aus anderen Sprachen bereits kenne. Das ist auf jeden Fall hilfreich.

Kommen wir aber nochmal zu meinen ersten Begegnungen mit Kasachen. Ein Grund, weshalb ich hier im Gegensatz zu einigen anderen asiatischen Ländern nicht, wie ein Papagei heraussteche, ist, dass die Leute in Almaty auch recht unterschiedlich aussehen. Von asiatischer Augenpartie mit allen Hauttönen zwischen ganz hell und gut braun gebrannt, bis stroh blond ist gefühlt alles vertreten. Der Kleidungsstil entspricht in etwa unserem, wodurch ich oft gehofft habe, dass ich da gerade vielleicht anderen Ausländern begegne. Aber nein, irgendwann kommt dann doch die Auflösung, wenn ich sie russisch sprechen höre.

Am Mittwoch habe ich mir direkt eine Simkarte mit Internet besorgt. Sehr, sehr wichtig. Jetzt kann ich nämlich mit den Leuten kommunizieren, ohne ihre Sprache (über Lektion 3 hinaus) zu beherrschen. Was für ein Luxus! Im Rahmen meiner ersten Erkundungstour stoße ich auf moderne und teure Einkaufszentren. Und etwas später auf lokale Märkte, die sind mir schon deutlich sympathischer. Ich finde es spannend, im Ausland auf Märkten zu bummeln. Der Googleübersetzer erleichtert mir ganz gut das Leben. Nicht nur auf dem Markt, auch im Gasthaus. Ein wenig unterhalte ich mich mit den Rezeptionistinnen. Die sind mir ursprünglich ziemlich miesepetrig vorgekommen. Nachdem wir aber ein paar Sätze gewechselt haben, sind sie super nett und lächeln mich an. Eine Mitbewohnerin genauso. Über Russland weiß ich, dass die Kultur noch direkter ist als unsere und dass uns dieser Umstand als unhöflich vorkommen kann. Was grotesk ist, wenn man bedenkt, dass es sonst andersrum ist und wir deutschen die unfreundlichen sind. Ich habe den Eindruck, das gilt auch für Kasachstan und ich muss mich daran gewöhnen. Im Ausland bin ich sonst darauf bedacht, höflicher zu sein und jetzt versuche ich, eine vorerst vermeintlich unfreundliche Art nicht persönlich zu nehmen. Auch nicht schlecht.

Aktuell bin ich übrigens noch in Almaty, es stellt sich schwieriger als erwartet heraus, Verkehrsmittel und geeignete Unterkünfte zu finden. Jetzt habe ich langsam den Dreh raus, es ist aber relativ aufwendig. Daher verbringe ich gerade noch viel Zeit mit der Planung meiner weiteren Reise.

Für heute belasse ich es erstmal dabei und werde die Tage weiterschreiben 🙂 Ich freue mich, wenn wer mitliest!
Julia

Home sweet home

So, und schon bin ich wieder zurück in der Heimat. Hallo Augsburg!

Die Rückreise nach Frankfurt verlief problemlos und Mama hat mich morgens am Flughafen abgeholt. Mein Magen hat bei der Ankunft bei meinen Eltern allerdings beschlossen, dass das Leben in Abenteuern vorerst weitergehen soll und da direkt selbst Hand angelegt. Ich habe das Wochenende also mehr oder weniger im Bett oder über die Kloschüssel gebeugt verbracht (bin ich froh über die Entscheidung unserer Vorfahren über die Form unserer Toiletten. Daumen hoch, wirklich. Ich will nicht wissen, wie es ist, sich in ein Loch im Boden übergeben zu müssen). Der Verlauf des Wochenendes – auch wieder was, das ich mir ja anders vorgestellt hatte. Torte und Krautkrapfen haben leider das Gegenteil von den Gefühlen in mir ausgelöst, die im Normalfall zu erwarten wären. Aber gut, es wird besser. Das Wohnzimmer meiner Eltern wurde zwischenzeitlich in einen Gewürzmarkt verwandelt. Unter etlichen Mitbringseln waren eben auch einige Kilo Gewürze dabei und auch, wenn die Packungen verschweißt wurden – der Geruch nach Kreuzkümmel, Koriander, Pfeffer, Kurkuma und weiteren setzt sich noch durch. Und nicht nur hier habe ich indische Eindrücke, auch hat erst der Kindergarten um die Ecke beschlossen, die gesamte Nachbarschaft mit seiner Party zu unterhalten. Im Fließenden Übergang wurde diese von einem Stadtsommerfest abgelöst, das sich scheinbar auch von der indischen Mentalität à la „jeder soll mitbekommen, dass wir hier Spaß haben“ was abgeschnitten hat. Es war also nicht komplett ruhig. Was Mama als laut empfindet, fühlt sich für mich eher leise an und stört auch überhaupt nicht. Vermutlich ist es mir sogar nur deshalb wirklich aufgefallen, weil Mama die Fenster geschlossen hat, damit ich ruhig schlafen kann.   Ruhiger Schlaf. Das ist noch was, das ich als Privileg schätzen gelernt habe. Es fällt mir in Deutschland (außer im Winter, wenn es kalt ist) auch wirklich leicht. Hier liege ich nicht in Schweiß gebadet unter einem Ventilator, der laut rattert. Hier sind keine fliegenden Ameisen, die mich beißen. Oder Mücken in meinem Zimmer (das kam zugegebenermaßen auch selten in Indien vor). Ich werde nicht von einem Muhen geweckt, welches klingt, als stünde eine Kuh neben meinem Bett. Oder einem hupenden Motorrad, das kurz davor ist, mich im Schlaf zu überfahren. Ich habe ja schonmal von dem Wert von Lärmschutzmaßnahmen in Indien gesprochen. Auch, wenn mein Zimmer im 3. Stock war,mit Fenster zur Gasse – es klingt dennoch, als stünde die Kuh gerade neben mir. Dichte Bebauung, Schallreflexion und so. Das Kindergartenfest muss also noch um einiges zulegen, um mich um meinen Schlaf zu bringen!

Mir fällt immer noch auf, wie ich draußen weiße Menschen sehe und mein Kopf sich denkt „oh cool, die sind so wie ich“. Und frage mich, wie sich wohl Menschen fühlen, die dauerhaft in Regionen leben, in denen sie nicht als der Kultur zugehörig gelesen werden. Was mich zu einem anderen Punkt bringt. Die allseits beliebte Frage „wo kommst du her?“. Eine Frage, die hier aufgrund von Rassismus diskutiert wird. Zu der ich keine klare Meinung hatte, mich jetzt aber eher einer Seite anschließen würde. Ich gehöre zu den Leuten, die an anderen Kulturen interessiert ist und vermutlich mit deshalb auch gerne die Wurzeln einer fremden Person erfährt. Trotzdem konnte ich auch vor Indien verstehen, dass die Frage kritisch ist. Dass sie Menschen ausschließt, ihnen die Zugehörigkeit zu meiner Gruppe abspricht. Aber man ey, kann die Frage nerven! Ich weiß nicht, wie oft Menschen, die in Deutschland nicht weiß gelesen werden, das gefragt werden. Ich wurde sie an jedem einzelnen Tag, an dem ich mein Gasthaus verlassen habe, mindestens 3x gefragt. Meistens öfter. Es ist also nicht so, als würde man das einmal klären. Klar, man begegnet ja immer wieder neuen Leuten. Und zumindest weiß ich von Indien, dass die Frage auch keine negativen Motive mit sich brachte. Einfach nur, weil ich weiß bin. Es ist also nochmal anders, als wenn das Menschen in Deutschland gefragt werden. Und es ist auch was anderes, wenn ich mich länger mit Personen unterhalten habe oder gemerkt habe, dass jemand an mir als Person interessiert ist. Natürlich erzähle ich dann gerne, dass ich aus Deutschland komme. Aber die Frage ständig irgendwelchen Fremden beantworten zu müssen (sollen, wie auch immer), ist nervig und anstrengend. Dass ich nun wieder eher dem „normalen“ Aussehen entspreche, freut mich daher irgendwie. Ich gehe in der Masse unter und bin kein Leuchtturm. Juhu!

<span;>Wieder zurück in Augsburg gilt es langsam, mich um einen Job zu bewerben. Der Alltag fängt also langsam wieder an. Ich freue mich darauf. Und besonders freue ich mich darauf, selber zu kochen. Mit mir vertrauten Zutaten. Und die Stille. Das Grün vor meiner Haustür. Ich verlasse das Haus und bin direkt am Fluss. Schön. Ich mag mein Zuhause.

In diesem Sinne – es hat mir wieder eine große Freude bereitet, meine Eindrücke schriftlich festzuhalten und damit noch ein paar ganz objektive Berichte über die indische Kultur zu bieten 😉 es hat mich riesig gefreut zu hören, dass doch so mancher ab und an reingelesen hat 🙂 wer weiß, wann es weitergeht.

  1. Liebe Grüße aus Augsburg!

Mein neuer Lieblingspolizist und Rückweg

Auch die letzten Tage sind noch ziemlich stressig, ich versuche, noch möglichst mit allen Freunden/Bekannten Zeit zu verbringen und verbringe die Vormittage in der Bäckerei um dort ein wenig bei der Kostenkalkulation auszuhelfen.

Dienstag Nachmittag, also dem Tag, an dem ich mit dem Nachtzug nach Delhi fahre, stelle ich am Bankautomaten fest, dass meine Kreditkarte weg ist. Da ich sie nie aus dem Portemonnaie genommen habe (außer eben am Geldautomaten) und alles Geld noch da ist, bin ich sicher, dass ich sie bei der letzten Anhebung im Automaten vergessen haben muss. Das war am gleichen Automaten. Was gut ist: hier sind die Automaten in einem kleinen Raum, der durchgängig von einem Polizisten bewacht wird. Einem Polizisten, der mich vom Sehen her kennt. Ich gebe ihm zu Verstehen (zumindest glaube ich das), dass ich meine Kreditkarte vergessen habe. Er stellt mir irgendeine Frage, die ich auf gut Glück mit meinem Namen beantworte und er öffnet einen Schrank, aus dem er meine Kreditkarte holt und gibt sie mir. So einfach kann es also sein. Ich hatte keine Panik bis dahin, weil mir hier mal die Kreditkarte geklaut wurde und ich Geld von Leuten hier leihen konnte. Einmal bin ich auch hergereist, ohne mir den Code der neuen Creditkarte zu notieren und habe 4 Wochen ohne eigenes Geld verbracht. Ich bin also geübt und weiß, dass es auch ohne geht. Aber als der Polizist mir dann meine Karte überreicht, bin ich trotzdem überglücklich und bedanke mich überschwänglich. Damit hatte ich nicht gerechnet. Später möchte ich ihm Süßigkeiten vorbeibringen, jedoch ist er nicht mehr da.

Mili und Anju bringen mich zur nächsten, größeren Straße und helfen mir bei der Tuktuksuche. Wir finden einen Fahrer und dann bin ich auch schon weg. Irgendwie war der Tag so durchgetaktet, dass ich garnicht begreife, jetzt vorerst wieder nach Deutschland zu reisen. Die Fahrt ist angenehm, ich habe glücklicherweise ein Tuktuk erwischt, in dem ich aufrecht sitzen kann und mir nicht bei jedem Schlagloch den Kopf anschlage. Auch habe ich nicht gerade den Rennfahrer unter den Rikshafahrern erwischt, ich werde also auch seitlich nicht besonders hin- und hergeworfen. Ein Glücksgriff also. Und dann erlebe ich die vermutlich witzigste Zugfahrt, die ich je hatte. Mein ganzes Gepäck verstaue ich unter den Sitzen, freue mich aufgrund der stressigen und nicht unbedingt mit besonders viel Schlaf gesegneten letzten Tage darauf, mich sofort schlafen zu legen. Das ist eigentlich mein Ding, sobald ich in einem Nachtzug bin, schlafe ich. Auch, wenn es erst 6 ist. Milis Mutter hat mir Essen für die Fahrt gekocht, es sind Chapatis mit Bratkartoffeln. Da ich heute auch noch nicht besonders viel gegessen hatte, freue ich mich also auch darauf. Breite mein Bettlaken auf der Pritsche aus, setze mich zum Essen und noch bevor ich loslegen kann, schaut ein Kopf eines jugendlichen Mädchens hervor und fragt, woher ich komme. Beim Aufschauen sehe ich noch mehrere neugierige Blicke von Frauen in verschiedenem Alter. Sie winken. Wir kommen kurz ins Gespräch, dann lassen sie mich aber essen. Anschliekomme ich von meinem Bett runter, um den Müll zu entsorgen und die Hände zu waschen (hier wird ja alles mit den Händen gegessen). Und schon fragt mich eine der Frauen, ob wir ein Foto machen können. Ich stimme zu, sie wirken nett. Und wie es dann so ist, das erste Foto löst immer eine Welle an Motivation in den Leuten näherer Umgebung. Wobei ich überrascht bin, nur drei Frauen machen ein Foto. Dann laden sie mich ein, mich zu ihnen zu setzen, sie wollen mehr über mich erfahren. Zeigen mir Fotos von ihrem Aufenthalt in Varanasi und fragen, wie alt ich sei. Die Gruppe besteht aus 5 erwachsenen Frauen und ihren Kindern, die zwischen 16 und 21 Jahre alt sind. Eine der Mütter stellt mit Bedauern fest, dass ich zu alt für ihren Sohn sei, sonst hätten wir heiraten können. Sie geben mir aber zu verstehen, dass das nur Spaß ist. Sie lachen extrem viel, zum ersten mal gehöre ich zu den Leuten, die im Zug so einen Lärm verursachen. Die gleiche Mutter, die mich mit ihrem Sohn hätte verkuppeln wollen (der direkt neben mir sitzt und dem das ein wenig peinlich ist), fragt nun,ob ich vielleicht jemanden für ihre Tochter wüsste. Neha ist 21, sitzt neben ihrem Bruder und schaut mich auch fragend an 😀 ich erwähne die Existenz meines 23-jährigen Bruders und nach der kritischen Beäugung eines Fotos sind sie glücklich mit dem neuen Fund. Tim, ich hätte da Neuigkeiten für dich 😉 dann wollen sie plötzlich, dass ich ihnen ein deutsches Lied vorsinge. Da ich einigermaßen singen kann und hier eh niemandenkenne, ist es mir nur mittelmäßig peinlich. Das Problem ist nur, dass mein Kopf wie leer gefegt ist, mir fällt kein deutschsprachiges Lied ein. Wir einigen uns darauf, dass auch ein englischsprachiges Lied in Ordnung geht und so fange ich an, Stand Up von Cynthia Erivo zu singen. Bin selber von mir überrascht, dass ich in einem komplett offenen Zug mal ein Lied laut singen würde. Vorbeikommende Chaiverkäufer werden zur Stille ermahnt, um mich nicht zu stören. Ich höre irgendwann auf, dann singen sie ein Lied. Es ist ziemlich witzig, bis ein Polizist kommt und uns mitteilt, dass wir so laut wären, dass sich Passagiere beschwert hätten. Es ist abends, das ist ein Nachtzug und man wolle hier schlafen. Unsere spontane Gesangseinlage endet damit und wir gehen wieder zu Gesprächen über, wobei wir immer wieder versuchen leise zu sein. Mit eher mäßigem Erfolg 😀 und nun fragen die „Kinder“ nach meinem Insta-Account und wollen auch Selfis machen. Es beginnt ein bestimmt halbstündiges Fotoshooting in den unterschiedlichsten Konstellationen. Dann ist es etwa 12 und wir beschließen, schlafen zu gehen. Ich schlafe ziemlich gut, bis ab 4 Uhr etwa im 15-min-Takt irgendwelche Wecker klingeln. Und scheinbar nur mich wecken und nicht die Personen, die den Wecker auf unmenschliche Uhrzeiten und Lautstärken gestellt haben. Ausgeschlafen ist daher leider eher ein Zustand, von dem ich träume. Aber die Mädels hatten auch schon festgelegt, dass ich dann in Deutschland schlafen kann. Wir warten nun also auf unsere Ankunft in Delhi. Und selbst ihnen ist kalt, nicht nur ich sitze hier mit Decke. Die Temperaturregulierung im Zug wird sich mir wohl nie erschließen. Der Morgen verläuft verhältnismäßig ruhig, man merkt meinen neuen Freunden an, dass auch ihnen ein wenig mehr Schlaf gut getan hätte. Schnell werde ich eingeladen, mich wieder zu ihnen zu setzen, aber es ist ruhig. Eigentlich sollte der Zug laut App pünktlich ankommen (um 8:25 Uhr), um 9:53 Uhr wird mir aber mitgeteilt, dass wir um 10 ankommen. Bis dahin wurden in einem plötzlichen Anflug von Hunger oder zumindest Lust auf Snacks lauter ungesunde Snacks verteilt und sobald eine Tüte leer war, wurde auch schon die nächste geöffnet.

Hier ein Teil der Gruppe:

An diesem Punkt habe ich aufgehört zu schreiben. Die plötzliche Energiezufuhr hat uns alle wacher gemacht (mich hauptsächlich dadurch, dass sie wieder mehr und lauter gequatscht haben) und ab und an kam es zu spontanen Gesangseinlagen. Mir ist die perfekte Welle von Juli eingefallen, ein deutsches Lied, dass ich auf meiner ersten Karaoke-DVD hatte. Irgendwo kursiert jetzt ein Video davon, wie ich es zum Besten gebe 😅 mit dem Applaus wurde anschließend immer wieder erwähnt, dass ich das auf meiner Sprache gesungen habe, mehr habe ich nicht verstanden. Es wurde wieder so witzig, wie am Abend und wir haben uns bei der Verabschiedung noch oft zugewunken.

Ich bin also in Delhi. Eine riesige Stadt, die ich nicht gut kenne, da ich hauptsächlich zur Durchreise hier bin. Da Micha hier ein Restaurant hat, dessen Mitarbeiter ich teils kenne, halte ich mich im entsprechenden Viertel auf. Es ist der touristischste Teil der Stadt und entsprechend anstrengend finde ich es, ständig angelabert zu werden. Hier fällt mir erst auf, wie froh ich bin, dass die Leute in Varanasi mich kennen und ich meistens in Ruhe gelassen werde. Und auch woanders werde ich verhältnismäßig wenig angelabert. Das führe ich hauptsächlich darauf zurück, dass ich indische Kleidung trage und abgesehen von meiner Haut- und Haarfarbe nicht besonders touristisch aussehe. Zudem habe ich „are, nahin bhaiya“ für mich entdeckt, die ein genervter Ausdruck für „nein, Bruder“ ist und die meisten aufdränglichen Verkäufer verscheucht. Delhi ist anders, hier ist es extrem touristisch und einer Menge Leute Einkommen hängt von den Touristen ab. Außerdem ist es genau so schmutzig und laut, wie andere Großstädte und damit hält sich meine Motivation, viel Zeit in der Stadt zu verbringen, in Grenzen. Heute stand eine große Shoppingtour auf der To-Do-Liste, ich habe eine Menge Küchenkram besorgt. Ich liebe das Kochen und Backen und wenn es dann Utensilien dazu in ganz günstig gibt, habe ich mich nur schwer unter Kontrolle, nicht alles zu kaufen. Außerdem habe ich große Haarspangen besorgt, weil die hier nur etwa 40 ct kosten und die deutschen Drogeriemärkte mehrere Euro für einen angemessenen Preis halten.

Morgen Abend fliege ich schon zurück! Und überraschenderweise überwiegt in dieser Sekunde die Vorfreude auf die Heimat. Natürlich würde ich auch sehr gerne noch länger hier bleiben, vor allem noch mehr Zeit im Süden verbringen. Aber ich freue mich auch wirklich wieder auf das Leben in einer mir vertrauten Kultur, in der nicht alles irgendwie anstrengend ist, weil ich weiß, wie was funktioniert, niemanden nach Preisen/Wegen/Ticketkäufen fragen muss. Es besteht keine Sprachbarriere und ich muss nicht zusätzlich zu den sprachlichen Hürden auch auf kulturelle Differenzen achten und überlegen, wann ich wie kulturkonform reagiere. Wie ich anderer Leute Verhalten deuten muss. Wie viel Aufmerksamkeit ich dem anderen Geschlecht schenken darf, ohne dass es gleich meint, ich würde mit ihm schlafen. Ich weiß, wie ich an Information komme und bin nicht ständig auf die Hilfe und das Wohlwollen anderer angewiesen. Wenn ich plane, dann geht das meistens auf, weil ich Situationen und Zeiten viel besser einschätzen kann. Außerdem werde ich in meiner (viertel) Kücce kochen und backen. Darauf freue ich mich wirklich sehr! Denn auch, wenn ich froh bin, dass ich in Varanasi und Bangalore ab und an kochen oder backen durfte, so waren es halt doch andere Ausstattungen und ich musste fragen, wo ich was finde. Ich glaube, dass mir all das geballt kommt, da ich die letzten Tage wirklich viel unterwegs war, deshalb jeden Tagesausflug genau geplant habe (so ganz deutsch) und die Pläne kaum funktioniert haben, weil ich auf irgendwas warten musste, jemand mich nicht hat gehen lassen hat, extrem beim Kochen getrödelt hat und ich somit erst um 11 und damit 1 Stunde nach Schließung des Gasthauses ankam, andererseits aber auch nicht früher gegen wollte, weil ich bis dahin wirklich hungrig war und sonst nirgends mehr was bekommen hätte. Das hat mich gestresst. Der Stress fällt dann weg, dafür werde ich mir was neues suchen müssen, in das ich mich rein stressen kann. Da ruft die Jobsuche laut hier.

Da das Internet in meinem billigen Gasthaus in Delhi unterirdisch schlecht ist (mal habe ich eine Verbindung, mal keine und wenn ich eine Verbindung habe, dann ist sie meist so schlecht, dass selbst WhatsApp-Nachrichten mehrere Minuten laden, bis sie empfangen oder verschickt werden können), verbringe ich lieber Zeit im Gebäude, wo auch Michas Restaurant ist. Hier funktioniert es besser und da es dicht umsiedelt von anderen Gebäuden ist, kommt die Sonne nicht hin. Bedeutet, es ist mit Ventilator ganz angenehm. Nachteil: hier gibt es Mücken. In einem Land, in dem Malaria nicht selten vorkommt und in der Regenzeit zu einem besonderen Hochpunkt kommt, eher nicht so cool. Besonders deshalb, weil ich in der Welt der Ungeziefer scheinbar ein sehr hohes Ansehen habe und immer als einzige gestochen/gebissen werde. An dieser Stelle wäre ich für mehr Gleichberechtigung. Dann müsste ich Tage mit nur 2 neuen Stichen nicht als gute Tage bezeichnen. Durch meine hektischen letzten Tage hält es mein Körper mittlerweile für ausgemessen, wenn ich um 8 Uhr nicht mehr schlafen kann. Das entspricht halb 5 Uhr morgens in Deutschland. Vielleicht werde ich also noch zum frühen Vogel!

Jedenfalls konnte ich den Beitrag gestern nicht mehr hochladen, mittlerweile ist es also Donnerstag früh. Heute Abend fliege ich schon zurück!

Zum Abschluss noch ein paar Fotos:

Varanasi, die Hauptstraße zum wichtigsten Tempel:

Varanasi, eine der kleinen Gassen:

Varanasi:

Delhi, Obststände:

Von Bangalore bis Varanasi

So, die Hängemattenzeit ist rum. Ich habe eine andere Schlafgelegenheit gefunden: einen Zug. Heute Nacht fahre ich nach Bangalore, um die Familie einer Freundin zu besuchen. Mit mir und meinen menschlichen Mitfahrern machen sich auch einige Kakerlaken in meinem Wagon auf den Weg. Das hatte ich noch nie im Zug, bin aber ja offen für neue Erlebnisse. Und Tiere mag ich an sich ja auch. Es war ein langer Tag und ich werde gleich schlafen. Ein Taxifahrer hat mich nach Cochin zum Zug gebracht und vorher noch die Stadt gezeigt. Wobei auch eine Shoppingtour dazu gehörte. Die lokale Wirtschaft habe ich jedenfalls mehr als nur angekurbelt.

Und schon ist auch die Zeit in Bangalore wieder rum und ich sitze im Flieger zurück nach Varanasi. Bangalore ist immer ein ganz anderes Erlebnis als Varanasi. Hier habe ich Zeit mit Megs Familie verbracht. Sie haben einen ganz anderen Bildungsgrad, leben in einer schöneren Wohnung und sind halt auch in einer Großstadt und vermutlich allein deswegen schon deutlich offener für den westlichen Lebensstil. Mal davon abgesehen, dass die Tochter seit 7 Jahren in Deutschland lebt. Wir haben Spieleabende gemacht und waren mit Freunden und Familie essen. Die Wohnung liegt am Rand der Siedlung von hohen Politikern, weshalb es quasi keine Stromausfälle gibt. Außerdem haben die Nachbarn einen Ofen, den wir ausleihen durften. Glücklicherweise habe ich vegane Sahne aus Deutschland mitgebracht und so konnten wir eine Zitronentorte und Schokomuffins backen. Das Backen an sich ist zwar nicht so neu, das habe ich in Varanasi auch getan. Aber in Bangalore stehen dabei nicht 10 Leute um mich herum und ich muss nicht bei allen Zutaten fragen, wo sie sind, da ich sie auch so finde. Es ist entspannter. Zudem habe ich beim Backen auch noch Unterhaltung und kann mit Jharu quatschen. Die Küche ist eine offene Wohnküche mit anschließendem Wohnzimmer, in dem Megs Vater sein Dasein mit gebrochenem Fuß vor dem Fernseher fristet. Die Lautsprecher sind an, außerdem telefoniert er mit Lautsprecher und neben mir unterhalten sich Jharu und Megs Mutter. Ich nutze den elektrischen Schneebesen und bekomme einen kurzen Blick vom Vater zugeworfen, den ich wohlwollend als „schön, dass du meinem Sohn eine Geburtstagstorte backst“ auffasse. Das Haus steht nahe an den Gleisen und da man in Schallschutz scheinbar keine Notwendigkeit sieht, klingt es zusätzlich, als wären wir an einem Bahnhof. Es ist also durchaus eine Geräuschkulisse geboten. Das ist etwas, das ich in Indien vermutlich nicht vermissen werde. Stille. Ein kostbares Gut. Die Torte ist irgendwann fertig, die Muffins auch. Abends gehen wir zusammen essen. Holen dafür Ashish und seine Frau ab, außerdem Neha. Sie wird erst 2 min vor unserer Ankunft darüber informiert, dass wir kommen und sie runterkommen soll. Vor ihrem Haus wartend kommt sie auch kurz später runter, bekleidet in bequemen Hausklamotten und Schlappen. Sie steigt ein, fragt, was passiert sei und Karan fährt einfach los. So läuft das hier also mit Verabredungen. Jharu erklärt, dass wir jetzt zusammen essen fahren und sie mitkomme. Was Neha weniger zu schätzen weiß, als wir uns erhofft hatten. Unsere Einladung bezeichnet sie als Kidnapping. Sie war gerade erst von der Arbeit gekommen und fordert, sich zumindest andere Schuhe anziehen zu dürfen. Meiner Meinung nach eine durchaus berechtigte Forderung. Nach dem Versprechen, auch wirklich zurückzukommen, dreht Karan um und wir lassen sie gehen. Dabei organisieren wir die Sitzordnung um, weil wir mit Neha eine Person mehr sind, als das für dieses Auto irgendwelche Ingenieure mal vorgesehen hatten. Tatsächlich kommt sie kurz später zurück und wir fahren weiter. Etwas, das ich im Gegensatz zum Lärm hier sehr schätze, ist, dass im Restaurant mehrere Gerichte gemeinsam bestellt werden und sich jeder von allem nimmt. Das ist normal. Bei der Bestellung wird daher auch gefragt, wie viele Portionen das Gericht hergibt. Ich wäre dafür, dass wir das in der deutschen Kultur auch einführen! Und auch sonst ist das Feeling in der Großstadt anders. Ich werde nicht angestarrt, nicht merklich anders behandelt. Wobei Jharu das nicht unbedingt bestätigen würde. Beim Kauf von Guava (einer Frucht) hat mir der Verkäufer schier endlos Probierstücke geboten. Beim Kauf von Bananenchips habe ich 10% Rabatt bekommen, was sie wohl auch nie erhalten. Und ein Tuktukfahrer hat gesagt, er wolle kein Geld (ich fürchte, tatsächlichmeinen Gräuel ablegen zu müssen)?! Meine elfenbeinfarbene Haut (klingt irgendwie besser als käsig) beschert mir hier finanziell gesehen also zur Abwechslung mal Vorteile. Wer hätte das gedacht?

Schon ist die Zeit im Süden aber auch schon wieder vorbei. Und nicht nur im Süden, generell neigt sich meine Reise dem Ende zu. Was wirklich in Ordnung ist, 6 Wochen sind wirklich genug. Andererseits geht es mir hier gut, ich habe keine Sorgen, bekomme tolles Essen, ich kann mir hier sehr vieles leisten, verbringe wertvolle Zeit mit Freunden und genieße wundervolle Landschaften. Es ist ein Luxus. Und was erwartet mich, wenn ich zurück nach Augsburg komme? Ich werde mich auf Jobsuche begeben. Muss mich um Dinge, wie Versicherungen und Altersvorsorge kümmern. Ich bin 26 und weiß nicht einmal, was nächsten Monat passiert. Sollte aber mein Leben in Rente planen? Puh. Ich weiß ja nicht. Verglichen mit den vergangenen 4,5 Wochen klingt das nicht so sehr nach einem Upgrade. Ungewissheit, was kommt. Ein neuer Lebensabschnitt mit weniger Ferien, mehr freien Wochenenden, festen Arbeitszeiten und weniger Flexibilität. Da würde ich meinen Aufenthalt unter Palmen gerne noch ein wenig verlängern. Warum ich jetzt überhaupt darüber nachdenke, liegt hauptsächlich an meinem Treffen mit Namu, einer Freundin von Megs. Sie hat mich etwa 6 mal in Folge gefragt, wie es mir geht und was ich mache. Sie ist sehr lieb und meinte es nur gut, hat mich aber durch ihr Nachbohren aus meiner Urlaubstraumwelt geholt. Was ok ist, aber auch gerne erst in ein paar Tagen hätte passieren können.

Zurück in Varanasi! Jetzt ist es schon Samstag Abend und in 3 Tagen mache ich mich auf den Heimweg. 3 Tage. Das ist garnicht mal so lange. Jetzt gilt es, noch möglichst viel Zeit mit Freunden zu verbringen und die letzten Aufgaben fürs Projekt abzuschließen. Das bedeutet, dass mein Wecker morgens zwischen 6 und 7 klingelt. Was meiner persönlichen Definition von Urlaub eindeutig widerspricht. Aber erstmal zurück zu Bangalore. Da die Busse die Wochen scheinbar extrem unzuverlässig sind, haben mich Karan und Jharu in ein Taxi zum Flughafen gesetzt. Und man (und mit man meine ich meistens mich) mag es kaum glauben, aber tatsächlich habe ich keinen LBertaschen-Taxifahrer abbekommen. Die knapp 45 min zum Flughafen waren beinahe stumm. Was ich genossen habe, weil immer die selben Fragen kommen und das an sich natürlich vollkommen in Ordnung ist, aber auf Dauer halt auch ein wenig an Unterhaltungsgrad für mich verliert. Nach ca. 30 min Fahrt spricht der gute Mann plötzlich, sagt dass ich mir keine Sorgen machen soll aber die große Straße sei gesperrt und deshalb fahre er jetzt irgendwoanders lang. Ehrlich gesagt veranlasst mich das ‚mach dir keine Sorgen‘ dazu, ein wenig misstrauisch zu werden, weil das noch nie jemand gesagt hat. Sonst fahren die Leute einfach so, wie sie meinen. Und in ca. 93% der Fälle wissen sie es ja auch besser, daher passt das so. Mein Taxifahrer des Vertrauens hat die Kommunikation nun scheinbar für sich entdeckt und fragt, woher ich komme und ob ich Indien möge. Nach meiner Antwort und der Rückfrage, woher er komme und ob man da mit dem Zug hinfahren kann (englisch spricht der Gute leider kaum und meine Hindikenntnisse sind schneller erschöpft, als es mir lieb ist. Außerdemfehlt es mir an Kreativität und Motivation). Die verbleibenden 10 min Fahrt verbringen wir wieder in Stille. Kurz später sitze ich im Flughafen und warte auf das Boarding. Los geht es, als ich mich auf meinen Platz setze, steht das Ehepaar neben mir ganz selbstverständlich auf und wechselt die Plätze, sodass ich als Frau nicht neben einem fremden Mann sitzen muss (ich gehe zumindest davon aus, dass das der Grund ist). Meine neue Sitznachbarin bildet kommunikationstechnisch leider den Gegenpool zu meinem Taxifahrer. Es tut mir zwar etwas Leid und ich finde es auch sehr unhöflich, aber in einer kurzen Gesprächspause setze ich meine Kopfhörer auf und spiele Musik ab. Ich werde sie noch zweimal abnehmen, um ihre Fragen zu beantworten, ehe sie anfängt, mit ihrem Mann Mensch ärgere dich nicht auf dem Handy zu spielen. Nun habe ich meine Ruhe. Schön. Nach 2,5 h landen wir in Varanasi und ich bin begeistert, wie leicht man von Bangalore nach Varanasi kommt – verglichen mit der Hinreise. Dank Ola, einer App wie Uber kann ich mir eine Autoriksha bestellen, die um einiges günstiger ist als die Wucherpreise am Flughafen selbst. Ein wenig aufdringlicher Tuktukfahrer fragt, wo ich hin wolle und als ich es sage und den Preis in der App zeige, nimmt er mich für den gleichen Preis mit. Perfekt. Das Problem an der App ist nämlich, dass bisher außer 1 Fahrer alle meine bisherigen Chauffeure die Karte ignorieren, auf der mein Standort live geteilt wird und immer telefonisch klären wollen, wo ich genau sei und wo ich hin wolle. Da ist das erklären immer schwierig, weil ich nicht weiß, welches hier die bekannten Orte/Läden sind, an denen man sich orientiert. Was meinst zur Folge hat, dass die Leute die gebuchte Fahrt canceln. Ab und an drücke ich daher Leuten mein Handy in die Hand und bitte sie, dem Fahrer zu erklären, wo er hin muss. Aber auch das reicht manchmal nicht aus und es sind noch mehrmals angerufen. So, wie Generation Z nachgesagt wird, Telefonate zu verabscheuen, lieben es Inder. Ein mir unverständliches Phänomen. Bei meinem Aufenthalt im Süden haben sich Freunde beschwert, warum ich sie nicht anrufe? Ja weil ich sie am Telefon eh kaum verstehe. Wegen A deren und B meiner Geräuschkulisse, C ihrer Englischkenntnisse und D der rauschenden Verbindung. Außerdem wüsste ich nicht, was wir besprechen sollten. So viel Spannendes ist da jetzt auch nicht passiert, dass ich nicht die Woche abwarten konnte, bis ich sie wieder sehe.

Was mir noch zu Südindien einfällt. Als ich in diesem wundervollen Resort angekommen war, wurden alle Gäste auf eine Bootstour durch die Backwaters mitgenommen. Allerdings mut einem Motorboot. Es war natürlich schön, aber ein Motorboot ist wirklich nicht das Verkehrsmittel erster Wahl, mit dem ich durch die schöne Natur schippern möchte. Geräusche und so. Nach der Hälfte der Fahrt hat das Paar, das vor mir saß entschieden, lieber ein Youtubevideo zu schauen. Eines, in dem gezeigt wird, wie Leute durch die Backwaters fahren. Manchmal sind mir Menschen echt ein Rätsel. Wir hatten also auch noch musikalische Untermalung dazu (natürlich auf voller Lautstärke). Und dann hat die mittlere von 3 Sprossen meiner Sitzbank beschlossen, dass jetzt ein guter Zeitpunkt zum Aufgeben ist. Ohne merklicher Vorwarnung ist sie einfach gebrochen (genau für sowas im großen Stil gibt es Bauingenieure ^^ Versagen ohne Vorankündigung ist worst case). Ich habe die Rückfahrt insgesamt also etwas weniger genossen. Die restlichen Fahrten durch die Backwaters habe ich dann selber vorgenommen. Nur auf dem Gelände des Resorts, aber das war groß und hat mir schon gereicht. In Ruhe. Langsam. Das ist eher mein Ding.

Zurück in meiner indischen Heimat fällt meinen Freunden mit Bedauern auf, dass ich noch genau so schlank bin, wie bei meiner Ankunft. Sie hatten gehofft, mich in eine Form zu bringen, die sie als „healthy“ bezeichnen. Ich dagegen bin froh, nicht zugenommen zu haben. Bei all den frittiertten Leckereien! Ich glaube, dass jedes Land den Geschmack von Fett für sich entdeckt hat und irgendwann darauf gekommen ist, dass auch ursprünglich gesunde Lebensmittel mit Hilfe eines Fettbads noch besser schmecken kann. Meine wie immer ganz objektive Einschätzung zum weltweiten Vergleich sagt mir aber, dass Indien ganz vorne mit dabei ist, was das Frittieren angeht. Wir haben bei Kartoffeln ja irgendwie aufgehört. Dachten vielleicht, das wichtigste haben wir. Ich kann euch versichern, dass es noch ganz viel anderes gibt, dass frittiert ziemlich gut schmeckt. Umso glücklicher bin ich, davon innerhalb der bald 6 letzten Wochen nicht zu viel gegessen zu haben. Irgendwann (ziemlich spät eigentlich, wenn man bedenkt, wie viel Zeit ich schon in Indien verbracht habe) bin ich darauf gekommen, den Leuten einfach zu sagen, dass das Schönheitsideal in Deutschland anders ist und wir alle schlank sein wollen und Diäten ein weitverbreitetes Ding sind. Dass ich nichteinmal „healthy“ sein möchte, verstehen jetzt zumindest die meisten. Generell habe ich es für mich entdeckt, zu erklären, dass wir in Deutschland manche Dinge anders machen. Wäre ja auch schade, wenn der kulturelle Austausch ein kultureller Monolog wäre. Dass man zum Beispiel bei einer Erkältung keine Bananen essen soll? Daran glauben wir nicht. Dass wir  in der Zeit auch nichts gekühltes zu uns nehmen sollen? Glauben wir nicht. Geister? Daran glauben wir nicht. Ich habe festgestellt, dass es kein großes Ding mehr für die Leute hier ist, wenn ich etwas anders mache, sobald ich erläutere, dass wir Deutschen da so (nicht) dran glauben. Easy. Das hätte mir mal ein paar Jahre früher kommen sollen.

In Varanasi hat es zur Zeit um die 37°, allerdings immer noch mit einer Luftfeuchtigkeit, die meiner Meinung nach deutlich mehr Drama schiebt, als es sein müsste. Es fühlt sich heiß an. Ich habe also wieder auf dem Dach übernachtet. Aus Mangel an Luftgeschwindigkeit vor dem Watercooler. In der Nach bzw morgens um 6 haben mich ein paar Ameisen (oder ähnliche Viecher) durch ein Verhalten geweckt, das ich als wenig sozial einstufen würde. Ich habe nun 4 Bisse, die extrem angeschwollen sind. Zusätzlich nähert sich meine Haut in der näheren Umgebung dem Farbton einer reifen Tomate an. Es ist eine Abwechslung zu all den Mückenstichen, die ich trotz Moskitoschutz habe. Ich bin nun also nicht nur gesprenkelt, sondern habe auch passende Beulen. Immerhin passt alles (einschließlich Sonnenbrand) in ein Farbkonzept. Das muss ich meinem Körper lassen. Gegen 6 Uhr bin ich also runter in mein Zimmer gegangen, um da noch eine Stunde weiter zu schlafen. Aber die Biester haben sich scheinbar mit dem Ventilator abgesprochen, der wollte nämlich nicht und ohne ist Schlaf fast unmöglich. So hat mir Mutter Natur also geholfen, ein paar mehr Momente am Morgen in wachem Zustand zu erleben, als geplant. Am einzigen Morgen, den ich zumindest ein wenig mehr für Schlaf nutzen wollte. Aber gut, schlafen kann ich dann in Deutschland. Es gibt noch mehr zu berichten aber es ist schon 1 Uhr und in 5 Stunden klingelt mein Wecker. Da ich nach der Atacke in meinem Zimmer schlafe, hoffe ich darauf, nicht vorher geweckt zu werden. Um 7 bin ich in der Bäckerei verabredet und durch den ganzen Moskito- und Sonnenschutz brauche ich am Morgen länger, mich fertig zu machen. Gute Nacht und viele Grüße aus Varanasi!

Vom einen ins nächste Paradies

Indien ist ein Land, in dem man innerhalb von knapp 3 h von einem zum nächsten Ort fliegen kann. Diese Orte bilden nicht einmal den nördlichsten und südlichsten Punkt und man ist nach der Reise immernoch im gleichen Land. Verrückt. Selbst Leute hier, die eine sehr gute Bildung genossen haben, kommen ins Staunen, wenn ich ihnen erzähle, dass ich mit dem Auto in 2 h jeweils 3 verschiedene Länder erreichen kann. Klar, wenn man hier 48 h mit dem Zug fährt und am Ende immernoch in Indien ist – da wirkt das absurd.

Ich bin immernoch auf meiner zweiten Urlaub-im-Urlaub-Reise in Kerala. Ich liebe es! Ich war schonmal in dem Staat und weiß daher, dass es schön ist. Aber hier zu sein, ist irgendwie unwirklich. Fangen wir mit Munnar an. Ich habe am zweiten und letzten Tag in Munnar mit meinem neuen Freund Sebastian eine kleine Rundfahrt zwischen verschiedenen Aussichtspunkten mit dem Tuktuk gemacht. Es hat zwar geregnet aber zwischendurch auch mal aufgehört. Was richtig schön war, weil man beobachtet konnte, wie die Wolken zwischen den Bergen herziehen. Und auf den Fotos kommen die Farben mit der vom Regen klaren Luft noch schöner raus.

Sebastian ist nett und erzählt mir, was ihm gerade so einfällt. Auch andere Tutktukfahrer, denen ich in Munnar begegne, sind freundlich und fahren einfach, wenn ich die Notwendigkeit einer Tuktukfahrt verneine. Skurril. Am Ende muss ich noch meinen allgemeinen Gräuel gegen Tuktukfahrer überdenken und meine Meinung ändern. Belastend.

Da ich mittlerweile mit festem Schuhwerk, Regencape und Regenschirm ausgestattet bin, finde ich den Regen hier nicht mehr so störend. Wobei es vermutlich hauptsächlich daran liegt, dass ich weiß, dass ich einen Tag später in ein wärmeres Gebiet weiterfahre. Am Abend nach der Aussichtstour gehe ich noch zur Ayurveda-Massage. Ein Traum. Ein Traum, bei dem ich am Ende für 15 min Sauna bezahle 😁 was ich die letzten 4 Wochen gratis hatte – Hitze – bekomme ich jetzt also gegen Geld. Die gute Frau hat in ihrem Leben wahrscheinlich selten einen so weißen (irgendeine Kosmetikfirma nennt meinen Hautton liebevoll „Knochen“) Körper geknetet. Hier entspricht meine Hautfarbe ja dem absoluten Schönheitsideal. Was einerseits natürlich nachvollziehbar ist mit all dem Rassismus auf der Welt, andererseits krotesk wirkt. Wie wir uns im Westen bräunen und möglichst viel Farbe haben wollen und man hier auch bei 40° Handschuhe und Kopftuch trägt, um nicht noch dunkler zu werden. Ich bin an sich relativ zufrieden mit meiner Körperausstattung. Ausnahme macht nur das Organ Haut. Das will sich mir wirklich nicht erschließen. Hat es weniger als 25°, brauche ich mindestens eine zusätzliche Schicht Klamotten, um nicht zu frieren. Ist es warm – und das bedeutet ja meist auch, dass die Sonne irgendwie involviert ist – bekomme ich einen Sonnenbrand. Meine Haut möchte scheinbar um wirklich jeden Preis bedeckt werden. Das hätte ich mir ja anders ausgesucht. Aber zurück zu Munnar. Die Massage war sehr angenehm und mein Körper glich anschließend irgendwas in Öl eingelegtem. Ich weiß nicht, wie oft ich mir noch die Haare waschen muss, bis der Fettfilm endgültig weg ist.

Sebastian, der Tuktukfahrer hatte mir erzählt, dass es um 6 Uhr morgens einen Direktbus nach Alappuzha gibt. Und wie das halt so ist, man glaubt, was man glauben will. Das passt mir perfekt in den Plan, da Alappuzha nur 2 Busstunden von meinem Ziel entferrnt ist und das bedeutet, dass ich nur 1 x umsteigen muss. Ich stehe also um 5:15 Uhr auf und stehe um 10 vor 6 an der Bushaltestelle. Und warte. Ich frage möglichst viele Leute, welcher Bus nach Alappuzha fährt. In der Hoffnung, dass sie mich in den richtigen setzen werden. Hier wird Malayalam gesprochen, die Schrift schaut ganz anders als hindi oder latein aus. Selber schauen kann ich also vergessen. Mehrere Leute haben gesagt, dass der gefragte Bus weiß sei, diese Info betrachte ich also als verifiziert. Bis irgendwann um 6:30 Uhr ein neuer Mann sagt, dass der Direktbus nicht mehr fahre, aber dafür fährt um 6:50 Uhr ein Bus nach Kottayam und in dem Moment kommt fraglicher Bus auch schon angefahren. Ich setze mich also rein, der Mann erklärt dem Busfahrer, dass ich nach Kottayam will und der nimmt mich nickend mit. Und diesmal bin ich vorbereitet. Der Bus ist fast leer und ich lege mich auf eine Dreiersitzbank hin. Mummel mich in Michas Decke ein und schließe die Augen (noch ein Tipp der aktiven Renter im Internet. Ich denke, mit deren Webseite bin ich bereit für meinen Rentenantritt). Und obwohl wir wieder hin- und hergeworfen werden, schlafe ich tatsächlich ein. Ich kann es selbst nicht glauben. Diese Schlafgelegenheit überholt damit die Dreiersitzbank am Flughafen Delhi um einiges und erhält von mir 4 von 10 Komfortpunkte. Als ich aufwache, wird mir wieder mal extrem übel. Ich esse Kaugummi und höre zur Ablenkung Hörbuch (alles Tipps der aktiven Rentner). Da das nicht schnell genug hilft, esse ich Ingwer und schneide etwas davon in meine Wasserflasche. Man kann mich also an einer Ingwerknolle nagend im Bus beobachten. Irgendwann lässt die Übelkeit nach. Ob es am Ingwer (der roh garnicht mal so lecker ist), dem Kaugummi, der Ablenkung Hörbuch oder allem zusammen liegt, weiß ich nicht. Möglicherweise kommt es auch daher, dass wir endlich nicht mehr in den Bergen sind und mehr als 5 m am Stück geradeaus fahren, anstatt das Lenkrad stetig von links nach rechts und wieder zurück zu kurbeln. Nach knapp 5 h Fahrt kommen wir in Kottayam an und ich stelle fest, dass ich meinem Ziel so sogar näher bin und nur zwei Busse und ein Tuktuk später komme ich an.

Ich habe mir für 2 Nächte einen Bungalow in einem richtig schönen Resort gemietet. Und das war eine der besten Entscheidungen auf meiner Indienreise! Ich bin hier ein bisschen im Nirgendwo zwischen Alappuzha und Cochin und es ist wundervoll. Was zunächst daran liegt, dass wir hier 29° haben und ich nicht mehr friere. Aber hauptsächlich sind hier die Backwaters und Palmen und Meer und das bringt mir das ultimative Urlaubsfeeling. Ich kann mit einem kleinen Boot rumpaddeln (dazu musste ich den Bootsfahrer erstmal überzeugen. Er wollte mich fahren, weil das hier Teil des Service ist und konnte nicht verstehen, dass ich lieber selbst fahren möchte). In kleinen Flussläufen, umzäunt von Palmen und anderen Bäumen. Und gestern habe ich mir ein Fahrrad geliehen. Es hieß bei der Buchung und auch Ankunft, dass sie welche haben. Das war aber scheinbar nicht so gemeint, denn als ich nach einem gefragt habe, meinte der gute Mann an der Rezeption, dass es regne („eh, actually mam, it is raining“ 😀 ) – danke für die Info. Auch hier hat die Regenzeit keinerlei Scheu davor, ihrem Namen gerecht zu werden. Ich sage, dass mir das nichts ausmache, was ihn sichtlich aus dem Konzept bringt. Dann rückt er damit raus, dass es den Fahrradverlei nur im Sommer gibt und nicht in der Regenzeit. Aber er versucht, eins aufzutreiben. Kurz später teilt er mir mit, dass er eins habe, da muss aber noch die Luft aufgepumpt werden, weshalb ich erst in einer Stunde los könnte. Da ich keinen strikten Zeitplan habe (ich weiß ja nicht einmal, wo ich überhaupt hin will), passt das. Und wer hätte es gedacht – nach der dreiviertel Stunde, die sie gebraucht haben, um mein neues Fahrzeug des Vertrauens ansatzweise verkehrstauglich zu machen, hat es aufgehört. Es ist das Fahrrad eines Mitarbeiters. Der scheinbar mindestens einen Kopf kleiner ist, denn größentechnisch würde es sich besser als Laufrad machen. Gänge hat es genau so viele, wie Bremsen: einen. Das ist exakt soviel, wie ich mindestens benötige, sehr gut. Los geht’s. Es ist witzig. Ich fahre durch kleine Orte, in denen die Leute vermutlich nicht an den Anbilck von großen Ausländern auf kleinen Fahrrädern gewohnt sind. Belustigt winken sie mir zu und ein Motorradfahrer kommt mir sogar extra hinterhergefahren, überholt, bleibt stehen und wartet, bis ich ihn wieder überhole. Sagt „hello, mam“, dreht um und fährt wieder seines Weges. Bahnschranken gelten hier nur für Busse, LKW, Autos und Tuktuks lerne ich, und so schiebe auch ich mein Fahrrad an der Schranke vorbei auf die andere Seite. Möchte ja nicht die sein, die anders ist. Bin schon in genug anderen Dingen anders. Mittlerweile habe ich mir eine Runde überlegt, wie ich wieder zurück fahren möchte. Lasse mich hierfür von google maps leiten, da man aufgrund der ganzen Gewässer nicht nach Gefühl fahren kann. Wer weiß, wo die nächste Brücke ist. Es läuft gut. Selbst die kleinen Wege kennt Maps, freue ich mich. So lange, bis ich auf dem Grundstück von Leuten stehe und es alles andere als nach einem Weg ausschaut. Eine junge Frau erklärt mir, dass sie sich hier auch nicht gut auskenne, da sie erst vor 2 Monaten geheiratet habe und dementsprechend lange hier wohnt. Da sei aber ein Trampelpfad hinter dem Haus. Gut, dem folge ich. Bis ich 10 m weiter am Wasser stehe und der Weg, dem ich laut Maps folgen soll, ein etwa 30 cm breiter Betonstreifen inzwischen von Flüssen ist. Ja gut. Das, was Google Maps an Selbstbewusstsein übrig hat, kann es gerne an meine Fahrradbremse abgeben. Die befindet sich nämlich scheinbar in der Selbstfindungsphase und ist sich ihrer Berufung noch nicht ganz bewusst. Weshalb auch überhaupt nicht tragisch ist, dass es keine Gänge gibt. Schnell fahren würde ich mich eh nicht trauen. Ich beschließe also, die Abenteuertour auf anderem Wege fortzusetzen. Das ist mir doch ein bisschen viel Abenteuer auf einmal. Ich halte mich an eher größere Straßen und das bewährt sich. Ich komme am Ende auf die Straße zurück, von der aus mein Resort gut erreichbar ist. Sie ist ganz nah am Meer, man hört den starken Wellengang rauschen. Und man sieht jetzt, wie dunkel der Himmel ist. Ich trete in die Pedale aber die etwa 3 km bis zum Resort bekomme ich das echte Regenzeitfeeling ab. Ich trage mein Regencape und mein Rucksack einen Regenschutz. So ist immerhin ein Teil meines Oberkörpers nicht völlig durchnässt, als ich am Resort ankomme. Jetzt hat es wieder aufgehört, es war nur ein kurzer Schauer. Aber es ist warm, also ist alles gut. Zurück im Bungalow stelle ich fest, dass ich an den Händen und der rechten Wade einen extremen Sonnenbrand abbekommen habe. Mist. Natürlich war ich eingecremt, aber nicht an den Beinen. Dass ich wegen der Kette meine Hose hochkrempeln werde, hatte ich nicht bedacht. Und die Hände sind natürlich durchweg unbedeckt. Ein Tuch habe ich mir unterwegs gekauft, um es als Kopftuch zu verwenden. Aber das geht nicht über die Hände. Tatsächlich habe ich jetzt also noch vor, mir Handschuhe zu kaufen. Bei 30°.

Gerade bin ich übrigens mal nicht im Zug, sondern liege entspannt in der Hängematte (die leider nicht halb so bequem ist, wie man sich das immer vorstellt. Hängematten werden meiner Meinung nach völlig überbewertet. Oder ich lag noch nie in einer guten, wer weiß). Heute checke ich leider wieder aus dem Resort aus. Es war ein richtig schöner Aufenthalt und ich bin froh, meinen inneren Schwaben (das ist teuer und du brauchst das nicht) ignoriert zu haben. Und so langsam wird mir wieder bewusst, wie gut es mir geht, was für ein Glück ich auf dieser Welt habe und dass es jetzt irgendwie wieder ok wäre, zu sterben. Nicht, dass ich das irgendwie fördern wollen würde. Noch vor 4 Monaten habe ich regelmäßig heulend vor dem Laptop gesessen und bin an meiner Masterarbeit verzweifelt. Das ist Geschichte und es fühlt sich auch genauso an. Weit, weit weg. Jetzt geht es mir sehr gut. Ich tue wiedermal nur das, worauf ich Lust habe und genieße mein Dasein. Jetzt zu gehen, wäre irgendwie ok. Schade, aber ok.

Damit man auch weiß, von welcher Naturschönheit ich rede 🙂

Viele Grüße aus dem Paradies!

Telepathieversuche im Bus

Jetzt habe ich schon viel über Züge geschrieben, deshalb soll es mal um ein anderes Verkehrsmittel gehen. In Jaipur habe ich mit Mili aufgrund der Unflexibilität der Metrostrecke ja ab und an einen Bus genommen. Wenige waren angenehm leer, sodass jeder eine Reihe für sich hatte. Der Großteil war voll, sodass man zwar noch jemanden reingekommen hätte, aber dann halt Gruppenkuscheln geherrscht hätte. Und wenige waren so voll, dass selbst das Aussteigen kaum möglich war. Weshalb die Kontrolleurin so lieb war, uns Passagiere dabei zu unterstützen. Die Leute, die aussteigen wollten, hat sie daher rausgeschubst. Wer es bis zu seinem Halt nicht geschafft hat, sich in die (offene) Tür zu drängeln und dann laut gerufen hat, dass man hier gerne raus würde, der Bus aber schon wieder am Fahren war (ein völliger Stillstand der Räder wäre pure Zeitverschwendung), wurde von der guten Frau mit den Worten „beruhige dich“ getröstet und musste dann halt dann aussteigen, wenn man sich vorgekämpft hat und der Bus gerade eine geringe Geschwindigkeit hatte. Um das zu vermeiden, bin ich immer in der Tür stehen geblieben (weiter drinnen wäre eh kein Platz) und konnte so genau dann aussteigen, wenn ich es wollte. Wobei ich mit meinem Ausländerbonus (die hat keine Ahnung, was sie tun muss) an der richtigen Haltestelle rausgeschmissen (ziemlich wörtlich) wurde. Haltestellen sind für mich nicht erkenntlich, weshalb ich mich auf Google maps verlassen hatte. In einem Bus, in dem ich mit einer Hand verhindere, dass meine Tasche gestohlen wird (wurde auch da versucht) und mit der anderen, so lange im Bus zu bleiben, wie ich das gerne würde, war es mir nicht möglich in maps zu schauen, wo wir sind. Mili hat sich strikt an unsere Rollenaufteilung gehalten. Demnach habe ich ein paar Leuten gesagt, wo wir raus wollen und die haben mit aufgepasst. Die Kontrolleurin hat da auch ein Auge drauf gehabt. Also eigentlich fast der ganze Bus, außer Mili und mir 😀

Nun bin ich wieder unterwegs. Die 2,5 Tage in Varanasi gingen ganz schön schnell rum und ich sitze nun am Flughafen mit dem Ziel Kochi. Ich möchte ganz in den Süden runter, weil da so wunderschöne Landschaften sind. Außerdem werde ich noch die Familie einer Freundin besuchen. Ich bin mit unsicher, wie weit ich von den Plänen schon berichtet hatte. Ursprünglich wollte ich keinen Flug nehmen (Klima und so), allerdings waren sämtliche Zugtickets ausverkauft und so wurde mir die Entscheidung zwischen Klimaschonung oder Zeitersparnis (der Zug hätte einfach und ohne Verspätung 48 h gebraucht) abgenommen. Der Flug ist zwar nicht ganz ideal, weil ich nachts gegen 12 ankomme und um 5:30 Uhr den Anschlussflieger nehme. Aber ich bin ja im Urlaub, da kann man das schon mal machen. In Delhi bin ich mit Verspätung angekommen und wurde zudem zwischen allen 3 Terminals hin und hergeschickt, bis man mir empfohlen hat, einen Bus zu Terminal 1 zu nehmen. Welcher aus mir unerfindlichen Gründen scheinbar das gesamte Flughafengelände umrundet hat. Jedenfalls waren wir verhältnismäßig lang unterwegs und sind an Hotels vorbeigefahren, was jetzt nicht umbedingt arg zur Stärkung meines Vertrauens in die Wahl des richtigen Busses beigetragen hat. Aber da ich noch 4 h bis zum Anschlussflieger Zeit hatte, habe ich relativ entspannt abgewartet, wo ich wohl lande. Tatsächlich bin ich dann auch richtig rausgekommen. Nach der Sicherheitskontrolle stand noch ein Telefonat mit Micha an, der hauptsächlich dann Zeit hat, wenn es bei mir mitten in der Nacht ist. Ich unterstütze ihn beim Fördermittelantrag für einen Teil seiner vielen tollen Projekte und da ich in dem Gebiet nicht wirklich bewandert bin, gab es noch einiges zu klären. Um 2 habe ich mich dann auf einen 3er-Sitz gelegt. Ich würde dieser Schlafgelegenheit mit 2 störenden Armlehnen mittendrin wohlwollende 1,5 von 10 Punkten verleihen. Aber glücklicherweise hat mich mein Wecker eh bereits 3 h später zum Boarding geweckt. Wobei ich eigentlich kaum wirklich geschlafen habe. Überraschenderweise bin ich jetzt also schon kaputt. Tatsächlich hatte ich mir die Reise irgendwie angenehmer vorgestellt, auch wenn an sich keinerlei Überraschungen (abgesehen von der Tour um den Flughafen rum) dabei waren. Ich stelle fest, dass ich gerne mehr als 3 h schlafe, im besten Fall am Stück und wundervoll wäre auch eine ebene Liegefläche. Aber ehrlich, ich weiß jetzt schon, dass ich noch einige solcher Zyklen der Erkenntnis benötige, bis ein nachhaltiger Lerneffekt eintritt.

Ich sitze im Bus. Das ist angesichts der Wahl meiner Verkehrsmittel für größere Strecken in der Vergangenheit eher ungewöhnlich. Züge und Autorikshas bilden bei den öffentlichen Verkehrsmitteln mit Abstand die Spitze. Ich fahre nun nach Munnar, in einen kleineren Ort in den Bergen. Was mich ein wenig überrascht hat, weil ich immer dachte, die Berge wären nur im Norden. Aber mittlerweile bin ich überzeugt – das hier würde ich als Expertin (wohne schließlich in Bayern) durchaus als Berge bezeichnen. Es ist landschaftlich eine wunderschöne Fahrt. Sie dauert von 9:45 Uhr bis 14:15 Uhr und die letzten 2 h davon gingen ausschließlich über Serpentinen. Ich könnte kotzen. Nicht bildlich gesprochen, sondern leider wörtlich. Der Busfahrer meines Vertrauens lässt das Gaspedal nur sehr widerwillig los und so halte ich mich am Vordersitz fest, um auf der Dreiersitzbank nicht ständig hin und her zu rutschen. Während ich anfangs begeistert bin und die wirklich tolle Aussicht genieße, meldet sich dann doch bald mein Magen zu Wort und versucht sich für einen Abbruch der Fahrt stark zu machen. Gelingt ihm glücklicherweise nicht. Ich habe kein Wasser und außer gerösteten Kichererbsen auch kein Essen, was vermutlich gut ist. Im Bus sind lediglich vorne und hinten Scheiben drin, seitlich gibt es keine Fensterscheiben sondern Fensteröffnungen, die wahlweise mit einer Art Jalousie geschlossen werden können. Was keine schlechte Idee ist, weil ich mich so immerhin im Notfall aus dem Fenster beugen kann.

Das hier ist Bus Nr. 4. Ich hatte ein Gasthaus gebucht und sie hatten mir gesagt, ich könne einen Bus nach Aluva KSRTC nehmen und dort in einen Bus nach Munnar umsteigen. Was gut ist, denn hätte ich gewusst, dass ich nicht 2 sondern 4 Busse brauchen würde, hätte ich einen alternativen Ort mit besserer Anbindung gesucht. Dabei läuft zumindest der Teil der Reise wirklich problemlos, ich bin über Aluva Metro station nach Aluva KSRTC gefahren. Dort hat mir eine junge Frau gesagt, ich könne mit dem Bus, der gerade kommt, zu einem mir unverständlichen Halt fahren und da nach Munnar umsteigen. Also schnell rein. Ich habe insgesamt vielleicht 4 min auf Busse gewartet heute, das ging fix. Isha, meine Nebensitzerin im Bus wusste glücklicherweise auch, wo ich raus muss, um nach Munnar zu kommen. Sie erkundigte sich auch extra, welchen Bus ich anschließend nehmen muss. Ich bin wieder einmal begeistert davon, wie mir die Leute hier helfen. Und schäme mich dafür, dass die gleichen Leute vermutlich eine deutlich andere Erfahrung machen, würden sie nach Deutschland reisen. Bus Nr. 4 macht irgendwann Pause und es steigen außer einem Mann alle aus. Ich weiß nicht, wie lange wir halten und überlege kurz, ob ich nicht doch eine Flasche Wasser besorgen sollte. Entscheide mich aus Gründen dagegen. Möchte meinem Magen keine Gelegenheit geben, noch weitere Randale zu betreiben. Dafür lege ich mich auf der Dreierbank hin und schlafe sofort ein, weshalb ich auch keine Ahnung habe, wie lange wir da standen. Da ich das Gefühl habe, es hilft zumindest ein wenig, wenn ich raus starre, setze ich mich bei der Weiterfahrt. wieder auf und stemme mich mit einem Arm und Bein gegen die Busseite um den Kräften ein wenig entgegenzuwirken.

Hier Fotos der wunderschönen Natur:

Näher an Munnar sind zudem einige Teeplantagen:

Und endlich kommen wir an. Immer wieder sende ich über Blickkontakt dem Kontrolleur bei Stopps die Frage zu, ob ich hier raus muss. Dass er keinerlei Reaktion zeigt, deute ich als „nein, du musst hier noch nicht raus“. Irgendwann sehe ich ihm an, dass er bei meinem erneuten Telepathieversuch nicht weiter ins Leere starrt sondern scheinbar irgendwie überlegt, weshalb ich frage „Munnar?“ Und glücklicherweise antwortet er ja, ich soll raus. Das ist der mit Abstand am wenigsten engangierte Kontrolleur meiner Karriere als Gast eines indischen Busses aber es hat ja alles funktioniert. In der letzten halben Stunde Fahrt hat es angefangen zu regnen und bei meiner Ankunft schüttet es. Hier weiß die Regenzeit ihren Job zu erledigen (im Gegensatz zu Varanasi, wo es ab und an mal etwas regnet und selten wirklich so viel, dass es auf der Straße steht). Sofort werde ich von einem Tuktukfahrer (Tuktuk=Autoriksha) abgefangen, er fragt, wo ich hin möchte. Erfahrungsgemäß gehören Tuktukfahrer nicht zu meinem favorisierten Personenkreis. Besonders die, die einen als erstes abfangen, verlangen immer Wucher und sind unverschämt. So will es das Gesetz. Davon hat der gute Mann aber scheinbar nichts mitbekommen, weshalb er mich in Ruhe lässt, als ich sage, dass ich kein Tuktuk brauche. Ich setze mich in die Haltestelle und schaue zunächst, wie weit es von hier bis zu meiner Unterkunft sind. 1,6 km. Das einzige Schuhwerk, das ich mit nach Indien genommen habe, sind ein Paar Flipflops. Es schüttet, hat um die 20° und mir ist kalt. Ich beschließe, dass ein Tuktuk vielleicht garnicht mal so eine schlechte Idee ist und zu meinem Wunder verlangt der Fahrer auf meine Frage nach dem Preis sogar etwas weniger, als ich von der Entfernung her geschätzt hätte. Außerdem wirkt er freundlich. Der Mann verwirrt mich. Am Ende der Fahrt bekundet er Interesse daran, mir mit seinem Tuktuk die Gegend inklusive einiger Sehenswürdigkeiten, wie beispielsweise Elefantenritt, Wasserfall und irgendeinem Park zu zeigen. Ich bin nun weniger irritiert bezüglich seines Antiarschlochverhaltens. Ich habe zwar wirklich kein Interesse daran, mich Elefanten aufzuzwängen oder einen Wasserfall anzuschauen, der direkt an der Straße ist und an dem ich bereits vorbeigefahren bin. Aber wir sind auch an einigen Schokoladenfabriken vorbeigefahren und bestimmt kann er sein Programm ein wenig anpassen. Sebastian heißt er und seine Schwester Juliet. Dass wir quasi den gleichen Namen tragen muss Schicksal sein und ich denke, dass ich ihn morgen kontaktieren werde.

Bei der Ankunft im Gasthaus wird mir freudig mitgeteilt, dass im Haus noch eine allein reisende Frau ist (aus Kerala, dem Staat in dem ich gerade bin) und wir könnten ja zusammen was unternehmen. Mal schauen, ich bin gerade erstmal froh, wieder alleine entscheiden zu können, was ich mache. Aber wenn ich sie treffe und nett finde, warum nicht? Erstmal möchte ich aber schlafen. Beziehungsweise duschen. Mein Gastgeber erzählt mir glücklich, dass es hier 24 h warmes Wasser gibt. Das bin ich aus Varanasi gewohnt (schwarze Wassertanks in der prallen Sonne), aber hier liebe ich es! Der Boden ist sehr kalt, ich friere und eine heiße Dusche ist genau das, was mich nun glücklich macht. Glücklicherweise habe ich meine Wollsocken mitgenommen und eine Jeans dabei. Nach der Dusche lege ich mich erstmal schlafen.

Mittlerweile ist es Dienstag Abend. Gegen 5 hat mich eine Bekannte aus Delhi angerufen und geweckt. Gutes timing, denn so frage ich genau dann meine Gastgeber, wo ich hier Schuhe kaufen kann, als sie selbst mit dem Auto 1 km weiter in die „Innenstadt“ fahren. Sie nehmen mich mit und der erste Schuhladen, den ich sehe, wird sofort angepeilt. Es gibt 2 Paar passende Schuhe, wovon mir eines einigermaßen gefällt. Noch nie ist mir die Wahl beim Kauf von Klamotten so leicht gefallen. Auch Socken und Regenschirm nehme ich mit. Endlich warme Füße, es ist wunderbar. So schlender ich weiter durch den Regen und finde eine kleine Imbissbude. Sie schaut nicht unbedingt nach meinem neuen Lieblingsrestaurant aus aber mittlerweile habe ich echt Hunger. Ich gehe rein und stelle fest, dass es mein schon in Vergessenheit geratenes Lieblingsgericht Keralas gibt: Parotta. Bevor ich mich auf den Weg in die Innenstadt machte, habe ich mir überlegt, dass ich heute beim Essen nicht auf den Preis achten werde und alles unter ~8€ ok ist (weil in Jodhpur keine Restaurants offen hatten, war meine Befürchtung, dass ich nur was verhältnismäßig super teures finden könnte). Was soll ich sagen? Eine Portion, bestehend aus 2 Pfannbroten mit Sauce haben 31 ct gekostet. Und es hat wirklich sehr lecker geschmeckt! So lecker, dass ich auf dem Rückweg meines kleinen Rundgangs noch eine Portion für den Abend mitgenommen habe. Mittlerweile bin ich beim Einkaufen wieder vollkommen die indischen Preise gewohnt und rechne nicht in Euro um, weshalb mir in letzter Zeit ab und an echt mulmig wurde, als ich etwas außergewöhnlich teures gemacht hatte. Zum Beispiel war ich mit Mili einmal in einem schickeren Restaurant und sie hat einen Thali (Teller mit mehreren, kleinen Gerichten) für 650 Rs bestellt. Da ich sonst in Restaurants keine 200 Rs für Essen ausgebe, kam mir das extrem teuer vor und ich habe mich schlecht gefühlt, dass wor so viel Geld „rauswerfen“. Erst am Abend ist mir gekommen, dass es lediglich 8€ waren und ich mir das guten Gewissens leisten kann. Soviel zum Thema Geld.

Hier erstmal noch ein Bild von meiner Portion Parotta to go:

Wieder zurück im Gasthaus fühle ich mich wie die Shopping queen. Mein heutiger Einkauf beinhaltet: 1 Paar Schuhe (8 €), 2 Paar Socken (je 1 €), 1 Regenschirm (4 €), 2 kleine Tütchen Waschmittel (je 3 ct), 133 g Mandelschokolade (1,60 €) und 109 g Cashewscgokolade (1,30 €). Außerdem 3 Sandelholzseifen für Papa. Hier ist es super grün, wir sind über 2 h nur durch Wald gefahren, es riecht und klingt nach Natur. Ich habe feste Schuhe und warme Füße, da stört mich der Regen kaum. Außerdem war die Wiederentdeckung der Parotta wundervoll und ich habe 142 g vegane Nussschokolade! Ich bin glücklich.

Morgen werde ich überlegen, was ich hier machen möchte. Wandern ist bei dem Wetter keine gute Idee, viel rumlaufen möchte ich auch nicht. Den Ort habe ich auch schon gesehen, wahrscheinlich kaufe ich noch etwas Schokolade für Freunde. Und da ich schonmal eine Führung in einer Teefabrik gemacht habe, aber nicht in einer Schokoladenfabrik (das kann ja nur besser werden. Tee mag ich nicht, Schokolade dagegen halte ich für eine tolle Erfindung), werde ich das vielleicht machen. Das überlege ich mir morgen früh. Vielleicht treffe ich ja auch noch die Frau im Gasthaus. Und übermorgen fahre ich wieder zurück. Davor graut es mir schon. Aber die Seite aktive-rentner.de rät mir, Ingwer gegen Reiseübelkeit zu essen – also werde ich mir morgen wohl einen Ingwervorrat zulegen. Ich möchte den ganzen Weg bis Kochi zurück fahren und dann von dort aus noch etwa 1,5h in den Süden weiter. Ich muss mich mal erkundigen, wann die Busse so fahren, werde aber wohl versuchen, in der Früh loszukommen.

Viele Grüße aus dem Süden!

Keine Wüste aber dafür eine Leihmama in Jodhpur

Es stellt sich heraus, dass der gelbe Fleck in Google Maps nicht bedeutet, dass das alles Wüste ist. Der Staat Rajasthan, in den ich mit Mili gereist bin, besteht scheinbar nicht nur aus Wüste. Denn zumindest Jaipur schaut an sich aus, wie die meisten anderen Städte, in denen ich in Indien bisher war. Mit dem Unterschied, dass die Architektur hier anders ist. Es gibt viele wunderschöne alte Paläste und Gebäude, was die Stadt an sich auf jeden Fall sehenswert macht. Vielleicht sollte ich mich künftig nur besser mit der Definition Wüste auseinandersetzen, wenn mein Ziel ist, eine zu sehen, wie man es von Werbefotos kennt 😀 oder auch in google maps auf die Satttelitenkarte wechseln. Ich hoffe jetzt auf Jodhpur, unser nächstes Ziel.

Palast in Jaipur:

Aber jetzt erstmal zu Jaipur. Was gibt es neues? Unsere Rollenaufteilung, in der ich uns lotse und Mili kommentiert, wenn wir wo angekommen sind, hat sich mittlerweile fest etabliert. Dabei ist ihr das Konzept einer Metro nicht ganz klar. In der Stadt gibt es eine Linie, die grob von Südwesten nach Nordosten fährt. Zunächst haben wir diese auch genutzt, da das Verkehrsmittel bequem und vor allem auch günstiger als alle verfügbaren Alternativen sind. Sobald ich uns aber eine Busverbindung rausgesucht habe, wurden meine Lotskompetenzen scharf hinterfragt: „Julia, why we don’t take metro?“ – „Because there is no metro in this area“ – „why? Look, i think this is a metro“ – „no, that’s just a bridge“. Dass es lediglich eine Metrolinie gibt, ist Mili bewusst. Dass diese im Gegensatz zu Bussen örtlich stark gebunden ist und nicht in jede Gegend fährt, die wir besuchen wollen, hält sie für unvorteilhaft. Und nicht nur hier stellt Mili meine Kompetenzen in Frage. Wenn ich weiß, wo wir hin müssen (weil ich in google maps geschaut habe), fragt sie trotzdem ab und an irgendwelche Leute nach dem Weg. Und ich meine an sich habe ich da nichts gegen. Aber ich bin schon sehr oft alleine gereist und war auf die Wegweisungen anderer angewiesen. Dabei habe ich mit der Zeit ein ganz gutes Gefühl dafür bekommen, ob die Person Ahnung vom richtigen Weg hat oder mich einfach irgendwohin schickt (um das Gesicht nicht zu verlieren, wenn man zugeben muss, dass man es nicht weiß. Man schickt die Leute hier dann lieber irgendwohin als zuzugeben, dass man keine Ahnung hat.) Mili hat diese Erfahrung scheinbar nicht (woher auch) und glaubt daher lieber Leuten, die wirklich ganz offensichtlich keinen Schimmer haben und uns vorsorglich in die falsche Richtung schicken wollen. Was mich nervt. Unser beider Verhältnis zu Google maps ist leicht unterschiedlich. Während ich es für eine sehr hilfreiche und besonders zuverlässige Anwendung halte, traut Mili dem ganzen nicht über den Weg und befürchtet ständig, dass es uns einen falschen Weg zeigt. Dazu kommt, dass sie einen Orientierungssinn wie ein Toastbrot hat. Selbst Straßen, durch die wir schon ~6x gelaufen sind erkennt sie nicht und fragt daher auch hier argwöhnisch, ob wir wirklich in die richtige Richtung laufen. An sich halte ich es ja für eine positive Eigenschaft, Dinge zu hinterfragen. Also sollte ich Milis Skepsis gegenüber meinen Guide-Kompetenzen wohl positiv bewerten.

Abseits der Wegdiskussionen haben wir eine gute Zeit. Wir schauen uns viele schöne, alte Gebäude an. Dafür legen wir auch keinen kleinen Teil der Strecke zu Fuß zurück. Was für mich normal ist, immerhin sind wir es in Deutschland gewohnt, viel zu laufen. Generell laufe ich auch gerne. Milis Motto dagegen lautet eher „sitzen hui, bewegen pfui“. Fast jede Familie hier besitzt mindestens ein Motorrad oder Mofa und das wird auch so oft, wie möglich genutzt. Mili hebt sich da nicht von der Masse ab, sie verabscheut das Laufen. Hat passenderweise auch Schuhe mit riesigem Absatz mitgenommen, auf denen das Laufen noch viel weniger angenehm ist. Wir bewegen uns daher im Schneckentempo fort und machen immer wieder Pausen. Sie ist einverstanden, dass wir nur die großen Strecken mit Metro/Bus oder notfalls Tuktuk (die sind verhältnismäßig teuer) zurücklegen und den Rest laufen. Außerdem verkündet sie morgens, dass sie bereit ist, den ganzen Tag zu laufen. Eine Viertel Stunde später ergänzt sie dann, dass ihre Füße wehtun und sie eine Pause braucht. Aber, und das habe ich noch garnicht erwähnt, sie hat ihren Schlafrythmus umgestellt! Damit hatte ich nicht gerechnet. Anstatt von 5-14Uhr zu schlafen, haben wir die Tage meist von 1-8 Uhr geschlafen und sie dann am späten Nachmittag nochmal. Sie wollte möglichst viel aus dem Urlaub rausholen und hat selber gesagt, dass sie dafür anders schlafen muss. Meiner Ansicht nach müsste sie ja eine Art Jatleg haben, aber sie hält sich wacker.

Am Mittwoch sind wir den ganzen Tag (11:50 Uhr bis 20 Uhr) mit dem Zug ins 313 km entfernte Jodhpur gefahren und da wir heute gestern früh schon in den Zug zurück nach Varanasi gestiegen sind, hatten wir nur am Donnerstag Zeit, uns den Ort anzusehen. Weshalb wir sogar noch früher aufgestanden sind. In der Nähe unseres Gasthauses ist eine alte Burg und da sind wir hin. Es ist ein toller, alter Palast. Natürlich sind auch andere Touristen hier und unter diesen sind einige dabei, die die Gelegenheit nutzen und die gesamte Großfamilie in unterschiedlichsten Konstellationen zusammen mit mir ablichten. Was Mili freut, weil sie dann zusätzliche Pausen vom Laufen bekommt. Ich habe ja schonmal erwähnt, dass ich meistens ja sage bei Fotoanfragen. In dem Palast war allerdings auch eine Gruppe junger Männer, die partout nicht akzeptieren wollten, dass ich mich gegen Selfis mit ihnen entschieden habe. Sie sind ständig um uns rumgewuselt und haben ganz zufällig Selfis von sich mit mir im Hintergrund gemacht. Da sie damit aber auch nicht aufgehört haben und es wirklich ziemlich störend war, hat sich Mili bei einer der Wachen beschwert. Die hat die Männer dann zwar angekackt aber sie haben dann halt im nächsten Raum weitergemacht. Das hat auch eine Frau mitbekommen, die mit ihren 7 Töchtern und Nichten unterwegs war. Sie hat die Männer erfolgreich verjagt und Mili und mich in ihren Trupp der Schützlinge mit aufgenommen. Super, super süß. Den Rest des Palastes haben wir uns alle gemeinsam angeschaut. Im Anschluss wollten sie zum Jao Roha desert park gehen, der liegt in der Nähe. Ich hatte ihn auch auf Milis und meine to do Liste gesetzt, allerdings war er für den Vormittag bestimmt. In der prallen Mittagshitze in einem Wüstenpark rumzulaufen – kann man machen, muss man aber nicht. Die Familie hat sich dabei nur den ersten Teil gedacht und so sind wir zusammen dorthin gelaufen. Haben dann erstmal vor dem Eingang im Schatten gesessen. In der Zwischenzeit hat sich noch ein junger Mann unserer Gruppe angeschlossen, der wohl auch irgendwie mit der Familie verwandt ist. Er hat dann beim warten im Schatten gemeint, dass wir vielleicht doch nicht reingehen sollten, denn man sieht nur Bäume und es ist heiß (es ist doch wieder wärmer geworden und auf 40° im Schatten angestiegen). Das entspricht ja (fast) ganz meiner Meinung (nur Bäume sehen? Einen Wüstenpark stelle ich mir anders vor aber gut). Ich hätte das nur schon entschieden, bevor wir eine halbe Stunde durch die pralle Sonne hingelaufen sind. Aber ok. Sind dann weiter zu einem anderen, kleinen Palast aus Marmor gelaufen. Auch dort saßen wir dann erst wieder im Schatten vor dem Eingang. Oft muss ich irgendwo auf irgendwas warten, das ich nicht verstehe. Deshalb wundere ich mich meist nicht weiter. Aber nach 10 min hieß es dann, dass wir jetzt reinschauen. Auf meine Frage, ob wir nicht erst Tickets kaufen sollten, wurde mir dann gesagt, dass wir keine brauchen, da Priyanka (meine neue Leihmama) jemanden kennt, der wen kennt und die haben gerade telefonisch geklärt, dass wir ticketlos rein kommen. Hier ein Foto von unserer Truppe:

Und ein Bild von Jodhpur, der blauen Stadt:

Und noch ein wenig über Mili. Ich verbringe die Tage immerhin viel Zeit mit ihr und da ich mit ihr unterwegs bin, sprechen die Leute immer sie an, um Infos über mich zu bekommen. Sie ist also quasi meine einzige Kommunikationspartnerin vor Ort. Gerade bin ich mal wieder – Trommelwirbel – in einem Zug. Wir fahren 22 Stunden zurück nach Varanasi. Da hat man eine Menge Zeit, die ich überwiegend dösend oder Hörbuch hörend und natürlich schlafend verbringe und Mili damit, andere Leute vollzulabern. Sie hat ein Talent, von dem ich wünschte, zumindest einen Teil davon abzubekommen. Egal, wo wir sind. Sie quatscht drauf los und hat innerhalb kürzester Zeit neue Freunde gefunden. Ganze Familien wirken auf mich nach kürzester Zeit, als würden Mili ganz selbstverständlich dazugehören. Sie bringt die Leute dazu, sie zu mögen, ihr/uns zu helfen und ihre guten Plätze aufzugeben und an Mili abzutreten. Ich bin mit einem Kommunikationswunder befreundet. Und gerade sind wir wieder an einem Punkt, den ich schon öfter mitbekommen habe (von dem kleinen Teil hindi, den ich verstehe). Sie erklärt der Familie in unserem Abteil, das ich vegan bin, was das bedeutet, was ich alles nicht esse und dass sie selber unter gar keinen Umständen so leben oder auch nur ansatzweise nachvollziehen könnte, warum ich das mache. Ohne, dass mir wahlweise eine Gesellschaft oder irgendwelche Götter vorschreiben, dass das so gut ist für mich. Und gerade hat sie mir wieder lachend berichtet, dass auch die Familie wieder staunend gefragt hat, was ich denn dann essen würde. Sie sagt, dass ich Gemüse und Hülsenfrüchte esse. Aber ihrer Ansicht nach esse ich eh kaum was (weil ich oft nicht zu den hier gewohnten Zeiten esse und wenn dann keine 6 Portionen Reis. Es ist ein Trauerspiel mit meinen Essgewohnheiten. Bietet aber immerhin viel Gesprächsstoff für alle meine Bekannten). Heute zum Beispiel hätte ich nur 4 Bananen und ein paar Chips gegessen. Was stimmt, aber halt daran liegt dass wir Zug fahren und nicht viel mehr mitnehmen konnten. Außerdem ernährt sie sich im Zug nur von Chips und da halte ich meine Bananen ja durchaus für einen Bonus. Sie mag kein Obst und kein Gemüse und ist demnach quasi mein Ernährungsantagonist. Sie liebt Fleisch, Eier und Paneer (Art Käse), also all das, worauf ich gerne verzichte. Was mich aber am meisten irritiert ist, dass die Leute mich hier immer so ungläubig fragen, was ich denn als Veganer essen würde. Das ist das Land mit so vielen Vegetariern, wie sonst vermutlich nirgends und die meisten vegetarischen Speisen hier sind auch vegan oder zumindest sehr leicht umzumodeln (einfach Ghee oder Butter weglassen oder durch Öl ersetzen). Meiner bisherigen Erfahrung nach biete die indische Küche die meisten veganen Speisen. Aber vielleicht sind die Leute auch gerade deshalb so verwundert, weil vegan hier kein verbreitetes Konzept ist. Vegetarisch heißt hier oft, kein Fleisch, Fisch und auch keine Eier zu essen. Aber keine Milch? Milch wird auch hier als gesundes Nahrungsmittel wahrgenommen. Außerdem gibt man es den Göttern als Opfergabe, also warum nicht auch selbst zu sich nehmen? Eine anderer Punkt ist auch, dass der Begriff Gesundheit hier deutlich anders ausgelegt wird, als ich es aus Europa gewohnt bin. Während ich eine gewisse Sportlichkeit zusammen mit einer gesunden Ernährung (u.a. nicht zu viel Fett und Zucker) zu physischer Gesundheit zähle, bezeichnen die Inder, mit denen ich Kontakt habe, Menschen als „healthy“, die in unsren Augen ein paar Kilo zu viel auf den Rippen haben. Erst vor kurzem hat mir einer der Familienväter, die Mili im Zug über mich aufgeklärt hat, erläutert, dass Inder wirklich garnichts darauf gäben, gesund zu sein. Weder essenstechnisch, noch auf Bewegung bezogen. Dabei hatte Mili ihnen belustigt erzählt, dass ich nicht zu viel Zucker essen wollen würde. Weil ich der Meinung wäre, dass das nicht gesund sei. Dabei brauche der Mensch ja Kohlenhydrate, also sei Zucker doch was gutes. Naja, zurück zu Mili. Sie freundet sich nicht nur mit den Familien an und lässt sie ihre Kommunikationsfreudigkeit spüren, sondern spielt auch mit deren Kindern. Gerade schläft ein ausgiebig lachender ~8-jähriger Junge unter mir (ich liege bequem auf der obersten Liege im Schlafwagen), der vorhin noch laut am lachen war, da er von Mili bespaßt wurde.

<span;>So, mittlerweile ist es Samstag Morgen, 6:30 Uhr. Ich habe die Nacht etwa 3 h geschlafen. Was zum einen daran liegen mag, dass ich gestern tagsüber etwas geschlafen habe, dann daran, dass wir komplett durchgeschüttelt werden und mein Körper diesen Zustand scheinbar nicht ideal für eine Runde Schlaf hält und zu guter letzt daran, dass Mutter Natur mich gestern überraschend darauf aufmerksam gemacht hat, dass ich nicht schwanger bin. Warum mir das auf so dramatische und schmerzvolle Art mitgeteilt werden muss, ist für mich relativ unverständlich. Eine Mail mit der Info würde mir durchaus reichen. Scheinbar möchte mich mein Körper jedoch spüren lassen, dass er sich da auf ein Baby vorbereitet hatte und nun zutiefst enttäuscht ist, dass ich da nichts zu beigetragen habe. Jetzt werden die entsprechenden Vorbereitungen scheinbar gewaltsam zerstört und dabei wurde die Schmerztablette scheinbar mit ignoriert. Gut ist aber immerhin, dass ich liegen kann. Laut der Liveverfolgung unseres Zuges hat dieser 3:09 Stunden Verspätung. Wir hätten ursprünglich um 6:40 Uhr ankommen sollen aber so schenkt uns die indische Zuggesellschaft wiedermal Bonusstunden des Fahrterlebnisses. Was ich an anderen Tagen dankend annehmen würde, weil das mehr Schlaf bedeutet, hätte ich heute lieber dankend abgelehnt. Aber so funktioniert das ja nicht. Eigentlich sollte ich froh sein, dass mein Zug überhaupt fährt und dass er von meiner Station aus losgefahren ist. Das war die Tage nämlich garnicht mehr so sicher. Momentan fallen einige Züge aus (offenbar wegen aufkeimender Streits zwischen Muslimen und Hindus in mehreren Städten) und andere werden umgeleitet. Unserer gehört zu den glücklichen Fahrzeugen, für das eine Umleitung vorgesehen ist. Was uns auch per sms mitgeteilt wurde. Zusammen mit einer Entschuldigung für die Unannehmlichkeiten. Nur stand halt nicht mit dabei, welcher Teil der Strecke umgeleitet wird und ob wir betroffen sind. Mili hat einige Leute abtelefoniert, die uns am Ende alle gesagt haben, dass Start- und Zielbahnhof gleich sind (also alles gut für uns) und nur ein Teil der Zwischenstopps durch andere Haltestellen ersetzt werde. Die Hotline der Zuggesellschaft war nicht erreichbar und ich habe keine Ahnung, woher die 3 Leute die Info haben, aber sie sollten recht behalten.

In etwa 3 Stunden sollten wir dann hoffentlich in Varanasi ankommen. Am Montag werde ich dann in den Süden fliegen (leider waren die Zugtickets alle ausverkauft. Außerdem hätte die Fahrt einfach über 48 h gedauert – ohne Verspätung. Daher ist ein Flug dann doch auch angenehmer. Und noch eine Neuigkeit: mittlerweile habe ich ein gutes Rezept für die veganen und glutenfreien Brownies kreiert und das Bananenbrot kommt auch sehr gut an. Das hatte ich glaub noch garnicht berichtet.

Ich wünsche wieder einen guten Start ins Wochenende! Viele Grüße aus der Ferne 🙂

Ich mag Züge.

Es ist Samstag Abend und ich sitze in einem Zug. Zusammen mit einer sehr aufgeregten Mili. Wir fahren mit dem Nachtzug nach Delhi, kommen So früh dort an und fahren am Abend weiter in die Wüste nach Jaipur. Von dort geht es 2 Tage später weiter nach Jodhpur und anschließend mit dem Hochgeschwindigkeitszug (Durchschnittsgeschwindigkeit von 56 km/h) die 1163 km wieder zurück. Ich fahre in den Urlaub. Mache also quasi Urlaub im Urlaub.

Eigentlich war die Fahrt zum Bahnhof schon ein erstes kleines Abenteuer. Natürlich hat der Wettergott*göttin es eine Stunde vor unserer Abfahrt entschieden, dass die Regenzeit jetzt doch mal einsetzen sollte. Bei unserer Abfahrt hat es aber nur noch leicht geregnet. Milis Schwester und ein Freund haben Mili samt Koffer und 2 Taschen auf dem Motorrad mitgenommen und mich mit Rucksack und den sagenumwobenen 2 Paketen für Delhi auf dem Roller. Ich glaube, dass man uns auf einem Motorrad transportiert hätte, wäre ich keine Ausländerin. Diese Art von Transport empfinde ich als durchaus lehrreich. Besonders Leuten, die dazu neigen, generell in brenzligen Situationen weniger gelassen zu reagieren, würde ich ein paar solcher Fahrten besonders and Herz legen. Quasi als Workshop zur Persönlichkeitsweiterbildung. Wenn man nur lange genug glaubt, alle 5 Sekunden wahlweise überfahren/angefahren oder wie im Comic vom Motorrad katapultiert zu werden, muss man sich schon arg anstrengen, keine Art von Gelassenheit zu entwickeln. Und um das Erlebnis noch etwas aufzupimpen, kann etwas Nässe von oben und unten dazugegebdn werden!

Bevor es anschließend mit der Zugfahrt losgeht, laufen 2 Polizistinnen durch den Wagon und sprechen ab und an Leute an und machen Notizen. Irgendwann machen sie bei Mili und mir Stopp. Das wundert mich nicht weiter, weil Leute generell neugierig sind, wenn ich irgendwo auftauche und auch Polizisten da meist keine Ausnahme sind. Die beiden fragen, ob wir mit Milis Schwester und dem Freund zusammen verreisen (sie sitzen noch bei uns im Zug. Vielleicht wollen sie sicher gehen, dass wir auch wirklich fahren ^^) und wir verneinen. Daraufhin folgt eine lange Konversation. Mir etwas zu übersetzen hält niemand für notwendig, weshalb ich davon ausgehe, dass sie über belangloses reden. Irgendwann wiederholen sie die Zahlenfolge 139 des öfteren, auch an mich gewandt. Das übersetzen sie mir auch extra. Aber was ich mit der Zahl anstellen soll? Keine Ahnung. Sie deuten an, ich solle es abspeichern. Also tu ich das. Irgendwann fällt aber einer Polizistin auf, dass ich es nicht im Adressbuch einspeichere, weshalb sie Mili dann doch bitten, was zu übersetzen. Es ist die Woman-help-hotline für Frauen, die ohne männlicher Begleitung reisen. Sie notieren sich unsere Ticketnummer und machen ein Foto von uns neben einer der Polizistinnen. Dann ziehen sie weiter. Ich finde gut, dass es sowas gibt und dass die Polizei sogar extra darauf aufmerksam macht, indem sie Polizistinnen durch die Züge schicken. Bestimmt fühlen sich Frauen, die weniger Privilegien als ich haben, so sicherer. Nur bin ich mir unsicher, wie effektiv es in der Straftatvorbeugung oder auch -bekämpfung ist, uns zu fotografieren. Aber gut, da hat sich bestimmt jemand was bei gedacht.

Ich war noch nie in der Wüste. Mittlerweile ist es Sonntag Mittag und wir machen unseren Zeischenstopp in Delhi, damit Mili hier zu einem Vorstellungsgespräch gehen kann. Am Nachmittag geht es dann weiter nach Jaipur. Eine Stadt in der Wüste – ich bin schon sehr gespannt! Ich hoffe, eventuell eine Tour zum Sonnenuntergang zu machen. Aber mal schauen. Immerhin reise ich nicht alleine. Ich fühle mich schon jetzt so eingeschränkt. Und gleichzeitig, als würde ich mit einem unmündigen Kind und keiner erwachsenen Frau reisen. Was vermutlich daran liegt, dass Frauen maximal im großen Familiienverband verreisen und sich abseits der Verpflegung und des Kofferpackens um nichts kümmern, soweit ich das mitbekommen habe. Demnach macht sich Mili auch zu nichts Gedanken und läuft mir nur hinterher. Ab und an kommen hilfreiche Ratschläge, wie „look, there is the metro station“ wenn ich uns zur Metro gelotst habe und wir 10 m davor stehen. Wir haben hier beide unsere Rollen. Ich reise jetzt also in Begleitung einer Freundin. Einer Freundin, die einen komplett anderen Rythmus hat als ich (sie schläft normalerweise von 5-14Uhr) und laufen verabscheut. Außerdem scheint mir, als wolle sie unter garkeinen Umständen allein sein und ich war eigentlich schon davon ausgegangen, dass ich vormittags unterwegs bin und sie nicht beim Schlafen beobachte. Aber das wird sich wohl noch herrausstellen. Erstmal müssen wir überhaupt ankommen.

Und – Überraschung – dafür sitzen wir wiedermal in einem Zug. Diesmal in keinem Nachtzug, denn unser letztes Stück der Reise dauert nur 4,5 h, sondern in einem Doppeldecker mit normalen Sitzplätzen. Mili hat auf die für sie unübliche Aufteilung eines Zuges in mehr als nur eine begehbare Etage etwas argwöhnisch mit der Frage „Julia, please tell me. Will we die?“ reagiert. Ich gehöre zwar nicht unbedingt zu dem Personenkreis, der hierauf einen besonders großen Einfluss hat, habe aber meine fachmännische Meinung kundgetan: „No“. Ganz nach dem Motto weniger ist mehr, sollte die Antwort ausreichen. Wir wollten beide am Fenster sitzen (sie, weil sie hier direkt an der Steckdose sitzt, ich weil mir hier die Klimaanlagenluft nicht genau ins Gesicht bläst) und so hat sie beschlossen, dass die glückliche junge Frau auf dem anderen Fensterplatz ihren Sitz mit ihr tauschen sollte. Und wer den Beitrag über den Flug nach Indien gelesen hat, weiß ja, dass man hier alles ausdiskutieren kann.

Und die Zugfahrt bringt mich noch auf einen anderen gesellschaftlichen Unterschied. Hier hat jeder sein Handy auf laut gestellt?! Warum?! Warum sollte ich denn einen nervigen Klingelton hören wollen, wenn auch eine diskrete Vibration den selben Effekt erzielt-mich auf einen Anruf aufmerksam macht? Und dazu kommt noch, dass Inder das Telefonieren lieben. Ich habe nichts dagegen, für die schnelle Klärung eines Sachverhalts einen Anruf zu tätigen. Oder um mit Leuten zu quatschen, die nicht in der näheren Umgebung leben. Aber dass hier jeder ständig miteinander telefonieren muss? Puh, ich fände das ja anstrengend. Mili hat allein heute schon bei jedem Ereignis mit der Familie gesprochen. Sind im Zug, sind immernoch im Zug – kommen aber wahrscheinlich bald in Delhi an, sind in Delhi angekommen, sind bei Michas Bäckerei angekommen, sind auf dem Weg zum Zug nach Jaipur. Bestimmt habe ich das Telefonat im Zug nur verpasst. Und nicht nur klingeln dann ständig irgendwelche Handys oder verkünden die Ankunft einer Nachricht, nein. Gerade Generation 50+ spielt auch gerne Spiele und möchte scheinbar auch alle anderen Passagiere an ihrem Spaß daran teilhaben lassen. Wer geräuschempfindlich ist, wird in Indien nicht seines Lebens froh. Außer vielleicht, man ist wo, wo es keine Menschen gibt. Aber diesen Ort halte ich nicht für realistisch. Hier sind überall immer extrem viele Leute 😀 In Jaipur habe ich ein Hotel gebucht, das einen kostenlosen Abholservice vom Bahnhof bietet. Allein dafür habe ich bereits mit 5 Leuten telefoniert und mit 3 über WhatsApp geschrieben. Effizienz zählt wirklich unter garkeinen Umständen zu Werten, die von der indischen Gesellschaft getragen werden. Ich kann denk ich guten Gewissens versichern, dass das erstmal noch ein Weilchen unsere Spezialität bleiben wird.

Schließlich muss ich noch eine Kleinigkeit richtig stellen. Ich hatte das mit der Fremdbestimmung und dass andere über mich entscheiden eher auf Männer bezogen. Das ist neuesten Erfahrungen zufolge jedoch keineswegs eine geschlechterspezifische Eigenschaft. Nur haben mir scheinbar vermehrt Männer geholfen, weshalb es mir dort einfach mehr aufgefallen war. Als ich Meena aber um Unterstützung beim Kauf einer großen, rechteckigen Stahlbrotdose gebeten habe, hat sie den Verkäufer 5 verschiedene runde bringen lassen, die sie gut fand. Dazu habe ich immer gesagt, dass ich das nicht will. Hat sie aber nicht eingesehen. Bis ich sie in der Hand hatte und meinte, dass ich die nicht mag. Und Mili hat im Zug einfach nein gesagt, als ich sie darum bat, den Kontrolleur nach einer Decke zu fragen (die es immer gibt, nur da irgendwie nicht), weil sie es nicht kalt fand. Bis ich von meinem Schlafplatz ganz oben heruntergekommen wäre, war der Schaffner vermutlich schon im Feierabend. Mann, war ich pissig. Also ich ergänze: Indien ist auch das Land, in dem jeder besser weiß, wie es einem geht und was man braucht. Ich mag es wirklich sehr, das selber bestimmen zu dürfen.

Wie vielleicht auffällt, ist der Artikel wieder länger. So kurze Beiträge sind nichts fpr mich, ich merke, wie es mir selbst gut tut, all die Erfahrungen schriftlich festzuhalten und sie so fast noch mehr zu erleben.

Grüße gehen raus von irgendwo in der Wüste in einem Doppeldeckerzug!